GREAT EXPECTATIONS
BRITISH POST WAR CINEMA
Kino als identitätsstiftende Kraft, Kino als Neubeginn. Die diesjährige Locarno-Retrospektive «Great Expectations – British Postwar Cinema» eröffnete ein facettenreiches Panorama des Lebens in Grossbritannien in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Von der heiteren Komödie bis zum düsteren Gangsterfilm erzählen die zeitgenössischen Werke von den alltäglichen Kämpfen, von Humor und Hoffnung, von Verunsicherung und neuer Orientierung. In der Auswahl des Stadtkino Basel werden aus der Locarno-Retrospektive neben Klassikern renommierter Regisseure auch weniger bekannte Genre-Meister:innen zu entdecken sein. Ergänzend zeigt das Stadtkino zwei überragende Ealing- Komödien und legt einen Fokus auf das Frühwerk von Michael Powell und Emeric Pressburger. Populäre Unterhaltung trifft hier auf künstlerische Innovation.

NACH DEM KRIEG: DAS BRITISCHE KINO ZWISCHEN NACHT UND MORGEN
Majestätisch und wie schwerelos liegt die Kathedrale von Canterbury im Sonnenschein, in den Gärten von Kent, inmitten einer englischen Landschaft, die typischer nicht sein könnte. In Michael Powells und Emeric Pressburgers Kriegsfilm A Canterbury Tale (1944) dient die Kathedrale als zentrales Symbol für den Kampf um die Befreiung der Welt von den Nationalsozialisten, für eine kulturelle Kontinuität, die die Jahrhunderte überdauert, und für die spirituelle Erneuerung nach Jahren des Krieges. Während viele Kriegsfilme wegen ihrer propagandistischen Botschaft heute eher als historische Dokumente taugen, gewinnen die Filme von Powell und Pressburger mit den Jahren, da sie die Frage nationaler Identität subtil behandeln. Die Drehbücher des ungarischen Juden Pressburger begreifen Identitätsbildung als einen Prozess der Selbsterkenntnis, der sich im Kontakt mit dem anderen ereignet. Und letztlich kommt es nicht darauf an, woher man kommt, sondern ob man moralisch auf der richtigen Seite steht. Welche Seite das ist, wird in Filmen wie A Canterbury Tale, The Life and Death of Colonel Blimp (1943) und A Matter of Life and Death (1946) fantasie- und humorvoll ausgelotet. Es ist die Seite der Freiheit, der Menschlichkeit und der Fantasie, wo kleine Leute oder Ausländer:innen zu Helden werden können, während sich Vertreter des Establishments diskreditieren, weil sie glauben, die Wahrheit gepachtet zu haben. «A little magic» wollte Pressburger in seinen Filmen unterbringen, und dies gelingt dank der kongenialen Partnerschaft mit dem Regisseur Michael Powell, der Pressburgers originelle Stories und vielschichtige Charaktere brillant ins Bild setzt. Trotz der Lebensfreude, des Charmes und Humors, die Pressburgers Geschichten prägen, konnte er den Traumata des Holocaust jedoch nicht entkommen, und nach dem Krieg, im Wissen um das volle Ausmass der Katastrophe, beginnen Powell und Pressburger tragischere Töne anzuschlagen. In Black Narcissus entfaltet sich in prächtigem Technicolor symbolisch das Ende der alten Welt des britischen Empires. In einem windigen Palast am Fusse des Himalaya kämpft eine Gruppe von englischen Nonnen darum, ihren Glauben zu leben und einer wenig beeindruckten lokalen Bevölkerung die Segnungen der Moderne zu bringen. Obwohl das Filmwerk von Powell und Pressburger einen festen Platz in der britischen Filmgeschichte hat, fremdelte das englische Publikum doch bisweilen mit Handlungen, Figuren und einer ins Fantastische ausgreifenden Bildsprache, die ihre ästhetischen Wurzeln in Kontinentaleuropa hat. Dies ist nicht nur Pressburger zuzuschreiben, sondern auch Powell, der teils in Frankreich das Regiehandwerk lernte, und einer Reihe von europäischen Meistern ihres Fachs wie dem Designer Alfred Junge und dem Kameramann Erwin Hillier. Gemeinsam schenkte das Team, das sich in Anlehnung an die überlegenen englischen Bogenschützen des Mittelalters «The Archers» nannte, dem Publikum Momente der Magie.
