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Filmreihe

 

 

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Heart of Darkness

Eine Reise ins finstere Herz des Kolonialismus


Im neusten Film von Lucrecia Martel verliert sich der Kolonialbeamte der spanischen Krone Don Diego de Zama Ende des 18. Jahrhunderts zusehends im weiten Sumpf und der flirrenden Hitze Paraguays wie in einem delirierenden Fiebertraum. Das Fieber, der Wahn, die destruktive Macht von Herrschaftsverhältnissen, die Selbstentfremdung und Dekadenz in einer gewaltsam zu eigen gemachten und doch fremdem, mystischen Welt üben seit jeher eine tiefe Faszination auf das Kino aus. Solche Reisen ins Herz der Finsternis haben viele Regisseure beschrieben, die sich mal explizit, mal weniger auf die gleichnamige Jahrhundert-Novelle von Joseph Conrad beziehen.

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Allen voran der junge Francis Ford Coppola, der mit Apocalypse Now die Erzählung auf die Situation im Vietnamkrieg übertrug, Werner Herzog, der Klaus Kinski wiederholt den Unwägbarkeiten des peruanischen Dschungels trotzen liess, oder der Kolumbianer Ciro Guerra, der mit seinem überwältigenden Epos El abrazo de la serpiente die unmenschlichen Auswüchse des Kolonialregimes in einem psychedelischen Trip durch das Amazonasgebiet anprangerte. Lisandro Alonso schickte in Jauja Viggo Mortensen auf eine Odyssee durch das Niemandsland der patagonischen Steppe, und Claire Denis liess Isabelle Huppert in White Material als Kaffeefarmerin in die Wirren eines afrikanischen Bürgerkriegs geraten. Die Filme dieser kleinen Reihe entwickeln einen unwiderstehlichen Sog hinein in eine wundersame, alles verschlingende Natur voller Abenteuer, Magie und Wahn.

 

Es ist eines der opulentesten Bilder der Filmgeschichte: Wie Klaus Kinskis leidenschaftlich tatendurstiger Brian Sweeney Fitzgerald um die Jahrhundertwende in den Tiefen des Amazonas mithilfe der ansässigen Ureinwohner einen gewaltigen Flussdampfer über einen dicht bewaldeten Berg zieht, um an ein gewinnversprechendes Kautschukfeld zu gelangen. Der Erlös des waghalsigen Geschäfts soll ihm seinen grossen Traum ermöglichen, inmitten des peruanische Dschungels ein Opernhaus nach dem Vorbild des Teatro Amazonas in Manaus zu errichten. Aber auch Werner Herzog, der Regisseur von Fitzcarraldo (1982), war getrieben von einer Illusion: Jeder andere Filmemacher hätte sich unter den gegebenen Umständen mit einer Attrappe des fast vierzig Meter langen, dreihundert Tonnen schweren Schiffs begnügt oder die Szene gleich von vornherein im Studio nachstellen lassen. Doch auf der Suche nach dem Schauplatz seiner Träume war Herzog alles recht, um seine Geschichte so authentisch wie nur irgend möglich zu inszenieren. Die Dreharbeiten hätten Schauspieler und Regisseur deshalb nicht nur angesichts Kinskis notorischer Tobsucht und Unbändigkeit beinahe das Leben gekostet. Doch die Strapazen sollten sich am Ende lohnen: «In dem Film», hiess es später, «ist alles echt – auch der Wahnsinn.» Ein schöneres Kompliment hätte man dem grossen Weltenerkunder Herzog gar nicht machen können.
Das Fieber, der Wahn, die stets präsente Gefahr des Scheiterns, so scheint es, sind Voraussetzungen für ein Kino, das sich mit den komplexen und oftmals extrem gewaltsamen Bedingungen und Entwicklungen kolonialer Herrschaftsverhältnisse beschäftigt. Filme wie Lisandro Alonsos mystisches Western-Drama Jauja (2014), Jacques Tourneurs atmosphärischer Horrorfilm I Walked with a Zombie (1943) oder Lucrecia Martels Zama (2017), der dieser Filmreihe als Inspiration diente, geben darüber Aufschluss. Jene besonders eigenwillige Art von Kunstwerken also, die in ihrem Wesen ein dunkles, von Kolonialismus, Imperialismus, Krieg und Machtspielen zermartertes Herz in sich tragen und es dennoch verstehen, gleichzeitig eine naturgewaltige Schönheit und berauschende Magie nach aussen zu projizieren, die ihresgleichen sucht. Und noch etwas ist ihnen gemein: Den Protagonisten bleibt jede nötige Weitsicht zumeist versperrt. Sie agieren aus ihrer Entschlossenheit heraus, getrieben von der vernunftwidrigen Fixierung auf ein Ziel, das ihnen als der einzig mögliche Weg erscheint. Figuren wie Kinskis Fitzcarraldo oder auch die beiden Forscher, die sich in Ciro Guerras El abrazo de la serpiente (2015) im Abstand von dreissig Jahren von demselben Schamanen ins Innere des Amazonas führen lassen, sind in dieser Hinsicht klar positioniert. Sie alle sind Besessene auf der Suche nach etwas oder sich selbst, das ihnen früher oder später die Sicht auf die Realität versperrt. Dafür sehen sie ihre Mission umso klarer, ohne die selbst auferlegten Grenzen und Vorurteile, die gewohnten Blicke und konditionierten Denkmuster der anderen – nicht zuletzt des Kinopublikums.

