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Filmreihe

 
Reihenbild

TAUSENDSCHÖNCHEN

IN NEUEM LICHT


Filmträger mögen altern – aber manche Filme blühen heute förmlich auf. Wir haben den digitalen Stadtkino-Filmprojektor und die Tonanlage über den Sommer erneuert und feiern dies mit einer dem Bild und Ton gewidmeten Filmreihe! Gezeigt werden Werke, die jüngst digital restauriert wurden und neu erstrahlen: Kratzer sind getilgt, die Farben mit historischer Sorgfalt aufgefrischt, die Tonspuren gesäubert – so laden die restaurierten Filme zum Fest für Augen und Ohren. Wer wollte nicht schon lange mal wieder die flirrenden Ockertöne des Monument Valleys in The Searchers, die skurrilen, bunten Vanitas-Szenerien in Tausendschönchen oder die charmant-chaotische Leeloo aus The Fifth Element auf der grossen Leinwand erblicken? Die restaurierten Klassiker stehen für eine bestimmte Epoche und zeichnen sich gleichsam durch ihre Zeitlosigkeit aus.

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SCHÖNER ALS JE ZUVOR!?

 

Überzeuge dich von der neuen Projektionstechnik des Stadtkino Basel, widme Dich der grundlegenden Herausforderung der Überlieferung von Filmwerken und erprobe deine Wahrnehmung: Spätestens seit der Digitalisierung des Kinos in den 2000er-Jahren durchlaufen (ehemals analoge) Filme ständige Transformationen, um in digitalen Umgebungen sichtbar zu bleiben – häufig begleitet mit dem Versprechen, mit der digitalen Bearbeitung würde das Kinoerlebnis immer weiter gesteigert werden. Dies ist kein neues Phänomen. Schon bei der Umstellung der Kinosäle auf den Tonfilm gab es ähnliche Umwälzungen – mit grundsätzlichen Konsequenzen für Filmästhetik und Geschichtsschreibung, da die technologischen Neuerungen immer auch Selektion bedeuten. Gerade bei der Transition in die digitale Domäne ergeben sich durch die technischen Möglichkeiten der Bildbearbeitung, aber auch durch die utopischmythischen Zuschreibungen an Digitalität – gerade auch nun im Zeichen von KI – vielschichtige Konsequenzen für die Filmkultur, wobei das Kinoerlebnis als Spektakel eine Schlüsselrolle einnimmt. Der Bereich der professionellen Filmrestaurierung sieht sich hier aufgrund der populären Wahrnehmung mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert, aber es stellen sich auch ganz praktische, ethische Fragen im Umgang mit den Filmwerken.

Genau auf solche Fragen wird Franziska Heller in einem interaktiven Vortrag eingehen. Sie ist Professorin für Medienwissenschaften und Autorin des vielbeachteten, einsichtigen Buches «Update! Film- und Mediengeschichte im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit». Die ausgewählten Werke, mit denen der neue lichtstarke, kontrastreiche und farbgetreue Projektor des Stadtkino sowie die revidierte und erweiterte Tonanlage gefeiert werden, führen einmal quer durch die Filmgeschichte. Sie sind in den letzten Jahren Bild für Bild digital restauriert worden, basierend auf hochaufgelösten Scans von Originalnegativen und gut erhaltenen analogen 35mm-Kopien. Längst geht es nicht mehr – wie noch in den Anfängen der Digitalisierung – um möglichst tiefenscharfe, klinische Bilder, sondern vielmehr um Originaltreue, bei der das Korn und der Kontrast des ursprünglichen Filmmaterials erhalten bleiben. Um dies zu gewährleisten werden oftmals Filmhistoriker: innen und wenn möglich noch lebende Kameraleute und Regisseur:innen in den Restaurierungsprozess eingebunden.

