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September
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HIROKAZU KORE-EDA
 

DAS LEBEN VON SEINEN ENDEN HER BETRACHTET

Er gehört zu den Stillen in der Welt des Kinos. Mit meisterlichen Filmen wie Nobody Knows oder seiner Erstling Maboroshi no hikari hat er in verschwiegene Ecken der modernen Gesellschaft geblickt. Anlässlich der Vorpremiere seines neuen Films Air Doll wird Kore-eda Hirokazu am 28. Februar das Stadtkino Basel besuchen. Während des ganzen Monats sind die bisherigen Spielfilme und zwei Dokumentarfilme von Kore-eda in einer Werkschau zu sehen.

 

Er hat von einer Frau erzählt, die nach dem Freitod ihres geliebten Mannes zusammen mit dem gemeinsamen kleinen Kind ins Leben zurückfinden musste (Maboroshi no hikari). Er hat von einem Ort erzählt, an den die Verstorbenen gelangen und wo sie einen Wunsch offen haben, bevor sie in die Ewigkeit eingehen können (After Life). Er hat in einer Geschichte ergründet, wie es den Nächsten einer Gruppe von Menschen geht, die einen Terroranschlag verübt haben (Distance). Er hat eine Familie betrachtet, deren Sohn fünfzehn Jahre früher ums Leben gekommen war bei der Rettung eines anderen Lebens (Still Walking). Oder er hat geschildert, wie vier Kinder in einer Grossstadt auf sich allein gestellt in einer kleinen Wohnung den Alltag verbringen müssen, wobei das kleinste von ihnen stirbt (Nobody Knows).
Hirokazu Kore-eda hat in all seinen Filmen in irgendeiner Art das Leben von seinem Ende her betrachtet, um vorzudringen zu Fragen des Seins. Ob es letzte Fragen sind oder nicht, spielt keine Rolle. Was sind schon letzte Fragen beziehungsweise wer weiss schon, wann die letzte Frage gestellt wird? Immer wieder sind es bei diesem japanischen Filmemacher entscheidende Fragen oder Fragen, in denen es um letztlich Entscheidendes geht.
Begonnen hat der 1962 geborene Japaner nach dem Filmstudium mit Arbeiten fürs Fernsehen und mit Dokumentarfilmen. In ihnen hat er sich erstmals intensiv mit dem Sterben auseinandergesetzt beziehungsweise mit dem Verlust einer geliebten Person. Das Tagebuch eines Aids-Kranken gehörte dazu (August Without Him) oder ein Film über das Opfer eines Arztfehlers (Without Memory). Es kam ein erster Spielfilm (Maboroshi no hikari), der auf den Erfahrungen bei einem Dokumentarfilm beruhte und ihm gestalterisch mehr Raum bot: Wenn er inszeniert, kann er tiefer in die Seele blicken, meint Kore-eda selber: Da muss er auch die Porträtierten nicht vor sich selber schützen. Für mich ist er bis heute und bis zu seinem neusten Spielfilm Air Doll, der Mitte März 2010 im Kino anlaufen wird und von einer aufblasbaren Puppe erzählt, die lebendig wird und zu erfassen sucht, was das Leben ausmacht, ein Dokumentarist geblieben, auch wenn er Spielfilme dreht. Er dokumentiert eindrücklich alltägliche Momente des Lebens, eines städtischen Lebens primär, häufig in Vorortsquartieren, in denen auch Yasujiro Ozu gedreht haben könnte. Ein Leben in kleinen Räumen, an denen Vorortszüge vorbeirattern und in denen in der Regel alles seine Ordnung hat.
Kore-eda begann mit dem Filmemachen in einer Phase des Umbruchs im japanischen Kino um 1990 herum: Die alten Filmkaiser starben, junge Filmschaffende suchten ihre eigenen Wege, und er gehört zu jenen, die ganz klar die Innovationskraft verkörperten, mit grosser Lust eigenständige Filme drehten. Kore- eda hatte das Glück, in einer Produktionsfirma zu arbeiten, die ihn immer das machen liess, was er wollte. Und dazu gehörte mit Hana beispielsweise auch ein Genrefilm aus der Samurai-Zeit, mit Still Walking eine Familiengeschichte in der Tradition des klassischen japanischen Kinos oder jetzt mit Air Doll eine Manga-Verfilmung und damit ein ausgesprochen populärer Stoff mit eigenwilliger Umsetzung. Sowohl Hana als auch Air Doll sind getragen von leisen Ironien auf die japanische Gesellschaft und voller Anspielungen auf deren Mechanismen. Im Gegensatz zu anderen Filmschaffenden