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Filmreihe

 
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Spiel mir das Lied vom Western 2.0

Oder die Suche nach Authentizität


Sie reiten noch immer in den Sonnenuntergang: die Helden des amerikanischen Weste(r)ns. Doch der ständige Kampf ums Dasein drückt zunehmend auf die Moral. Sie sind menschlicher geworden, weniger mythisch überhöht. Gewalt schmerzt, Blutsbrüderschaften ermöglichen die Überwindung von Gegensätzen, echte Indianer spielen authentische Indianer. Im allgemeinen Gedächtnis lange Jahre nur als Komparsen des Westerngenres präsent, beginnt sich die Darstellung der First People ab 1970 sukzessive zu wandeln. Aus radebrechenden, von geschminkten Weissen mit Langhaarperücke gespielten Rothäuten werden Native Americans, deren Sprache und Lebensart im zeitgenössischen Western auf immer akribischere Weise rekonstruiert werden. Im zweiten Teil unserer «Anthologie des Western» durchstreifen wir die Filmgeschichte von den 50er-Jahren bis in die Gegenwart auf der Suche nach Entwicklungen und Variationen dieses unerschütterlichen Genres.

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Ein besonderes Augenmerk legen wir dabei auf die Darstellung der indianischen Urbevölkerung. Aber auch ein Italo-Western oder manch Klassiker wie The Magnificent Seven oder The Wild Bunch dürfen nicht fehlen.

 

1950 hielt ein neues Bild des «Indianers» Einzug in den Hollywoodwestern. Angeführt von Delmer Daves Klassiker Broken Arrow waren weniger gesichtslose barbarische Krieger auf der Leinwand zu sehen als vielmehr vernunftbegabte Wesen, die gerne in Frieden lebten. Diese «Rückkehr des verschwundenen Amerikaners» (Leslie A. Fiedler) wurde in den 1970er-Jahren durch Western, die den amerikanischen Mythos einer Revision unterzogen, fortgesetzt und erhielt weitere zwei Dekaden später in Kevin Costners epischem Dances With Wolves eine weitere Erfrischungskur. Der Hollywoodwestern war immer ein Spiegel der Selbstvergewisserung der amerikanischen Nation, und im Verhältnis zwischen weissen Siedlern und Native Americans zeigte sich dies in besonderer Weise.

 

Jeff Chandlers Cochise in Broken Arrow ist ein Mann der Tat und umsichtiger Anführer zugleich. Ein Mann, der Respekt einflösst, aber keiner, den man fürchten muss. An seiner Seite der weisse Westerner Tom Jeffords, gespielt von James Stewart, der in den 1950er- und 1960er-Jahren zu einem der wichtigsten Western-Darsteller wurde. Jeffords lernt die Indianer zu respektieren, verliebt sich in die Schamanin Sonseeahray und kann den Hass und Rassismus der Weissen bald nicht mehr ertragen. Die Freundschaft mit Cochise macht aus der Story eine ergreifende Blutsbrüder-Geschichte, die weit in die Mythen des Wilden Westens zurückreicht, zu den «Lederstrumpf»-Erzählungen James Fenimore Coopers in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit dem Trapper Natty Bumppo (Lederstrumpf) und Chingachgook, dem letzten Mohikaner. In diesen aus den verfeindeten Lagern destillierten Verbrüderungen zeigt sich die ganze Tragik der kolonialen Situation. Die Freunde werden zu Unbehausten, immer unterwegs, um zu retten, was noch zu retten ist.

 

Andere Filme der 1950er-Jahre waren noch pessimistischer als Broken Arrow, der die fremde Welt der Indianer in prächtigen Technicolor-Farben in Szene setzt. In dem schwarzweissen Devil’s Doorway (1950) spielt Robert Taylor einen Schoschonen, der sich im Bürgerkrieg verdient gemacht hat, nach seiner Rückkehr aber nur auf Hass stösst. Burt Lancasters Apache (1954) in Robert Aldrichs Film trägt über die gesamte Filmhandlung einen einsamen und vergeblichen Kampf ums Überleben aus. Der Westen trat aus seiner Naivität heraus und stellte die in den vergangenen Jahrzehnten etablierten Mythen und Stereotypen infrage.

 

Die 1960er-Jahre brachten im Hollywoodkino die Selbstrevision John Fords, der mit Cheyenne (1964) alle fragwürdigen Indianerbilder, die er im Verlauf seiner Karriere produziert hatte, wieder wettmachen zu wollen schien. Weiterhin spielten die meisten Hollywoodwestern in der Zeit der grossen Indianerkriege nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. John Sturges ging im legendären Remake von Akira Kurosawas Die sieben Samurai (1954) anders vor. Seine Magnificent Seven verteidigten 1960 ein mexikanisches Dorf vor blutrünstigen Banditen. Die berühmt gewordenen Regisseure der einige Jahre später auf den Plan tretenden Italo-Western wie Sergio Leone, Sergio Corbucci oder Sergio Solima, die sich kritisch mit dem Genre und der Historie auseinandersetzten, verlegten den Western grundsätzlich eher nach Mexiko und in das frühe 20. Jahrhundert, die Zeit der mexikanischen Revolution. Die Helden waren meist gerissene Kopfgeldjäger in einer ganz und gar korrupten Welt, aber mit einem letzten Rest von Moral in den Adern. Native Americans passten nicht in dieses Genre-Konzept.

