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ARCHIV | Filmreihe

 
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STANLEY KUBRICK

Eyes Wide Open


Viel kopiert, viel zitiert, unerreicht. Stanley Kubricks Filme sind Klassiker, ikonisch und zeitlos. Der aufsteigende Atompilz am Ende von Dr. Strangelove, die weit aufgerissenen Augen aus A Clockwork Orange, Kamerafahrten durch endlos lange Hotelflure in The Shining – Bilder, die unverrückbar in der Filmgeschichte stehen, sich uns eingeprägt haben. Und immer wieder voller Bewunderung zitiert werden: Wenn Greta Gerwig in Barbie Kinder mit Leidenschaft Puppen gen Himmel schleudern lässt, dann ist das eine liebevoll-ironische Hommage an Kubricks visionären Knochenwurf in 2001 – A Space Odyssey. Seine Filme führen zurück in martialische Zeiten, mit unverwechselbaren Soundtracks und bestechenden Bildern, die nachhallen und die Augen öffnen.

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Der Kubrick-Effekt 

 

Wenn sich die Aktualität eines Klassikers daran bemisst, wie fleissig er von zeitgenössischen Werken zitiert wird, dann ist Stanley Kubricks Œuvre zweifellos hochaktuell. Prominentester Beleg hierfür ist Greta Gerwigs Barbie (2023). Die ersten Minuten dieses feministischen Lustspiels in Pink sind eine ebenso liebevolle wie ironische Hommage an den Auftakt von 2001: A Space Odyssey (1968). Erstaunlich ist nicht nur, wie detailliert hier die Anfangssequenz von Kubricks Science-Fiction-Epos mit Kindern und Puppen nachgestellt wird, sondern vor allem, dass man Seitens Warner Bros. anscheinend keinerlei Bedenken hatte, eine Mainstream-Produktion mit einer Reverenz zu beginnen, die über ein halbes Jahrhundert in die Filmgeschichte zurückreicht.

Barbie ist diesbezüglich keine Ausnahme. Wer in den vergangenen Jahren etwa nach The Shining (1980)-Anspielungen Ausschau hielt, wurde vielerorts fündig. Nicht nur liess Steven Spielberg für Ready Player One (2018) das Overlook-Hotel nachbauen, auch zahlreiche Horrorfilme variieren die Anfangssequenz des Films, in der die Kamera in Aufsicht dem gelben VW Käfer der Familie Torrance folgt. Und wer genau hinschaut, wird in einer Reihe von Pixar-Filmen das prägnante Sechseckmuster – das sogenannte Hicks’ Hexagon – des Teppichs entdecken, auf dem der kleine Danny Torrance in einer Schlüsselszene des Films mit seinem Tretauto fährt.

 

Filme mit Nachhall 
 

Was hier deutlich wird: Kubricks Filme hallen nach; ja, sie entwickeln ihre volle Wirkung erst mit der Zeit. Ab 2001 - A Space Odyssey war es schon fast normal, dass zumindest die US-amerikanische Filmkritik eher verhalten auf die Filme des Regisseurs reagierte. So wurde das Kostümepos Barry Lyndon (1975), das mittlerweile nicht wenige für Kubricks eigentliches Meisterwerk halten, zu Beginn vielerorts als überlange Stilübung abgetan; The Shining wiederum, der heute wohl die obsessivste Fangemeinde um sich schart, galt als ehrbarer, aber nur mässig erfolgreicher Versuch eines kommerziellen Genrefilms.

Kubrick trat die Regiekarriere als vollkommener Autodidakt an, das Filmemachen hat er nie professionell gelernt. Doch bereits als Jugendlicher entwickelte er eine Leidenschaft für die Fotografie, arbeitete einige Jahre für das Magazin «Look». Als 24-Jähriger realisierte er dann seinen Erstling Fear and Desire (1952) praktisch ohne Crew und mit minimalem Budget. Der Film war ein Flop und Kubrick damit so unzufrieden, dass er später sämtliche Kopien aus dem Verkehr zog. Es folgte der Film-noir-Thriller Killer’s Kiss (1955). Die offizielle Kubrick-Zeitrechnung beginnt aber 1956 mit The Killing, einem Werk von bereits beeindruckender Geschlossenheit und formaler Brillanz: Sei es das souveräne Jonglieren mit den Zeitebenen, die superbe Schwarz-Weiss-Fotografie oder das Spiel mit den Genrekonventionen – hier ist kein suchender Anfänger mehr am Werk. Ebenso wenig in Kubricks nächstem Film, Paths of Glory (1957), ein unbarmherziges und dabei zutiefst humanistisches Erst-Weltkrieg-Drama, dessen gnadenloses Ende nichts von seiner Wucht eingebüsst hat.

Drei Filme später war Kubrick dann bereits bei Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb (1964) angelangt, einem Film, wie es ihn vorher – und im Grunde auch seither – nie mehr gegeben hat. Eine tiefschwarze und zugleich rasend komische Groteske über den Kalten Krieg, die darin gipfelt, dass Peter Sellers mit leuchtenden Augen von einem Leben in Minenschächten fantasiert, derweil draussen die Atombomben niedergehen. 

 

Planung und Improvisation
 

Dr. Strangelove stellt in Kubricks Karriere nicht nur insofern einen Wendepunkt dar, als dass der Regisseur von nun an in einer ganz eigenen Liga spielte, sondern auch weil er hier erstmals jene Arbeitsweise erprobte, die er von nun an bei allen seinen Projekten praktizieren sollte. Eine Arbeitsweise, die sich durch eine eigentümliche Kombination aus präziser Planung und freier Improvisation auszeichnete.

