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Filmreihe

 

 

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Erich Langjahr

Bilderfinder auf Zeitreisen


Um innere Wahrheiten freizulegen, müssen Filmemacher:innen manchmal besondere Wege gehen. Erich Langjahr findet bildstarke, poetische Wahrheiten seit nun schon 50 Jahren oft an den entlegensten Orten. Auf kargen Berggipfeln, die er auch gerne einmal mit geschulterter Kamera erklimmt, und in verschlungenen Tälern vermisst er die «Schweizer Seele», meist gemeinsam mit seiner Frau Silvia Haselbeck. Seine Filme erzählen vom Verhältnis zwischen Mensch und Natur, im Einklang miteinander und im Widerspruch zueinander, dabei oft humorvoll, aber stets auf Augenhöhe mit den Protagonist:innen, die seine Filme prägen. Während er etwa in Sennen-Ballade kunstvoll und mit präzisem Blick beeindruckende Alplandschaften mit archaischem Bauernalltag verwebt, prägen Filme wie Bauernkrieg schonungslose Bilder einer modernen Hochleistungslandwirtschaft und zeigt Hirtenreise ins dritte Jahrtausend, wie sich Wanderhirten und Autokolonnen kreuzen. Morgarten findet statt und Männer im Ring schliesslich bringen uns Volksrituale nahe, befragen im Hier und Jetzt das Alte für den Weg ins Neue, in die Zukunft. Das Stadtkino Basel widmet dem grossen Dokumentaristen Erich Langjahr eine Retrospektive und präsentiert neben den Langfilmen auch eine bisher seltener gesehene Kurzfilmauswahl aus dem faszinierenden Oeuvre des Innerschweizers, der gleich an zwei Abenden im Stadtkino zu Gast sein wird.

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Wie macht Erich Langjahr einen Heimatfilm? Er nimmt einen Zirkel, schön in der Mitte der Welt, die die eigene ist, und schlägt einen Kreis auf der Landkarte. Da ist ein Boden mit starken Wurzeln. Am Ursprung von Ex Voto (1986) steht, wie schon der Name dieses frühen Leuchtfeuers im langjahrschen Filmkosmos signalisiert, ein Gelübde: das Bedürfnis, die Kindheitsbilder, die einer in sich trägt, wiederzufinden, sie abzurufen und dem Wandel der Zeit auszusetzen. Dem 1944 geborenen Zuger gerät es liebevoll, unsentimental, wahrhaftig und ohne viele Worte. «Wir müssen uns ein Bild machen, um im Bilde zu bleiben», wird Jahre später im Filmessay Für eine schöne Welt (2016) der Künstler Gottfried Honegger sagen. Genau darauf bauen Erich Langjahrs Filme. Sie sind wortkarg wie Bergler. Und bildstark wie Berge. 

 

Ex Voto ist wohl sein persönlichstes Werk, eine Hommage an «seine» Moränenlandschaft zwischen Reuss- und Linthgletscher, auf deren Gupf, dem Gubel, ein Franziskanerinnenkloster steht. Dort oben wird in wehender Ordenstracht gemäht und wird Tag und Nacht gebetet für die Bewahrung des katholischen Vaterlands. Diesem setzen nicht nur mächtige Schaufelbagger zu, die das Landschaftsrelief ummodeln werden, um Kies zu gewinnen. Shopping Malls fressen sich in die Wiesen, Greifarme schütteln die Kirschenernte brutal von den Stämmen, und Motocrosspiloten rasen über Dreckpisten, dass die Schollen fliegen. Und durch all diese Bilder stakst an ihrem Stecken singend Frau Hegglin durch Wald und Flur, über Rolltreppen und Feldwege, andächtig vor einer Madonna am Wegrand und ganz irdisch, wie sie im Garten einem Chüngel den Garaus macht: «Es mues jetzt eifach sii». Die Bauersfrau erweist sich als schrullige, aus der Zeit gefallene und doch gegenwärtige Ciceronin durch den Film. Ähnlich, wie später auf der Rigi der Bauer und Arbeiter Märtel Schindler mit seinem Urbart den Mythos der Zentralschweizer Bergikone lebt und für die Touristenmassen auf der Sonnenterrasse kein Auge hat (Mein erster Berg, 2012).  

