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Filmreihe

 

 

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Amazonas

Im Dschungel der Gefühle und Geschichten


Unentwegtes Schwirren und Zirpen, wundersames Pfeifen und Heulen, plötzliche Stille: Schon alleine über das Ohr ziehen die Filme dieser Reihe uns mit einem einzigartigen Soundtrack in den Bann des Dschungels, der sich mit eindrucksvollen Bildern des Kulturraums Amazonas verbindet. Ein Raum, der vielfältige Zugänge bietet: voller affektgeladener, mitunter geisterhafter Eindrücke, die zum Träumen anregen und zu spirituellen Erfahrungen animieren. Ein Abenteuerraum, der zum Entdecken einlädt und für die westliche Kultur stets zu erschliessendes Faszinosum war und ist – sei es durch die spanischen Konquistadoren des 16. Jahrhunderts in Aguirre, Der Zorn Gottes oder durch heutige Dschungel-Touristen in The Birdwatcher. Und ein reichhaltiger Lebensraum für indigene Kulturen, deren Geschichten, geprägt vom Zusammenspiel mit der Natur, gerade heute viel über die Sichtweise auf die Welt lehren können (u.a. The Last ForestForest LawForest Mind). Die Amazonas-Filme erzählen nicht zuletzt vom Aufeinanderprallen dieser Geschichten mit dem westlichen Eroberungsdrang, vom Kampf gegen die Zerstörung einer Lebensgrundlage, auch von den Erfolgen gegen diesen Versuch kultureller Aneignung. Das Stadtkino lädt zusammen mit Culturescapes dazu ein, mit einer Filmauswahl in den facettenreichen Erlebnisraum Amazonas einzutauchen. 

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Manchmal braucht es nicht viel, um von einer Zeit in eine andere zu wechseln. Unsere Träume besitzen diese besondere Kraft. Im Kino genügt ein Schnitt. Dazwischen kann eine ganze Ewigkeit liegen oder auch nur ein Tag. Für Karamakate, den einsamen Schamanen in Ciro Guerras El abrazo de la serpiente (2015), ist es ein ganzes Leben. Er ist der letzte Hinterbliebene des Cohiuano-Volkes, der im Jahr 1909 als junger Mann am Ufer des Flusses steht, um die beiden Eindringlinge zu vertreiben, die sich in sein Land vorgewagt haben. Ein deutscher Anthropologe und sein einheimischer Begleiter ersuchen ihn, er möge sie durch den Dschungel zu einer mythischen Pflanze namens Yakruna führen, deren Wirkkraft den kranken Forscher angeblich vor dem Tod retten kann. Karamakate sträubt sich zunächst, einem der «weißen Dämonen» zu helfen, die seit dem Eintreffen der ersten Europäer so grosses Unheil über die Menschen des Amazonas gebracht haben. Erst nachdem der Fremde in ihm die leise Hoffnung schürt, in den Tiefen des Regenwaldes noch andere Überlebende seines Stammes zu finden, willigt er ein. Als einen Schnitt und beinahe ein halbes Jahrhundert später der amerikanische Botaniker Evan ebenfalls in einem Kahn auf Karamakate zusteuert, sind sein grosses Wissen und alle Erinnerungen längst aus seiner gebrochenen Seele gewichen. Eine neue Reise beginnt, in der sich Vergangenheit und Gegenwart in den Strömungen des Flusses winden und in betörend schönen Bildern von gestochenem Schwarzweiß zu einem psychedelischen Trip ans Ende der Nacht verschmelzen. 

