STEVE MCQUEEN
TIME AND EXPERIENCE
Geschichte ist keine ferne Chronik, sondern gelebte Gegenwart. In Steve McQueens Werk reflektiert der Film die Zeit – lässt sie kreisen, berühren und befragen. In Small Axe (2020) und Uprising (2021) ist es das Black British Life zwischen Alltag und politischen Aufbegehren gegen Rassismus und soziale Ungerechtigkeit. In Occupied City (2023) sind es die Spuren von Besatzung, Widerstand und Trauma des Zweiten Weltkriegs in Amsterdam, und in Blitz (2024) der Londoner Luftkrieg aus der Sicht eines Schwarzen Kindes. Die Filmreihe, die in enger Zusammenarbeit mit der Laurenz-Stiftung, Schaulager Basel und dem kunsthistorischen Seminar der Universität Basel entwickelt wurde, fällt mit Steve McQueen: Bass im Schaulager (bis 16. November) zusammen. Sie wird ergänzt durch seelenverwandte Werke und diverse Rahmenveranstaltungen, die vor Augen führen, wie Erinnerung Geschichte lebendig hält und weiterträgt.
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«I just do stuff», sagt Steve McQueen emphatisch, wenn man ihn nach seiner Arbeit befragt. Er ist ein Kunstschaffender, im wahrsten Sinne des Wortes. Einer, der anpackt, was ihn selbst herausfordert, unmittelbar und direkt. Im Zentrum seiner Werke steht eine ehrliche Konfrontation mit der Wirklichkeit. Dafür zwingt er sämtliche Gesetzmässigkeiten an ihre Grenzen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dehnen sich aus und verzerren Sichtweisen, historische und persönliche. Wo Zeit und Erfahrung in seinen Filmen aufeinandertreffen, ändert sich der Blick, sodass die Bilder im Kopf, manchmal im ganzen Körper eine tiefe Resonanz erzeugen.
Nicht selten entwickeln seine Arbeiten, ob Film oder Installation, dabei einen eigenen Rhythmus. Vielleicht das schönste Beispiel dafür sind die fünf Episoden seiner Small Axe- Anthologie (2020) über das Leben, die Musik und den Kampf der britisch-afrokaribischen Community im London der späten 1960er- bis in die frühen 1980er-Jahre. Hier spielt McQueen geschickt die Sounds jener Zeit in den Vordergrund: Blues, Soul und Roots Reggae sind der Motor, das Herz und auch das Blut, das durch die Adern der Figuren fliesst, die in den zum Teil fiktionalen, mal auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichten ihren Platz in einer politisch aufgewühlten Gesellschaft zu behaupten versuchen.
In ihrer subtilen Erzählweise spiegeln die einzelnen Geschichten den Geist ihrer Entstehungszeit besser wider als viele Werke, die unverblümt politisch sein wollen. In Mangrove würde Crichlow am liebsten einfach nur sein westindisches Restaurant in Notting Hill betreiben, sieht sich jedoch irgendwann derart von der Polizei in die Ecke gedrängt, dass er bei den British Black Panthers Unterstützung sucht. Ähnlich vertrackt ist auch das Schicksal des zwölfjährigen Kingsley Smith in Education, der vom britischen Bildungssystem erst vernachlässigt und dann ganz ausgeschlossen wird. Für sie beide wie für alle Figuren, die in Small Axe ins Rampenlicht gerückt werden, kommt irgendwann der Moment, in dem sie sich der Realität stellen müssen. McQueen macht keine Ausnahmen. Seine Kunst ist unbeugsam, aufwühlend und konsequent. Es sind die unbequemen Wahrheiten, die in seinen Werken zum Ausdruck kommen – Konflikte und Ungerechtigkeiten, über die man öffentlich sonst lieber schweigt.
1969 in London geboren, ist McQueen ein Mensch, den im Englischen der Begriff «nononsense » vielleicht am besten beschreibt. Ihm geht es immer nur und ausschliesslich um die Sache, die Auseinandersetzung - und was dabei für jeden Einzelnen innerhalb der Gesellschaft herauskommt. Vermutlich schafft der in seiner Heimat für seine Verdienste längst zum Ritter geschlagene Brite auch deshalb so erfolgreich den heiklen Spagat zwischen Kunstbetrieb und Hollywood. McQueen dreht Oscar-Gewinner wie 12 Years A Slave (2013) über die Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten und inszeniert eindringliche Klangwelten, wie derzeit mit Bass in den Räumen des Schaulager in Basel. Die immersive Licht- und Soundinstallation soll die tran-atlantische Überfahrt evozieren. Für das Projekt hat er sich mit dem amerikanischen Jazz-Bassisten Marcus Miller zusammengetan.
Die wahre Spannbreite seines Wirkens ist schwer greifbar. Klar ist: McQueen liebt – und lebt – den Widerspruch. Dass sich Historie und Heute in seinen Werken ineinander verzahnen und voneinander abstossen, ist kein Zufall. Bereits sein Spielfilmdebüt Hunger (2008) über die Haftzeit des irischen IRA-Mitglieds Bobby Sands baute auf dieses Prinzip. In seinen beiden jüngsten Werken wird der Konflikt noch deutlicher: McQueens monumentale Dokumentation Occupied City (2023) ist eine filmische Meditation über das von den Nazis besetzte Amsterdam, während der Spielfilm Blitz (2024) in klassischen Sepiafarben und aus Kinderaugen von der Zeit während der deutschen Luftangriffe auf London im Zweiten Weltkrieg erzählt. Als der acht Monate lange «Blitzkrieg» im September 1940 mit Angriffen auf die Docks mitten im East End, einem Arbeiterviertel, beginnt, versucht eine alleinerziehende Mutter, ihren Sohn auf dem Land in Sicherheit zu bringen. Doch der Neunjährige lässt sich nicht einfach wegschicken. Trotzig und fest entschlossen, bei seiner Familie zu bleiben, macht er sich auf den Weg zurück in die zerstörte Stadt.
