2013 |
POET DES WAHNSINNS
Seine grosse Kunst war es zu brennen: «Ich spiele nicht! Ich bin es!», donnerte Klaus Kinski einmal einem Journalisten ins Gesicht. Immer agierte er radikal: als begnadeter Rezitator, schillernder Egomane, gefürchteter Interviewpartner und natürlich als verletzlicher wie grandioser Schauspieler. Das Stadtkino Basel ehrt den obsessiven Künstler, der auch zwanzig Jahre nach seinem Tod nichts von seiner Faszination eingebüsst hat, mit einer umfangreichen Filmreihe. Am 3. Februar ist der Fotograf Beat Presser zu Gast im Stadtkino Basel und berichtet über seine Erfahrungen mit Kinski, den er während der Dreharbeiten zu Fitzcarraldo (1982) und Cobra Verde (1987) über längere Zeit begleitete und fotografierte.
Wirkte Klaus Kinski wirklich nur «für ein paar Dollar mehr» in weit über hundert Filmen mit? Abfällige Äusserungen des Schauspielers über den Filmbetrieb lassen das vermuten. Doch Leistungen wie etwa seine Nebenrolle im Sergio-Leone-Western Per qualche dollaro in più (1965) – die Kinski Weltruhm bescherte – nähren Zweifel daran. In wenigen Filmsekunden schafft es Kinski, das gedemütigte wie impulsive Wesen des buckligen Pistoleros zu demonstrieren: Wütend und ängstlich zugleich bläst er das Streichholz aus, das Oberschurke Lee van Cleef soeben an seinem Buckel entzündet hat. Mimik und Timing sind perfekt, darstellerische Intensität war von Kinski – gegen gute Bezahlung – immer zu haben. Kinski selbst fand deutliche Worte für das Gros seiner Filme: «Ich drehe den Scheiss in acht Tagen herunter, den Rest der Zeit spiele ich Tennis …», so handelte der Darsteller zum Beispiel seine Titelrolle in Jack the Ripper (1976) ab.
Als die Cinémathèque française Kinski um eine Liste von Filmen bat, die man «ihm zu Ehren» in Paris zeigen könnte, nannte er keinen einzigen. Man mag darin Koketterie oder auch Verachtung der (wenigen) guten unter seinen Regisseuren erkennen – etwa Douglas Sirk, David Lean, Billy Wilder oder Andrzej ?u?awski (mit dem er 1974 L’important c’est d’aimer dreht). Fest steht, dass Kinski, gemessen an seinem Rang, an unfassbar viel Drittklassigem mitgewirkt hat. Sex in falschen Händen, Dracula im Schloss des Schreckens: Die meisten der weit über hundert Titel sprechen für sich. Kinski betrachtete die Filmerei als Hurengeschäft und gab sich dem jeweils meistbietenden Produzenten hin. War die Gage zu niedrig, spielte er nicht mit, selbst wenn ihm der «Quark» (O-Ton Kinski) von Fellini oder Spielberg angeboten wurde. Kinski hat zudem wohl auch Angst vor bedeutenderen Aufgaben gehabt und vor Regisseuren, die sich nicht so einfach das Zepter entreissen liessen. Auch 20 Jahre nach seinem Tod ist das Bild dieses Ausnahmekünstlers widersprüchlich geblieben: Wie konnte ein Schauspieler, der bei Filmprojekten so wenig wählerisch war, sich mit solcher Unbedingtheit selbst in mediokre Projekte stürzen? Kinski spielte fast immer, als ginge es um sein Leben.
Als Nikolaus Nakszynski 1926 im polnischen Zoppot geboren, zieht Klaus Kinski 1931 mit der Familie nach Berlin und wächst dort in armen Verhältnissen auf. 1944 wird er eingezogen, gerät in den Niederlanden in britische Kriegsgefangenschaft und absolviert erste Auftritte auf der Lagerbühne – in Frauenrollen. 30-mal verkörpert der schmächtige junge Mann das Clärchen in Goethes «Egmont». Nach Kriegsende betätigt er sich als Kabarettist und Rezitator, weigert sich, eine Schauspielschule zu besuchen, und arbeitet trotzdem bald mit grossen Theaterregisseuren wie Boreslav Barlog oder Jürgen Fehling. Mit Fritz Kortner bricht er schon bei den Proben zu Schillers «Don Carlos» und macht auch sonst durch Streitsucht und cholerische Anfälle von sich reden. Seine frühen Filmrollen loten dementsprechend die Extreme aus. Nach seinem Debüt als KZ-Häftling in Morituri (1948) spielt Kinski Prinz Otto von Bayern in Helmut Käutners Ludwig II – Glanz und Elend eines Königs (1955). Seine drei kurzen Auftritte – die in grossen Zeitabständen den Weg des Prinzen in die Schizophrenie skizzieren – beeindrucken den Star und Titeldarsteller O. W. Fischer so sehr, dass er Kinski auch in Hanussen (1955, Fischer als Co-Regisseur) besetzt. In Ottos Zusammenbruch in Ludwigs Armen, unter dem Eindruck der Reichsgründung 1871, deutet sich der Kinski-typische jähe Wechsel zwischen Somnambulismus und wuchtiger Expressivität bereits an. Sich an der Engelsfigur eines Kerzenleuchters festhaltend, intoniert Kinski die Hymne «Heil dir im Siegerkranz», lässt seine Stimme angsteinflössend dröhnen, bevor sie bricht. In grösseren Parts wie in Die Kurve (1961) und Der rote Rausch (1962) konnte Kinski einlösen, was seine frühen Filmauftritte versprachen.
