LEONARDO DICAPRIO
THE NEW DUDE
Kein Spitzname, sondern Programm: «The New Dude» folgt Leonardo DiCaprio und somit einem Kino, welches das Bild des tragischen Helden neu verhandelt. DiCaprios Figuren träumen vom Aufbruch, rennen gegen Wände, verlieren und erfinden sich immer wieder neu. Sie sind Liebende und Hochstapler, (Ex-)Revolutionäre und Getriebene, Täter und Suchende. «The New Dude» ist kein souveräner Held, sondern eine Lebensform moderner Männlichkeit – rastlos, angreifbar, immer auf der Suche nach Freiheit und nach sich selbst. DiCaprio gehört zu den gefragtesten Schauspielern der Gegenwart. Seine besondere Stärke liegt in der Verbindung aus sichtbarer Lust am Spiel, komischem Talent und intensivem körperlichem Einsatz, mit dem er stets neue Höchstleistungen erreicht. Höchste Zeit also, nach One Battle After the Other dem «New Dude» auf den Grund zu gehen!
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DAS KOMISCHE TALENT DES LEONARDO DICAPRIO
Er ist vor der Kamera gross geworden, buchstäblich. Er wollte das nämlich schon immer, schauspielen, und seine Mutter – die Eltern hatten sich im Jahr nach seiner Geburt getrennt – hat ihn von Anfang an unterstützt. Sie hat ihm einen Agenten gesucht, hat ihn zu Castings gefahren und zu den Aufnahmen von Werbespots, mit denen es in aller Bescheidenheit begann. Er war ein hübscher Junge, keck, vielleicht ein wenig vorlaut, unbefangen und für alles zu haben, quirlig. Auf Werbespots folgten Auftritte in Fernsehfilmen und wiederkehrende Rollen in Serien (Parenthood, Growing Pains) und schliesslich reichte es mit den vorbereitenden Fingerübungen und dem Warmlaufen. 1993 legte Leonardo DiCaprio mit seinen ersten grösseren Filmrollen in Michael Caton-Jones’ This Boy’s Life – an der Seite von Robert De Niro – und Lasse Hallströms What’s Eating Gilbert Grape – an der Seite von Johnny Depp – einen fulminanten Karrierestart hin. Seine überaus realistische, tief empfundene Darstellung des geistig herausgeforderten Arnie Grape brachte dem 19-Jährigen die erste Oscar-Nominierung ein, ein halbes Dutzend weitere folgten. Erhalten hat er den Oscar schliesslich 2016 für die Rolle des Trappers Hugh Glass in The Revenant (Alejandro G. Iñarritu, 2015), der den Angriff einer Bärin überlebt und sich ins Leben zurückkämpft, um Rache für den Mord an seinem Sohn zu nehmen.
DiCaprio beweist mit dieser Figur – bei Weitem nicht das erste Mal – auch seine körperliche Einsatzbereitschaft; er ist ein Schauspieler für alle Einstellungsgrössen, hat mimisch einer Grossaufnahme ebenso viel anzubieten wie physisch einer Totalen. Er kann Gefühlszustände über sein Gesicht ziehen lassen, als herrsche gerade ein stürmischer Wind, er hat die Gelenkigkeit eines Harlekins, die Kraft eines Kämpfers und genügend Selbstbewusstsein, sein Talent immer wieder neu aufs Spiel zu setzen. Von Anfang an geht Leonardo DiCaprio volles Risiko, und er musste, auch wenn sich inzwischen kaum jemand mehr daran erinnern mag, viel Häme einstecken. Da erging es ihm wie vielen schönen Männern vor und nach ihm (beispielsweise Brad Pitt und Robert Pattinson), denen Neid und Missgunst Hohn und Spott einbrachten; sie gefielen den Frauen, also konnten sie keine echten Kerle und erst recht keine richtigen Schauspieler sein.