 

Auch Maria Vial, die von Isabelle Huppert mit gewohnt kühner Unerschrockenheit verkörperte Kaffeeplantagenbesitzerin in Claire Denis’ White Material (2009), handelt entschieden wider alle Vernunft und gerät bei dem Versuch, ihre Ernte zu retten, zwischen die Fronten des aufkeimenden afrikanischen Bürgerkriegs. Ganz zu schweigen von dem dänischen Ingenieur Gunnar Dinesen (Viggo Mortensen), der in Jauja im Patagonien der Jahrhundertwende, wo die Armee einen erbitterten Krieg gegen die indigene Bevölkerung vor Ort führt, zunächst seine Tochter und irgendwann schliesslich sich selbst verliert. Immer geht es ums Suchen, Finden oder Sein, um einen Weg hinein ins Herz der Finsternis oder daraus hinaus, um Menschen, die sich nicht reibungslos anpassen, und solche, die von vornherein nicht reinpassen – Fremde in vielerlei Hinsicht. Dennoch werden die in den hier vorliegenden Filmen auf verschiedenste Weise angesprochenen Phänomene und Diskurse um Kolonialismus und seine Folgen, um gesellschaftliche Haltungen, Identitätspolitik, Abhängigkeitsverhältnisse und Überlebenskämpfe nie plakativ ausgestellt, sondern immer kunstvoll auseinander entwickelt. Sie sind den Körpern wie dem Denken der Personen immanent, die sich in ihren Geschichten bewegen. Mit anderen Worten: Die Verhältnisse werden an den Figuren manifest. Der physische und psychische Einsatz ist hoch, wenn es darum geht, ans Ziel aller Träume zu gelangen.

 

Bleibt zu fragen, was auch die Regisseure und Regisseurinnen immer wieder ins Innerste des Amazonas, nach Afrika, Paraguay oder Indochina treibt, um von dem Fremden, dem Mystischen und dem Realen in einem kolonialen Land zu erzählen, zumal das Risiko der Selbstzerstörung – finanziell wie psychisch – auch für die Auteurs nicht selten eine konkrete Bedrohung darstellt. Ähnlich wie Herzog setzte beispielsweise auch Francis Ford Coppola für die Dreharbeiten zu Apocalypse Now (1979) auf den Philippinen nicht nur sein Vermögen, sondern auch seinen Verstand aufs Spiel, um seine Vision von Joseph Conrads 1899 veröffentlichter «Reise ins Herz der Finsternis», in der der Autor die unmenschlichen Zustände im damaligen kolonialen Kongo beschreibt, auf das umstrittene US-Engagement in Vietnam zu übertragen. Claire Denis’ Interesse für Afrika und die Auswirkungen des Kolonialismus ist dagegen eher biografisch, als Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln, begründet. Die 1948 als Tochter eines Kolonialbeamten geborene Französin wuchs in ihrer Kindheit in verschiedenen afrikanischen Ländern auf. Am deutlichsten aber ist der kolumbianische Regisseur Ciro Guerra eher an einer formal streng in Schwarz-Weiss gehaltenen Reflexion über Mensch, Natur und die destruktive Macht von Herrschaftsverhältnissen interessiert, als sich von dem Mythos und dem Abenteuer der Fremde leiten zu lassen. Wenn man so will, lässt sich El abrazo de la serpiente sogar durchaus als Umkehrung von Coppolas Vision begreifen: der Regenwald nicht als Ort der Finsternis, sondern als Tempel der Erlösung.

 

Dass die Auseinandersetzung mit kolonialen Spuren und Strukturen im Film keiner Zeit und keinem Genre vorbehalten ist, zeigt der Ideenreichtum, mit dem sich das Kino seit jeher immer wieder aufs Neue kopfüber ins Dunkel stürzt. Ob Abenteuerfilm, Meditation, Horror oder Kriegsdrama, den Umgangsformen mit dem Wahn und Wahnsinn von kolonialen Herrschaftsbeziehungen und den darin zum Vorschein kommenden Einzelschicksalen sind keine Grenzen gesetzt. Auffällig sind allein immer wieder die stummen und zugleich doch so vielsagenden Gesichter der indigenen Bevölkerung, die den westlichen Eindringlingen auf ihrer Mission entweder kriegerisch gegenüber- oder helfend zur Seite stehen. In ihren Blicken steht auch heute noch zu lesen, was einst ein Pueblo-Indianer C. G. Jung gegenüber so erklärte: «Wir verstehen die Weissen nicht. Immer wollen sie etwas, immer sind sie ruhelos, immer auf der Suche nach irgendetwas. Was ist es? Wir wissen es nicht. Wir können sie nicht verstehen ... Wir halten sie alle für verrückt.»

 

Pamela Jahn

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