 

Erich Langjahr beobachtet so lange von aussen und sammelt Bilder, bis er aus dem Innern erzählen und das Gefundene zusammenfügen kann – man könnte auch sagen: in der Art, wie dieses sich zusammenfügen will. Es bedeutet zunächst nichts denn schlichte Geduld wie im Kurzfilm Justice (1973), der an der Zürcher Bahnhofstrasse einen Strassenmusiker und die Passanten beobachtet. Nur dass Bilder allein noch kein «Bild» ergeben. Freizulegen sind in der Komposition, in der Montage die Bilder hinter den Bildern. Gleichnishaft mag die Studie Unter dem Boden (1992) dafür stehen: Archäologen entlocken mit Schaber und Pinsel der Erde, was vor 7000 Jahren unsere Vorfahren hinterlassen haben, und puzzeln Urgeschichte zusammen. Jedenfalls «muss man gar nicht immer so viel erfinden», meint der Bilderfinder Langjahr im Gespräch, «sondern schauen, wo etwas in der Anlage schon ganz dicht ist, und sich dort bewegen – und dann passieren die Geschichten aus der Wirklichkeit heraus».

 

Zur Geduld – die er als sein eigener Produzent, Regisseur, Autor, Kameramann, Cutter und selbst Verleiher bis heute endlos aufzubringen scheint – braucht es natürlich auch Glück. Erich Langjahr hat beides. Er ist nebenher ein Muldengänger, der in dem, was wir leichtfertig entsorgen, Trouvaillen birgt. Und im alten Luzerner Tätschhaus aus dem 17. Jh., wo die Langjahrs in Root inmitten von Betonblöcken wohnen, haben sie ein Museum eingerichtet: «Am Alten interessiert mich der Weg ins Neue hinein», in die Zukunft, sagt er. Es ist die Haltung, die in seinen Filmen Tradition vor dem bloss Musealen rettet und neu zum Leuchten bringt. Und zum Befragen von seiner Gegenwart aus.

 

Nun wird dieses ethnografische Befragen im Film mit der Zeit ebenfalls historisch, so, wie es im langen Erstling Morgarten findet statt (1978) seinerseits angelegt war: In ihre «Reportage» nämlich von der damaligen Innerschweizer Schlachtenfeier hatten Langjahr und Co-Regisseur Beni Müller alte Wochenschau-Ausschnitte und Szenen aus dem Filmklassiker Landammann Stauffacher eingefügt. Gut vierzig Jahre ist nun ihr Film alt – er unterliegt inzwischen also einem mehrfachen teleskopischen Blick. Überraschendes Resultat: Mental erscheint alles noch immer so urvertraut wie Äonen fern.   

 

Vergleichbar hatte 1989 «Männer im Ring», das Porträt der ausserrhodischen Landsgemeinde von Hundwil, der Restschweiz einen Blick in archaische Gegenwart und in die überforderte männliche Seele einer Region gegönnt, als den Frauen auch hier das kantonale Stimmrecht zugestanden wurde. Heute lacht oder lächelt es sich da noch schneller ob dem Honoratiorenzeremoniell und knorrigen Heimatseelendiskurs «en (swiss-)miniature». Aber: Der Filmer hält es souverän in Schach durch seinen Fokus auf den fast heiligen Ernst der jährlichen Inszenierung. Denn das kluge, gmögige Langjahr-Lachen ist in seinen Filmen nie ohne Empathie, nicht einmal dort, wo das Zelebrieren wie beim Schweizbesuch der englischen Queen 1989 (im Kurzfilm Made in Switzerland) durch die Montage so prächtig ad absurdum geführt wird. Oder wo er sich in seinen Kurzfilmen auch gerne anarchisch verspielt bis bissig gibt.

