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Spezialprogramm

 

 

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Das Basler Kino der Belle Époque

Früher als anderswo
(5. – 29. November)


Der Film wurde nicht einfach erfunden, und es gibt auch keinen Begründer der Institution «Kino». Hunderte von industrienahen Tüftlern werkelten weltweit im legendären «année Lumière» von 1895 an der Bewegungswiedergabe durch Serienfotografien. Es war aber die eleganteste Kombination der vielen Teiltechnologien aus Feinmechanik, Fototechnik und -chemie, welche die Lyoner Industriellen Lumière als «Cinématographe» präsentierten und erfolgreich vertrieben. Die Dekade bis 1905, diese Umbruchszeit zwischen Belle Époque und Moderne, steht im Mittelpunkt dieses Programms zur frühesten Kinematografie und ihre Legendenbildung – insbesondere in Basel. Denn diese war hier innovativer als andernorts – dank den beiden bedeutendsten Pionieren der Schweizer Film- und Kinogeschichte: François-Henri Lavanchy-Clarkes unglaublich vielseitige Karriere begann in Basel, und Joseph «Abbé» Joye, der «Apostel der Basler Katholiken», nutzte als wohl erster Kirchenmann den Film zur Stadtmission.

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Wie Film und Kino zum Doppelmedium wurden: Der Basler Beitrag

Was sich heute auseinanderlebt, nämlich die wunderbare Verbundenheit von Film und Kino, musste sich im ersten Jahrzehnt der Kinematografie erst herausbilden: von Lumières gemietetem Billardsaal eines Pariser Tanzcafés zur ambulanten Vorführung dieser Bewegtbild-Sensation im sozialen Spannungsfeld zwischen Rummelplatz, Konzerthäusern und Stadtcasinos. Das Kino als eigenständige Institution begann sich erst dann zu etablieren, als sich die Attraktivität des neuen Apparats erschöpft hatte und das Publikum sein Interesse auf das phantastische filmische Erzählpotenzial verlagerte. Der Cinématographe fasste nämlich nur eine knappe Minute Film. Ein typisches Programm entsprach deshalb einer Serie mit einem Dutzend Einzeleinstellungen ohne Schnitt und Kamerabewegung. Kürze, Statik und die Unmöglichkeit von Montage erwiesen sich bald als gestalterisches Handicap, wenn es darum ging, immer längere und komplexere Geschichten zu erzählen. Genau diese waren aber die Vorbedingung zur Entstehung von Kinos mit den Unterhaltungsbedürfnissen eines wiederkehrenden Publikums nach längeren, auch Spielfilme umfassenden Programmen.

 

Missionare und Kinogründer
Nach einer Ausbildung auf der Riehener Pilgermission stieg der Waadtländer François-Henri Lavanchy-Clarke zum internationalen Financier, Industriellen und Förderer des europäischen Blindenwesens auf. Der begeisterte Fotoamateur erwarb die erste ausländische Konzession für Lumières Kinematografen. Systematisch nutzte er die Mobilität dieses Aufnahme-, Kopier- und Projektionsgeräts zur Bewerbung von Seifenprodukten des englischen Sunlight-Konzerns, dessen kontinentales Vertriebsnetz er aufbaute – mit Schweizer Sitz in Basel. Lavanchy errichtete an der Genfer Landesausstellung von 1896 einen exotischen «Feenpalast» mit einem Kino avant la lettre. Hier führte er Filme aus dem Lumière-Repertoire vor, doch auch solche, die er an der Expo selber oder an jenen Orten in der Schweiz gedreht hatte, wo er auf einer Kombi-Werbetour für Sunlight, Lumière und die Expo gastierte. Auf diese Weise entstand der erste erhaltene Basler Film Bâle – Le pont sur le Rhin. Im Stadtcasino führte Lavanchy während seines Aufenthalts im September erfolgreiche Filmséancen durch – und er kehrte schon bald zurück, um die Basler Fasnacht aufzunehmen.
Das gleiche Interesse für neue Fototechniken und ein ähnliches missionarisches Engagement (wenngleich von anderer Konfession) zeigte Lavanchys Bekannter «Abbé» Joye. Obwohl sein Orden in der Schweiz verboten war, wurde der bald schon legendäre Jesuit nach Kleinbasel berufen, um die schnell wachsende Katholikengemeinde zu organisieren. Dies gelang ihm nicht zuletzt dank seinen populären, mediengestützten Auftritten in Sonntagsschule und Erwachsenenbildung, wo er zehntausende von Lichtbildern und ab 1902 auch Filme vorführte. Der Mehrzwecksaal seines Zentrums für Jugendseelsorge Borromäum ging denn auch in die lokale Tradition als erstes Basler Kino ein. Isolde Marxers dokumentarisches Biopic A propos de Joye (1996) geht den Spuren dieses charismatischen Medienpioniers nach.

 

Hansmartin Siegrist

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