Ein Kriterium für die Auswahl der Filme war der Einsatz von Farben als Schauwert und Spektakel auf der Leinwand. Damit dieser noch deutlicher hervortreten kann, startet die Reihe in Schwarz-Weiss mit dem ikonischen Filmnoir The Third Man (1949) von Carol Reed. Sein chiaroscuro, die starken Kontraste von Licht und Schatten, seine gekippten Kamerabilder – wofür der Thriller mit einem Oscar ausgezeichnet wurde –, aber auch seine eindringliche Zithermelodie schaffen eine unheimliche und hochspannende Atmosphäre, die dank der 4KRestaurierung noch heute unter die Haut geht. Schon in der Stummfilmzeit wurden Filme eingefärbt – von Hand oder durch Virage, dem Einsatz von Farbbädern. In den 1950er-Jahren begann sich nach mehreren Entwicklungsschritten das Tricolor-Technicolor-Verfahren durchzu-setzen, ein subtraktives Drei-Farben-Verfahren, bei dem die bewegten Bilder auf einem mehrschichtigen Matrizenfilm (blau, rot, grün) in der Kamera festgehalten wurden. Die Farben und neue Breitfilmformate sollten das Publikum als besondere Attraktion in die Kinos locken – weg von den Fernsehgeräten, die in den USA bereits 1955 in der Hälfte der Haushalte standen. Aus dieser Epoche sind die beiden in Vista-Vision gedrehten Filme The Searchers (1956) und North by Northwest (1959) zu sehen. Bei Vista-Vision wurde eine höhere Auflösung erzielt, indem der 35mm-Film horizontal durch die Kamera geführt und die Bildfläche dadurch vergrössert wurde.

John Ford ist bekannt dafür, dass er die Bildgestaltung seiner Filme sehr genau plante. Jedes Detail hat seine Funktion in der Filmerzählung und Dramaturgie. In The Searchers lässt er den einsamen Antihelden Ethan Edwards aus der Weite der ikonografischen Landschaft mit den rötlichen Felsen des Monument Valley auftauchen und am Ende auch wieder entschwinden. Dank der Rekonstruktion der verlorenen blauen Schicht des Original-Kameranegativs hat der Himmel nun seine ursprüngliche Farbe zurückgewonnen. Ein wahrer Meister der visuellen Erzählung ist auch Alfred Hitchcock. In North by Northwest, einem Road-Movie zu Klängen des New Yorker Komponisten Bernard Herrmann quer durch die USA, deutet in Schlüsselstellen die bewusst eingesetzte Farbe Rot drohende Gefahren an, während Grün- und Blautöne für entspannte Momente sorgen.

Ein Glück also, wenn der Film so auf der Leinwand erscheint, wie er gedacht war. Dies trifft auch auf weitere Höhepunkte der 1960erund 1970er-Jahre zu. Wenn beispielsweise die tschechische Filmemacherin Věra Chytilová in Tausendschönchen (1966) ihre beiden Hauptfiguren, die unzertrennlichen Freundinnen Marie I und Marie II, eines heissen Sommers in abwechselnd farbigen, schwarzweissen oder monochrom eingefärbten Bildern auftauchen lässt. Oder Daniel Schmid in La Paloma (1974) die Geschichte der gleichnamigen Nachtclub-Sängerin erzählt und in Farbe getränkte Traumbilder schafft: etwa wenn Paloma und ihr Verehrer vor dem Hintergrund der Alpenlandschaft ein Duett aus einer Operette singen und in den Wolken Eros wie ein Hermaphrodit schwebt.

Farben können auf der Leinwand natürlich erscheinen, wie wir sie von unserer eigenen Wahr- nehmung her kennen, einem bestimmten Aufnahmeverfahren entsprechen oder dem Gestaltungswillen und der Fantasie von Filmschaffenden entspringen. Oft stehen sie überdies für eine bestimmte Zeit. Etwa der leuchtend pink Angorapulli, den Jane (Nastassja Kinski) in Wim Wenders’ hinreissendem Roadmovie Paris, Texas (1984) trägt und eine Freundin der Kostümbildnerin Birgitta Bjerke gestickt hat – die 1980er- Jahre waren geprägt von solchen Neonfarben. Den Look von 1970er-Jahre-«Playboy»-Fotos hatte die Filmemacherin Sofia Coppola für ihr fulminantes Spielfilmdebüt The Virgin Suicides (1999) vor Augen, den sie in einer US-amerikanischen Kleinstadt in den Siebzigerjahren spielen lässt. Die Farben sind dabei jedoch längst nicht nur Zeit-Marker, sondern auch eine Möglichkeit, das Innenleben der fünf Schwestern zu spiegeln. Ebenso mischt Coppola auf dem Soundtrack virtuos 1970er-Jahre-Hits mit neuen Songs, etwa des französischen Elektronik- Duos Air. Und so fügen sich Bild und Ton zu einem stimmungsvollen, traumhaften und sehnsuchtsvollen Film über das Erwachsenwerden.

Forever Young könnten wir diese Reihe auch nennen, mit Werken aus der Filmgeschichte, die bis heute ungebrochene Freude für Augen und Ohren bieten. Viel Vergnügen!

 

Franziska Heller, Professorin für Medienwissenschaft (Schwerpunkt Medien und digitale Kulturen) an der Universität Halle. Beat Schneider, künstlerischer Leiter Stadtkino Basel.

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