 

Die Reibung von Tradition und Moderne als zentrales Thema dieses Œuvres prägt namentlich die gewichtige «Bauerntrilogie» unter dem Motto «zum 150. Geburtstag der modernen Schweiz»: In Sennen-Ballade (1996) fasziniert ungebrochen der eingehend neugierige Blick in den harten Alpalltag und seine Rituale. In Bauernkrieg (1998) ist die Transformation zur modernen Hochleistungslandwirtschaft in teils drastische Bildfolgen gebannt: das Prozedere künstlicher Besamung, die buchstäbliche Pulverisierung von Tierkadavern zu Futtermehl – es fällt schwer, sich nicht abzuwenden … Beim hiesigen Publikum mit über 45’000 Eintritten zum grossen Erfolg geworden ist schliesslich Hirtenreise ins dritte Jahrtausend (2001). Da spiegelt sich der Jahreszyklus der biblisch anmutenden Transhumanz von Herden und Schäfern in stoischer Langsamkeit gegen unsere motorisierte Zeit.

 

Apropos: «Ein Film muss nicht schnell sein», sagt Erich Langjahr, «er kann auch langsam sein, aber er muss einen Rhythmus haben.» Darin liegt das formale Geheimnis seiner Filme (wie ja eigentlich aller Filme). In seinem frühen Broterwerb nach der Chemielaborantenlehre hat er in Industriefilmen gelernt, Abläufe so zu montieren und zu veranschaulichen, dass man sie gleich zu verstehen glaubt – wie virtuos, zeigt im Paradox eines geduldigen Zeitraffers sein bislang letztes Werk, die Langzeitstudie Das Rössli, die Seele eines Dorfes (2018) über die Restaurierung und Wiederbelebung eines alten Gasthauses in Root. Intim haben seine Frau Silvia Haselbeck und er in Geburt (2012) jener privaten «Stunde Null» nachgespürt, in der die Zeit selbst es ist, welche den Beginn eines neuen Menschenlebens diktiert und so das innere und äussere Zentrum auch des Films setzt. 

 

Zeitreisen zu den Wurzeln sind diese Filme alle. Sie sprechen uns an, weil sie dadurch Zeit gewinnen, dass sie sich Zeit nehmen. Es sind keine Reisen über die Zeit hinweg, sondern in die Zeit hinein, will sagen in unsere Erfahrung von Zeit. Zeit wird so erlebbar in den Bildern und ebenso in den Klängen, den vielschichtig natürlichen und den urtümlich musikalischen eines Mani Planzer oder Hans Kennel, mit denen Silvia Haselbeck am Ton den Bildraum der Filme wesentlich mit konstituiert und verdichtet. Im Traditionsritual des Wildheuens am 1. August in Alpine Saga. Das Erbe der Bergler (2006), in den stotzigen Planggen hoch über dem Talgrund des Muotathals ist es zum filmischen Juwel geworden. 

 

Vor der Montage-Virtuosität der jüngeren Filme hatte Ex Voto noch etwas an sich von einem schönen Rohdiamanten. Aber: Dramaturgisch bekräftigte sich darin schon hier, wie trotzig «Heimat» heute sich in Widersprüchen (entgegen volksparteilichen Inszenierungen) zu behaupten hat. In der mutigen filmischen Hingabe an diese Widersprüche konnte sich einer wie Erich Langjahr (am Ende von Ex Voto) ohne Pathos die Liedstrophe zu rezitieren leisten, die wohl den meisten von uns so nicht mehr leicht über die Lippen ginge:  «Ich bin ein Schweizerknabe, und hab die Heimat lieb». 

 

Martin Walder war Redaktor mit Schwerpunkt Film bei NZZ, Radio DRS2 (SRF Kultur) sowie NZZ am Sonntag und lebt in Genf. Er ist Autor der Monografie "Claude Goretta: Der empathische Blick" (Schüren 2017). 

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