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Filmreihe

 

 

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Reisen ohne Koffer packen

30 Jahre trigon-film


Basel und Rodersdorf waren ihre Ausgangspunkte, den Süden und den Osten hat sie nach wie vor im scharfsichtigen Auge: die Basler Stiftung trigon-film. Sie hatte ihr erstes Büro in Trämli-Reichweite im solothurnischen Rodersdorf. Seit dreissig Jahren engagiert sie sich dafür, dass bei uns das Filmschaffen aus der ganzen Welt wahrgenommen wird und die Leinwandfenster in alle Himmelsrichtungen offen stehen. In der Kollektion trigon-film sind mittlerweile 535 Filme aus 96 Ländern greifbar, 326 Titel sind auf DVD herausgebracht worden, mehr als 200 Filme auf VoD anzuschauen.

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Eine weltweit einzigartige Sammlung und ein Engagement für die kulturelle Vielfalt. Das Stadtkino Basel gratuliert herzlich zum Jubiläum und lädt mit einer feinen kleinen Auswahl von 13 trigon-Filmen ein zu einer Reise um die Welt. Koffer müssen keine gepackt werden, aber Entdeckungen oder Wiederbegegnungen der siebten Art sind auf der Reise garantiert.

 

Der Film erblickte 1895 das Licht des Projektors. Zu den frühen Versuchen gehören Einminüter, die von Kameraleuten aus Europa in aller Welt aufgenommen wurden. Rasch war in der neuen Ausdrucksform klar, was der Filmkritiker André Bazin auf den Punkt bringen sollte: Die Leinwand ist «ein Fenster zur Welt». Nur: Obwohl schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in aller Welt Filme entstanden, dauerte es lange, bis man auch in unseren Breitengraden mehr als die eigenen nordwestlichen Werke wahrzunehmen begann. 1988, das Jahr, in dem in Basel die Stiftung trigon-film lanciert wurde, gab es kaum Filme aus Lateinamerika, Afrika und Asien in den hiesigen Kinos. Der Filmkritiker der ehemaligen «Nationalzeitung», Bruno Jaeggi, wollte dies ändern und Filme aus Afrika, Asien und Lateinamerika in die Schweiz holen, die er an Festivals zu sehen bekam. Weil die Verleiher kein Interesse zeigten, gründete er kurzerhand einen Verleih, um «langlebige Grundlagen zum Kulturaustausch im Kinobereich zu schaffen». Die Stiftung trigon-film wurde zur Wegbereiterin und hat von Anfang an den Anspruch gehabt, die Filme nicht nur in die Kinos zu bringen, sie sollten auch publizistisch begleitet und vertieft werden. Heute, dreissig Jahre später, gehören Filme aus der ganzen Welt zum Angebot in Kinos, die Wert legen auf Vielfalt und auf Qualität. Und weil trigon-film nicht nur etwa 15 neue Filme pro Jahr herausbringt, sondern auch Klassiker pflegt und die vermittelten Filme weiter verfügbar hält, lassen sich so schöne Reihen zusammenstellen wie diese des Stadtkino Basel.

 

Die Reise beginnt in Italien mit Ettore Scolas C'eravamo tanto amati, einer Liebeserklärung ans Kino, in der ein Filmkritiker eine Hauptrolle und Persönlichkeiten des Films wie de Sica, Fellini oder Mastroianni sich selber spielen. Über die Türkei geht sie weiter in Richtung Osten, denn Reise zur Sonne von Yesim Ustaoglu (1999) setzt in Istanbul an und bewegt sich am Ende in die kurdischen Berge. Eine Reise um die Frage von Identität im eigenen Land. Während der Protagonist hier im Zug unterwegs ist, spielt in Urga von Nikita Michalkow 1991 ein russischer Lastwagenfahrer die Hauptrolle. Ihn lässt eine Panne in der mongolischen Steppe in der Jurte einer Familie stranden. Allein diese drei Filme machen schon deutlich, wie intensiv uns Kino in einen anderen Lebensraum versetzen kann. Geradezu meditativ geschieht das in einem der drei erfolgreichsten Filme der trigon-film-Kollektion: Warum Bodhi-Dharma in der Osten aufbrach vom Südkoreaner Yong-Kyun Bae (1989). Wenn es einen Film gibt, der uns das Wesen des Buddhismus näher bringen kann und uns in seine Gedankenwelt hinein einlädt, dann dieses mit dem Goldenen Leoparden preisgekrönte Meisterwerk.

