SÜDAMERIKA
DIKTATUR UND GEDÄCHTNIS
Das ikonische Bild von Che Guevara, die grosse Literatur eines García Márquez: In den 1970er-Jahren wurde Südamerika zur Projektionsfläche linker Sehnsüchte im Westen. Zudem rückten spektakuläre Grossveranstaltungen wie die Olympischen Spiele oder die Fussballweltmeisterschaft den Kontinent in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Doch hinter dem Glanz entfalteten sich tiefgreifende Umwälzungen: Viele Länder wurden von Militärdiktaturen erschüttert. Bis heute setzen sich Filmschaffende und Schriftsteller:innen intensiv mit dieser Epoche auseinander – mit ihren offenen Wunden und ihrem langen Nachhall. Sichtbar wird in ihren Werken, was verborgen, verleugnet oder ausgelöscht wurde – aber auch Widerstand, gelebte Solidarität und der unbedingte Zukunftsglaube.
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Die Filme der Reihe «Südamerika – Diktatur und Gedächtnis» werfen einen neuen Blick auf politische, soziale und historische Bewegungen – auf Dynamiken von Zerstörung und Wiederaufbau, Flucht und Exil, Spurensuche und Erinnerung. Ihre thematische Vielfalt und Heterogenität lassen sich am treffendsten mit Begriffen wie Übergang, Prozess oder Werden beschreiben.
Wenn wir von Übergang sprechen, verstehen wir Bewegung nicht aus einer äusseren Perspektive – also nicht als zurückgelegte Strecke eines Körpers im Raum oder als Abfolge chronologisch erzählter Ereignisse –, sondern aus dem gegenwärtigen Moment heraus, in dem die Situation erlebt wird. Ein Übergang oder ein Werden steht immer in Beziehung zu einer Vergangenheit und einer Zukunft, in Spannung zwischen beiden. Dies gilt für die Geschichte, aber auch für jedes Leben, für jedes Ereignis, so unscheinbar es auch sein mag. Die Beziehung, die sich in der Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zukunft entfaltet, zeigt beide nicht als fertige, gegebene, vollständig festgelegte Zeiten. Sie müssen stets neu zusammengesetzt werden.
So begibt sich Alicia, die Geschichtslehrerin und Adoptivmutter in La historia oficial (1985) auf die Suche nach ihrer Vergangenheit – eine Vergangenheit, die unter der Oberfläche der «offiziellen Geschichte» Argentiniens verborgen liegt. Sie ahnt, dass ihre Tochter bei der Geburt entführt wurde, und beginnt zu recherchieren. Sie durchforstet Archive und Krankenhäuser, sucht die Nähe zu den Madres der Plaza de Mayo – eine ikonisch gewordene Bewegung von Müttern, die auf diesem Platz in Buenos Aires unerschrocken eine Aufklärung der Umstände ihrer «verschwundenen » Kinder (Desaparecidos) unter der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 einforderten. Eine Begegnung ermöglicht Alicia, die verschüttete Vergangenheit zu erkennen und die Tiefe des Schmerzes über das Verschwindenlassen, die Entführungen und den systematischen Raub von Babys nachzuempfinden. Sie formt ein neues Bild der Vergangenheit für ihre Gegenwart. Die gefundene Wahrheit hat für das Verhältnis zu ihrem Umfeld direkte Konsequenzen.
Die Vergangenheit ist im Wesentlichen eine Verschwundene – sie ist nicht einfach gegeben, sie hat keinen Körper, bis man sie buchstäblich ausgräbt und meist nur einige Knochen oder Überreste findet.
Der chilenische Filmemacher Patricio Guzmán begann bereits im Jahr 1972 mit einer Trilogie über den Arzt und Politiker Salvador Allende, der von 1970 bis zum Militärputsch am 11. September 1973 Präsident von Chile war. In La batalla de Chile (1975) stellt Guzmán den Militärputsch nicht als spontane Handlung oder als logische Kette unausweichlicher Ereignisse dar, sondern als etwas, das gemacht wurde und auch anders hätte verlaufen können – eine Sichtweise, die derzeit in der politischen Lage Chiles wieder an Bedeutung gewonnen hat. Das Horten von Lebensmitteln, die Streiks und Sabotageakte gegen die Regierung sowie die Finanzierung paramilitärischer Gruppen oder antidemokratischer politischer Organisationen durch die USA sind die verborgenen Kräfte des Prozesses, der zum Staatsstreich führte.
