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All That Jazz on Film-Soundtracks

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Masters of Swing, Bebop, Cool and Free Jazz wie Helen Merrill, Dizzy Gillespie, Miles Davies und Herbie Hancock lassen mit ihren Beats und Grooves Licht und Schatten frenetisch tanzen, treiben die Geschicke im urbanen Dschungel, in verrauchten Bars und in einsamen Hotelzimmern voran, versetzen Leinwandhelden in Erregung und Melancholie. Über 2000 «Jazz-Filme» stellt David Meeker in seiner Monografie «Jazz in the Movies» vor. Das Stadtkino Basel hat sich inspirieren lassen und präsentiert eine handverlesene Selektion von Werken, in denen der Soundtrack die Handlungen und Gefühle der Figuren einfärbt – wie in Orson Welles’ Touch of Evil oder Louis Malles Ascenseur pour l’échafaud – oder Jazz vor unseren Augen überhaupt erst entsteht – ob beim Newport Festival von 1958 in Jazz on a Summer’s Day, in Bertrand Taverniers Round Midnight oder Robert Altmans Kansas City, der in einer gigantischen Live-Session 21 Jazz-Grössen vereint.

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Mit im Programm sind auch echte Raritäten wie die Dokumentation Satchmo the Great über Louis Armstrongs legendäre Europatournee in den 50er-Jahren oder Shirley Clarkes The Cool World, ein selten zu sehendes Hauptwerk der von der Beat-Bewegung beeinflussten Regisseurin mit einem Soundtrack von Jazz-Titan Dizzy Gillespie. Let’s Jazz!

 

Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts war Jazzmusik ein Versprechen von Modernität: aufregend und cool zugleich, tanzbar und unbestreitbar amerikanisch. Denn Amerika setzte seinerzeit in der westlichen Welt die Trends. Das galt umso mehr, als nach dem Zweiten Weltkrieg die europäischen Länder und ihre alten Ordnungen in Trümmern lagen: Die USA schickten nicht ganz uneigennützig via Marshall-Plan viel Geld, den Kapitalismus und die Demokratie; das Kino und die US-Soldaten mit ihren Jazzplatten übernahmen dabei den kulturellen Transfer. Bis etwa Mitte der 1950er-Jahre lässt sich der Jazz als die wohl weltweit populärste zeitgenössische Musikform bezeichnen, am Ende des Jahrzehnts hatten sich dann alle bis heute wichtigen Spielarten entwickelt: vom New Orleans Jazz, der um 1900 erstmals die schwarze Musik der Spirituals und des Blues mit der Populärmusik europäischer Prägung vermischt hatte, bis zum experimentellen Free Jazz des Saxophonisten Ornette Coleman.


Und dann natürlich all die verschiedenen Varianten und Ausprägungen dazwischen: der seit den 1930er-Jahren rund zwanzig Jahre lang den Jazz dominierende – weil gut tanzbare – Swing populärer Orchester wie jener von Glenn Miller und Benny Goodman, der schliesslich durch die komplexeren Beats und Rhythmen des Bebop eines Bud Powell, Charlie Parker oder Dizzy Gillespie abgelöst wurde. Oder auch der Cool Jazz, eine Weiterentwicklung des Bebop, der noch freier improvisierte und Topstars wie Miles Davis und den weissen Trompeter und Sänger Chet Baker hervorbrachte.


Die Jazzfilm-Reihe des Stadtkinos Basel führt nicht nur durch die Filmgeschichte, sie spiegelt die obengenannte Entwicklung in ihrer ganzen Vielfalt. Einen akustischen wie optischen Genuss bietet dabei Jazz on a Summer’s Day (1959), der das breit aufgestellte Lineup des Newport Jazzfestivals von 1958 dokumentiert: Zeitgenössische Stars wie der Bebop-Pianist Thelonious Monk, der Hard-Bop-Saxophonist Sonny Stilt und der Saxophonist Gerry Mulligan als prominenter Vertreter des Cool Jazz teilen sich hier die Bühne mit der populären Swing-Stimme Anita O’Day, der Bluessängerin Big Maybelle Smith sowie Mahalia Jackson mit ihren Gospelsongs. Die längste Sequenz des impressionistischen Dokumentarfilms ist Louis Armstrong gewidmet, dessen traditioneller New Orleans Jazz deutlich seine Herkunft vom Blues verrät. Überraschend wirkt der Auftritt von Rock-’n’-Roll-Star Chuck Berry, hier mit Jazzmusikern als Begleitband: So merkwürdig uns heute ein Klarinettensolo in seinem Hit «Sweet Little Sixteen» erscheinen mag, zeigt es doch deutlich die gemeinsame Herkunft populärer amerikanischer Musikformen.


Als bewusst dramaturgisches Element nutzt Orson Welles Jazz und Rock ’n’ Roll in seinem Kriminalfilm Touch of Evil (1958), dessen Soundtrack vom Hollywood-Filmkomponisten Henry Mancini stammt. Touch of Evil spielt in einer Kleinstadt an der Grenze zwischen den USA und Mexiko: Die komplizierte Plansequenz am Beginn des Films, in der die Kamera auf der mexikanischen Seite der Grenze einem Strassenkreuzer folgt, in dessen Kofferraum jemand eine Bombe deponiert hat, unterlegt Mancini mit einer nervösen, spannungsgeladenen und von lateinamerikanischen Rhythmen beeinflussten Jazzmusik. In einer Sequenz, in der einige junge Männer die Frau (Janet Leigh) eines Drogenfahnders in einem amerikanischen Motel terrorisieren, wird hingegen lauter Rock ’n’ Roll geradezu zu einem Folterinstrument.