DiCaprio ist im Übrigen, was Marlon Brando hätte werden können, hätte der seinen Beruf nicht derart verachtet. Denn im Unterschied zur semi-verzweifelten Brüterei, die das Schauspiel des Jahrhundertmimen stets grundierte, stürzt sich der Mann in seinen Fussstapfen mit spürbarer Lust in jedes neue Unterfangen. Und seine Freude an der Entfesselung der imaginativen Kräfte, die die Kunst des Kinos ist, teilt sich mit.
Geboren wurde Leonardo Wilhelm – nach seinem Grossvater mütterlicherseits – am 11. November 1974 in Los Angeles als Sohn des Comicbuchautors und -verlegers George DiCaprio – dessen Grosseltern stammten aus Italien – und der früheren Rechtsanwaltsgehilfin Irmelin Indenbirken, 1943 in Oer-Erkenschwick in Nordrhein-Westfalen, Deutschland, geboren. Die öffentlichen Schulen in L.A., die er schliesslich mit einer Art Fachhochschulreife abschloss, besuchte der junge DiCaprio mit eher wenig Begeisterung. Eine klassische, mehrjährige Schauspielausbildung an einer renommierten Institution hat er nicht vorzuweisen. Seinen beruflichen Aufgaben rückt DiCaprio vielmehr mit einer Kombination aus angeborenem Talent und Recherche, Rollen-bezogenen Coachings und Workshops, kollegialer Kollaboration und Herausforderung seiner selbst zu Leibe. Eben deswegen hat man dann auch nicht selten den Eindruck, dass er in und mit seiner Schauspielerei mal wieder eine Grenze überschreitet.
Jüngst als Ex-Revolutionär Bob Ferguson (eigentlich «Ghetto» Pat Calhoun) in One Battle After Another, Paul Thomas Andersons verschärft befreiter Adaption von Thomas Pynchons 1990 erschienenem Roman «Vineland». Ungewaschen, unrasiert und im Bademantel erinnert der verpeilte Bob unweigerlich an Jeff Bridges’ ikonisch gewordenen «Dude» in The Big Lebowski (Gebrüder Coen, 1998). Mit dem Unterschied allerdings, dass Bob, nachdem er von Erzfeind Colonel Steven J. Lockjaw aus dem multitoxischen Gedämmer herausgesprengt wurde, in dem er die vergangenen 16 Jahre im Untergrund verbracht hat, zu erheblicher Geschwindigkeit aufläuft – und DiCaprio auf der Flucht mit ihm zu grosser Form: Ungekannte Höhen des Aberwitzes erklimmend, schafft er einen «New Dude » für das 21. Jahrhundert. One Battle After Another ist satirischer Gesellschaftskommentar und politische Kritik in Gestalt einer gut zweieinhalbstündigen Verfolgungsjagd, im Zuge derer es die Beteiligten auf allen Ebenen gewaltig krachen lassen; als würden DiCaprio, Sean Penn und Benicio Del Toro (die Letzteren agieren in zentralen Nebenrollen) einander zu Höchstleistungen anstacheln; folgerichtig entfallen auf sie auch drei der insgesamt 13 Oscarnominierungen des Films (verliehen werden sie am 16. März 2026 nach Drucklegung dieses Programmheftes).
Unbedingtheit zeichnet den Schauspieler Leonardo DiCaprio von Beginn an aus. Ob ohne seinen und Kate Winslets leidenschaftlichen Einsatz aus James Camerons Titanic jener Mega- Giganto-Blockbuster geworden wäre, der 1997 alle Zweifler eines Besseren belehrte und allein 11 Oscars einfuhr? Zugleich ging der Untergang des Dampfers mit dem kometenhaften Aufstieg des Nachwuchsmimen zum Posterboy und Mädchenschwarm einher. Bereits im Jahr zuvor hatte DiCaprio in Baz Luhrmans respektloser Adaption des Shakespeare’schen Klassikers Romeo + Juliet unter Beweis gestellt, dass er sich wunderbar zum Märchenprinzen eignete. Neben Claire Danes’ elfengleicher Juliet sorgte die engelhafte Schönheit Romeos für beträchtliches Aufsehen. Mit Titanic aber brach eine «Leomania» über den Schauspieler herein, auf die er mit eher ungutem Gefühl zurückblickt.
