RUF DER SIRENEN
Sirenen haben viele Stimmen und Gestalten: Als mythische Mischwesen aus Frau und Vogel oder Frau und Fisch brachten sie Seemänner um den Verstand und Schiffe zum Kentern. Als technische Warnsysteme der Moderne kündigen sie Gefahren an. Ihr Ruf steht für Verführung und Katastrophe, aber auch für das Versprechen der Verflüssigung von Identitäten. Vor allem haben die Sirenen nicht nur die Musik- und Kunstgeschichte inspiriert, sondern auch das Medium Film dazu verführt, an die Grenzen des Seh- wie Hörbaren zu gehen. Anlässlich des Erscheinens ihres Buches «The Sirenic: Follow the Water Follow the Sound» (Diaphanes Verlag) präsentieren Fabienne Liptay und Giuseppe Di Salvatore ein schillerndes Filmprogramm, das uns die queeren Verführungskünste des «Sirenischen » in diversen Formen, Facetten und Verwandlungen erfahren lässt.
Zur Eröffnung der Filmreihe findet eine Buchvernissage statt, bei dem der Band «The Sirenic: Follow the Water Follow the Sound» (Diaphanes Verlag) vorgestellt wird. Passend zu den thematischen Schwerpunkten bieten wir unter Beteiligung der Autor:innen vier Veranstaltungen an, bei denen die Filmvorführungen von Lesungen, Performances und einem Soundwalk begleitet werden. Mit Beiträgen von Ruth Baettig, Giuseppe Di Salvatore, Burcu Dogramaci, Tobias Gerber, Fabienne Liptay, Ute Holl, Sylwia Zytynska und Matthias Wittmann. Eine Kooperation des Stadtkino Basel mit der Universität Zürich und Filmexplorer.
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Dem Ruf der Sirenen folgen
Giuseppe Di Salvatore und Fabienne Liptay
Mehr als Meerjungfrauen
Sirenen sind mehr als Meerjungfrauen. Die Gestalt der Meerjungfrau, wie wir sie aus dem Kino gewohnt sind, hat sich erst im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet und in der Populärkultur festgesetzt. Doch die Mythologie der Sirenen ist reichhaltiger und komplexer, angefangen bei der berühmten homerischen Episode in der Odyssee und ihren erfolgreichen Nachwirkungen bis hin zu diversen spirituellen oder legendären Wesen, die in allen Gewässern unseres Planeten in unterschiedlichen historischen Epochen auftauchen. Halb Mensch, halb Fisch, oder halb Vogel wie im antiken Griechenland, manchmal auch mit Schlangen wie die afrikanische Mami Wata, stehen sie für fluide Identitäten und transformative Kräfte über Artengrenzen hinweg. Künstler:innen und Filmemacher:innen mit queerfeministischer und ökologischer Sensibilität haben sich die Sirenen in jüngster Zeit auf kritische oder utopische Weise zu eigen gemacht.
Dem Ruf der Sirenen folgen
Über zwei Jahre hinweg haben wir uns als Kurator:innen dieses Filmprogramms gemeinsam mit Künstler:innen und Wissenschaftler:innen vorgenommen, dem Ruf der Sirenen zu folgen, um ihren Reichtum und ihre Komplexität tiefer zu erkunden. Die Beiträge des Buches «The Sirenic: Follow the Water Follow the Sound» (Diaphanes, 2026) sind das Ergebnis dieses Prozesses, der uns in weniger bekannte Gefilde als die der Meerjungfrauen geführt hat. Interessiert hat uns vor allem die Verbindung zwischen den mythologischen Sirenen und den Alarmsirenen, die besonders faszinierend ist. Dabei sind wir dem Ruf der Sirenen in Bereiche gefolgt, die jenseits von Angst und Verführung liegen. Immer wieder geht es um Zwischentöne, darum, sich auf feine Resonanzen und Dissonanzen einzulassen.
Welches Kino kann uns diesen Ruf der Sirenen erleben lassen? Das populäre Kino scheint besonders an der oft sexualisierten und entmündigten Figur der Meerjungfrau festzuhalten – auch dann, wenn es Formen radikalen Andersseins und wilder oder rebellischer Weiblichkeit imaginiert. Doch eine andere Kinolandschaft der Sirenen ist möglich. Das war die Aufgabe unserer Kuration des Filmprogramms im Stadtkino Basel, für das wir acht Filme unter vier thematischen Schwerpunkten zusammengestellt haben.
Verlorene Stimmen
Zu den im Kino besonders oft variierten Erzählungen gehört Hans Christian Andersens «Die kleine Meerjungfrau », ein Kunstmärchen nach der Sage der Undine, eines mit dem Wasser assoziierten Elementargeists. Sie wird zu Schaum auf dem Meer. Das Märchen gab Anlass für feministische Kritik, aber auch für Fabulationen über existenzielle Verlorenheit, unerfülltes Begehren und transgressive Erfahrung. Karel Kachyňas Malá mořská víla (1976) taucht alles in Meeresfarben, in trübes und schimmerndes Blaugrün. Versunken und visionär, zu der elektronischen Musik von Zdeněk Liška, entsteht eine sirenische Welt des sprachlosen gefühlsmässigen Ausdrucks. Die musikalische Dimension des Sirenischen findet sich auch in Michelangelo Antonionis Il deserto rosso (1964). Was wäre, wenn Giuliana, gespielt von Monica Vitti, nichts anderes als eine Sirene wäre? Ihre existenzielle Verlorenheit inmitten einer gewaltsamen Modernisierung nimmt im Film die Form eines Liedes an – so die Interpretation der Autorin und Künstlerin Ruth Baettig: Es handelt sich um eine Vocalise, die ohne Texte nur auf Vokale gesungen wird und die mit den zahlreichen Warnsirenen, die Antonionis Filmografie durchziehen, in Resonanz treten kann.
