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Charles Burnett und die L.A. Rebels


«Man kann leicht argumentieren, dass er der talentierteste und wichtigste schwarze Filmemacher ist, den dieses Land je hatte. Aber die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass Sie noch nie von ihm gehört haben», so der amerikanische Filmkritiker Jonathan Rosenbaum. Die Rede ist von Charles Burnett – und diese Wahrscheinlichkeit wollen wir ändern! Sein Debütwerk Killer of Sheep (1978) gilt als Meilenstein des afroamerikanischen Films. Zusammen mit Haile Gerima (Bush Mama, 1979), Billy Woodberry (Bless Their Little Hearts, 1983) oder Julie Dash (Illusions, 1982) zählt er zu den Schlüsselfiguren der sogenannten L.A.-Rebellion-Bewegung schwarzer Studenten an der UCLA Film School, die in den 70er-Jahren nach alternativen Ausdrucksformen schwarzer Identität suchten – fern von Blaxploitation und den üblichen Hollywoodstereotypen.

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Geprägt von der Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre und inspiriert vom italienischen Neorealismus entwarf Burnett in kraftvoll-poetischen wie sozialkritischen Milieustudien sein eigenes, unverzerrtes Bild der schwarzen Community in den USA. Obwohl seinem schmalen, aber umso beeindruckenderen Œuvre der grosse Erfolg versagt blieb, wirkt sein Schaffen bis heute nach. Wenn schwarze Independent-Produktionen wie der Oscar-Gewinner Moonlight oder der dieses Jahr nominierte Hale County This Morning, This Evening langsam im Kinomainstream ankommen, spiegelt sich in ihnen deutlich das Erbe Burnetts und der L.A. Rebels.

 

Charles Burnett ist zweifellos der bedeutendste und begabteste schwarze Filmemacher der USA – und doch ist er bis heute eine Art Geheimtipp geblieben. Zwar ist sein Spielfilmdebüt Killer of Sheep (1978) im Laufe der Dekaden mehrfach als Schlüsselwerk von Amerikas Black Independent Cinema wiederentdeckt worden und geniesst unter Cinephilen längst den Ruf eines Klassikers, aber breite Bekanntheit hat ihm das nicht gesichert. Als Abschlussfilm von Burnetts Studium an der UCLA Film School muss Killer of Sheep im damaligen Gegenwartskino wie ein regelrechtes UFO gewirkt haben: Trotz Preisen auf Filmfestivals wie der Berlinale und Sundance (bevor es Sundance hiess) wurde der Film jedoch nach seiner Fertigstellung nicht regulär verliehen.