Sein markantes Gesicht mit den stechenden Augen, den hohen Wangenknochen, dem herrischen Kinn und dem sinnlichen Mund geisterte durch zahllose Italo-Western, wobei El chuncho, quien sabe? (1966) und E dio disse a caino (1970) – eine Kreuzung zwischen Western- und Horrorgenre – zu Kinskis stärksten Beiträgen zählen. In den deutschen Edgar-Wallace-Krimis gab Kinski 16 Mal den Nebenschurken. Für seine Rolle als verrückter Tierpfleger in Der Zinker (1963) spielte er mit zwei Baby-Boas, die für den Film zu Schwarzen Mambas umgeschminkt wurden. Um mit seinen Partnerinnen warm zu werden, soll er mit den Schlangen geradezu geflirtet haben. «Er streckte seine Zunge heraus und berührte die ihre jedes Mal, wenn sie züngelten», erinnerte sich eine Kollegin.
Schon früh wusste Kinski auf der Klaviatur der Publicity zu spielen: 1950 protestierte er scheinheilig «gegen die Nuditäten in den deutschen Illustrierten», indem er Zeitungsstände stürmte. Ausgerechnet Kinski, der später in seiner Autobiografie «Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund» mit tausendundeinem sexuellen Abenteuer prahlt. Mit dem Buchtitel erweist er seinem Idol François Villon Reverenz, mit dessen Gedichten er 1952 erste Rezitationserfolge in Berliner Kabaretts und Künstlerkneipen feierte. Kinski konnte balsamisch-verführerisch klingen oder klirren wie ein Charaktertenor. Seine letzten Auftritte als Rezitator werden zum Skandal: Im November 1971 schnarrt, brüllt und flüstert Kinski in der ausverkauften Berliner Deutschlandhalle seine provokativen Ansichten über Jesus und das Neue Testament: «Ich spreche von dem Abenteurer, dem furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen, der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig mit den anderen zu verfaulen.» Peter Geyers eindrucksvoller Dokumentarfilm Jesus Christus Erlöser (2008) widmet sich dem als Tournee geplanten Happening, das nach zwei Kinski-Auftritten aufgrund einer Insolvenz des Veranstalters jäh beendet ist.
Als Kinski kurze Zeit später mit Werner Herzog in Südamerika Aguirre – Der Zorn Gottes (1972) zu drehen beginnt, steckt er noch «vollkommen in der Jesus-Rolle», wie Herzog berichtet hat: «Man musste ihn hinüberbugsieren in diese ganz andere, dämonischere Rolle». Seinen «Inkarnationen» schien sich Kinski absoluter hinzugeben als jeder andere Schauspieler. Und er konnte gemeingefährlich werden. Beim Aguirre-Dreh im peruanischen Urwald würgte Kinski Statisten, verletzte einen Mitakteur und schoss in einer Drehpause einem Crewmitglied einen Finger ab. Herzog kalkulierte die Ausbrüche seines Darstellers durchaus mit ein. Auf reflektiertere Art war der Regisseur ähnlich extrem wie Kinski. Immerhin gibt er in seinem Dokumentarfilm Mein liebster Feind (1999) Morddrohungen gegen seinen Hauptdarsteller zu und räumt einen missglückten Anschlag auf Kinski ein.
Fünf Filme drehten sie miteinander. Es war die mit Abstand fruchtbarste Zusammenarbeit des Schauspielers mit einem Filmregisseur. Letzter Höhepunkt: Fitzcarraldo (1982), ein zweites Beinahe-Himmelfahrtskommando am Amazonas. Unnachahmlich schon die frühe Szene auf dem Kirchturm von Iquitos. «Ich will eine Oper bauen!», brüllt Fitzcarraldo-Kinski auf die peruanische Stadt herunter. Was bei dem Schauspielberserker zur fiebrigen Mischung aus atemloser Erregung und Drohgebärde gerät, sieht bei Jason Robards – dem ursprünglichen Titeldarsteller, der sich aus der Produktion zurückzog, von dem aber ein paar aufschlussreiche Takes überlebt haben – vergleichsweise harmlos und recht selbstironisch aus. Kinski dagegen will in dieser und anderen Fitzcarraldo-Szenen wirklich mit dem Kopf durch die Wand, will Opernhäuser hinklotzen und Berge versetzen. Oft ist ihm das auch gelungen.
Zu Kinskis besten Kinorollen zählt das getriebene, todtraurige Nachtwesen Nosferatu (1978) und sein intensiver Woyzeck in Werner Herzogs gleich im Anschluss an den Vampirfilm gedrehten Büchner-Adaption. Kinskis Tendenz zur Zügellosigkeit konnte einem Film allerdings auch den Garaus bereiten: Cobra Verde (1987), der fünfte und letzte Film des Gespanns Kinski-Herzog ,war ein Abgesang, weil der Regisseur seinen Star hier nicht bändigen konnte. Kinski identifizierte sich am Set schon zu sehr mit Paganini, dem «Teufelsgeiger», dem er in seiner einzigen Regiearbeit ein Denkmal setzen wollte. Paganini kam erst 1999, acht Jahre nach Kinskis Herztod, in die Kinos und erwies sich als obsessives «Experimentalkino» der problematischen Sorte mit einem Hauptdarsteller, der als Schatten seiner selbst agierte.
Die Kerze, die stets an beiden Enden gebrannt hatte, war endgültig verglüht. Eine Kerze möglicherweise, die nur in wenigen Filmen wirklich hell aufflackerte, weil der Mensch Kinski dem Schauspieler mitunter im Weg stand. In die Filme Werner Herzogs – und nicht nur in die – hat Klaus Kinski, mit Nietzsches Wort, das schönste Licht gebracht.
Jens Hinrichsen