 

El abrazo de la serpiente war der Film, mit dem Guerra 2015 einen der letzten weißen Flecken auf der Kino-Weltkarte auf neuartige, aufregende Weise ins Bewusstsein rief. Anders als die großen Abenteuerfilme der siebziger und achtziger Jahre wie Werner Herzogs Aguirre, der Zorn Gottes (1972) oder The Emerald Forest (1985) von John Boorman betrachtete der kolumbianische Regisseur Ankunft und Vordringen der weissen Einsiedler und Eroberer in die Amazonasregion nicht aus der Perspektive der Zerstörer, sondern mit den Augen der Indigenen. Sein Oscar-nominiertes Werk entstand in der Provinz Vaupés im Osten Kolumbiens: ein unerschlossenes Gebiet im Herzen des Urwalds, in dem zahlreiche kleine Stämme angesiedelt sind. Und es enthält alles, was die Filme des Amazonas insgesamt so magisch und kraftvoll, so rätselhaft und besonders macht: die Reibungen zwischen den Kulturen der europäischen Eindringlinge und der indigenen Völker, ihre Mythen, Rituale und Selbstverständigungen, aber auch die unaufhaltsame Zerstörung und der Kampf der Stämme um den Erhalt ihres kostbaren Lebensraums. Claude Lévi-Strauss prägte auf seinen Reisen ins Innere Brasilien dafür einst den Begriff «traurige Tropen». Doch die Filmemacher, die sich damals wie heute in die entlegenen Gebiete des Amazonas vorwagen, zeigen mehr als den Horror, das Grauen, die schmerzliche Wahrheit. Ihr Werke ermöglichen sowohl einen dokumentierenden als auch den fantastischen oder schrägen Blick, wie etwa in The Whisper of the Jaguar (2018), der in mutigen, poetischen, oftmals betörend freien und neugierigen Bildern vom Rausch der Jugend, dem Anderssein, der Sexualität, dem Verlust sowie der Suche nach Identität im heutigen Brasilien erzählt.

 

Hypnotisch ist dabei ein Wort, das sich durch alle Werke zieht, wie der mächtige, unberechenbare Fluss, an dem ihre Geschichten oftmals angesiedelt sind. Gebannt folgt man in Marco Bechis The Birdwatcher (2008) dem Spektakel gleich zu Beginn, in dem eine Gruppe von Menschen vermeintlich von einem feindlichen Angriff der Ureinwohner am Waldrand überrascht werden. Doch ihre Pfeile landen im Wasser. Das Schauspiel ist inszeniert, eine Touristenattraktion. Aber was bleibt der kleinen Indigenen-Gruppe von Guarani im brasilianischen Mato Grosso do Sul übrig, als sich den dummen Ideen der Weissen zu fügen, nachdem sie zuvor ihr Land an die Grossgrundbesitzer abgeben mussten und nun die Not und Brutalität der modernen Welt zu spüren bekommen. Die Konflikte, die sich aus der Verdrängung der Ureinwohner ergeben, die Wut und die Verzweiflung, all das spiegelt sich in den aufgeladenen Geschichten wider, die daraus entstehen. So zeugt auch Monos (2019) des Kolumbianers Alejandro Landes, in dem eine Bande von minderjährigen Guerillakämpfern für den Umsturz trainiert, bis ein tragischer Unfall die Gruppenloyalitäten auf fatale Weise infrage stellt, von einer Intensität und Leidenschaft, die den Film mit seiner imposanten Bild- und Tonsprache zu einer eindringlichen Erfahrung der Sinne, Emotionen und Instinkte macht. Verstärkt wird die Wirkung in beiden Fällen von dem einzigartigen Soundtrack des Dschungels, dem unentwegten Schwirren und Zirpen, das sich selbst im tiefsten Dunkel der Nacht im Ohr wie in der Erinnerung festsetzt.

