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Filmreihe

 

 

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Basel 2050

Streifzüge durch die Stadt


Wie sieht Basel in 30 Jahren aus? Dieser Frage geht das Forum Städtebau «Basel 2050» vom S AM und Städtebau & Architektur nach, in dem es Überlegungen zum Erhalt und zur Weiterentwicklung unseres Lebensraums aufzeigt und zur Diskussion stellt. Das Stadtkino Basel begleitet das zukunftsweisende Forum mit einer thematischen Reihe zur Stadt im Film und lädt das Publikum dazu ein, cineastische Blicke in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer urbanen Lebensrealitäten zu werfen. So untersuchen wir anhand von Thom Andersens Essayfilm Los Angeles Plays Itself, welches (fiktive) Bild sich das Hollywoodkino von der Stadt der Engel macht. Wir begleiten den urkomischen Jacques Tati, wie er in Playtime meisterhaft durch die technisierte Welt der Moderne stolpert. Wir rasen mit Gianfranco Rosi entlang der Sacro GRA,

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wo uns mal heftige, mal herzerwärmende Geschichten erwarten, und begleiten Ladj Lys Les Misérables, die in der Pariser Vorstadt Montfermeil gegen willkürliche Polizeigewalt und Racial Profiling aufbegehren. Nicht zuletzt werfen wir mit Denis Villeneuves mutigem Replikantenfilm Blade Runner 2049 einen dystopischen Blick in die Zukunft digitalisierter Metropolen und fragen uns, ob Androiden tatsächlich von elektrischen Schafen träumen.

 

Aus der Perspektive der Auseinandersetzung mit Basels Zukunft ist das thematische Filmprogramm zum Forum Städtebau «Basel 2050» im S AM Schweizerisches Architekturmuseum ein unverhofftes Geschenk. Es erlaubt, die konkreten Debatten um die weitere Entwicklung Basels an den Lektionen zu spiegeln, die die Sichtung verschiedener Stationen der Annäherung des Films an die Stadt freilegt.
Stadt ist heute die dominante Lebensrealität: Wie sich Städte weiterentwickeln, entscheidet wesentlich über die Zukunft unseres Planeten. Doch nicht erst heute bildet Stadt den zentralen Beobachtungsraum der Bedingungen und Abhängigkeiten des menschlichen Seins. So stellte sich für Kunst und Kultur seit der Industrialisierung und der Entstehung der Grossstadt im 19. Jahrhundert die Frage, wie sich Stadt künstlerisch überhaupt angemessen erfassen lässt. Baudelaires Flaneur, der sich im turbulenten Pariser Stadtleben verliert und dabei immer wieder neu erfindet, war eine erste Antwort darauf, die Entstehung der Reportage und des Feuilletons gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine weitere. Doch erst das Medium Film war imstande mit dem atemberaubenden Tempo der «l’éternelle du transitoire» (Baudelaire) mitzuhalten.
Film schuf durch die Verbindung der Bewegtheit der Bilder, Ton und Schnitt gegenüber Literatur, Malerei und Fotografie neue Optionen, sich der kaleidoskopischen Wirklichkeit der Stadt anzunähern, sie zu interpretieren, zu manipulieren, ja sogar neu zu entwerfen.

 