war Hirokazu Kore-eda aber nie laut – dafür ist er immer noch da und arbeitet in einer fast schon verblüffender Kontinuität. Er hat sich in verschiedenen Genres versucht und ist der Sorgfalt der Inszenierung immer treu geblieben, einer Art Abtasten der Ränder des Lebens. Yumiko, eine 25-jährige Frau aus Osaka, heiratet in Maboroshi mit Ikuo jenen Mann, den sie als Reinkarnation ihrer Grossmutter wahrnimmt. Sie war gerade zwölf Jahre alt, als diese sich zum Sterben an den Ort ihrer Kindheit aufmachte und Yumiko sie nicht aufhalten konnte. Zusammen mit Ikuo hat sie einen Sohn, der drei Monate alt ist, als gemeldet wird, dass der Vater sich unter einen Vorortszug gestürzt habe. Zurückblieben ein Schuh und das Glöcklein, das die Frau ihrem Geliebten als Schlüsselanhänger geschenkt hatte. Über die Vermittlung einer Nachbarin findet Yumiko fünf Jahre später einen anderen Mann, der seinerseits die Frau verloren hat und mit seiner kleinen Tochter in jenem Fischerdorf am Meer lebt. Yumiko muss das Leben vom Tod her neu finden und erfinden.
After Life entstand danach und ist eine Liebeserklärung ans Leben, aber auch eine Liebeserklärung ans Kino, weil sich in diesem Film alles darum dreht, die wesentlichen Momente des Lebens zu finden und auf Film zu bannen. Film als verdichtetes Leben. Die Seelen der aktuell Verstorbenen werden im Verlauf eines Gesprächs gebeten, aus ihrem irdischen Dasein jene eine Erinnerung auszuwählen, die ihnen besonders lieb und wertvoll erscheint und die sie als ewige Identität behalten und mit ins Jenseits nehmen möchten. Was fu?r ein Ansatz zum Leben? Momente finden, die man nicht nur ewig aushalten könnte, die man auch ewig mit sich nehmen möchte. Kore-eda entwickelt hier mit einem durch und durch japanischen Ansatz eine universelle Geschichte, die den mehrdeutigen Charakter des menschlichen Gedächtnisses untersucht, den Ort, an dem sich Realität und Fiktion vermischen. After Life ist ein Film, der federleicht zwischen Erde und Himmel schwebt und uns über unser Dasein sinnieren lässt. Seine innere Ruhe findet nur, wer sich über die eigene Identität klar geworden ist. In Erstauffu?hrung zu sehen ist Distance, jener Film, in dem sich Kore-eda auf der Basis des realen Terroranschlags, einer religiösen Sekte der Verwandten der Täter angenommen hat und über sie eine Annäherung ans Verstehen des Horrors versucht, u?ber die, die in gewissem Sinne auch Opfer sind und mit dem leben müssen, was ihnen Nahestehende hinterlassen haben. Es ist der anspruchsvollste Film in seiner Filmografie, er leuchtet in dunkle Zonen der menschlichen Seele und widmet seine Aufmerksamkeit den Vergessenen. Vor fünf Jahren kam mit Nobody Knows, jener Film, der einen zutiefst berührt, obwohl er, wie alle Filme Kore-edas, alles Spekulative vermeidet und ausklammert. Allein zuzusehen, wie vier Geschwister abgeschlossen von der Aussenwelt in einer kleinen Wohnung leben müssen, lässt das Blut in den Adern stocken. Wo hat man die vaterlose Gesellschaft so hautnah erlebt, wo hat man so intensiv gesehen, wie sich auch die Mutter den Kindern entzieht, beides, weil die Arbeit alles andere dominiert? Die vier beginnen, auf sich gestellt, inmitten der modernen Welt zu verwildern. Zögerlich verlassen sie ihre Wohnung, und eine magische Odyssee der Weltentdeckung beginnt, voller Nüchternheit und Poesie. Nobody Knows ist das Opus Magnum von Kore-eda, ein Meisterwerk.
Hirokazu Kore-eda ist ein visueller Autor, der den Reichtum der Ausdrucksmöglichkeiten des Kinos kennt und weiss, dass dieser ganz besonders im Stillen ruht. Unter den Fragen, die den Japaner interessieren, dominieren die Suche nach dem Greifbaren am Lebenssinn und die Absenz der Väter. Mit unendlicher Geduld beobachtet er den Alltag, einem Seismografen gleich registrieren seine Kamera und sein Tonbandgerät die Bewegungen im System. Wir erleben das Leben und schauen atemlos und mit Herzklopfen zu.

 

Walter Ruggle

 
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