Einer der grossen Irrtümer über Kubrick besteht darin, dass er oft als genau berechnender Planer dargestellt wird, der beim Dreh bloss den Film zu realisieren versuchte, der in seiner Vorstellung längst seine definitive Gestalt angenommen hatte. Wahr ist daran nur, dass Kubrick in der Tat sehr methodisch und umfangreich recherchierte. Doch der eigentliche kreative Prozess war von langen Suchbewegungen gekennzeichnet. Kubrick wusste selten, was er wollte, dafür aber sehr viel öfter, was er nicht wollte. Es war Aufgabe seiner Mitarbeiter:innen, ständig mit neuen Vorschlägen aufzuwarten, Vorschläge, die er in aller Regel für nicht interessant genug hielt.

Das Zusammentreffen mit Peter Sellers, einem der grossen Improvisationsgenies der Kinogeschichte, mit dem Kubrick erstmals für Lolita (1962) zusammenarbeitete, sollte sich als Glücksfall erweisen. So gründlich sich Kubrick auch in die Literatur zur nuklearen Abschreckung eingelesen hatte und so detailgetreu der Nachbau des B-52-Bombers, in dem ein wesentlicher Teil der Handlung spielt, auch sein mochte: Die komischen Höhepunkte entwickelte Sellers, der im Film drei Rollen spielt, ad hoc vor laufender Kamera. 

 

Der längste Dreh der Filmgeschichte 
 

Die teuerste Phase einer Filmproduktion ist der Dreh, da während dieser Zeit eine komplexe Studioinfrastruktur mit einer grossen Crew am Laufen gehalten werden muss. Deshalb versuchen Produktionsfirmen, diesen Abschnitt so kurz wie möglich zu halten. Kubrick dagegen wurde immer mehr von der Überzeugung geleitet, dass gerade die Arbeit mit den Schauspieler:innen der Moment ist, in dem das Entscheidende, das Nicht-Planbare geschieht. Folglich war er stets darum bemüht, sich möglichst viel Freiraum zu schaffen. Eine Konsequenz dieser Haltung war, dass sich die Produktionen immer länger hinzogen, was bei seinem letzten Film Eyes Wide Shut (1999) in einem 400-tägigen Dreh gipfelte.

Kubricks Arbeitsweise war iterativ, einem Workshop ähnlich. Zahlreiche ikonische Momente sind auf diese Weise entstanden, vom berühmten Umschnitt des herunterfallenden Knochens auf ein im All schwebendes Raumschiff in 2001 über den Einsatz von «Singinʼ in the Rain» in A Clockwork Orange (1971) bis zur Verpflichtung von R. Lee Ermey, einem ehemaligen Militärausbilder, der als permanent fluchenden Gunnery Sergeant Hartman in Full Metal Jacket (1987) zu Höchstform aufläuft.

Nicht anders bei der Musik: Für den Soundtrack von 2001 hatte man ursprünglich den gestandenen Filmkomponisten Alex North engagiert. Dessen Partitur kam aber nie zum Einsatz; stattdessen entdeckte Kubrick am Schneidetisch, dass bestehende Musikstücke wie Johann Straussʼ «An der schönen blauen Donau» oder György Ligetis «Lux aeterna» [der derzeit im Historischen Museum Basel - Musikmuseum mit einer Ausstellung geehrt wird, Anm. d. Red.] seine Bilder viel wirkungsvoller ergänzten bzw. kontrastierten. Selbst der ironische Off-Kommentar in Barry Lyndon, der massgeblich zur Vielschichtigkeit dieser Antihelden-Geschichte beiträgt, wurde erst beim Schnitt entwickelt. 

 

Kubrick und die Mondlandung
 

Das Ergebnis dieser langwierigen Arbeitsweise sind Filme, bei denen  man stets spürt, dass sie nicht schnell und zufällig entstanden sind, sondern in einem langwierigen, skrupulösen Prozess. Aber gerade in ihrer Überfülle, Dichte und audiovisuellen Opulenz liegt ihre Kraft und ihre Langlebigkeit. Kubricks Œuvre ist eine Offenbarung und lässt sich immer wieder neu entdecken. Nicht umsonst gilt 2001 als meistkommentierter Film der Filmgeschichte, und insbesondere bei The Shining treibt die Freude am Herumdeuten der Fans mitunter kuriose Blüten. Eine besonders originelle Interpretation besagt, dass Kubrick in seinem Horrorfilm versteckte Hinweise darauf gibt, dass er im Auftrag der NASA die Bilder der Apollo-11-Mondlandung gedreht habe.

So absurd diese Verschwörungstheorie auch scheinen mag, sie ist doch Ausdruck der besonderen Aura, die Kubricks Filme umgibt. Denn die Shining-Ausleger, die in jedem Einrichtungsgegenstand und jedem Manschettenknopf einen versteckten Hinweis entdecken, gehen von der Prämisse aus, dass hier nichts dem Zufall überlassen wurde und somit auch das kleinste Detail bedeutungsvoll sein muss. Es ist der Kubrick-Effekt ad absurdum geführt. 

 

Simon Spiegel, geboren in Basel, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. 2019 hat er sich mit einer Studie zur Utopie im nichtfiktionalen Film habilitiert. Er schreibt regelmässig für diverse Publikationen über Film und verwandte Themen und ist Vorstandspräsident von Fantoche, dem internationalen Festival für Animationsfilm in Baden. 

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