schliessen

zurück

Filmreihe

 
Reihenbild

COMING OF AGE


Coming-of-Age oder: Übergang als Motiv. Von Fremd- zu Selbstbestimmung, von Spiel zu Ernst – oder einfach vom Kindzum Erwachsensein. Die Filme dieser Reihe erkunden das Sichselber- Finden nicht linear, sondern als vielschichtiges Ereignis. Erzählt wird von durchfeierten Nächten, der ersten Liebe und dem Ringen um ein Ich, das sich zugleich von anderen abzugrenzen und mit ihnen zu verbinden weiss. Das Kino wird hier zum Instrument der Bewusstmachung. Es richtet den Blick auf das für Erwachsene Unsichtbare und schafft Raum für Empathie mit dem oft neugierigen und manchmal widersprüchlichen jugendlichen Alltag. Sinnend wie schmunzelnd erleben wir noch einmal die Intensität des Heranwachsens – vergangene Geschichten, die jede:n Einzelne:n von uns immer noch prägen.

mehr

 

 


COMING-OF-AGE-FILME 

 

Eine lange Plansequenz folgt Antoine, wie er von der militärisch geführten Erziehungsanstalt wegrennt, ohne Worte, ohne Schnitt, bis er das Meer erreicht, welches im Schwarz-Weiss, teils nicht mehr vom Himmel zu trennen ist. Die Perspektive genauso offen und haltlos wie Antoines Zukunft. Er läuft in das Meer, dreht sich um und blickt dann direkt in die Kamera. Die vierte Wand wird gebrochen. Das Bild friert ein. Von Angesicht zu Angesicht wird so der Film beendet. Ein Bruch unserer Wahrnehmung, eine direkte Adressierung an uns und ein Bild, welches mir für immer bleibt. Ein fragender und offener Blick, parallel zum Ende des Films Les 400 coups (1959) von François Truffaut. Wie kann die Zukunft dieses Jungens aussehen, der sich in diesem System mit den harten Regeln berechtigterweise nicht zurechtfinden kann? Antoines Jugend ist besonders schwierig und eine sehr andere als die meine. Trotzdem schafft es der Film immer wieder, in mir zu resonieren – auch mit dem universellen Thema der kurzen Momente des Entfliehens einer Zeit, die unüberwindbar scheint.

 

Coming-of-Age-Filme geben der Adoleszenz mit all ihren Thematiken eine Plattform und Stimme. Als erwachsene Person bekommt man teilweise nur noch einen Bruchteil des Lebens Jugendlicher mit, was neben vielen Missverständnissen und Streitereien auch oft zu Tendenzen führt, Probleme von Kindern und Jugendlichen zu belächeln, zu minimieren und die Zeit der Adoleszenz zu romantisieren. Wie oft hörte ich, dass man meine Sorgen ja so gerne wieder hätte und wie toll diese Zeit doch sei; ich soll es geniessen. Ich nickte, lächelte eines meiner ersten falschen Lächeln, während der Cocktail aus Emotionen und Hormonen in mir wütete. Ist dies wirklich die «tollste Zeit meines Lebens» und was mache ich falsch, dass es sich gar nicht so anfühlt? Genau bei diesen komplizierten Fragen und Gefühlen können Comingof- Age-Filme Abhilfe schaffen, aufzeigen, wie vielschichtig und komplex das Heranwachsen ist und dass ich mit meinem Gefühl der Überforderung nicht allein bin. Das Teilen von Emotionen, die sich intensiver und schwerer anfühlen, als der sich verändernde Körper mit Eigenleben manchmal tragen mag. Ich erinnere mich noch gut an die Wut und Traurigkeit aus dem «Nichts» und die daraus resultierende Verwirrtheit. Woher kommt das? Bin das wirklich ich? Ein Gefühl ohne jeglichen Halt. Ein Schweben zwischen zwei Welten: Man ist jetzt schon «gross» und trägt Verantwortung. Gleichzeitig darf man noch nicht entscheiden, wann man nach Hause kommt. Weder Kind noch Erwachsene:r – jugendlich halt. Jugendlich und langsam realisierend, dass man sich in einer Gesellschaft mit sozialen Regeln und Normen befindet, langsam realisierend, was dies bedeuten mag. Dinge, die man jünger noch getan hat, werden plötzlich als sonderbar benannt. Irgendwann kommt der Punkt, an dem es kippt und gewisse Aktionen nicht mehr süss sind; nicht mehr akzeptiert werden.

 

So erleben das auch Léo und Rémi in Close (2022) von Lukas Dhont. Die zwei besten Freunde sind zu Beginn unzertrennlich. Regelmässig beieinander übernachtend, verbringen sie die meiste Zeit miteinander — bis sie in eine neue Schule kommen und damit konfrontiert werden, ob sie nicht doch ein Paar seien. Nebst der Aushandlung des eigenen queeren Begehrens und dem Umgang anderer damit, zeigt der Film auch, wie früh schon Rollenbilder und Gender als Performance mit ins Spiel kommen. Ihnen entsprechend beginnt Rémi auch gleich mit Eishockey und distanziert sich zunehmend von seinem Freund. Der Druck, unter dem junge Heranwachsende stehen – jede Bewegung, jede Freund:innenschaft, die ein Urteil, eine Zuschreibung von aussen bringen könnte –, ist massiv. Der Film beeindruckt neben der Darstellung solcher gesellschaftlichen Normierungen und ihren Auswirkungen mit zwei unglaublichen Schauspielleistungen der beiden Protagonisten. Einer der wohl emotionalsten Coming-of-Age-Filme, die ich je gesehen habe, über den Wandel von Freundschaften, über mentale Gesundheit und über toxische Rollenbilder, die in der heutigen Zeit sehr wichtig zu behandeln sind.

