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Filmreihe

 

 

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Brad Pitt

Glorious Buddy


Es ist viel Zeit vergangen, seit Brad Pitt in Thelma & Louise mit nacktem Oberkörper neben Geena Davis auf einer Matratze herumsprang und damit die Filmbranche in Erregung versetzte. Seine erste Hauptrolle als selbstverliebter Johnny Suede folgte noch im gleichen Jahr und wirkt retrospektiv wie ein Orakelspruch an den Jungschauspieler, sich nicht ausschliesslich mit dem eigenen Look zu beschäftigen. Und so kommt es auch: Pitt verlässt sich nicht auf den Status des coolen Sexsymbols, sondern übernimmt zunehmend Rollen, die ihn als vielseitigen und vor allem ernst zu nehmenden Schauspieler zeigen. Sei es als rebellischer Freigeist in Fight Club, als virtuoser Fliegenfischer in A River Runs Through It, als exzentrischer Verschwörungstheoretiker in 12 Monkeys, als trotteliger Fitnesstrainer in Burn After Reading oder als strenger Familienvater in The Tree of Life. Im Charakterfach angekommen ist Brad Pitt also schon lange.

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In seiner aktuellen Rolle in der Sternenreise Ad Astra zeigt er sich diesbezüglich von seiner beeindruckendsten Seite. Das Stadtkino Basel widmet dem versatilen Hollywood-Beau im Februar eine Retrospektive, die zeigt, dass es mehr als einen strahelnd schönen Körper braucht, um es bis an den Sternenhimmel der Filmwelt zu schaffen.

 

Oh, oh, so you think you’re something special
Oh, oh, you think you’re something else
Okay, so you’re Brad Pitt
That don’t impress me much
So you got the looks but have you got the touch


So wenig beeindruckt wie im ersten Refrain von einem Raketenwissenschafter zeigt sich die kanadische Country-Pop-Sängerin Shania Twain in ihrem 1998 veröffentlichten Hit «That don’t impress me much» auch von Brad Pitt. Doch abgesehen davon, dass man es nur als Weltstar namentlich in so einen Song schafft: He not only got the looks, damals wie heute. Erst kürzlich gab Twain zu Protokoll, die von Pitt und seiner damaligen Freundin Gwyneth Paltrow kursierenden Nacktfotos hätten sie beim Schreiben dazu inspiriert, dem Schauspieler eine Variation des Refrains zu widmen. Dabei hatten alle, die ein wenig genauer hingesehen hatten, schon damals geahnt: Hier ist nicht ein junger Mann wegen seines hübschen Gesichts und seiner modellhaften Figur am Höhepunkt Paparazzi-verklebten Ruhms, sondern ein begabter, ernst zu nehmender und vor allem ein ungemein vielseitiger Schauspieler auf dem Sprung zur dauerhaften Weltkarriere.

 

Wer ein Faible für Kategorisierung hat, dürfte die folgende Einteilung der Karriere von Brad Pitt, geboren am 18. Dezember 1963, aufgewachsen in Springfield, Missouri, nicht vollkommen abwegig finden. Erste Phase: The definition of sex. Nach drei Jahren diverser Knaben-Rollen in Fernsehfilmen und -serien reichten ihm ein paar Minuten im Bett mit Geena Davis und eine memorable Meta-Szene als oberkörperfreier, Haarföhn-bewehrter Outlaw, um nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen, zumal beim weiblichen Publikum. Pitts Glück dabei: Es handelte sich um einen Auftritt in einem Epoche machenden Film. Als das von Callie Khouri geschriebene Roadmovie Thelma & Louise (1991) das Licht der Leinwand erblickte, gab es wenige andere Mainstream-Filme, die nach heute geforderten MeToo-Massstäben Bestand haben. Als Gage kassierte Pitt heisse 6’000 Dollar, der Impact auf seine Karriere war indes unbezahlbar. Nur einen Haken hatte die Sache: Das Sofortbild als Sexsymbol musste gleich wieder mühsam gegen den Strich gebürstet werden. Obwohl Pitt schon in unmittelbar folgenden Filmen wie Robert Redfords A River Runs Through It (1992) über ein ungleiches Brüderpaar oder als Serienkiller in Kalifornia (1993) sein versatiles Talent unter Beweis stellte, blieb er in den Augen vieler vornehmlich sexy. Siehe Shania Twain.

