ON THE ROCKS
COCKTAILS IM KINO
Ob Martini, Daiquiri oder Margarita – im Kino ist der Cocktail weit mehr als ein blosses Requisit. Er ist Lebensform, Flirtsignal, Stimmungsbarometer, Rauschmittel – auch für das Kinopublikum, das sich an seinen Farben und Formen berauscht. Und er erzählt mehr über Einsamkeit und Geselligkeit als tausend Worte. Was darf es sein? Ein melancholischer Suntory in einer japanischen Hotelbar, ein French 75 in Ricks Bar, ein toxischer Drogencocktail am Pool einer Porno-Familie? Oder doch lieber koloniale Cocktails auf Kuba und dekadente Rooftop-Party-Drinks in Rom? Das Ganze geschüttelt oder gerührt? Das Stadtkino Basel wirft mit «On the Rocks» einen tiefen Blick in die Cocktailgläser der Filmgeschichte, die sich im Blick durchs Glas als bunt gemixte Sozialgeschichte zu erkennen gibt.
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Eine feucht-fröhliche Filmreihe im Stadtkino Basel
Alexandra Seitz
Bunte Schirmchendrinks oder klare Ansagen? Aperol Spritz oder Old Fashioned? Manhattan oder London Fog? Piña Colada oder Tom Collins? Wenn es um Mixgetränke geht, sind den Möglichkeiten kaum Grenzen gesetzt, lässt sich doch beinahe alles mit beinahe allem anderen vermengen. Sobald einmal die Frage entschieden ist, ob das Ergebnis mit oder ohne Alkohol zum Gelingen der Zusammenkunft beitragen soll. Früher, in jener grauen Vorzeit, in der die Begriffe Wellness und Selbstoptimierung noch nicht erfunden waren, da freilich stand die gewünschte berauschende Wirkung der Cocktails gar nicht erst zur Debatte. Da wurde entschlossen gesoffen bis zur Zwillings-Optik. Oder, naja, jedenfalls bei gewissen Gelegenheiten liessen weder Männer noch Frauen sich ohne Drink in der Hand erwischen. Es gibt Orte, an denen MUSS getrunken werden. So ist der bunte Schirmchendrink mit Obstgarnierung visuell eng mit einem Aufenthalt am Pool verknüpft, während ein Old Fashioned eher auf eine Theke in einer schummrigen Bar passt, in der es nach Leder riecht. Zum Aperol Spritz kann man sich besser gestellte Ladies im Anschluss an eine Einkaufstour in einem Strassencafe vorstellen, wohingegen der Assoziationsraum des London Fog eher im Nebulösen bleibt. Zuckerrohr und Rum gehören selbstverständlich in die Karibik, denn dort sind sie beheimatet, auf einer Dachterrasse im heissen Rom erfrischt ein Campari Orange und im freien Casablanca prickelt selbstverständlich der Champagner. Wir sind im Kino angelangt und sehen sie in Filmen trinken: die Hedonisten, die Verzweifelten, die Gelangweilten, die Ratlosen und die Einsamen – sowie all jene, denen das Trinken eine Kulturtechnik und Form willkommener, menschlicher Geselligkeit ist. Hier fallen die Kater so spektakulär aus wie die Räusche, und Drinks erreichen eine geradezu mythische Dimension. Bestellt da jemand etwa einen Martini?
Als Daniel Craig in Casino Royale seinen Einstand als Agent 007 im Auftrag Ihrer Majestät, vulgo: James Bond, gibt, da fällt es ihm zu, den fraglichen Cocktail nicht einfach nur zu ordern. Nein, er gibt zur Bestellung auch noch die detaillierte Rezeptur und Zubereitungsweise an – damit das ein für alle Mal geklärt ist! Wenig später allerdings, die Lage hat sich etwas zugespitzt, kann er das Brimborium um den berühmten Martini, mit dem seine Figur identifiziert wird, bereits nicht mehr ernst nehmen. Auf die Frage, ob er den Drink geschüttelt oder gerührt haben will, entfährt ihm ein ungeduldiges «Do I look like I give a damn?!». Manchmal braucht man den Alkohol auch bloss zur Beruhigung. Oder zur Ermutigung. Oder als kleine Pause. Oder als Mittel, die Perspektive zu verändern. Oder um sich wegzuballern, weil die Wirklichkeit sich gerade mal wieder von ihrer schier unerträglichen Seite zeigt. Eine Erfahrung, die auch Rick in Casablanca macht, als die Frau, die er liebt – und die ihn kurz vor Einmarsch der Deutschen an einem Pariser Bahnhof wortwörtlich wie einen begossenen Pudel hat stehen lassen – eines Tages wie so viele andere auf der Flucht in seinem Café strandet (…) «of all the gin joints in the world!». Schon jammert neuerlich das gebrochene Herz und muss tüchtig mit Whiskey begossen werden. Sodann wallt der Zorn über die Kränkung auf, und Ilsa, die eigentlich gekommen war, um sich zu erklären, streicht die Segel und geht wieder. Gegen einen Mann, der im Selbstmitleid badet, ist kein Kraut gewachsen.