Burnetts ungewöhnliche Karriere blieb von vergleichbaren Kalamitäten überschattet. Sein gerade für das unabhängige US-Kino enorm einflussreicher Einstand war der Auftakt zu einer schmalen, aber einzigartigen Serie von Filmen. Dennoch blieb Burnett der grosse Erfolg bei der (kontemporären) Kritik und im Mainstream-Kino versagt, der Vertreter späterer Generationen wie Spike Lee zu Haushaltsnamen werden liess. Vielleicht hat es genau mit dem zu tun, was Burnetts filmisches Werk so aussergewöhnlich macht: Es passt in keine Schubladen und ist nicht einfach «vermarktbar». Burnetts Verweigerungshaltung gegenüber kommerziellen Schablonen schlägt sich dabei vor allem in der vielschichtigen Zeichnung von Figuren nieder. Statt das Publikum mit simplen emotionalen Bögen und wiedererkennbaren Charaktertypen auf ausgetretene Pfade zu führen, lädt er dazu ein, faszinierend widersprüchliche Menschen durch komplexe Lebenswelten zu begleiten, die einen noch lange beschäftigen. Jeder seiner Filme ist eine aufregende Entdeckungsreise durch genau beobachtete (und fast immer schwarze) Milieus, die mit einer unaufdringlichen, aber anspielungsreichen Poesie gestaltet sind.
Burnett wurde 1944 in Vicksberg, Mississippi geboren und übersiedelte als Kind mit seinen Eltern nach Los Angeles in den (zu 99% schwarzen) Stadtteil Watts. Als Student an der UCLA Film School wurde er zur Galionsfigur der später als L.A. Rebellion bezeichneten Bewegung schwarzer Studenten, die nach alternativen Ausdrucksformen für ein neues Selbstbewusstsein suchten, geprägt von der Bürgerrechtsbewegung und dem politischen Aufbegehren der 1960er – insbesondere die Watts-Unruhen von 1965 und ihre Niederschlagung wurden zum Schlüsselereignis. Vorbilder fand man im italienischen Neorealismus, aber auch in den Experimenten des europäischen Autorenfilms und des revolutionären Dritten Kinos, mit dem vor allem in Lateinamerika und Afrika Regisseure wie Glauber Rocha, Tomás Gutiérrez Alea oder Ousmane Sembène antikolonialistischen Protest und neue filmische Ausdrucksweisen verbanden. Über Burnetts bemerkenswerte Studentenkurzfilme führt ein direkter Weg zu Killer of Sheep, der mit nachgerade ethnografischer Dichte das Leben eines schwarzen Schlachthausarbeiters und seiner Familie in Watts beschreibt, wobei vor allem die Freizeitaktivitäten im Vordergrund stehen.
Das Resultat wirkt streckenweise fast dokumentarisch, obwohl es Burnett in mehrjähriger Arbeit (und auf der Basis von Storyboards) nach sehr genauen Vorstellungen gestaltete: als leise lyrisches Filmgedicht, das den damaligen Filmformeln von black cinema – entweder schöngefärbter Sozialrealismus oder blaxploitation – eine machtvolle Absage erteilte. Zu handverlesener Musik zeichnete Burnett den Ghetto-Alltag fernab von romantischer Verklärung und falschem Miserabilismus: Obwohl Armut regiert, ist das humanistische Bild der Gemeinschaft so liebe- wie humorvoll. Während er mit Killer of Sheep den harschen Lebensbedingungen eine (vermeintlich «kleine») Grossstadtsymphonie abrang, unterstützte Burnett in wesentlichen Funktionen viele seiner UCLA-Kollegen bei weiteren langen wie kurzen Hauptwerken der L.A. Rebellion: Haile Gerimas Bewusstseinsstrom-Frauenporträt Bush Mama (1979) – soulful and angry –, Billy Woodberrys punktgenaue Schilderungen des afroamerikanischen Proletariats oder die bestechenden frühen Filme von Regisseurinnen wie Alile Sharon Larkin und Julie Dash.


Burnetts zweiter Langfilm My Brother’s Wedding (1983) entstand dann mit deutschem und englischem (Fernseh-)Geld und erwies sich als schwierige Produktion: Der Laien-Hauptdarsteller kündigte wiederholt und Burnett musste schliesslich unter Zeitdruck einen Rohschnitt abliefern, der auf wenig Resonanz stiess. (Erst 2007 konnte er seinen Director’s Cut anfertigen.) Dabei bewies die Tragikomödie erneut Burnetts genauen Blick und seine Begabung als Geschichtenerzähler, der aus dem scheinbar Nebensächlichen und Alltäglichen packende Konstellationen zu formen weiss, ohne melodramatische Übertreibungen zu bemühen. Diesmal hat die Hauptfigur die Chance, dem Ghettoleben zu entkommen: Das Familiengeschäft der Eltern verspricht eine abgesicherte Mittelklasse-Existenz, doch es zieht ihn zu den alten Freunden und Bekannten – das Dilemma wird zur Krise, als die Hochzeit des Bruders und das Begräbnis des besten Freundes gleichzeitig stattfinden. Burnett orchestrierte das Ensemblespiel mit einer an John Cassavetes erinnernden Glaubhaftigkeit und Frische, aber im Kern leistete er beinharte Gesellschaftsanalyse.


