TEHERAN
EINE STADT IM WIDERSTAND
Kino als Akt des Widerstands. Die Reihe «Teheran» entstand vor der jüngsten Eskalation – inmitten eines Regimes, das Proteste blutig niederschlägt, Internetsperren verhängt und Zehntausende ihr Leben verloren. Die Filme der Reihe erzählen von Damentoiletten, in denen geraucht und diskutiert wird; von einer Frau, die vor Gericht dem Richter das Wort abschneidet; von einem Taxi, das zu einer fahrenden Bühne wird, auf der Fremde ehrlich sagen, was sie denken. Und: von durch die Strassen treibenden Körpern und Gedanken, auf der Flucht vor einer Enge, die einem kaum Luft zum Atmen lässt. Seit der Tötung Chameneis und der weiteren Eskalation der Lage hat sich der politische Kontext erneut verschoben. Was als filmische Annäherung an eine bereits zugespitzte Gegenwart gedacht war, erscheint nun in einem neuen, noch dringlicheren Licht.
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«Habt keine Angst, habt keine Angst, wir stehen alle zusammen» war Ende Dezember 2025 und Anfang Januar 2026 landesweit im Iran zu hören, als breite Teile der Bevölkerung auf die Strasse gingen, um sich aus dem erstickenden Würgegriff der Islamischen Republik zu befreien. Es handelte sich um die massivste Protestwelle seit jener Widerstandsbewegung, die 2022 unter dem Slogan «Frau, Leben, Freiheit» nach dem gewaltsamen Tod der kurdischen Iranerin Jîna Mahsā Amīnī im September 2022 losbrach. Diesmal waren es steigende Lebensmittelpreise, die galoppierende Inflation, Wassermangel und viele andere Zuspitzungen, die zunächst die Händler (Bazaari) im Geschäftsviertel Teherans ihre Arbeit niederlegen und protestieren liessen. Mit rasanter Geschwindigkeit schlossen sich Studierende, Arbeiter:innen aus Ölraffinerien und Fabriken, Menschen der verschiedensten sozialen Klassen, Alterskohorten, ethnischen Gruppen und politischen Überzeugungen dem Widerstand an. Es ging und geht der Bevölkerung nicht nur um Regime-Change, sondern um endgültigen, fundamentalen System-Change: ein Niederreissen der gesellschaftlichen Gefängniswände aus Angst, Gewalt und Repression, die ein Grundrecht auf Leben zum Luxusgut werden liessen. In den Tagen zwischen dem 8. und 10. Januar wurde die massive Protestwelle von den Wächtern des Gottesstaates – Revolutionsgarden, Freiwilligenmilizen und Polizei – mit unfassbarer Grausamkeit niedergeschlagen, begleitet von einer wochenlangen Internetsperre. Laut ersten Berichten des Time Magazine wurden über 30.000 Menschen getötet, erschossen, erstochen, zum Teil sogar, als sie verwundet in Spitälern lagen. Es handelt sich um das grösste Blutbad in der modernen Geschichte des Iran. «Wir sind verurteilt, im Todestunnel zu leben», lautet ein Statement von Nasrin Sotoudeh, die sich seit Jahren im Iran für Menschenrechte einsetzt und in Jafar Panahis Taxi Teheran (2015) einen Auftritt als ‹Blumenfrau› hat. Die Islamische Republik hat nicht nur die «politische und moralische Legitimität», sondern auch «ihre soziale Basis verloren» (Navid Kermani). Sie handelt aus Angst vor einer Widerstandsallianz, die seit Jahren anwächst und wütender, entschlossener, geschlossener wird.
Das Stadtkino Basel möchte mit einer Solidaritätsretrospektive den Filmformen dieses Widerstandes eine Leinwand geben. Im Fokus stehen iranische Filme jüngeren Datums, die Teheran als Schauplatz von widerständigen Lebensformen, widersprüchlichen Lebenswelten, fiebrigen Stimmungen und unerschütterlichem Humor zum Thema haben. So vielfältig wie die sozialen Realitäten der 15-Millionen-Metropole sind die Filmstile und -genres, die diese Stadt hervorgebracht hat: Roadmovies und klaustrophobische Familiendramen; sozialkritische wie surreal-poetische Spielfilme; autobiografische Essayfilme und komplexe Verflechtungen von Fakt und Fiktion. Was alle Filme auszeichnet, ist eine faszinierende Rückbindung von Sozialkritik an audiovisuellen Einfallsreichtum.