 

Zweite Phase: The definition of cool. Den Beginn markiert Brad Pitts insgesamt vielleicht eindrücklichste Performance, als Alter Ego des von Edward Norton gespielten Erzählers in Fight Club (1999). Die von Chuck Palahniuk für seinen säurespritzenden Debütroman erdachte Figur des Tyler Durden, kongenial von Pitt inkorporiert und von dessen Lieblingsregisseur David Fincher adaptiert, brannte sich tief in die Gehirne junger männlicher Zuseher. Pitt spielt darin eine Art Symbol toxischer Männlichkeit avant la lettre: zwar freigeistig und unangepasst, selbstbewusst und konsumkritisch – daher eben auch: die personifizierte Coolness –, aber auch stark gewaltgeneigt, sektiererisch, manipulativ und misogyn. Mit dieser seinen Ruhm festigenden Rolle war Pitt gleichsam erwachsen geworden, Blockbuster-Engagements sollten ebenso folgen wie seine (nicht zuletzt in verkleidungstechnischer Hinsicht) stilprägend lässige Charakterisierung des Rusty Ryan in Steven Soderberghs Remake-Reihe um Trickbetrüger Danny Ocean (2001, 2004, 2007, mit Kumpel George Clooney). Pitts Achillesferse in dieser Zeit war wohl Troja (2004) – in der Grabschändung Homers durch den Kostümkriegsschinken von Wolfgang Petersen darf er u.a. mit zwei Frauen zugleich im Bett liegen und listig morden, doch seine Darstellung des griechischen Helden Achill brachte mehr für die teure Ausbildung seiner alsbald mit Angelina Jolie folgenden sechs Kinder als künstlerische Anerkennung. Stichwort Brangelina: Konsumentinnen der Yellow Press bzw. verwandter Internet-Medien wissen oft mehr über Pitts durchwachsenes Privatleben als über seine Leistungen als Schauspieler und seine 2006 begonnene Arbeit als Produzent. Drei Mal war er bereits für den Oscar nominiert (12 Monkeys, The Curious Case of Benjamin Button, Moneyball), bekommen hat er ihn jedoch erst als Koproduzent für das allseits akklamierte historische Rassendrama 12 Years a Slave (2013).

 

Dritte Phase: The definition of self awareness. Es braucht ein gerüttelt Mass an Selbstbewusstsein, Selbstaufmerksamkeit, Selbstreflexion und Selbstironie, um sich Rollen anzueignen, wie Brad Pitt sie in seiner dritten Karriere-Dekade angenommen hat. Das beste Beispiel ist eine Witzfigur von Fitnesstrainer namens Chad Feldheimer, welche die Coen-Brüder für ihre Agentenkomödie Burn After Reading (2008, erinnern Sie sich an Clooney und die Masturbationsmaschine?) erfunden haben und welcher er durch fulminant selbstironischen Gestus Vitalität verliehen hat. Überhaupt wird das Komödiantische in Pitts Schaffen mitunter zu gering geschätzt. Es findet sich in seiner verrenkt ausagierten und kieferschüttelnd grimassierenden Darstellung eines gepeinigten Schizophrenen in 12 Monkeys (1995), für die er den Golden Globe erhielt, ebenso wie etwa in seiner dialekttreuen Schnauze des irischen Halbwelt-Boxers Mickey the One Punch Pikey in Snatch (2000, Pitt hatte Lock, Stock and Two Smoking Barrels gesehen und wollte unbedingt in einem Guy-Ritchie-Film mitspielen). Und natürlich entbehrt auch seine Charakterisierung des Lieutenant Aldo Raine in Tarantinos Inglourious Basterds (2009) nicht einer Pitt-typischen, selbstbewussten Eigenwilligkeit zwischen Charme und Soziopathie – wobei auch hier der Humor nicht zu kurz kommt («And all y’all will git me one hundred Nazi scalps, taken from the heads of one hundred dead Nazis. Or you will die tryin’»).

 

Pitts Porträt des Baseball-Managers Billy Beane in Moneyball (2011) gilt als lebensnäheste und humanistischste seiner Rollen, das tolle «Performance Piece» ist wegen der Nischenhaftigkeit des Themas in Europa leider kaum bekannt. Dennoch konnte seine Vielseitigkeit einem cinephilen Publikum über die Jahre nicht verborgen bleiben: Von einer kleinen, zum Schenkelklopfen witzigen Stoner-Rolle im Schneidersitz (True Romance, 1993) zum konservativ-oppressiven Familienvater in Terry Malicks wunderschön schwebendem und zwanglos esoterisch ausgreifendem The Tree of Life (2011), vom artifiziellen Poser und verdrucksten Klitoris-Entdecker in der pastellbunten Aussenseiter-Fabel Johnny Suede (1991) von Indie-Ikone Tom DiCillo bis zum besorgten, um das Leben seiner angeschossenen Ehefrau (Cate Blanchett) kämpfenden Ehemann in dem Episodendrama Babel (2006): Pitts Bandbreite hat ein enormes Ausmass angenommen. Dabei braucht er zumeist nur wenige Minuten, um eine Figur lebendig werden zu lassen.

 

Dass Alter nicht vor Sexyness schützt, hat der nunmehr 56-jährige Pitt erst jüngst mit seiner leichthändigen Leistung in Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood bewiesen; welch grosser Schauspieler er geworden ist, in der Sternenreise Ad Astra. Das Männlichkeitsbild, in der Realität und im Film, mag sich stark gewandelt haben im Zuge seiner Karriere. Doch Brad Pitt ist immer noch – mit hohen Dosen von Selbstironie bei steigendem Reflexionsvermögen – wie kein zweiter Hollywoodstar und womöglich zeit seines Lebens auf der Leinwand: die personifizierte Coolness.

 

Also, Shania: He has got the touch.


Roman Scheiber

 

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