 

Eine Erzählung über indigene Kultur ist heute notwendigerweise eine Erzählung ihrer fortschreitenden Vernichtung, ebenso wie ein Porträt des mitunter durchaus erfolgreichen Widerstands. Die filmischen Essays Forest Law (2014) und Forest Mind (2021) der Schweizer Videokünstlerin Ursula Biemann geben darüber ebenso Auskunft wie The Last Forest (2021) des Brasilianers Luiz Bolognesi, der in einer bestechenden Mischung aus dokumentarischer Beobachtung und szenischen Reenactments einen sinnlichen Einblick in die Welt des Amazonasvolkes der Yanomami gewährt. Neben Ausflügen in ihre Träume und Rituale stehen immer auch ihr großes Wissen um die Intelligenz der Natur sowie der unermüdliche Kampf der indigenen Menschen für den Erhalt ihres kostbaren Lebensraums im Mittelpunkt des Geschehens. Die Künstlerin Maya Da-Rin geht noch einen Schritt weiter, indem sie den indigenen Hafenarbeiter in Manaus in ihrem Debütfilm A Febre (2019) mit einem seltsamen Fieber belegt, das ihn immer wieder aus der Realität reisst und mit düsteren Gedanken und den alten Gespenstern des Dschungels konfrontiert. Vision und Wirklichkeit verschmelzen in seinen von der Krankheit berauschten Gedanken, nehmen ihn mit in die Vergangenheit, in die Heimat und auf die Jagd nach einem unbekannten Tier. Wachzustand und halluzinogene Fantasien sind plötzlich nicht länger getrennte Erfahrungen, sondern zwei ebenbürtige Wahrheiten, so wie es den Mythen der indigenen Kultur entspricht.

 

Konträr zu den traumartigen Visionen in den dokumentarischen Ansätzen der jungen Generation von Filmemacher:innen steht Felix Speisers früher Dokumentarfilm Yopi. Chez les Indiens (1924/45), der ganz in der Begeisterung und dem Entdeckergeist des Basler Ethnologen aufgeht. Speiser hatte damals beschlossen, seine Expedition an den Amazonas eine «kinematographische» werden zu lassen, um ein lebendiges Bild von den bereits damals aussterbenden Stämmen zu erhalten. Der berühmte deutsche Anthropologe Dr. Theodor Koch-Grünberg stand ihm dabei beratend zur Seite. Neunzig Jahre nach Speisers Film greift auch Guerra in El abrazo de la serpiente (2015) die Schriften Koch-Grünbergs auf und holt damit nicht zuletzt die ewige Faszination für die Erforschung des magisch-fremden Lebensraums ins Kino zurück.  

 

Der unergründliche Amazonas mit all seinen Schluchten und Geistern, aber auch die blosse Naturgewalt, die dahintersteckt, die atemberaubende Schönheit und Notwendigkeit, die er für die Völker bedeutet, sowie die leise Erkenntnis über das unermessliche Potenzial, das in der Sichtweise der indigenen Kulturen auf die Welt liegt, all das findet seine Entsprechung auf der Leinwand und wird dem wahren Wunder doch nie ganz gerecht. Die Gefahr, sich im Rausch und im Mythos zu verlieren, ist gross, und dennoch mag man nicht davon lassen. Es sei denn, man ist so sehr dem christlichen Glauben verpflichtet wie Jeremy Irons frommer Pater Gabriel, der in Roland Joffés The Mission (1986) mit religiösem Eifer die Indianer des Guarani-Stammes zu gottesfürchtigen Menschen zu erziehen versucht. Aber auch hier stehlen die prächtigen Impressionen des südamerikanischen Dschungels, nicht nur wegen der berühmten Iguazú-Wasserfälle, selbst Hollywoodgrößen wie Robert De Niro und einem jungen Liam Neeson die Show. Am Ende genügt ein Schnitt, um uns aus den Tiefen des Regenwaldes ins Hier und Jetzt zurückzuholen. Der Reiz des Fremden und die betörende Kraft der Bilder voller atemberaubender Landschaften wirken umso länger nach.

 

Pamela Jahn ist Autorin und Filmjournalistin. Sie schreibt u.a. für das «ray Filmmagazin», für «Sight & Sound», «FAQ» und das «Electric Sheep Magazine». Sie lebt in London und ist dort auch als Filmkuratorin tätig.

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