Hier ist zunächst Regisseurin Rakhshan Banietemad zu nennen, die wichtigste Wegbereiterin eines sozialkritischen Filmrealismus nach der iranischen Revolution von 1979, deren Dokumentar- und Spielfilme zusammengenommen eine vielschichtige Sozialgeschichte Teherans ergeben. Als Schlüsselfilm kann Under the Skin of the City (2001) gesehen werden, Banietemads im armen Süden Teherans angesiedelte Geschichte des Überlebenskampfs einer mutigen «Mamma Tehrani». Der Spielfilm basiert auf jahrelangen Recherchen über häusliche und staatliche Gewalt, aber auch über Formen von Solidarität in prekären Verhältnissen. Solidarität steht auch im Zentrum von Mahnaz Afzalis – an Cinéma-vérité-Traditionen angelehntem – Dokumentarfilm The Ladies Room (2003), der gänzlich im Untergrund entstand. Mit beeindruckender Fragetechnik ist es Afzali gelungen, über mehrere Wochen hinweg das Vertrauen von Sexarbeiterinnen, Heroinsüchtigen und «runaway daugthers» zu gewinnen, die sich auf einer Frauentoilette in einem Park Teherans über Sorgen, Ängste und Gewalterfahrungen – mit viel Selbstironie – frei aussprechen.
Was die jüngeren feministischen Filme aus dem Iran wie übrigens auch aus der iranischen Diaspora verbindet, ist die Suche nach klassenwie generationenübergreifenden Widerstandsgeschichten. Mina Keshavarz etwa stellt sich in ihrem Essayfilm The Art of Living in Danger (2020) vor, im Revolutionsjahr 1979 Seite an Seite mit ihrer verstorbenen Grossmutter zu demonstrieren: «Nurijan, you had passed away by then. And I had not been born yet. We could have protested together for freedom and justice.» Während Keshavarz’ Essayfilm mehrere Generationen über feministischen Widerstand in Kontakt bringt, konfrontieren uns Shahram Mokris Careless Crime (2020) sowie Oktay Barahenis The Old Bachelor (2024) mit unerbittlichen Generationenkonflikten. In Barahenis intensiv gespieltem Familiendrama kämpfen zwei Brüder in einem Haus in Teheran gegen die Herrschaft ihres despotischen, alkoholabhängigen Vaters. Als eine Frau in das Haus einzieht, gespielt von Ausnahme-Schauspielerin Leila Hatami, und der ältere Sohn sich in sie verliebt, eskaliert die Situation. Auch Mokris surrealer, mehrfach geloopter Zeitschleifen-Thriller Careless Crime erzählt von einem Regime, das nicht abtreten will und die jüngere Generation terrorisiert. Vierzig Jahre nach der Revolution planen gottesstaatstreue Männer einen Brandanschlag auf ein Teheraner Kino der Gegenwart, sodass sich eines der grauenvollsten Ereignisse in der ( Kino-) Geschichte des Iran zu wiederholen droht: Schon am 19. August 1978 kam es zu einem verheerenden, islamistischen Brandanschlag auf das Cinema Rex in Abadan, bei dem mehr als 400 Personen zu Tode kamen. Eine teuflische Maschinerie scheint im Gange, die Veränderung nicht zulassen will und die jüngere Generation in Zeitschleifen gefangen hält.
Etwas geradliniger erzählt, aber nicht weniger experimentell ist das urbane Roadmovie Critical Zone (2023) von Ali Ahmadzadeh, der uns die Möglichkeit gibt, einen Drogendealer bei seiner Odyssee durch die Nacht und verschiedenste Teheraner Milieus zu begleiten. Der mit versteckbarer Kamera gedrehte Untergrund- Spielfilm ist formal nicht nur radikal und in seiner Sozialkritik atemberaubend mutig, er enthält darüber hinaus intime Momente menschlicher Fürsorge, die (nicht nur) im iranischen Kino der Gegenwart ohne Vergleich sind. Ikonisch wurde jene Szene, in der sich eine junge Frau ohne Kopftuch aus dem Fenster des rasenden Autos lehnt und der Stadt voller Wut entgegenschreit: «Fuck youuuuu! Yessss! Fuck youuuu!»
Auch wenn das menschenverachtende System im Iran die grausamsten Mittel einsetzt, um die Wut und den Mut der Menschen in Schockstarre zu versetzen, brennt «das Feuer immer noch unter der Erde», wie ein Demonstrant nach dem Massaker meinte. Es werden weitere Funken und wutentbranntere Aufstände kommen. Das iranische Kino ist Teil dieses Feuers. Es bildet den Widerstand nicht nur ab, sondern trägt ihn mit. Der «Zweck der Revolution » ist die «Abschaffung der Angst», hat Theodor W. Adorno in einem Brief von 1936 an Walter Benjamin geschrieben. Der letzte Satz von Mani Haghighis Mystery-Thriller Subtraction (2022), der die harte Klassengesellschaft Teherans in Form einer doppelten Doppelgänger- Geschichte behandelt, kann vor dem Hintergrund dieser Revolutionsauffassung verstanden werden – und soll hier nicht nur das letzte Wort haben, sondern der Solidaritätsretrospektive als Motto voranstehen: «Ich habe keine Angst. Nemitarsam.»
Matthias Wittmann ist Medientheoretiker, Schriftsteller und Kurator. Er lehrte und forschte u.a. in Basel, Wien und Mainz. Derzeit ist er Landis & Gyr-Stipendiat und entwickelt ein Buch mit dem Titel «Salto Desorientale».
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