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Filmreihe

 

 

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Anna Karina

Strahlendes Gesicht der Nouvelle Vague


Charmant, charismatisch und unverwechselbar verzaubert Anna Karina bis heute ihr Publikum. Sie gilt als Muse von Jean-Luc Godard, der sie unter einer Wolke von Seifenschaum entdeckte. Zusammen drehten sie nicht weniger als acht Filme, darunter der wohl leichtfüssigste Film der Nouvelle Vague Une femme est une femme, in dem sie als hitzköpfige Burlesquetänzerin die Beziehungsordnung zwischen Mann und Frau auf den Kopf stellt. Aus der Reihe zu tanzen scheint überhaupt ein Merkmal all ihrer Figuren zu sein. So sprengt sie als sinnliche Natacha die düstere und streng kontrollierte Logik von Alphaville, verführt den gelangweilten Schriftsteller Griffon in Pierrot le fou zu einer grotesken Zivilisationsflucht und prangert in Jacques Rivettes La religieuse als unfreiwillige Nonne die Missstände der Kirche an. Und dann ist da natürlich die unvergessliche Tanzsequenz aus Bande à part, in der uns Karina beweist, dass Coolness und Verführung nahe beieinanderliegen.

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In liebevoller Erinnerung an die kürzlich Verstorbene widmet das Stadtkino Basel der unvergesslichen Anna Karina eine Retrospektive, in der ihr neu restauriertes Regiedebüt natürlich nicht fehlen darf. Auf der Suche nach der eigenen Stimme erntete die schillernde Ikone der 60er Jahre mit Vivre ensemble trotz kleinstem Budget grösste Anerkennung.


Was für ein Name! Anna Karina – eine Welle sanfter Konsonanten, auf der vier klare «A»s tanzen. Und was für Augen! Riesig, dunkel, unergründlich. Die ganze Welt scheinen diese Augen verschlingen zu können; in Wahrheit verhält es sich dann aber eher umgekehrt und die, die durch diese Augen in die Welt blickt, wird von ihr verschlungen. Anna Karina, eines der bekanntesten Gesichter der französischen Nouvelle Vague. Ein Gesicht, das grosse Fröhlichkeit und Lebensfreude zum Ausdruck bringen kann. Ebenso wie tiefe Melancholie, Traurigkeit, ja Verzweiflung. Und auch ein verschmitztes Gesicht, eines, in dem hintergründige Gedanken hausen, die Doppelbödigkeit, das Zögern, die leichte Verunsicherung, das mutwillig Schelmische. Je länger man in dieses Gesicht hineinschaut, umso geheimnisvoller schaut es zurück. Ist Anna Karinas Gesicht das ultimative Gesicht der Frau? Jener Frau, die den Männern immer wieder Rätsel aufgibt und die auch sich selbst ewig eines bleiben wird? Verkörpert sie das ewig Weibliche vor dem Hintergrund der Aufbruchsturbulenzen der 1960er Jahre? Eine Frau noch zwischen den Stühlen: den Ruf der zweiten Frauenbewegung vernehmend und Emanzipationsbewegungen versuchend, und dabei doch noch romantisch vom Märchenprinzen träumend, von der grossen Liebe und vom Glück. Und eben deswegen so gefährdet und in ihrer Stärke zugleich so verletzlich.


Geboren wurde Anna Karina als Hanne Karin Blarke Bayer am 22. September 1940 in Solbjerg nahe Aarhus in Dänemark. Der Vater verliess die Familie bald nach Hannes Geburt; das Mädchen wuchs zunächst bei den Grosseltern, dann in Pflegefamilien auf, schliesslich kehrt es wieder zur Mutter zurück, versteht sich jedoch nicht mit dem Stiefvater. Eine lieblose Kindheit sei das gewesen, erzählte sie rückblickend, und mehrfach sei sie von zu Hause weggelaufen. Bereits als Jugendliche tritt Hanne in Kabaretts auf und arbeitet als Mannequin, mit 17 macht sie sich endgültig selbstständig, geht nach Paris und beginnt als Model zu arbeiten. Unter anderem für Coco Chanel, die ihr ihren so schönen, klaren Künstlerinnennamen gibt. Auch in verschiedenen Werbespots tritt Anna Karina auf, und ein solcher ist es, der schliesslich Jean-Luc Godard ins Auge sticht: Darin liegt die Schöne in einer von Seifenschaum bedeckten Badewanne, und nackt ist sie nur in Godards Vorstellung. Gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten ist der Filmemacher gerade dabei, dem französischen Kino frische Impulse zu versetzen, die sich binnen Kurzem auch auf das Weltkino auswirken werden - und die aus Anna Karina eine Ikone der 1960er werden lassen. Godard überträgt der jungen Frau eine Rolle in seinem (nach À bout de souffle, 1960) zweiten Film Le petit soldat. Der allerdings wird, wegen des darin kritisch thematisierten Algerienkrieges, von der Zensur erst 1963 freigegeben und sorgt sodann für heftige Kontroversen. Ihr Leinwanddebüt erlebt Karina 1961 also in Michel Devilles Ce soir ou jamais sowie in der Titelrolle von Godards Une femme est une femme. Prompt wird sie für ihre Darstellung der Striptease-Tänzerin Angela, die sich dringend ein Kind wünscht und damit für Turbulenzen in ihrem Beziehungsleben sorgt - insonderheit zwischen ihrem Geliebten und dessen bestem Freund -, bei den Filmfestspielen in Berlin als Beste Schauspielerin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Was für ein fulminanter Beginn!