Jean-Luc Godard schlug vor, dass sich jede politisch engagierte Person die grundlegende Frage stellen muss: «Comment ça va?» Wie funktioniert der Prozess, der das Resultat verhüllt, der aber in ihm begraben liegt? In État de siège (1972) verhört die linksgerichtete Guerillaorganisation der Tupamaros den CIA-Agenten Santore, um seine Beteiligung an Folterausbildungen in Uruguay ans Licht zu bringen, während er darauf besteht, dass es sich dabei nur um «Einzelfälle» gehandelt habe. Kurz darauf, am 27. Juni 1973 findet in Uruguay tatsächlich ein Staatstreich statt, der den Beginn der zivilmilitärischen Diktatur markierte.
In diesem Kino des Übergangs, der Prozesse und des Werdens kommt der Zukunft eine zentrale Bedeutung zu. Und vor allem auch an die Zukunft zu glauben, ihr zu vertrauen – selbst wenn zunächst wenig dazu Anlass gibt; denn letztlich endet glücklicherweise jede Diktatur. Pablo Larraíns ¡No! (2012) ist ein gutes Beispiel für ein radikales Bekenntnis zur Zukunft. Nicht indem die Vergangenheit vergessen würde, sondern indem sie gezielt beiseite gelassen wird. Sein Film beschreibt mit fiktiven Personen und unter Zuhilfenahme von Originalmaterial die Arbeit an der Werbekampagne im Vorfeld des nationalen Referendums im Jahr 1988, das bestimmen sollte, ob der chilenische General und Diktator Augusto Pinochet weiterhin an der Macht bleiben kann. Larraín zeigt, wie man die medialen Waffen des Gegners gegen diesen selbst richtet: keine Archivbilder der Repression, kein Reden über die Verschwundenen oder die Gewalt, sondern der strategische Einsatz elementarer Mittel von Werbung und Marketing. Die Demokratie wird wie ein überlegenes Produkt verkauft – besser als die Diktatur. So wird die Volksabstimmung als blosser Akt einer informierten Konsument:in inszeniert: Die Logik, die die Diktatur selbst eingeführt hat, wird nun gegen sie verwendet.
In Argentina 1985 (2022) schafft das junge, unerfahrene Team des Staatsanwalts eine schnelle und umfassende Aufarbeitung und Anklage der Verbrechen der Diktatur. Die jungen, unerfahrenen und idealistischen Anwälte erreichen die Inhaftierung des argentinischen Diktators Jorge Rafael Videla und seiner Komplizen. Das Schlussplädoyer des Staatsanwaltes gipfelt in dem prägnanten Satz: «Nie wieder», gerichtet an die gesamte argentinische Bevölkerung. Die Zukunft ist keine blosse Fortsetzung der Vergangenheit – und Gerechtigkeit ist ein zentrales Mittel, sie zu gestalten.
Auffallend ist die Bedeutung von Coming-of- Age in den südamerikanischen Filmen über Diktaturen. In Kamchatka (2002) etwa, wo der zehnjährige Sohn während der Tage im Untergrund zusammen mit seinen Eltern die Bedeutung des Widerstands lernt. Einen Akt des beharrlichen Widerspruchs findet sich auch im neusten Film des brasilianischen Filmemachers Walter Salles I’m Still Here (2024), mit dem er die Auswirkungen der von 1964 bis 1985 herrschenden Militärdiktatur am Beispiel einer Familiengeschichte beleuchtet.
Das Kind ist eine privilegierte Figur, denn seine Existenz ist Übergang. In diesem provisorischen Zustand ist das Kind besonders empfindsam und zerbrechlich; es ist fähig, die Situation mit grösster Tiefe und Intensität wahrzunehmen – auch wenn es sie nicht vollständig versteht. So wie es dem Sohn von María in México 86 (2024) ergeht oder Gonzalo in Machuca (2004), der Liebe, Hoffnung und den Schmerz einer durch den Militärputsch zerstörten Zukunft am eigenen Leib erlebt.
Kinderfiguren eröffnen Regisseur:innen zudem die Möglichkeit, im Medium Film dem eigenen vergangenen Erleben nachzuspüren. In Reinas (2024) der peruanisch-schweizerischen Regisseurin Klaudia Reynicke etwa begeben sich zwei Schwestern gemeinsam mit ihrer Mutter auf einen Weg des inneren Exils aus Lima. Damit tragen sie zur Idee eines zukünftigen Volkes bei, das das allgemeine, zugleich aber von das individuell erlebte Exil widerspiegelt.
Guillermo de la Jara, Studium in Dokumentarfilm an der Universidad de Chile. Er lebt und arbeitet als Filmschaffender in Genf.
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