SENTIMENTAL VALUE
JOACHIM TRIER & MIA HANSEN-LØVE
Es gibt Augenblicke, in denen die Welt stillzustehen scheint, während innen alles in Bewegung gerät. Die Reihe «Sentimental Value» öffnet den Blick auf diese ruhigen Stürme und auf die feinen Verbindungen zwischen Joachim Trier, Mia Hansen-Løve und ihrer Inspiration durch Ingmar Bergman. Trier erkundet die subtilen Spannungen zwischen Nähe und Distanz und lässt seine Figuren in glaubwürdigen Momenten von Irritation und Sehnsucht aufeinandertreffen; Hansen-Løve spürt indes dem Erwachsenwerden und den leisen Veränderungen von Gefühlen über Zeit hinweg nach. Beide Regisseur:innen folgen Menschen, die sich selbst suchen, ihre Hoffnungen und Irrtümer in sich tragen. Und lassen uns die Zerbrechlichkeit und Kostbarkeit menschlicher Verbindungen erfahren. Ihr zartes Aushandeln lädt dazu ein, die Verkettung von Alltag, Liebe und Verlust als Bühne für das Grosse und Unausgesprochene zu entdecken.
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SENTIMENTALE WAHLVERWANDTSCHAFT:
Eine Familienfeier. Ein junger Mann begibt sich zögerlich auf die Tanzfläche in einem schicken Landhaus nahe Oslo. Es läuft «Bra» von Cymande. Seine Verwandten tanzen immer ausgelassener. Eine Schwägerin stösst mit ihrem Kopf gegen eine Lampe, die Stimmung kippt. Es wird gestritten und geschrien. Später unterhält sich der Mann im Bett mit seiner jüngeren Freundin: Er wäre auch kein Familienmensch, es sei nicht leicht, hier zu sein. Gleichzeitig wolle er aber genau das. Die beiden spüren das drohende Gewicht einer Familie und einer langen Beziehung. Noch können sie darüber lachen. Kurze Zeit später (oder war es vorher?) steht der Mann auf einem Hochzeitsfest mit einer anderen Frau vor einer Holzhütte auf einer schwedischen Insel. Er raucht eine Zigarette – die beiden haben eine Affäre. Sie waren bereits als Teenager ineinander verliebt. In der Hütte wird gefeiert, es läuft «The Winner Takes It All» von ABBA. Nach einiger Zeit geht er zusammen mit der Frau rein, sie stellen sich an die Bar. Sie beginnt zu tanzen. Er schaut ihr zu, bewegt sich nicht. Ihre Blicke treffen sich. Jetzt begreifen sie, dass sie nie zusammen sein können. Dieser Mann wird von Anders Danielsen Lie gespielt, aber die beiden Szenen entstammen nicht dem gleichen Film, sie sind nicht mal von derselben Filmemacher:in gedreht. Der erste Mann heisst Aksel, er ist Comicautor und würde gern eine Familie gründen. Er ist eine Nebenfigur in The Worst Person in the World (2021) von Joachim Trier. Der zweite Mann heisst Joseph und ist eine Nebenfigur in Bergman Island (2021) von Mia Hansen-Løve. Nun ist es nichts Ungewöhnliches, dass die gleichen Schauspieler in ähnlichen Rollen auftauchen bei verschiedenen Filmemacher:innen. Bei Hansen- Løve und Trier hat man jedoch seit ihren parallelen Anfängen zu Beginn der 2000er-Jahre das Gefühl, dass ihre Filme in einen direkten Austausch treten. Die beiden haben das in mehreren Interviews selbst eingeräumt. So sagte Hansen- Løve, dass sie Figuren bei Trier gesehen habe, von denen sie dachte, sie selbst geschrieben zu haben. Wenn man ihre jeweiligen Filme gemeinsam betrachtet, versteht man weshalb.
