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Filmreihe

 
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CRUZ CON BARDEM


Sie begannen als Liebespaar auf der Leinwand, bevor sie es im Leben wurden: Ihren Durchbruch feierten Javier Bardem und Penélope Cruz 1992 in dem spanischen Erotik-Melodrama Jamón Jamón. Schon dieser deftighitzige Film war das Dokument eines kongenialen Ineinanders von gespielter und tatsächlicher Anziehungskraft. Seither prägt ihr schillerndes, körperbetontes Schau-Spiel das spanische wie internationale Kino. Cruz con Bardem, das ist köstlicher als Chilli con Carne: ein zündendes Gemisch aus Glut und Witz, Zerbrechlichkeit und Impulsivität, hungriger Ungeduld und tiefer, existenzieller Weisheit. Wir zeigen alle gemeinsamen Filme des Ausnahme-Duos sowie ausgewählte Höhepunkte ihrer je eigenen Leinwandauftritte.

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Pasión Española 

Pamela Jahn


«Eins ist klar, wir werden keine Freunde werden», ruft Raúl, der eingebildete Charmeur, seinem neuesten Flirt nach. Das würde Sex jedoch nicht ausschliessen, findet er. Dagegen zeigt sich Silvia sichtlich empört über das unmoralische Angebot. Immerhin ist sie kein billiges Flittchen, auch keine Prostituierte wie ihre Mutter. Und sowieso hat die hübsche Tochter der örtlichen Bordellbesitzerin es gar nicht nötig, sich mit dem grössten und eitelsten Casanova der Stadt einzulassen. Ihr Herz gehört längst einem anderen, einem Besseren und besser Betuchten. Aber die flüchtige Begegnung in Bigas Lunas Jamón Jamón (1992) hat es in sich. Es ist eine der ersten Szenen, in der Penélope Cruz und Javier Bardem gemeinsam ins Bild rücken. Sie ist im wahren Leben zu der Zeit kaum siebzehn, er Anfang zwanzig, und man spürt sofort die besondere Chemie zwischen diesen beiden Vollblutschauspieler:innen. Später sollen sie ein Liebespaar werden, nicht nur im Film. 

 

Vieles erscheint aus heutiger Sicht ungeheuerlich in Lunas erotischer Komödie. Die wilden Verstrickungen von Lust und Leidenschaft, Macht und, ja, Schinken in der sommerlich-verschwitzten Schwüle der spanischen Provinz mögen bisweilen überholt wirken. Doch der wesentliche Punkt ist: Bigas verstand es vor allen anderen mit der charismatischen Aura und dem sinnlich-körperlichen Potenzial seiner Darsteller:innen auf eine Art zu spielen, die zugleich betört und verstört. 

 

Um im Kino alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, müssen Cruz und Bardem jedoch weder eine brisante Affäre eingehen wie der kolumbianische Drogenbaron Pablo Escobar und die TV-Journalistin Virginia Vallejo in Fernando Léon de Aranoas Loving Pablo (2017) noch eine impulsive Ehe führen wie etwa in Woody Allens verspielter Komödie Vicky Christina Barcelona (2008). Vielleicht ist Pedro Almodóvars Carné Trémula (1997) eines der schönsten Beispiele dafür, dass die beiden genauso gut völlig unabhängig voneinander eindringlich in ein und demselben Film agieren können: Cruz hat hier einen kurzen, aber beeindruckenden Auftritt als schwangere Prostituierte, die 1970 im düsteren Madrid unter dem Franco-Regime allein einen kleinen Jungen zur Welt bringt; Bardem verkörpert einen Polizisten, der zwei Dekaden später vom Schuss ihres Sohnes unglücklich ins Kreuz getroffen wird und fortan ein Leben im Rollstuhl führt. Die Geschichte, die Almodóvar wie üblich in satten Farben drumherum inszeniert, verwebt die Schicksale von fünf Menschen miteinander, die in einen tragischen Strudel aus Liebe und Leidenschaft, Eifersucht und Rachebedürfnis, Mitleid und Schuldgefühl geraten. Für Cruz und Bardem erwies sich der Film Ende der 1990er-Jahre als Karriere-Sprungbrett. Und Almodóvar selbst schlug damit erstmals einen etwas nachdenklicheren Ton an, weniger schrill, weniger grotesk, auch weniger subversiv, aber mit Tiefsinn und einer neuen, leisen Zärtlichkeit. 

 

Im selben Jahr übernahm Penélope Cruz unter der Regie von Alejandro Aménabar die Hauptrolle in dem spanischen Mystery-Thriller Abre los ojos - und prompt wurde Hollywood auf die temperamentvolle Spanierin aufmerksam. 2001 erschien das amerikanische Remake Vanilla Sky, in dem Cruz erneut, nur diesmal an der Seite von Tom Cruise, eine junge Frau verkörpert, deren Liebhaber nach einem schweren Unfall mit seinem völlig entstellten Gesicht konfrontiert wird. Faszinierend ist dabei insbesondere die Wandlung, die Cruz selbst in der Rolle durchlebt: Wirkt sie bei Amenábar noch wie eine rätselhafte Muse, viel verträumter und verletzlicher, tritt sie in der Neuverfilmung entschieden reifer und robuster auf. 

