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Filmreihe

 
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Lina Wertmüller

Parliamo di donne


Lina Wertmüllers filmisches Œuvre zeigt uns, wie Emanzipation geht. Kurz nachdem die gebürtige Italienerin mit Schweizer Wurzeln als Regieassistentin bei Fellinis 8 ½ mitgewirkt hatte, schnappte sie sich dessen Kameramann und legte noch im selben Jahr ihren Debütfilm I basilischi vor, der mit seiner beissenden Ironie den italienischen Neorealismus ein für alle Mal abservierte. Mit Il mio corpo per un poker, war sie die erste Frau, die sich je in das Westerngenre einmischte. Für ihren skandalträchtigen Pasqualino Settebellezze wurde sie 1977 als erste weibliche Regisseurin für den Oscar nominiert – und das gleich vierfach. Die temperamentvolle, improvisationsfreudige Filmemacherin positionierte sich schon damals gegen einen Feminismus, der Frauen in einer Opferrolle sieht.

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So sind es in Wertmüllers Kino gerade die Frauen, die sich schonungslos gegen Ausbeutung, Abhängigkeiten und das herrschende System stellen. Wenn nötig mit brutalster Gewalt, wie in Un complicato intrigo di donne, vicoli e delitti, in dem eine Gruppe von Frauen die neapolitanische Camorra das Fürchten lehrt. Das Stadtkino Basel widmet der soeben mit einem Ehren-Oscar Ausgezeichneten eine Retrospektive und wirft dabei einen gezielten Blick auf die kontroversen Frauenfiguren, die vor allem Wertmüllers frühe Filme auszeichnen.

 

 

Man muss sich den Titel einmal auf der Zunge zergehen lassen: Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August. Das klingt ausnahmsweise sogar in der deutschen Übersetzung poetisch, im italienischen Original natürlich gleich noch einmal doppelt so gut: Travolti da un insolito destino nell’azzurro mare d’agosto. Die Amerikaner haben daraus ein knappes, unromantisches Swept Away gemacht, aber selbst das konnte dem Film nichts anhaben, und noch weniger seiner Regisseurin, Lina Wertmüller – der unerschrockenen Grand Dame unter den eingeschworenen italienischen AuteurInnen. Immerhin feierte die unbeugsame Filmemacherin und Dramaturgin mit einem Faible für ausschweifende Filmtitel ihre grössten Erfolge in den siebziger Jahren nicht in der europäischen Heimat, sondern im Ausland, wo ihre grellen und anarchischen, reizvollen und politisch wie gesellschaftlich kontroversen Werke mit offeneren Armen aufgenommen wurden. In Italien dagegen sass sie immer irgendwo dazwischen: Weder auf bürgerlich-konservativer Seite noch beim linksorientieren Publikum vermochte sie wirklich zu punkten, von den Kritikern in beiden Lagern ganz zu schweigen. Doch auch das kümmerte sie wenig. Denn in dem Dazwischen und dem Dagegen lag stets ihre grosse Kunst: zwischen Angst und Macht, Frauen und Männern, Nord- und Süditalien, Liebe und Gewalt, Trieb und Intellekt sowie gegen einen Feminismus, der dem Weiblichen lediglich die Opferrolle zuzuschreiben verstand. Ihre Filme werden angetrieben vom Aufeinanderprallen der Gegensätze und den aufreibenden Wechselspielen zwischen den Geschlechtern, bei denen es meist drunter und drüber geht und keine Partei lange die Oberhand behält. Die Leidenschaft, meinte Lina Wertmüller einmal, sei die einzige Begründung für das Politische. Ihr Oeuvre, so schön und stark, so emanzipiert und ungeniert, ist der lebendige Beweis dafür.

 