Unter diesem Aspekt kann das Ehedrama Revolutionary Road (Sam Mendes, 2008), das Winslet und DiCaprio eine Dekade später wieder vor der Kamera vereint, auch als Realitätscheck gesehen werden: als ernüchternder Entwurf einer möglichen Zukunft, in der Jack überlebt und Rose geheiratet hätte. Die andere Seite der Medaille sozusagen, verbunden über die tief berührende, unerschütterliche Solidarität von Kate und Leonardo mit ihren Figuren.
DiCaprio hat sich freigekämpft von klischeehaften Projektionen aller Art. Er hat sich nicht ins Bockshorn jagen lassen und ist nicht in die Falle des Typecasting gegangen. Er fügt vielmehr mit jeder neuen Rolle seiner Darstellungskunst eine Facette hinzu, er erweitert mit jeder neuen Figur seine Bandbreite als Charakterdarsteller; mit jeder neuen Arbeit untermauert er seinen Status als einer der besten Schauspieler seiner Zeit. Er pfeift auf seine Schönheit und er hat nicht das geringste Problem damit, sich lächerlich zu machen. Er hat, wie alle wahrhaft grossen Mimen, die Heldenrolle nicht nötig. Und ja, mitunter tritt in ihm tatsächlich etwas Clowneskes zutage. Die physischen Ausdrucksmöglichkeiten des Komischen – Körperslapstick und Grimassenakrobatik – dienen ihm dazu, unvermutete Seiten oder verborgene Abgründe des betreffenden Charakters aufzuschliessen. Sie sind auch Mittel der Befreiung, insofern sie es ermöglichen, das Monströse so mancher Figur in rezipierbare Form zu bringen.
Zu denken ist hier insbesondere an den sadistischen Sklavenhalter Calvin J. Candie in Django Unchained (Quentin Tarantino, 2012) und an den hedonistisch entfesselten Börsenmakler Jordan Belfort in The Wolf of Wall Street (Martin Scorsese, 2013). Zwei denkwürdig exaltierte Figuren in ebensolchen Filmen, von DiCaprio jeweils hart am Anschlag gespielt, soll heissen: allzeit bereit, vom Exzess in die Explosion überzugehen. Wenn Belfort sich wie ein Wurm einige Stufen herabwindet, die sich in die Unendlichkeit zu erstrecken scheinen, weil er es (mal wieder) mit den Quaaludes übertrieben hat, dann ist das ein hochnotpeinliches Vergnügen. So wie man auch von Candie die entsetzensgeweiteten Augen nicht abwenden kann, als der sich bei seinem schädelkundlichen Vortrag in zunehmender Lautstärke in einen blindwütigen Furor steigert. Das sind Furcht und Schrecken verbreitende Zuspitzungen des Bösen, auszuhalten nur, weil DiCaprio sie auf karikaturistische Höhen treibt und dort verlachbar macht.
Sanft anrührend hingegen arme Tröpfe und komische Käuze wie der abgehalfterte Westerndarsteller Rick Dalton in Once Upon a Time … in Hollywood (Quentin Tarantino, 2019) oder der ins Rampenlicht katapultierte Astronom Dr. Randall Mindy in Don’t Look Up (Adam McKay, 2021). Unverblümt dargestellt in ihrer Fehlbarkeit, die aus ihrer Eitelkeit resultiert, gehen sie eben deswegen auch sehr zu Herzen. Aus ihrer Allzu-Menschlichkeit erwächst ihnen am Ende eine seltsame Art von Heldentum. Das ist so überraschend wie befriedigend – und eine Kunst, die Leonardo DiCaprio meisterlich beherrscht.
Alexandra Seitz ist freie Autorin und Filmkritikerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Wien.
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