EINE HOMMAGE
«Ich habe den Eindruck, dass Filme – unabhängig davon, zu welchem Ergebnis man kommt – endlose Reisen sind. Ich habe am Ende meiner Filme mehrmals das Wort ‹Ende› vermieden. Aus genau dem Grund ... Meine Reise, die Reise des Theo, ist noch nicht zu Ende. Ich reise weiter. Und wenn man alle meine Filme ansieht, einen nach dem anderen, dann wird man sehen, dass es da diese Kontinuität gibt. Als ob jeder Film das Kapitel eines Abenteuers ist, eines inneren Abenteuers, einer Odyssee, die fortgesetzt wird», erklärte der griechische Regisseur Theo Angelopoulos kürzlich in einem Gespräch. Es sind die grossen Sinnfragen menschlichen Daseins, mit denen sich Angelopoulos auf seinen filmischen Erkundungen immer wieder beschäftigt. In majestätisch gleitenden Kamerafahrten und überwältigenden Statistenchoreografien bring er berührende Szenen auf die Leinwand, die lange nachhallen. Das Stadtkino Basel hat den Meister nach Basel eingeladen und ehrt ihn mit einer Hommage.
Theo Angelopoulos schenkte im November 2003 den Gästen des 44. Internationalen Filmfestivals von Thessaloniki ein sehr persönliches Bekenntnis, das man nicht so schnell wieder vergisst. Als Präsident des Filmfestivals stellte er sich dem Publikum weniger als Altmeister des griechischen Films vor denn als kreativer Mensch, der wie ein Odysseus im Leben unterwegs ist. Was er sagte, machte ihn verletzlich und zeugte gleichzeitig von einer seltenen Unabhängigkeit und schöpferischen Freiheit:
«Ich wollte, ich könnte 365 Tage im Jahr filmen. Ich bin der Meinung, dass das Drehen sehr wichtig ist. Ihm gegenüber erscheint mir das Resultat eher unbedeutend. Der Augenblick des Drehens ist für mich heilig, der meistgeliebte Moment. Als ich vor vielen Jahren zu filmen begann, schrieb ich jedes kleinste Detail im Drehbuch nieder. Später beschränkte ich mich nur noch auf Notizen, und alles andere wurde auf dem Dreh geboren. Ich erkannte, dass die Kreativität viel enger mit dem Drehen selbst als mit der Vorbereitung verbunden ist. Heute fühle ich mich frei. Ich bin niemandem mehr Rechenschaft schuldig. Ich tue, was meine Seele verlangt, was ich zum Leben brauche. Zum ersten Mal fühle ich mich so frei, wie jemand überhaupt sein kann.»
Eigentlich hätte man damals gerne die Uraufführung des Film The weeping meadow – so der Arbeitstitel – gesehen, des ersten Teils einer gross angelegten Trilogie über das eben verabschiedete 20. Jahrhundert. Es war für Angelopoulos schon längst thematischer Quell seiner Filme, selten ein heiterer, oft ein von Tränen bitterer und manchmal ein blutiger. Besagte Uraufführung des Werks, das später unter dem Titel Eleni – Die Erde weint in unsere Kinos kam, blieb der Filmautor Thessaloniki schuldig, der Stadt, die ihm immer wieder als Drehort und «Mitspieler» diente. Die Dreharbeiten, für die er beim Hafen ein ganzes Dorf gebaut hatte, einen Lebens- und Spielort, dem der Untergang in den Wassern des Meeres und in den Wogen der Zeit drohte, waren noch nicht beendet.
Theo Angelopoulos wurde 1936 in Athen geboren. Aber dem Filmschaffenden wurde Thessaloniki zur Heimat seiner Geschichten, die Stadt Alexanders des Grossen, die Stadt des Nebels, vor allem jedoch die Stadt, wo sich See- und Landwege kreuzen, wo sich Welten und Zeiten begegnen. Gerade die Zeiten, die Geschichte von antiken Mythen bis in die Gegenwart ist wie ein tief in die Erde gesenktes Lot in Theo Angelopoulos’ Filmen stets präsent. Mit einem Schrei Elenis endet Eleni – Die Erde weint. Es ist der Schrei aller Mütter, die vor ihrem toten Kind knien. Eleni trauert um zwei Söhne. Der Bruderkrieg hat sie zu Feinden gemacht. Nur die Liebe zur Mutter ist für die beiden bindend geblieben. Trotz ihrer Kraft hat sie keine Versöhnung gebracht und nichts vermocht gegen den Tod, diesen Blutzoll allen Hassens.
Seine Heimat sei ein Land der Erinnerung, sagte Theo Angelopoulos: Es heisse Griechenland, Abendland, Europa, Welt. Und ein anderes Mal – er brachte damals, 1998, seinen Film Die Ewigkeit und ein Tag mit dem Schweizer Schauspieler Bruno Ganz als Schriftsteller Alexander in der Hauptrolle persönlich in die Schweiz – erklärte er, sein einziges Zuhause sei die Sprache. Der Dichter kaufte draussen auf dem Lande Wörter zurück, die im Stadtleben ausgerottet worden waren.
Blicken wir von hier zurück auf das fast vierstündige Epos Die Wanderschauspieler aus dem Jahre 1975, so erkennen wir, wie schon damals Gegenwart und Vergangenheit, Mythos und Aktualität, Bild und Sprache, Landschaft und Musik durcheinander gewoben wurden. Der Film wurde zum ersten grossen internationalen Erfolg von Theo Angelopoulos. Dabei spielten die Filmfestivals eine wichtige Rolle, die das Werk trotz seiner epischen Länge in ihr Programm nahmen und damit eine Diskussion erst ermöglichten. Bis heute weckt der griechische Altmeister mit seinem Schaffen immer wieder Bewunderung und Widerspruch. Einig sind sich die Kritiker indessen über die gewaltige, geradezu magische Bildkraft von Angelopoulos.
Sie trägt das ganze Schaffen. Mit seinen Bienenvölkern fährt im Film Der Bienenzüchter (1986) ein alter Imker (Marcello Mastroianni) durch Griechenland. Die Bienen finden Honig, er Liebe und Tod. In Landschaft im Nebel (1988) suchen zwei Kinder vom verhangenen Thessaloniki aus ihren Vater, den sie in Deutschland glauben. Auch bildlich wird hier ein Traum zum Alptraum. Diese beiden Filme bilden mit Die Reise nach Khythera die «Trilogie des Schweigens».
Le pas suspendu de la cigogne (1991) mit Marcello Mastroianni und Jeanne Moreau führt an die türkische Grenze in ein Asylantendorf, wo es keine Hoffnung gibt. Und auch Der Blick des Odysseus (1995) handelt von einer Reise und verlorenen Utopien. Der griechische Filmemacher A (Harvey Keitel) ist auf der Suche nach den unschuldigen Bildern der Filmpioniere auf dem Balkan. Die Reise führt ihn aber ins zerbombte Sarajewo, in eine ausgebrannte Bibliothek, Mahnmal zerstörten Wissens. Und zum nächtlichen Konzert überlebender Musiker, ihrem sehnsuchtsvollen Spiel, Sehnsucht nach einer unversehrten Welt.
Theo Angelopoulos scheint trostlose Filme gedreht zu haben. Dem wäre so, wenn sie nicht zeugen würden von einer leidenschaftlichen Liebe zu den Menschen und zu unserem Leben, in dem jedem und jeder die Aufgabe harrt, es menschlicher und lebenswerter zu machen; und wären da nicht diese Bilder, die uns begleiten, bis sie schliesslich zu uns gehören.
Fred Zaugg