Erst 1990 konnte er mit To Sleep With Anger wieder einen Film realisieren, der aus seinen Erinnerungen an die schwarze Folklore des Südens gespeist war. Dank der Besetzung der Hauptrolle mit Danny Glover (eben durch die Lethal Weapon-Filme zum Star geworden) konnte Burnett erstmals unter professionellen Bedingungen arbeiten: Glover spielt – mitreissend – einen alten Freund aus dem Süden, der unerwartet bei einer Familie in Los Angeles auftaucht, die sich ein gutbürgerliches Grossstadtleben aufgebaut, aber die alten Gewohnheiten nie ganz abgelegt hat – darunter den Glauben ans Übernatürliche. Der ungebetene Besucher wird zur dämonischen Wiederkehr des Verdrängten: Hinter seiner zunächst gewinnenden Art offenbart sich Beunruhigendes und lässt einen schon lange schwelenden Generationenkonflikt ausbrechen. Die romanhafte Tiefe von Burnetts Erzählkunst findet in der Komplexität der Charakterzeichnung, dem subtilen schwarzen Humor und der Vieldeutigkeit von To Sleep With Anger ihren reichsten Ausdruck: Letztlich geht es um das ganze Erbe der schwarzen Erfahrung, historisch wie emotional.
Inzwischen als Burnetts «zweites Meisterwerk» gepriesen, fand der Film damals beim Publikum kaum Beachtung. Und auch sein nächster Anlauf wurde vom Studio versenkt: Für die Weinstein-Firma Miramax hatte Burnett einen waschechten Genrefilm gedreht und zugleich seine offensiv politischste Intervention: The Glass Shield (1994) – kurz nach den zweiten grossen Watts-Unruhen wegen des Rodney-King-Urteils in Angriff genommen – erzählte nach einem wahren Fall von Korruption und Rassismus im LAPD (Los Angeles Police Department). Der erste schwarze Neuzugang und die einzige Frau (Lori Petty) – obendrein Jüdin – im Department werden als «automatische» Aussenseiter zu Verbündeten, als sie in einen dubiosen Fall verwickelt werden, der den O.J.-Simpson-Prozess vorwegnimmt. Obwohl Miramax eine Abmilderung des Finales erzwang, lässt die zornige Deutlichkeit von The Glass Shield wenig zu wünschen übrig: Burnetts kühne Genre-Inszenierung paart sich dabei mit seiner charakteristischen Faszination für Widersprüche und Ironien.

 

In gewisser Weise hatte Burnett ähnliche Schwierigkeiten mit dem Hollywood-System wie sein Protagonist mit dem LAPD. Unterschlupf fand er zusehends im Fernsehen, wo er zum Beispiel für Martin Scorseses Serie The Blues mit Warming By the Devil’s Fire (2003) seinen Interessen für die Wurzeln im Süden und für schwarze Geschichte sowie seiner Liebe zur Musik nachgehen konnte. Sein einziger weiterer Kinofilm blieb ein namibisches Nationalepos über den jahrzehntelangen Unabhängigkeitskampf: Namibia: The Struggle for Liberation (2007) hat einen Untertitel, der Burnetts eigenen Kampf zu beschreiben scheint – und wurde erneut kaum wahrgenommen. Dennoch wirkt Burnett weiter, mit Kurzfilmen und TV-Produktionen – aber vor allem in den Werken anderer. George Washington (2000), das unabhängige Debüt des jetzigen Hollywood-Starregisseurs David Gordon Green (zuletzt: Halloween) wirkt wie eine magische Fusion aus frühem Terence Malick und dem Einfluss von Killer of Sheep. Auch Barry Jenkins hat Burnetts Frühwerk als wichtiges Vorbild für seinen Oscar-Sieger Moonlight (2016) genannt, aber dessen freier Geist schwebt vor allem über einer der Entdeckungen des Vorjahres, Hale County This Morning, This Evening (2018). Es ist mehr als überfällig, dass Charles Burnett nicht bloss ein Geheimtipp bleibt.

 

Christoph Huber

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