Die gebaute Stadt – Mythos und Kulisse

Im Programm des Stadtkinos scheint die Wechselbeziehung von Stadt und Film in unterschiedlichster Weise auf – Stadt wird zum Beispiel als Mythos gezeigt, als gebaute Realität oder als Folie der Reflexion gesellschaftlicher Zukunft. Nehmen wir uns zunächst des Topos Mythos an: Paris, New York oder Los Angeles machen deutlich, wie sehr das Kino Städten eigentliche Mythologien hat angedeihen lassen. Zwei Filme des Programms setzen an dieser Diagnose an: Thom Andersons Los Angeles Plays Itself kontrastiert Collagen aus Spielfilmausschnitten mit der tatsächlichen Stadt und legt so eindrücklich dar, wie willkürlich und folgenreich die Filmindustrie Los Angeles ihre Narrative eingeschrieben hat. Schon in den 1970er-Jahren hat Helke Sanders in Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – Redupers solche Mythologisierungsprozesse am Beispiel Berlin enthüllt. Redupers nähert sich Berlin anhand der Protagonistin, einer Fotografin, in zwei Erzählsträngen: Einer erzählt von der ungeschönten, oft prekären Realität dessen, was Leben in der Stadt bedeutet, der zweite vom Werbebild, das andere gerne von einer Stadt hätten und dem die Fotografin ihren Blick auf die Wirklichkeit versucht entgegenzusetzen.

Zwei recht unterschiedliche Filme des Programms illustrieren, wie Kino mit der gebauten Stadt als Kulisse spielt. Welche überwältigende Faszination von Strassen und Gebäuden ausgehen kann, zeigt Claude Lelouchs irrwitziger Kurzfilm C’était un rendez-vous, in dem ein Sportwagen in halsbrecherischer Fahrt durch Paris jagt, um oben auf dem Montmartre doch noch rechtzeitig zum Stelldichein einzutreffen. Die rasante Abfolge der Strassenzüge und Monumente verdichtet sich zu einer fulminanten Liebeserklärung an Paris. Ikonische Ausschnitte aus fünf Städten von Los Angeles bis Helsinki dienen Jim Jarmusch in Night on Earth als Szenerie für fünf nächtliche Taxifahrten mit ihren sich dabei entspinnenden beiläufigen Grotesken.

Columbus, der dichtgewobene Erstling des US-amerikanischen Filmemachers und Filmkritikers Kogonada, schert wie Louis Malles Zazie dans le Métro aus diesem Modus aus, gebaute Stadt primär nur als Kulisse einzusetzen. Columbus im amerikanischen Bundesstaat Indiana besitzt viele Meisterwerke der modernen Architektur. Kogonada erzählt in seiner zarten Liebesgeschichte nicht die Historie dieser Gebäude, stattdessen reflektiert er in Kamerafahrten, die die modernen Ikonen innen und aussen umkreisen, die Utopie hinter ihrer Architektur. Vor diesem Motiv verbinden sich Narrativ und Architektur, indem Transparenz und Zugänglichkeit als Charakteristika der Moderne zu Katalysatoren wesentlicher dramaturgischer Wendungen werden. Zazie dans le Métro fängt mit der Kamera nicht einfach die überwältigenden Pariser Stadträume ein. Vielmehr sind sie Ausgangspunkte, um den Reichtum und die Skurrilitäten urbaner Existenzformen und Nischen ebenso zu spiegeln wie sozialpolitische Themen oder Fragen der Ästhetik. In 2+2=22 schliesslich arbeitet Heinz Emigholz mit Parallelmontagen: Die Einspielung des Albums «ABC» der Band Kreidler in einem Tifliser Studio verwebt er mit dokumentarischen Aufnahmen der Stadt und Einblicken in eigene Skizzenhefte. Emigholz verweigert sich dem Impuls, Parallelrealitäten in einem gemeinsamen Narrativ aufgehen zu lassen. Vielmehr lädt der Film mit den Assoziationen, die aus diesem Nebeneinander entstehen, dazu ein, über die formende Kraft von Strukturen nachzudenken.
Gebaute Stadt beschränkt sich längst nicht auf Architektur. So unverzichtbar Infrastrukturen für den Alltag sind, so sehr befinden sie sich zumeist im toten Winkel unserer Aufmerksamkeit. Das Kino pflegt meist einen ähnlichen Umgang damit. Einzig als spektakulärer Hintergrund finden sie regelmässig Verwendung – in Autoverfolgungsjagden auf Highways etwa, unter Brücken bei Gang-Abrechnungen, oder, wie die Wiener Kanalisation in The Third Man, als expressionistisch ausgeleuchtete Bühne des Showdowns. Gianfranco Rosis Dokumentation Sacro GRA dagegen macht Infrastruktur zum eigentlichen Thema: Der Film widmet sich dem dissonanten und sprunghaften Nebeneinander der Lebenswelten entlang von Roms Ringautobahn Grande Raccordo Anulare (GRA) und hebt damit ins Bewusstsein, welch bizarre Kosmen megalomane Planungsvisionen und ihre Infrastrukturmonstren an vielen Stellen ungewollt geschaffen haben.