 

Nun, hauptsächlich von Schwierigkeiten geschrieben, gibt es in den Coming-of-Age- Filmen natürlich auch Momente, die gerade dieses Schweben zwischen den Welten zelebrieren. Die überschwänglichen Emotionen, die so tief und verwirrend sein können, haben auch die Möglichkeit, in die andere Richtung zu gehen. Ein Gefühl der Lebendigkeit, ein Entfliehen von Alltag und System.

So gibt es im Film The Breakfast Club (1985) zwischen all den Streitereien und dem Aufbrechen der Strukturen eine legendäre Tanzszene: Die Jugendlichen tanzen gemeinsam und einsam, losgelöst von jenen Gruppierungen und Stereotypen, denen sie zugeordnet werden. The Breakfast Club von John Hughes ist wohl einer der bekanntesten Coming-of-Age-Filme, der sich im Genre stark mit den Komplikationen einer amerikanischen Highschool beschäftigt (mit einem leider in gewissen Szenen mitschwingendem Sexismus). Der Film behandelt den Druck in der Schulzeit, die Cliquen, die sich darin bilden, und wie diese das Verhalten untereinander prägen. Die Zuschreibung und Erwartung von aussen, in einer Lebensphase des Suchens und Findens. Wir folgen den Teenies einen Samstag lang beim Nachsitzen. Ihre Aufgabe: ein Essay darüber zu schreiben, «wer sie sind». Die Themen der Identifikation, Individualität und der Stereotypisierungen sind massgebend für den Kultfilm der 1980er-Jahre. Erwachsene erhalten dabei nicht viel Leinwandzeit. Dafür werden die Autoritäten von den Jugendlichen ausführlich besprochen und kritisiert. So gesteht Andrew in einem der emotionalen Momente des Films, wie er einen Mitschüler gequält habe, weil er dem Bild, das sein Vater ihm aufdrückt, gerecht werden wollte. Die Fassaden der Figuren beginnen zu bröckeln, sie sprechen über Ängste und Probleme. Sie beginnen sich als Mitmenschen ausserhalb der Gruppierungen zu sehen und erlangen Verständnis füreinander. Sie erkennen, dass sie viel mehr miteinander gemeinsam haben als zu Beginn gedacht. So schreibt Brian auch am Schluss des Essays, dass sie es verrückt finden, darüber zu schreiben «wer sie sind», wenn sie alle eh nur als das angesehen werden, als was man sie sehen will. Aber: «… what we found out is that each one of us is a brain, and an athlete, and a basket case, a princess, and a criminal … Does that answer your question? Sincerely yours, the Breakfast Club.» Der Film endet wie auch schon Les 400 coups mit einem Freeze Frame: Über das Football- Feld laufend streckt der rebellische Bender die Faust in die Luft. Das Bild friert ein. Schon immer habe ich mich gefragt, wie wohl der nächste Montag der Teenies aussehen wird: Hat sie dieser Tag wirklich verändert? Werden sie Freund:innen bleiben, oder ist der Druck der Highschool zu hoch, um die alten Muster zu brechen? Ist es die triumphierende Faust einer Änderung für immer oder der kurzen Loslösung eines Moments? Mit dem Soundtrack «Don’t You (Forget About Me)» im Hintergrund lässt uns dieses Ende hoffend, aber auch zweifelnd zurück.

 

Aber wenn wir schon von Kultfilmen sprechen, muss ich noch auf den Film Clueless (1995) eingehen. Den oft sehr privilegierten Figuren im Film wird allein durch den Titel eine gewisse Ahnungslosigkeit zugesprochen, die für dieses Lebensalter typisch ist. Amy Heckerling kreierte einen Film mit ikonischer Ästhetik und Dialogen, die die Popkultur nachhaltig prägten: «As if!» Unter der glänzenden Oberfläche wird jedoch auch die Bedeutung von Hierarchien innerhalb und auch neben der Schule ausgehandelt. Während der Rezeption entsteht bei mir selbst teilweise eine gewisse Ahnungslosigkeit, wie viel Satire in den einzelnen Momenten steckt. Offensichtlich jedoch ist, dass der Film unterhält. Mit viel Humor und Leichtigkeit begleitet er die heranwachsenden Figuren durch den Schulalltag und bei der Verfolgung ihrer erfüllten oder auch geplatzten Träume.

 

Obwohl die beschriebenen Filme aus Frankreich, Belgien und den USA verschiedener Epochen entstammen, die je von eigenen, westlichen Werten geprägt sind, vereint sie ein universelles Gefühl des Erwachsenwerdens: Erstmalige Erfahrungen, die Achterbahnen der Gefühle und der Beginn einer Suche nach Individualität, die noch lange andauern wird. Unsicherheiten und rebellische Intentionen werden geteilt. Coming-of-Age-Filme bringen wichtige Themen ihrer Zeit zum Ausdruck, starten öffentliche Debatten, schaffen ein Verständnis für diese bittersüsse Zeit und zelebrieren die Jugend als Zukunft.

 

Nina Brack (geb. 2000) ist Schauspielerin, lebt in Basel und studiert Filmwissenschaften an der Universität Zürich. Sie hat bereits in diversen Schweizer Filmprojekten mitgewirkt, wie in Wyld (2025) von Ralph Etter oder der Dok-Serie Der Engelmacher (2026) von Marina Klauser.

weniger