Manchmal bedingen sich die Werke von McQueen sogar untereinander, treten nicht nur in Kontakt, sondern auch ins Gespräch miteinander, wie im Fall der dreiteiligen Doku-TVSerie Uprising aus dem Jahr 2021. Darin erzählen McQueen und sein Co-Regisseur James Rogan die Geschichte um das berüchtigte New-Cross- Feuer, bei dem im Januar 1981 dreizehn junge Schwarze bei einem mutmasslichen Brandanschlag ums Leben kamen. Kurze darauf kam es zu gewalttätigen Aufständen im Südlondoner Stadtteil Brixton und anderen Teilen des Landes. Die Archivaufnahmen jener wutentbrannten Ereignisse wirken im Nachhinein wie ein trotziges Gegenstück zur «Lovers Rock»-Episode aus Small Axe, in der die Freude und Intimität einer Londoner Hausparty in den späten 1970er- Jahren im Kontrast zu den unterschwelligen rassistischen Spannungen und der Gewalt dieser Zeit stehen.
Es ist das Rebellische, dass sich insbesondere in McQueens filmischen Arbeiten immer wieder Bahn bricht. Vorbilder und Referenzen gibt es natürlich, auch wenn sich seine Arbeiten am liebsten nicht nur der Interpretation, sondern auch dem Vergleich mit ähnlich engagierten Regiseur:innen entziehen. Dennoch kommt man, insbesondere wenn es um die Stimmung im Grossbritannien der Thatcher-Ära geht, nicht an Babylon (1980) von Franco Rosso vorbei: Der Süden Londons hat noch nie so trostlos ausgesehen und Reggae, Ska und Dub haben noch nie so rein geklungen wie in diesem wunderbar impressionistischen Porträt über die Erfahrungen einer Gruppe junger Jamaikaner in der Grossstadt – unheimlich aktuell und kraftvoll, auch 40 Jahre später, und vor allem eins: zutiefst menschlich.
Wenn man ihn heute fragt, nennt McQueen selbst noch andere Einflüsse und Personen, die sein Schaffen direkt oder indirekt beeinflussen. John Akomfrahs Film The Stuart Hall Project (2013) über den berühmten Kulturkritiker und Vordenker der Neuen Linken, zum Beispiel. Noch wichtiger ist jedoch Bianca Stigter, auf deren Buchvorlage Occupied City beruht. Sie ist seine enge Kollaborateurin, langjährige Partnerin und künstlerische Seelenverwandte. Stigters eigenes Regiedebüt Three Minutes: A Lenghtening (2021) deutet darauf hin, wie fest die beiden kreativ, intellektuell und emotional miteinander verbunden sind. Dennoch besteht der Film ebenso als eigenständiges Werk. Basierend auf alten Heimvideoaufnahmen des amerikanischen Memoirenschreibers und Autors Glenn Kurtz, rekonstruiert Stigter darin Fragmente der Familiengeschichte seiner jüdischen Vorfahren, nur wenige Monate vor dem Einmarsch der Nazis in das kleine polnische Örtchen Nasielsk.
Was man bei McQueen darüber hinaus immer im Blick behalten muss: In seiner Arbeit als bildender Künstler ist er bereits seit über dreissig Jahren aktiv. 1999 wurde ihm der Turner Preis verliehen. Doch schon die frühen Werke wie seine Uniabschlussarbeit Bear (1993) oder der einem Buster-Keaton-Sketch nachempfundene Kurzfilm Deadpan (1997) sind von einem offenen Dialog zwischen verschiedenen Zeitebenen und Erfahrungen, Medien und kreativen Ausdrucksformen geprägt. 2023 drehte er mit Grenfell ein Mahnstück gegen das Vergessen, das die Überreste des 2017 ausgerannten Londoner Wohnblocks aus der Vogelperspektive zeigt. Für ihn, sagt McQueen, sei das alles dasselbe – Kunst oder Film. In seinen Bildern verschwimmen Rassismus, Sexismus, Gewalt und Zärtlichkeit, Nähe und Distanz. Es ist am Publikum, das Gesehene zu dechiffrieren, die Leerstellen mit Bedeutung zu füllen. Die wesentliche Bedeutung seines Schaffens liegt in der Frage: Wie wichtig ist es, nicht wegzuschauen?
McQueen hat es stets geschafft, in seinen Werken mit einer klaren Bildsprache Dinge zu benennen, die nur ihn und gleichzeitig die ganze Welt etwas angehen. Nur wenn er selbst ausführen soll, was es denn nun genau mit seiner Kunst auf sich hat, ist er zurückhaltend. Denn einer wie er, der nie nach simplen Erklärungen greift, lässt sich unmöglich fassen, nicht in Worte, nicht in Formeln. Schon gar nicht in Kategorien, allein weil in seinen Werken so viel Eigensinn steckt. So viel Charakter. So viel Aufrichtigkeit.
Pamela Jahn ist freie Autorin und Journalistin. Sie schreibt u.a. für das ray Filmmagazin, die Neue Zürcher Zeitung und Filmbulletin. Sie lebt in London und ist dort auch als Übersetzerin und Filmkuratorin tätig.
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