Liebe und Anarchie, Sex und Politik, das sind die Themen, die das aufregende und aufgeregte Kino von Lina Wertmüller bestimmen. 1928 als Arcangela Felice Assunta Wertmüller von Elgg Spañol von Braueich hineingeboren in eine römische Anwaltsfamilie und eine Zeit, in der das strenge Regime Mussolinis ganz im Sinne eines radikalen, rassistisch und imperialistisch ausgerichteten Nationalismus agierte, fiel es der Tochter aus gutem Hause von klein auf schwer, sich anzupassen. Zu rebellisch und undiszipliniert, dickköpfig und provokativ kam sie bereits als junges Mädchen daher. Doch auch die Nonnen, unter denen sie ihre Schulzeit absass, konnten ihre junge ungestüme Leidenschaft nicht bremsen. Kaum 17 Jahre alt, wusste sie sich von ihrer Familie und den damit verbundenen Zwängen und Erwartungen zu befreien, ging zunächst an die Theaterakademie in Rom, tourte dann mit einer eigenen Truppe und arbeitete später für die neue staatliche Rundfunkanstalt RAI, bis sie 1962 Federico Fellini kennenlernte. Der grosse Maestro erkannte schnell ihren Hunger und ihr Talent, liess sie bei seinem 8 ½ die Aufgabe der Regieassistentin übernehmen und förderte ihr erstes eigenes Projekt I basilischi (1963), das sie kaum ein Jahr später realisieren sollte. Mit präzisem Blick seziert Wertmüller darin die monotone Welt des süditalienischen Kleinbürgertums zwischen Rückständigkeit und Moderne, ohne eine klar strukturierte Handlung, aber dafür mit viel Zeit fürs Beobachten, für Nahaufnahmen und ein bewusstes Abschweifen von der Ernsthaftigkeit des Neorealismus der frühen Nachkriegszeit. Vielmehr erforscht die Regisseurin die Engpässe des Lebens in der Provinz mit kritischer Hingabe, ironischer Präzision und einem leichtfüssigen Pessimismus: Die Welt mag festgefahren sein, untergehen tut sie deshalb noch lange nicht.

 

Waren es in ihrem Erstling noch die Männer, die im Zentrum standen, sollte sich das Bild bald verschieben. Sucht man nach einem gemeinsamen Nenner in Wertmüllers umfangreicher Filmografie, ist dies vor allem der eigentümliche, zärtliche Blick, mit dem die bekennende Feministin auf «ihre» Frauen schaut, egal, ob sie im Film nun die Hauptrolle spielen oder nicht. Und selbst wenn, steht ihnen sowieso meist ein Mann gegenüber als Reibungsfläche und zur Abgrenzung, so wie ihrer schwankenden Heldin Belle Starr in dem vielleicht einzigen weiblich-feministischen Spaghetti-Western Il mio corpo per un poker (1968). Anders als Wertmüller selbst, die den Film auf eindringliche Bitte der Hauptdarstellerin hin vor dem Untergang rettete, nachdem der ursprüngliche Regisseur abhandengekommen war und die selbstbewusste Auteurin den Film schliesslich unter Pseudonym fertigstellte, weiss ihre Protagonistin trotz allen Übermuts nicht so recht, was sie will – schon gar nicht in Bezug auf das andere Geschlecht. Also pendelt sie immer wieder zwischen ihrem Freiheitsdrang und einer Lust an vorübergehender Unterwerfung, während dem gewieften Pokerspieler Larry Blackie seine Machoallüren im Weg stehen. Dieses spielerische Kräftemessen setzt alsbald eine fatale Dynamik in Gang, die in Wertmüllers späteren Werken wie Travolti da un insolito destino nell’azzurro zwischen Giancarlo Gianninis arrogantem Matrosen-Chauvi und Mariangela Melatos unterkühlter Industriellen gestrandet auf einer einsamen Insel nur noch deutlicher zum Ausdruck kommt. Überhaupt hatten es ihr diese beiden Darsteller angetan, die sie auch in anderen Filmen immer wieder aufs Neue aufeinanderprallen liess, die Schöne aus dem Norden gegen den charismatischen und der Regisseurin beinahe unverzichtbaren Macho aus dem Süden.

 

Wertmüller liebte und drehte Komödien und stellte darin am liebsten alles auf den Kopf, das Genre selbst, die berühmte «commedia all’italiana» gleich mit. Parodien sollten es sein, vor allem aber Satiren auf eine Gesellschaft, in der die Rollen sich verkehrten und die Frauen den Männern sagten, wo es langgeht. Anfang der siebziger Jahre hatte Wertmüller guten Grund, fest an eine derartige gesellschaftliche Veränderung zu glauben und auf ihre ganz spezielle Weise in ihrem Filmen darauf zu reagieren. Pasqualino Settebellezze (1975), ihre vielleicht schärfste Satire auf die Wesenszüge des «maschio italiano», sollte denn auch ihr grösster internationaler Erfolg werden, mit dem sie als erste Frau überhaupt für den Regie-Oscar nominiert wurde. Was den Film, wie ihr Werk insgesamt, so besonders macht, ist die Leichtigkeit, mit der sie stets zwischen dem Komischen und dem Tragischen changiert und die Handlung, so wild sie auch sein mag, dennoch immer eng mit einer sozialen, politischen und vor allem italienischen Realität verbunden bleibt. Selbst in der Auseinandersetzung mit kontroversen Themen wie Nationalsozialismus, Schuld und Überlebensangst gelingt ihr hier eine feine Balance zwischen entlarvender Groteske und bestürzendem Realismus, nicht zuletzt dank der beachtlichen Leistung von Giancarlo Giannini als dem zwiespältigen Pasqualino, der, um zunächst die Familienehre und dann seinen eigenen Kopf zu retten, buchstäblich über Leichen geht.