 

Auf unserer Reise ohne Koffer sind wir inzwischen in China angelangt, wo in den 1980er-Jahren eine neue Generation mit frei erzählenden Arbeiten und Themen verblüffte. Das chinesische Kino hat einen eigenen Autorenfilm entwickelt, der das Augenmerk auf den real existierenden Alltag legte und Spielfilme hervorbrachte, die sich auch vor politisch heiklen Themen nicht scheuten. Unser Beispiel stammt aus der gigantischen Handelsmetropole am Huangpu, wo Haolun Shu (2011) in Shanghai, Shimen Road in den Alltag eines typischen Wohnviertels blickt und von aussen her das 89er-Massaker am Tian’anmen in Beijing hereinscheinen lässt. Ostwärts übers Meer erreichen wir im Pazifik die Südseeinsel «Tanna», auf der die Australier Martin Butler und Bentley Dean 2015 eine Romeo-und-Julia-Geschichte mit der lokalen Bevölkerung inszenierten, vor der prachtvollen Kulisse eines vulkanischen Eilands. Nun springen wir auf einen weiteren Kontinent: westwärts nach Afrika. Der Senegalese Moussa Touré bringt 1998 eine Handvoll Zeitgenossen auf eine erlebnisreiche Fahrt von Dakar (Senegal) durch Gambia nach Conakry (Guinea-Bissau) in einem Bus, der mit «TGV» angeschrieben ist und dessen Fahrer sich Rambo nennt. Streitend, neckend und lachend fährt die zufällige Gesellschaft von einer augenzwinkernden Anspielung zur nächsten. Nördlicher liegt im Maghreb eine traditionsreiche Kinoregion, und der Tunesier Nacer Khemir zählt zu ihren wichtigen Figuren. In dem 2005 in den Wüsten von Tunesien, Libyen und dem Iran gedrehten Spielfilm Bab’Aziz bringt er uns die Gedankenwelt der Sufis über die Begegnung eines Mädchens mit einem alten Mann näher und über sie einen friedfertigen Islam.

 

Eine letzte Ozean-Querung führt uns nach Lateinamerika, wo mit El viaje (1992) von Fernando Solanas und La vida es silbar (1998) von Fernando Pérez zwei der erfolgreichsten Filme aus der Kollektion trigon-film herkommen – sie lockten je über 100’000 ZuschauerInnen in die Kinos. Wie die meisten Werke in diesem Geburtstagsprogramm liegen auch diese beiden in restaurierter Fassung vor. Für La vida es silbar hat trigon-film das Negativ aus Havanna in die Schweiz geholt, um auf der Basis des Ursprungsmaterials mit privater Unterstützung eine digitale Fassung herstellen zu können. Während dieser Film uns in Kubas Hauptstadt Havanna das Träumen lehrt, bricht in El viaje ein Junge im südlichsten Patagonien auf, um seinen Vater zu suchen. Dabei durchquert er den ganzen Kontinent und seinen magischen Realismus. Langsam neigt sich unsere kleine Weltreise ihrem Ende zu. Alicia Scherson führt uns in einem Naturpark im Süden von Santiago de Chile noch vor Augen, wie innovativ das junge chilenische Kino ist. Turistas (2010) gehört zu den überraschenden Perlen des Kontinents. Folgt man dem Kompass in Richtung Norden den Anden entlang, erreicht man das Bergland Ecuador und den erfolgreichsten Film des Landes, Qué tan lejos von Tania Hermida (2006), ein Roadmovie mit zwei jungen Frauen, die eine auf der Suche nach dem verlorenen Geliebten, die andere nach touristischen Sights. Sie merkt bald einmal, was wir in all diesen Filmen auch zu spüren bekommen: Die entscheidenden Erfahrungen im Leben und im Kino spielen sich nicht an Hotspots ab, das Wasser ist nahe der Quelle frischer als im Mainstream.

 

Was könnte uns am Ende den bleibenden Wert von grossartigen Filmen eindrücklicher vor Augen führen als ein Klassiker, der seine Zeit definitionsgemäss so überlebt hat, dass er zeitlos geworden ist? Wir haben uns hier für den kubanischen Spielfilm Memorias del subdesarrollo von Tomás Gutiérrez Alea entschieden, der 1968 und also vor genau fünfzig Jahren der damals noch jungen Revolution den Puls gemessen hat. Vielleicht wäre Kuba heute an einem anderen Punkt, hätten seine Regenten das Kino, das sie förderten, ernster genommen. Memorias del subdesarrollo wurde von der Cineteca Bologna restauriert und digitalisiert und gehört zu den Highlights des «World Cinema Projects» von Martin Scorsese. Die Stiftung trigon-film betreut diese einzigartige Kollektion seit 2018 für den deutschsprachigen Raum. – Auf eine anregende Reise allerseits, ohne Koffer, aber rund um die Welt!

 

Walter Ruggle

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