Zutiefst «englisch» sind dagegen die Produktionen der Ealing Studios, die in den frühen Nachkriegsjahren eine Reihe von Filmen produzierten, vorzugsweise Komödien, die unbestritten zu den Klassikern des britischen Films gehören – etwa Kind Hearts and Coronets (1949) oder The Ladykillers (1955). Zusammen mit den frühen Powell- und Pressburger-Werken ergänzen diese eine Auswahl aus der von Ehsan Khoshbakht kuratierten Retrospektive des Locarno Film Festivals «Great Expectations – British Post War Cinema (1945-1960)». Der Kurator, Autor und Ko-Direktor des Il Cinema Ritrovato-Festivals in Bologna konzentrierte sich in seiner 45 Werke umfassenden Reihe ganz auf zeitgenössische Filme, welche die Suche einer Nation nach Identität widerspiegeln – manchmal düster und grüblerisch, manchmal urkomisch und bissig. Sichtbar werden in all diesen Werken die unmittelbaren Nachkriegsjahre als Zeit zwischen Nacht und Morgen, die zurückblickt auf die Herausforderungen und das Lebensgefühl einer Bevölkerung im Krieg und voraus auf eine mehr als ungewisse Zukunft. Im Zweiten Weltkrieg war die Zivilbevölkerung stärker aktiv in die Kriegsführung eingebunden als je zuvor, was in Grossbritannien in der Propagandaidee des «people’s war» zum Ausdruck kam. Hier wird die gesamte Bevölkerung zu einer verschworenen Gemeinschaft, in der jeder an seinem Platz für den Sieg arbeitet. Es war eine progressive Idee, die dem Land 1945 einen Erdrutschsieg der Labour Party bescherte, eine Erweiterung des Bildungssystems und ein kostenloses Gesundheitssystem für alle. Viele Filme der Kriegs- und frühen Nachkriegszeit inszenieren die Idee des «people’s war», so etwa Passport to Pimlico (1949), wo eine kleine Gemeinde mitten in London ihr Recht auf Selbstbestimmung gegen die Ordnungsmacht durchsetzt und dabei solidarisch von den Menschen in der Umgebung unterstützt wird. Solche Solidarität feiert auch Whisky Galore! (1949), wo sich eine verschworene Gemeinschaft auf einer kleinen schottischen Insel höchst kreativ gegen die Rationierung des «Lebenswassers» zur Wehr setzt und den Spassverderbern vom Zoll ein Schnippchen schlägt. In solchen Komödien kommen die Held:innen aus dem Volk und die Bildsprache ist realistisch, auch wenn die Handlungen teils ins Bizarre abgleiten. Die Gemeinschaft wird visuell auch dadurch beschworen, dass die Bilder fast zu klein scheinen für all die Menschen, die sich darin drängen, in Pubs und Hinterzimmern, an Tischen und, in Passport to Pimlico, in der kriegsversehrten Innenstadt. Mit dieser optimistischen Vision der Gemeinschaft kontrastieren andere Filme wie Odd Man Out (1947), Brighton Rock (1948) und Pool of London (1951), die den Existenzkampf schonungslos mit Rückgriff auf die Ästhetik des «film noir» ins Bild setzen. Brighton Rock führt in die Welt der Bandenkriminalität und Pool of London ins Milieu des Londoner Hafens, wo Seeleute und andere vom Schicksal Vergessene sich in kriminelle Aktivitäten verstricken, um sich ein Auskommen zu sichern. Es ist der Blick von unten auf eine Gesellschaft, in der Egoismus und Rassismus herrschen. Besonders schonungslos wird dies dargestellt in Odd Man Out, einem Meisterwerk des Regisseurs Carol Reed, das thematisch und cineastisch bereits auf The Third Man (1949) vorausweist. Ein aus dem Gefängnis ausgebrochenes IRA-Mitglied tötet bei einem Überfall einen Mann und wird selbst verletzt. Aus seiner Perspektive erleben wir die nachfolgende Jagd durch die dunklen Strassen von Belfast. Die Stadt ist voll von Spitzeln, Feiglingen und Spinnern, die sich an dieser Jagd beteiligen. Es treibt sie allerdings nicht moralische Überzeugung, sondern die Gier nach der ausgesetzten Belohnung. In dieser schäbigen Nachkriegswelt ist sich jede:r selbst der Nächste. Die Aufbruchstimmung des «people’s war» weicht nach und nach der Ernüchterung über die Langsamkeit der Erholung und die Beharrungskräfte des Establishments. Diese Beharrungskräfte sind auch Gegenstand der berühmten Ealing-Comedies Kind Hearts and Coronets und The Ladykillers, die beide von dem grossartigen Schauspieler Alec Guiness getragen werden. Ein junger Emporkömmling, der Herzog von Chalfort werden will, räumt nach und nach seine hochwohlgeborenen Verwandten aus dem Weg, allesamt verkörpert von Guiness und an Borniertheit und Dummheit kaum zu überbieten. Dass er sich dann doch in seinem eigenen Netz verfängt, hat hauptsächlich mit den Notwendigkeiten der Filmzensur zu tun. 1949 scheint es fast, als zerbrösele das morsche Gebilde dieser Adelsfamilie von selbst. 1955, in Ladykillers, will es allerdings einer Ansammlung von Ganoven nicht gelingen, eine alte Dame beiseite zu schaffen, die wie ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert wirkt. Die Filme fühlen den Puls eines Landes, das 1951 wieder zu einer konservativen Regierung zurückgekehrt war. 1953 endete die Rationierung von Lebensmitteln, die junge Königin Elisabeth II. bestieg den Thron, und Fernsehgeräte hielten Einzug in die Wohnzimmer der Menschen. Der Film Simon and Laura (1955) von der Regisseurin Muriel Box, ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Backlash. Die Boulevardkomödie zeigt die Verwicklungen bei der Produktion einer BBC-Fernsehserie über die (angebliche) Musterehe eines Schauspieler:innenpaars. Simon and Laura inszeniert das Private in selbstreflexiver Auseinandersetzung mit dem neuen Medium. Die Nachkriegszeit ist vorbei, und mit ihr die Hoffnung vieler Menschen auf einen radikalen Neuanfang und eine moderne Spiritualität. Die Kathedrale von Canterbury steht noch da, wo sie immer stand, doch wer hört noch ihre Glocken?
Ina Habermann ist Professorin für Englische Literatur seit der Renaissance. Zu ihren Interessensgebieten zählen Shakespeare und die frühe Neuzeit, schweizerisch-britische Beziehungen, Literatur und Film in der Zwischenkriegszeit und im Zweiten Weltkrieg, Kulturtheorie und Gender Studies. Bei Manchester University Press erschien jüngst ihr Buch «Wartime cinema, Englishness and Propaganda – Michael Powell and the ‹Pressburger Touch›».
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