 

Stadt als Ort des Geschehens und Akteurin

Drei Filme des Programms machen die Stadt zur eigentlichen Akteurin. Francesco Rosis Le mani sulla città ist eine meisterhafte Auseinandersetzung mit einem Dauerthema der Stadtentwicklung: der Spekulation. Dort, wo Neapels Bebauung ins landwirtschaftlich geprägte Umland ausfranst, schafft Rosi nicht einfach nur eine Bühne für ein sozialpolitisches Drama. Schon mit den ersten Kameraeinstellungen macht er Stadt zu einer Hauptprotagonistin des Films, die sich wie die Bewohnerinnen und Bewohnern im Würgegriff rücksichtsloser Gier befindet. Ladj Ly siedelt Les Misérables in der Perspektivlosigkeit der gewalttätigen und trostlosen Parallelrealitäten von Montfermeil an, die ein kurzsichtiger Städtebau der Spekulation hier wie in anderen Pariser Vorstädten hat entstehen lassen. Christian Schochers Reisender Krieger aus dem Jahre 1981 schliesslich ist eine düstere Odysee durch die Banalität und Schäbigkeit der Orte und Räume, die die hysterische Bauerei in der Schweiz hinterlassen hat – ohne die physische Gewalt der Pariser Vorortsiedlungen zwar, aber von erschütternder Trostlosigkeit.

 

Zukunftsbilder

Drei Filme der Reihe stecken schliesslich den inhaltlichen Raum ab, in dem Film Zukunft verhandelt. Blade Runner 2049 steht für den enorm umfangreichen Korpus von Filmen, die dystopische Alltage in posthumanen Städten der Zukunft mit enormen Aufwand an visuellen und soundtechnischen Effekten inszenieren. Vacancy von Matthias Müller ist eine Montage eigener Aufnahmen in Brasília aus dem Jahre 1998 mit Amateuraufnahmen von der Einweihungsfeier dieser Musterstadt der Moderne im Jahre 1960.

Kamerabewegungen und Verfremdungen von Bild und Tonspur nähern sich Brasília mit einer Melancholie, die sich aus dem heutigen Wissen um das Scheitern solcher Utopien speist. Jacques Tatis Playtime schliesslich spielt in einem imaginierten Paris, in dem moderne Tabula-rasa-Phantasien wahr geworden sind. An die Stelle des alten Paris ist eine graue und uniforme, aber nicht unfreundliche Moderne getreten. Vergangenheit und Zukunft sind hier zum Stillstand gekommen. Menschen wollen, wie Tatis Slapstick zeigt, nicht mehr recht zu dieser aseptischen Welt passen.

Heute wissen wir um die charmante Naivität von Tatis Stadtbild. Die Reihe des Stadtkinos bleibt aber bei einer solchen Diagnose längst nicht stehen. Die Narrative ihrer Filme, die ihnen zu Grunde liegenden Perspektiven und Instrumentalisierungen von Stadt erfassen Lebensrealitäten, analysieren urbane Strukturen und demaskieren Fehlplanungen. Insgesamt erinnern die Filme der Reihe vor allem daran, dass Stadt etwas Grossartiges und Beschützenswertes ist, ihre Beplanung aber immer wieder Gefahr läuft, Dystopien zu schaffen. Sie erinnern «Basel 2050» daran, die Zukunft der Stadt auf jeden Fall als offen, gestaltbar und anpassbar zu verstehen.

 

Angelus Eisinger

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