Eher atmosphärisch setzt Michelangelo Antonioni hingegen den Soundtrack in Blow Up (1966) ein: Neben einem Clubauftritt der britischen Rhythm-&-Blues-Band The Yardbirds trägt nicht zuletzt der von Hammondorgel und Gitarre dominierte, stark von der britischen Beatmusik beeinflusste Jazz von Herbie Hancock dazu bei, dass der Film heute wie ein nahezu authentisches Dokument des Swinging London der mittleren 60er-Jahre wirkt. Und das, obwohl Antonioni die Szene rund um den zynischen Modefotografen Thomas (David Hemmings) keineswegs schmeichelhaft, sondern als eine kalte, von kommerziellen Interessen geleitete Gesellschaft darstellt, die sich nur in Oberflächlichkeiten ergeht. In Blow Up gibt es ausschliesslich «source music»: Um für seine Modefotosessions eine entsprechende Stimmung zu schaffen, schaltet der Fotograf die Stereoanlage ein und legt Schallplatten auf, woraufhin Hancocks Musik die Geschehnisse im Atelier untermalt.


Gibt sich der Amerikaner Hancock beim Blow Up-Soundtrack besonders britisch, geht es in anderen europäischen Filmen der späten 50er- und frühen 60er-Jahre vor allem darum, mit Jazzsoundtracks eine amerikanisch anmutende Modernität zu evozieren. In Edouard Molinaros Krimi Un témoin dans la ville (1959) wird ein düsteres Paris zu Klein-Amerika: mit Männern in Trenchcoats mit hochgeschlagenen Kragen, mit amerikanischen Strassenkreuzern und wilden Autoverfolgungsjagden auf nächtlichem Pflaster. Die nervöse, vom Schlagzeug getriebene Musik des französischen Jazzkomponisten und Saxophonisten Barney Wilen trifft das Gefühl des stets getrieben wirkenden Protagonisten (Lino Ventura), der den Geliebten und Mörder seiner Frau umgebracht hat und sich langsam auf der Suche nach einem Zeugen aufreibt, der ihn beim Verlassen des Tatorts beobachtet hat.


Barney Wilen begegnet uns auch als Musiker des vom amerikanischen Trompeter Miles Davis angeführten Quintetts, das 1958 den Soundtrack zu Louis Malles Ascenseur pour l’échafaud einspielte. Die Krimihandlung um einen Mann, der den Gatten seiner Geliebten Florence ermordet und nach der Tat in einem Bürofahrstuhl stecken bleibt, rückt vollkommen in den Hintergrund, wenn man die ebenso schöne wie enigmatische Jeanne Moreau zu Davis’ Cool-Jazz-Klängen durch die Strassen und Bars des nächtlichen Paris laufen sieht. Von der Musik kongenial unterstützt, lassen sich bei der vergeblichen Suche nach dem Geliebten ständig neue Emotionen in ihrem Gesicht ablesen: Hoffnung und Enttäuschung, Eifersucht und einsame Verzweiflung. Der Film ist beherrscht von einer fatalistischen, quasi-existenzialistischen Grundstimmung, welche die Verlorenheit der Figuren unterstreicht und ebenso wie die «innere Stimme» von Florence ein Stück weit dem amerikanischen Film noir nachempfunden ist.


Gleich ganz in den USA angesiedelt hat hingegen der italienische Regisseur Franco Rossi seinen Film Smog (1962): eine 48 Stunden währende Odyssee seiner Hauptfigur, eines des Englischen unkundigen italienischen Anwalts, durch Los Angeles. Während er dabei auf andere Italiener trifft, die die Probleme der italienischen Nachkriegsgesellschaft auch ins Ausland mitgeschleppt haben, bieten Schauplätze wie der damals gerade neu ausgebaute Los Angeles International Airport sowie der coole Jazzsoundtrack von Piero Umiliani (mit Chet Baker an der Trompete und einem Song von Helen Merrill) den Kontrast einer anziehend geschichtslosen Modernität.


Man könnte (fast) endlos so weiterschreiben: über die amerikanische Regisseurin Shirley Clarke, die in The Cool World (1963) den Jazz des Bebop-Trompeters Dizzy Gillespie mit einer semidokumentarischen Geschichte um schwarze Gangmitglieder in Harlem zusammendachte, oder über die Lebensgeschichten (fiktiver) Jazzmusiker (A Man Called Adam, 1966, und Round Midnight, 1986, eine vom Leben des Pianisten Bud Powell inspirierte Geschichte, in der die Hauptfigur vom Saxophonisten Dexter Gordon gespielt wird), die sich genregemäss mit Alkohol und Drogen zugrunde richten. Und auch wenn es schwerfällt, bei dieser Vielfalt einen persönlichen Favoriten herauszustreichen, sei es dennoch erlaubt: Norman McLarens und Evelyn Lambarts Begone Dull Care (1949), ein lediglich knapp achtminütiger, direkt auf das Filmmaterial gezeichneter abstrakter Film. Hier springen und tanzen die Farben und Formen zu den Rhythmen des Oscar Peterson Trios so lebendig und fröhlich, dass man sich der deutschen Übersetzung im Vorspann nur anschliessen kann: «Trübsal ade».

 

Lars Penning

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