 

Von dem Moment an schien ihr Selbstbewusstsein vor der Kamera mit jedem Film ein bisschen mehr zu wachsen. Voller Verve und Leidenschaft spielte Cruz sich in den Nullerjahren nicht zuletzt immer wieder unter der Regie von Almodóvar bis ganz nach oben. Ein unübertroffener moderner Klassiker aus der Zeit: Volver (2006) in dem sich Cruz als überforderte und plötzlich alleinerziehende Mutter um die Leiche ihres toten Mannes kümmern muss, nachdem ihre Tochter den übergriffigen Vater im Affekt ermordet hat. Erst ist die Aufregung gross, aber stärker noch treten in dieser bisweilen ernsten Komödie die Solidarität und der bedingungslose Zusammenhalt zwischen den Frauen in den Vordergrund. Dazu Cruz mit toupierten schwarzen Haaren und blutroter Strickjacke - ein Bild, das sich längst ins filmische Gedächtnis eingeschrieben hat. 

 

2009 war die Spanierin auf dem Kinozenit angekommen: Für ihre Rolle der feurigen Künstlerin María Elena in Vicky Cristina Barcelona erhielt sie einen Oscar als beste Nebendarstellerin. Und parallel zu ihrem beruflichen Erfolg sollte es nun auch privat funken. Zunächst waren sie und Bardem nach Jamón Jamón getrennte Wege gegangen. Woody Allen brachte sie wieder zusammen; nach den Dreharbeiten wurde aus einem Flirt bald eine Romanze. Kurze Zeit später gaben sie sich das Ja-Wort. Mittlerweile haben sie zwei Kinder, die das Power-Promi-Paar jedoch ebenso wie ihr Privatleben insgesamt streng vor der Öffentlichkeit schützt. Wie leidenschaftlich es bei ihnen zu Hause zugeht, lässt sich nur erahnen. 

 

Fest steht, dass die persönliche Beziehung gleichzeitig ihre jeweilige künstlerische Arbeit beflügelt. Man sieht es in Filmen wie Alejandro Ińaritus Biutiful (2010) oder Mar Adentro von Alejandro Aménabar (2010), zwei gewichtige Charakterrollen für einen Mann von Format, der sich nicht scheut, Gefühle zuzulassen, seine eigene Verletzlichkeit preiszugeben, auch nicht die eigene innere Zerrissenheit. Wie Uxbal, der zweifache Vater, der in Ińaritus Psychodrama in den Armenvierteln von Barcelona lebt, an Krebs leidet und sich mit kriminellen Machenschaften über Wasser zu halten versucht. Die Tragik der Figur verschmilzt in Bardems Gesicht, ach was, in seinem ganzen Körper mit jener von Ramón Sampedro, dem ehemaligen Seemann, der aufgrund einer langjährigen und unheilbaren Querschnittslähmung in Aménabars Oscar-Gewinner für das Recht auf Sterbehilfe kämpft. 

 

Überhaupt sind es immer wieder die existenzialistisch gefährdeten Charaktere, in denen Bardem über seine unanfechtbare Aura hinaus nachhaltig Eindruck macht. Auch der exilierte kubanische Schriftsteller und Dichter Reinaldo Arenas in Before the Night Falls (2000) ist ein Getriebener, dessen freigeistige Seele an der Homophobie und den sonstigen Repressionen des Castro-Regimes zu zerbrechen droht. Nicht zu vergleichen mit Reiner, dem exzentrischen Nachtclubbesitzer und Drogendealer in Ridley Scotts The Counselor (2013), mit seinen wild gemusterten Versace-Hemden und einer nicht weniger gewagten Frisur. Aber auch solche Rollen stehen Bardem, und sie machen dem Schauspieler Freude, man sieht es ihm an, man spürt es, jede unscheinbare Geste sitzt perfekt. 

 

Cruz' Figur in Scotts Thriller ist zwar naiver, ihre Laura ist die sympathische, unschuldige Verlobte des titelgebenden Anwalts. Sie ahnt nichts von den finanziellen Problemen ihres Partners und gerät durch dessen riskante Machenschaften unweigerlich in tödliche Gefahr. Auch hier spielen Cruz und Bardem wieder gekonnt in der gleichen Geschichte unabhängig voneinander und aneinander vorbei. Dennoch wirkt ihre gemeinsame Kraft zwischen den Bildern, wie eine geheime Komplizenschaft. 

 

Zum bisher letzten Mal als Paar – oder in dem Fall: Ex-Paar – standen Penélope Cruz und Javier Bardem in Todos lo saben (2018) vor der Kamera, dem spanischen Kriminaldrama des Iraners Asghar Farhadi, der damit seinen ersten fremdsprachigen Film inszenierte. Doch demnächst soll es erneut einen gemeinsamen Auftritt auf der grossen Leinwand geben: In Florian Zellers Psychothriller Bunker gerät die Beziehung eines Architekten (Bardem) zu seiner Ehefrau (Cruz) durch ein geheimes Bauprojekt in eine Krise. Mehr ist noch nicht bekannt. Nur so viel: Freunde sind Bardem und Cruz geworden, sogar Liebende, auch wenn Raúl und Silvia am Ende von Jamón Jamón keine gemeinsame Zukunft in Aussicht steht. 
 

Pamela Jahn ist freie Autorin und Journalistin. Sie schreibt u.a. für das ray Filmmagazin, die Neue Zürcher Zeitung und Filmbulletin. Sie lebt in London und ist dort auch als Übersetzerin und Filmkuratorin tätig. 

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