Die beiden Filmemacher:innen begegnen sich unter anderem in ihrem immensen Gefühl für das unaufhaltsame Fortschreiten des Lebens. Sie zeigen Künstler:innen und Intellektuelle und deren Versuche eines bürgerlichen Lebens. Die Filme erzählen von der Welt, in der die Filmemacher:innen leben. Es sind keine autobiografischen Filme, aber sie arbeiten mit dem Material des täglich Erlebten: eine Schauspielprobe, danach ein Familienessen, ein Ausflug aufs Land und dann die billigen Cornflakes, die man dem Sohn nicht ausreden kann. Mit einer angenehmen Leichtigkeit fragen beide, was ein Leben ausmacht. Warum so und nicht anders leben? Die Filme zeigen berufliche Konflikte, für die weder Platz noch Zeit bleibt, weil man zugleich Mutter oder Vater sein muss. So stellt sich auch die Frage nach der Rolle von Kunst in einem Leben. Beide interessieren sich für Familienstrukturen. Es gibt Mütter, die keine Mütter sein wollen. Es gibt Kinder, die ihre Väter vermissen. Das Leben in diesen Filmen ist deshalb kompliziert, weil «alle ihre Beweggründe haben», wie Jean Renoir einmal die Dramaturgie des Lebens umschrieb. Tatsächlich interessieren sich beide Filmemacher:innen stets für alle Figuren. Wenn die Perspektive wechselt, wird einem der Boden unter den Füssen weggezogen, denn dann begreift man, dass alles nur auf Missverständnissen beruht. Alle sind verletzt, alle begehren. Patriarchale Figuren prägen die Konflikte, etwa Gustav (Stellan Skarsgård) in Sentimental Value (2024) oder Georg (Pascal Greggory) in Un beau matin (2022). Sie sind nicht überzeichnet, kommen sogar sanft und gebrochen daher. Sie werden geliebt, können aber nicht immer damit umgehen. Die Kameras zeigen diese Männer als wuchtige Gestalten. Man kann sie atmen hören, man kann sehen, was es bedeutet, gelebt zu haben. Nicht immer sind sich diese Männer bewusst, was sie ihren Kindern antun. Auch sie versuchen nur zu überleben. Die Figuren müssen die Konflikte nicht überwinden, sie müssen mit ihnen leben. Man erkennt sich selbst in den Filmen, entdeckt die eigenen Sehnsüchte, Schwächen und das, was man lieber verdrängen würde. Das liegt an einer gewissen Ehrlichkeit, einer Schonungslosigkeit. Sowohl Trier als auch Hansen-Løve nennen Ingmar Bergman als wichtigen Einfluss. Man kann verstehen weshalb. Ein freudianischer Unterton durchzieht das Ringen der Figuren mit ihrem Unbewussten. Dort, wo sie handeln, ohne sich erklären zu können, wird es interessant. So flüchten Anders in Oslo August 31st (2011) und Camille (Lola Créton) in Un amour de jeunesse (2011) vor dem Leben. Das ist nicht rational, aber man lernt sie zu verstehen. Die Filme weben Trauer in ihre Bilder. Sie setzen dort an, wo das Nicht-Verarbeitete lebt. Im Gegensatz zu Bergman suchen die beiden Filmemacher:innen nach optimistischen Ausblicken. Sie verstehen das Happy-End als radikale Geste gegen den grassierenden Pessimismus. Es sind keine Hollywood-Enden, das nicht, aber es fällt auf, wie Humor und eine sich wacker haltende Hoffnung die Filme beseelt. Ihr jeweiliges Kino kommt ohne Kunstgesten aus. Trotzdem sind ihre Filme formbewusst. Das betrifft beispielsweise den Einsatz von inneren Monologen, die als literarische Voiceover sanft aus der Handlung führen, um genau jene Aspekte im Innenleben der Figuren deutlich zu machen, die sonst verborgen bleiben.
Beide Filmemacher:innen schaffen es, dass man sowohl den Rausch als auch die Bürde von Beziehungen spürt. Wohl niemand hat das Liebesverhalten der Millennial-Generation so treffend gezeigt wie Trier und Hansen-Løve. Immer gibt es da ein Freiheitsbegehren und zugleich eine Furcht vor dem Alleinsein. Die Suche nach einer Tiefe vermischt sich mit der nach Abwechslung. Beziehungen werden verteufelt und idealisiert. Wiederholt leuchten Flashbacks zwischen den Szenen auf, Erinnerungen und in den Köpfen der Figuren schwirrende Bilder. Die Umarmung einer Mutter, die Worte eines Vaters. Manchmal handelt es sich aber auch um Möglichkeitsbilder, Eindrücke von anderen Lebenswegen, gegen die man sich zu einem bestimmten Zeitpunkt entschieden hat. Ein anderer Partner, ein anderer Beruf. Daraus entstehen Ambiguität und eine berührende Tragik. So ist das Leben, sagen diese beiden Filmemacher:innen, es ist kompliziert und wundervoll. Eine Frau geht wie abwesend entlang einer vielbefahrenen Strasse in Paris. Gerade wurde sie von einem Mann im Kino sexuell belästigt. Sie wirkt geistesabwesend, verloren. Irgendwann hebt sie den Arm, um ein Taxi zu rufen. Erst da sieht man, dass Tränen auf ihrem Gesicht glänzen. Die gleiche Frau etwas früher oder später an einem Flughafen. Sie verspricht ihrem Mann, den sie betrügt, dass sie zum letzten Mal verreist. Wieder wirkt sie so, als wäre sie bereits nicht mehr da. Aber da sind wieder Tränen, die reglos in ihrem Gesicht stehen. Diese Frau wird von Isabelle Huppert gespielt, aber die beiden Szenen entstammen nicht dem gleichen Film. Die erste Frau heisst Nathalie, sie ist eine Philosophielehrerin, die von ihrem Mann verlassen wurde. Sie ist die Hauptfigur von L’Avenir (2016) von Mia Hansen-Løve. Die zweite Frau heisst Isabelle und ist eine Nebenfigur in Louder than Bombs (2015) von Joachim Trier, es überrascht nicht, dass die Rolle und die Schauspielerin den gleichen Namen tragen, die Wirklichkeiten vermischen sich, das Leben setzt sich fort vor der Leinwand und zwischen den Filmen.
Patrick Holzapfel arbeitet literarisch, kuratorisch und journalistisch. Er ist Herausgeber des Online- und Printmagazins Jugend ohne Film. Gewinner des Open-Mike-Wettbewerbs für junge Literatur 2022. Im Juni 2024 ist sein Debütroman Hermelin auf Bänken erschienen, für den er unter anderem den Förderungspreis der Stadt Wien erhalten hat.
Unterstützt durch die Königlich Norwegische Botschaft Bern.
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