 

Mit dem Siegeszug des Italo-Westerns geriet der Hollywoodwestern in die Krise. Es begann die Zeit der Dekonstruktion des Genres. Im revisionistischen Western des New-Hollywood-Kinos der späten 1960er- und 1970er-Jahre wurde versucht, das Leben der Native Americans authentischer darzustellen. Grausamkeiten werden dabei nicht ausgespart. So muss der von Richard Harris gespielte mimosenhafte Aristokrat Lord John Morgan in A Man Called Horse (1970) Rituale über sich ergehen lassen, die seinen Körper und Geist an die Grenze der Belastbarkeit bringen. Doch wird er auf diese Weise nicht nur ein gleichberechtigtes Mitglied der Gemeinschaft, sondern auch ein neuer Mensch. Deutlich wird in diesem Film und den beiden Fortsetzungen von 1976 und 1981, dass ein Mittelweg zwischen den Klischees des barbarischen und des noblen Indianers gesucht wurde, um ein möglichst realistisches Bild zu erzeugen. A Man Called Horse und andere Western im Jahr 1970 wie Soldier Blue und Little Big Man erzählen ausserdem ebenso viel von zeitgenössischen alternativen Formen des Zusammenlebens der Gegenkultur und vom Vietnamkrieg wie vom historischen Wilden Westen.

 

Dances With Wolves gilt mit Eastwoods Unforgiven (1992) als Erneuerung des Western. Kevin Costner reaktivierte den epischen Western der grossen Landschaftspanoramen und grossen Gefühle und kombinierte ihn mit einem nahezu ethnologischen, ökologischen Blick auf die Native Americans, die nicht Englisch, sondern ihre eigene Sprache sprechen. Ein Soldat begegnet auf seinem Aussenposten, den er infolge seiner Bürgerkriegserfahrungen für den Rückzug in seine innere Einsamkeit gewählt hat, Migliedern der Sioux, schliesst Freundschaft und verliebt sich in eine als Kind gefangen genommene weisse Frau, die mit den Sioux lebt. Hier an der letzten Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation erlebt der Held noch einmal den Wilden Westen in all seiner Ursprünglichkeit und wird im Erlernen faszinierender Kulturtechniken wiedergeboren.

 

Der Pocahontas-Mythos spielte bereits in Broken Arrow, durch die Liebesbeziehung zwischen Jeffords und Sonseeahray, eine wichtige Rolle. In The New World erzählte Terrence Malick 2005 die zu Beginn des 17. Jahrhunderts spielende Geschichte des englischen Soldaten John Smith und der Häuptlingstochter Pocahontas, indem er dem Mythos seine eigene philosophische und poetische Handschrift einprägte, ähnlich wie er es schon bei anderen historischen Ereignissen amerikanischer Geschichte gemacht hatte (etwa im Kriegsfilm The Thin Red Line). Mehr Historien- und Abenteuerfilm als Western begibt sich Malick in die Frühzeit der Kolonialisierung des nordamerikanischen Kontinents und erzählt in beeindruckenden Bildern, dass der Garten Eden, den die weissen Siedler in Nordamerika immer zu finden hofften, bereits vor der Gründung der USA zerstört worden war.

 

Ebenso wie die Geschichte der Native Americans ist die von Afrikanern eine Geschichte des Kolonialismus und der kolonialen Hegemonialisierung des weissen Mannes. Wurden die einen im Zuge der Eroberung ihres Landes ausgerottet, wurden die anderen in dieses Land verschleppt, um als Sklaven auf den Feldern zu arbeiten, die den globalen Kapitalismus eingeleitet haben. Im Western wurde diese Historie so gut wie ausgeblendet. Mit Django Unchained (2012) gelang es Quentin Tarantino auf furiose Weise, diese Geschichte mit zahlreichen Verweisen auf den Western und das Blaxploitation-Genre der 1970er-Jahre zu erzählen, die aus der Sicht von Afroamerikanern erzählt waren.

 

Die Faszination am Western ist – da dürfen wir uns nichts vormachen – auch eine Faszination an Gewalt. Aber das ist auch bei Homer und Shakespeare so. Die Geschichte der Unterdrückten in diesem Genrekosmos ist eine Geschichte der Gewalt. Es kommt darauf an, wie sie in Szene gesetzt wird. Mit Bildern, die uns überwältigen, Konflikten, die uns mitfiebern und Figuren, die uns mitleiden lassen – und Musiken, die uns für immer in Erinnerung bleiben.

 

Thomas Klein

 

Diese Reihe entstand in Zusammenarbeit mit dem Cinephilen und Western-Kenner Daniel Gautschi.

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