Jean-Luc Godard und Anna Karina werden zu einer festen Grösse jenes höchst modernen, quirligen und aufmüpfigen Kinos, das die Filmgeschichte als Nouvelle Vague kennt; ein Traumpaar, wenngleich die Ehe, die sie 1961 miteinander eingehen, lediglich bis 1965 hält (Karina wird im Laufe ihres Lebens noch drei weitere Male heiraten). Insgesamt drehen die beiden acht Filme miteinander – ausser den bereits genannten: Vivre sa vie: film en douze tableaux (1962), Bande à part (1964), Pierrot le Fou (1965), Alphaville: une étrange aventure de Lemmy Caution (1965), Made in U.S.A (1966) sowie einen Beitrag für den Episodenfilm Le plus vieux métier du monde (1967). Kollaborationen, die Karina den ehrenvollen Titel «Godards Muse» eintragen und die nicht nur zu den zentralen frühen Arbeiten des ebenso umfangreichen wie diversen Godard’schen Œuvres zählen, sondern auch zu den Klassikern des europäischen Kinos des 20. Jahrhunderts.


Anna Karina, die nie eine Schauspielschule besucht hat, ist ein Naturtalent. Sie hat Charme und Charisma, komödiantisches Potenzial, kann singen und tanzen und sie verfügt über jene Tiefe und Komplexität des Ausdrucks, vermittels derer sie die Widersprüche der Zeit reflektieren kann. Immer wieder findet sich in ihren Rollen der Aufbruchsgeist des Jahrzehnts gestaltet, wie er hartnäckig und mitunter auch vergeblich gegen die beharrenden Kräfte des Immerschondagewesenen anrennt. Wieder und wieder setzen ihre Figuren zu Höhenflügen an und legen Bruchlandungen hin. Karinas Frauen haben hehre Ideale oder sind einfach nur verspielt und neugierig oder sehnen sich eben nach der Freiheit, die so verheissungsvoll in der Luft liegt, und dann geraten sie in Widrig- und Schwierigkeiten und bezahlen ihre Ausbruchsversuche so manches Mal auch mit dem Leben.

Etwa Nana, die in Vivre sa vie wie eine Somnambule durch die Hände der Männer geht – und nie erfahren wird, ob sie aus freien Stücken zur Prostituierten wird, aus Gleichgültigkeit oder aus Versehen; zufällig aber wird sie schliesslich das Opfer eines fehlgehenden Handels. Auch die Hausangestellte Odile in Bande à part wirkt wie der Spielball der beiden Gauner Franz und Arthur, die um sie konkurrieren, während sie sie zugleich manipulieren. Am Ende bleibt Odile beim Überlebenden wohl nur, weil der eben übrig geblieben ist. Und dass Marianne in Pierrot le Fou sich mit Waffenschmugglern eingelassen hat, die ihr schliesslich - dem leichtherzigen Musical-Gestus des Films zum Trotz - zum Verhängnis werden, lässt sich nur als Folge einer Schnapsidee begreifen. Eine Schnapsidee, vergleichbar jener, die für den fulminanten Abgang ihres mehr oder weniger unfreiwilligen Komplizen Pierrot sorgt. Denn wer sagt, dass die Männer ungeschoren davonkommen?


Dass Karinas Frauenfiguren jener Zeit das Leben oftmals mehr passiv widerfährt, als dass sie es aktiv gestalten, spiegelt das konservative Konzept der Geschlechterrollen, gegen dessen Virulenz sich das neue Kino und die jungen Menschen, die es machen, nicht zuletzt richten. Ebenso wie die Schwierigkeiten, in die die Figuren geraten, Zeugnis ablegen vom Widerstand gegen Zwänge und Klischees. Emanzipation ist eben kein Spaziergang, sondern harter Kampf. Insofern ist Karina, die als Zeitgenossin diesen Umbruch lebt, auch die ideale Besetzung der Titelrolle von Suzanne Simonin, la Religieuse de Denis Diderot (1966), Jacques Rivettes gnadenloser Adaption des gleichnamigen, 1796 posthum erschienenen Romans von Denis Diderot. Geschildert wird darin das Schicksal einer zwangsweise ins Kloster verbrachten jungen Adligen, die erbittert um die ihr verwehrte Verwirklichung als weltliche Frau kämpft. Eine Rolle, in der Anna Karina zur grossen Form der Tragödin aufläuft und das (Zerr-)Bild des leichten Mädchens der Nouvelle Vague hinter sich lässt.

Nachdem sie dem Jahrzehnt ihren Stempel aufgedrückt hat, verwirklicht Karina ihr vielfältiges künstlerisches Potenzial unter anderem in Pierre Koralniks, fürs Fernsehen produzierter Musical-Komödie Anna (1967). Dort singt sie an der Seite von Serge Gainsbourg und Jean-Claude Brialy, landet zwei Hits, nimmt eine Platte auf und geht auf Tournee. Auch schriftstellerisch ist sie tätig und veröffentlicht insgesamt vier Romane; deren erster liefert zudem die Vorlage für Karinas Regiedebüt Vivre ensemble (1973). Ein Ehedrama, das die romantische Idee der Liebe auf den ersten Blick an der Realität charakterlicher Unterschiede und ökonomischer Notwendigkeiten bricht. Mit leichter Hand mitten aus der Wirklichkeit von Paris und New York gehoben und mit einem empfindsamen Herzen gesegnet, das einer Frau gehört, die eben einfach eine Frau ist.


Alexandra Seitz

 

Wir danken der Alliance Française de Bâle und der Französischen Botschaft in der Schweiz und Liechtenstein für die freundliche Unterstützung dieser Reihe.

 

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