Zurückspulen und Voraushören
Aus den Stimmen der Sirenen entsteht eine eigene Landschaft, ein Erfahrungsraum. Jonathan Davies’ Film Topology of Siren (2021) ist ein ausgefeiltes Beispiel für eine solche erfinderische Topologie des «Sirenischen». Der Film skizziert einen sentimentalen Ansatz oder eine besondere Stimmung, die eine innere Landschaft entwirft. Eine Kriminalgeschichte um mysteriöse Tonbänder, die die Protagonisten versteckt in einer Drehleier finden, gibt den Vorwand für eine rein akustische Erkundung dieser Landschaft als meditativer Soundscape. Im Gegensatz dazu beschäftt sich die in London lebende Künstlerin Aura Satz in ihrem Preemptive Listening (2024) mit der Analyse der Bedeutung der äusseren Landschaft von Alarmsirenen. Die gesellschaftliche und politische Kritik im Film wird auf interessante Weise durch einen experimentellen Soundtrack ausgeglichen, in dem mehrere Komponisten den Klang von Sirenen aufgreifen, um ihn durch Kunst zu sublimieren. Die Sirenen lassen so die Zwischentöne zwischen dem Imperativ der sozialen Kontrolle und den Versprechungen der Freiheit klingen.
Schaumgebilde
Was wäre die Geschichte, wenn nicht Odysseus sie erzählen würde, sondern wenn sie von den Sirenen gesungen würde? Isa Hesse-Rabinovitchs Film Sirenen- Eiland (1981) ist ganz den Frauen gewidmet, die als Sirenen auftreten – unter ihnen als Symbolfigur die Schlangentänzerin Rosita Rayas. Sie singen – Chansons, Blues, Soul und jüdische Lieder, auf der Strasse, an der Bar und in schummrigen Lokalen. Sie rezitieren – aus Homers «Odyssee», den eigenen Gedichten und denen anderer. Eine Alarmsirene mischt sich in ihren Gesang. Sirenen-Eiland (1981) spielt in einer subkulturellen Unterwelt, gedreht in Paris und New York, inmitten von Strassenmüll, Schädelbergen und den zerwühlten Betten unruhiger Träume. Die assoziativen Bilder und Episoden sind – wie die Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci zeigt – durch einen Faden miteinander verbunden, der durch das Leben der Frauen selbst hindurch läuft. Auch Patricia Rozemas I’ve Heard the Mermaids Singing (1987) ist die filmische Erzählung einer Träumenden, aber die Welt der Sirenen, der magischen und spirituellen Sensibilitäten, ist ihr unzugänglich. Sie glaubt nicht, wie es bei T. S. Eliot heisst, dass die Sirenen auch für sie singen werden. Haben sie jemals für Odysseus gesungen? Oder haben sie, wie Kafka spekulierte, geschwiegen, weil ihr Schweigen noch viel unbezwingbarer war als ihr Gesang?
Tauchen und Atmen
Sirenen in Japan, Sirenen in Peru? Ja, unter dem gemeinsamen Leitmotiv des Wassers und der spirituellen Verbindung zu einem Element, das uns formt und doch ungreifbar bleibt. In Cláudia Varejãos Dokumentarfilm Ama-San (2016) begegnen wir einer Gemeinschaft alter Muscheltaucherinnen, die in Bescheidenheit und Schwesternschaft leben und die uns eine berührende, spirituelle Verbundenheit mit der Umwelt vor Augen führen. In Juan Daniel Fernández Moleros traumhafter Erzählung Punku (2025) verflechten sich transkulturelle Legenden mit einem dokumentarischen Interesse und deuten auf eine ähnliche spirituelle Dimension der Zugehörigkeit zu einem Kosmos hin, der weiter ist als der der menschlichen Gemeinschaft. Tauchend mit den Sirenen können wir auch andere Weisen der Kommunikation und Erfahrung erlernen.
Die Schwarze queere Feministin Alexis Pauline Gumbs formulierte dies als Anleitung zum Stillsein, um von den nach den Sirenen benannten Seekühen zu lernen: «Ich werde sagen: Es war einmal eine gewaltige und stille Schwimmerin, eine pflanzenschmausende, rauhäutige Zuhörerin, ein fettreiches und würdevolles Säugetier. Und dann werde ich still sein, damit ich dich atmen hören kann. Und dann werde ich atmen und du wirst mich ermahnen, nicht zu hasten. Und die Zeit in mir wird schweigen. Und dann werden wir wirklich hören.»
Giuseppe Di Salvatore (1977) studierte Philosophie und promovierte in Rom und Paris. Er forschte in Genf und gründete ein Forschungszentrum in Verona. Seit 2014 arbeitet er im Bereich Audiovideojournalismus und Filmkritik. 2016 gründete er gemeinsam mit Ruth Baettig die Online-Plattform FILMEXPLORER, die sich dem Diskurs rund um den Kunstfilm widmet und deren Chefredakteur er ist. Seither ist er auch als Film- und Kunstkurator, Mitglied von Auswahlkommissionen und Jurys tätig.
Fabienne Liptay (1974) ist Professorin für Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Sie ist Mitbegründerin des Institute for Performance and Film Expanded und des Zentrums Künste und Kulturtheorie. Sie schreibt und forscht zum Film, zum Bewegtbild im Ausstellungskontext sowie zum Cinema Expanded. Gemeinsam mit Giuseppe Di Salvatore gibt sie den Band «The Sirenic: Follow the Water Follow the Sound» (Diaphanes 2026) heraus.
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