 

Ähnlich überzeugend hatte Wertmüllers Lieblingsschauspieler bereits in den beiden vorangegangenen Filmen innerlich zerrissene Männerfiguren verkörpert: In Mimì metallurgico ferito nell’onore (1972) den sizilianischen Schwefelgrubenarbeiter Carmelo alias Mimì, der sich gegen die örtliche Mafia und ein Leben an der Armutsgrenze aufzulehnen versucht, und in Film d’amore e d’anarchia (1973) den gutmütigen Bauernburschen Tunin, der seinem anarchistischen Herzen folgend 1932 einen Anschlag auf den Duce in Rom auszuüben plant. In beiden Fällen kommen den Männern jedoch auch hier zunächst die Frauen und schliesslich das System in die Quere. Sie stolpern, stürzen, fallen zurück auf dem Weg nach vorn, der ihnen von der Mafia, den Faschisten oder sich selbst verstellt bleibt. Dabei geht es ihnen nicht viel anders als den Glücksuchenden, die es in Tutto a posto e niente in ordine (1974) von den Provinzen aus ins hitzige, boomende Milan der siebziger Jahre verschlagen hat. Sie alle wollen vorwärts, wollen leben und überleben, wollen kämpfen für ein neues, ein besseres Leben im falschen. Den stärksten Überlebenswillen und nicht selten die klügere Strategie zeigen dabei jedoch erneut in erster Linie Wertmüllers Frauenfiguren, denen stets ihre wahre Sympathie gilt.

 

Über die Jahre hat auch die Regisseurin selbst daraus ihre ganz individuelle Taktik entwickelt, und zwar die des programmatischen Provozierens. Ihre Vorliebe für das Volkstümliche, das Vulgäre und das Politische beschleunigt sich vor ihrem Kameraauge noch einmal in ihrer Intensität und Wirkung. Das muss nicht immer in der Komödie, nicht immer geglückt und nicht unbedingt auf Italienisch sein: In dem in den USA auf Englisch produzierten und an den Kinokassen gnadenlos gescheiterten La fine del mondo nel nostro solito letto in una notte piena di pioggia (1978) dreht sich die Romanze im Mittelpunkt des Geschehens etwa um einen chauvinistischen Italo-Kommunisten und eine moderne Amerikanerin, die es miteinander versuchen und doch nicht miteinander können. Und auch in dem Thriller Fatto di sangue fra due uomini per causa di una vedova – si sospettano moventi politici (1978) ringen Sophia Loren und Marcello Mastroianni um die Möglichkeit einer Beziehung, die sich als unmöglich entpuppt.

 

Zu schrill, zu grell, zu viel, zu laut – Lina Wertmüller hatte immer eine eigenartige Art die Dinge zu sehen, mit der starken Betonung auf eigen und nicht auf artig. Schliesslich ist sie nicht nur eine emanzipierte (Nicht-)Feministin, sondern selbst auch Sozialistin, was sie jedoch nicht daran hindert, zu ihrer übergrossen weissen Hornbrille stets die schönsten Kleider von Valentino zu tragen – weder das eine noch das andere war im Universum der mittlerweile 91-Jährigen jemals ein Widerspruch und ist es bis heute nicht. Auf der Leinwand wie im Leben bestätigt die Regisseurin Vorurteile, um sie zu entlarven, inszeniert sie ungeschminkt Gemeinplätze, um sie zu hinterfragen, lässt sie Ideale scheitern, um sie neu zu entdecken. Dass sie dabei nicht zimperlich ist mit ihren Figuren wie mit ihren Ansichten, hat ihr im Laufe ihrer Karriere neben aller Anerkennung immer wieder auch harsche Verrisse eingebracht. Wertmüller ist eben immer beides: das Für und das Wider, Irrtum und Wahrheit, Verstand und Gefühl, Kunst und Leben. Alles doppelt gute Gründe also, um ihr Kino jetzt und heute neu zu erleben.


Pamela Jahn

 

Wir danken dem Istituto Italiano di Cultura (Zürich) und dem Istituto Luce – Cinecittà srl (Rom) für die freundliche Unterstützung dieser Reihe.

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