Auch Bob und Charlotte tun sich in gewisser Weise selbst leid, sind sie doch Lost In Translation in dem sehr fremden Kulturraum Tokyo. Was liegt näher, als nachts in der Hotelbar mit Santory und Zigarre gegen das Jetlag zu Felde zu ziehen? Nun, man kann sich auch zusammentun. Gemeinsam geht alles besser, gemeinsam ist man weniger allein, gemeinsam rücken Bob und Charlotte der Melancholie zu Leibe. Jener Melancholie, die den wirklich bedeutenden Städten zu eigen ist. Wovon auch La Grande Bellezza für den Fall Roms Zeugnis ablegt, der ruhelos Ewigen Stadt, in der Jep Gambardella in den Fussstapfen Marcellos Bilanz seines ewig ruhelosen Lebens zieht. Und eher selten hat er dabei kein Glas in der Hand, denn das Kontemplieren des Erreichten wie des Ersehnten geht leichter umnebelt, zumal im Alter von 65 Jahren die Einschläge näher kommen.
Trinkt er sich Mut an? Befreit er seine Fantasie wie Our Man in Havana Ende der 1950er-Jahre? Der braucht dringend Geld für die Zukunft seiner schönen Tochter, die dem Batista-Regime endlich entkommen soll, und erfindet daher kurzerhand ein Spionagenetzwerk, auszuspionierende Staubsauger-Geheimfabrik inklusive. Ständig stehen allerorten Daiquiris herum und der ganze Film schaut sich an wie ein beschwipster Nachmittag sich anfühlt. Vielleicht liegt das aber auch nur an den Engländern, die für dieses ganze Unterfangen verantwortlich sind, und deren Spleens und Schrullen ebenso genuss- wie liebevoll durch den Kakao gezogen werden.
Wenn es nur nicht zugleich so ernst wäre, steht Kuba doch gerade an der Schwelle zur Revolution und die leckeren Mixgetränke kann sich keineswegs ein:e jede:r leisten. Hören wir also, um wieder auszunüchtern, der Insel selbst zu, die in Soy Cuba ihre Stimme erhebt und uns vom Leben ihrer Armen erzählt und davon, dass es sich ändern muss. Schwindelerregend ist das Gefälle zwischen den ausgebeuteten Einheimischen und den dekadenten Kolonisatoren, und schwindelerregend ist die entfesselte Kamera, die es uns demonstriert. Ein Sturz in die von tiefer Ungerechtigkeit determinierten Klassenverhältnisse, immer auch entlang eines visuellen Zeichens: Wer mixt und wer trinkt das Gemixte aus.
Drei Dekaden später ruft eine einleitende Schwebefahrt Erinnerungen an Soy Cuba wach. Doch in den Boogie Nights im heissen San Fernando Valley der späten 1970er-Jahre wird einem erweiterten Begriff des Cocktails gehuldigt. Da ist es nämlich der Drogencocktail, der allmählich die Herrschaft übernimmt. Dabei hatte es vergleichsweise harmlos angefangen: mit Margaritas am kleinen Pool im kleinen Garten des massvollen Hauses von Jack Horner, Oberhaupt der Porno-Familie, der endlich auch Dirk Diggler angehört. Der Schwanzlängenvergleich zwischen ihm und Darstellerkollege Reed Rothchild findet auf vermittelnder Ebene statt; was der eine tut, muss auch der andere ausprobieren (und wenn möglich übertreffen). So schleicht sich denn der Koks herzu, und als die Moden wechseln, wird es mit Crystal Meth so richtig ernst. Am Ende steht die Erkenntnis einer notwendigen Umkehr, oder doch wenigstens des Masshaltens. Denn der Rausch ist immer auch ein Spiel mit dem Feuer. Er ist die verbotene Frucht, das Mittel des Mysteriums, und als Vehikel der Erkenntnis auch verantwortlich für die Vertreibung aus dem Paradies.
Also ergeht es jenen, die der Einladung (L’Invitation) des Herrn Placet (in etwa: es gefällt) gefolgt sind; ein Nachmittag in einem veritablen Garten Eden soll die Gäste erfreuen und diese Freude wiederum den gütigen Herrn; allerdings erweist sich keine:r so recht würdig und (zer)stört die Gier den Wohlgefallen. Wer sich nicht beherrschen kann, der landet nicht nur in seiner privaten Suchthölle, sondern, wenn schon nicht im Bermuda-Dreieck, so doch im Triangle of Sadness. Hier dreht sich der Magen um und wird die gesellschaftliche Hierarchie ein Dreivierteljahrhundert nach der kubanischen Revolution ein weiteres Mal vom Kopf auf die Füsse gestellt.
Man kann aber natürlich auch im Winter trinken. Einleuchtend demonstrieren dies Mr. und Mrs. Charles auf der Jagd nach The Thin Man. Nick und Nora sind zwei wild entschlossene Trinker, die das Glas in der Hand zur Bedingung des Sozialen machen; wer nicht mittrinkt, ist ein Spielverderber und hat darüberhinaus den Zweck des Daseins nicht begriffen. Gewagte These. Und lässt sich natürlich anzweifeln.
Alexandra Seitz ist freie Autorin und Filmkritikerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Wien.






