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ARCHIV | Filmreihe

 
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A ROOM OF ONE'S OWN

In the Spirit of Virginia Woolf


Sie war Verfechterin einer offenen Gesellschaft und Vorkämpferin für die Gleichstellung der Frau. Die Schriftstellerin und Verlegerin Virginia Woolf und ihr 1929 erschienener Essay «A Room of One’s Own», in dem sie gegen soziale Normen ihrer Zeit aufbegehrte und ein freieres, selbstbestimmtes Leben für Frauen forderte, sind bis heute aktuell. Ähnlich wie Emily Dickinson, Jane Austen oder Charlotte Brontë brach sie mit den Konventionen ihrer Zeit, entwarf literarische Räume voller Hoffnungen, Träume und Ideen. Ihre inspirierenden Geschichten und reichhaltige Biografie hat längst auch das Kino für sich entdeckt. Ausgehend von Virgina Woolfs Essay und den darin erwähnten Schriftstellerinnen präsentieren wir fulminante Biopics und Verfilmungen prägender weiblicher Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts.

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Die letzte Einstellung von Sally Potters Orlando (1993) ist ein Versprechen: Sie zeigt ein schwärmerisches Close-up von Tilda Swintons Gesicht. Man glaubt den wachen Geist der Schriftstellerin Virginia Woolf zu spüren, der aus den kühnen Augen der Protagonistin spricht. Aus nächster Nähe erforscht die Kamera Swintons zarte, blasse Haut, den weichen, androgynen Blick. Ein Blick, der frei sein will, der mit Konventionen bricht. Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte liegen dahinter verborgen. Ein ganzer Raum voller Ideen, die eigene Sicht auf die Welt. Doch die Zeit, in der Orlando lebt, ist noch nicht reif dafür.

Virginia Woolf (1882–1941), die den Roman, auf dem der Film basiert, 1928 schrieb, hätte ihre helle Freude an Swintons Antlitz gehabt. Ach was, an ihrer ganzen Person. Die britische Schauspielerin verkörpert heute so wahrhaftig wie keine andere, was die Schriftstellerin zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer sein wollte, aber nicht konnte: eine Frau von sanfter Unbeugsamkeit, die sich ungeniert den herrschenden Normen und Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern widersetzt. Eine, die aufbegehrt, die sich verzehrt, und die immer mit ganzer Kraft für ihre Kunst brennt.

In Potters Orlando wird daraus eine charismatische Titelfigur voller Anmut, Ernsthaftigkeit und einem flinkem Humor. Beinahe 400 Jahre lang, von 1600 bis in die Gegenwart, zieht Swinton als unsterbliche, adelige Gestalt durch die verschiedenen Epochen, ohne zu altern, erst als Mann, dann als Frau. Die Verwandlung bleibt auf wunderbare Weise ungeklärt. Als er eines Tages im 17. Jahrhundert als sie erwacht, sagt Orlando nüchtern: «Dieselbe Person, überhaupt kein Unterschied. Nur ein anderes Geschlecht.» Woolfs Gedanken zur Lage der Frau in der patriarchalischen Gesellschaft und im Literaturbetrieb sind nach wie vor aktuell. Indem sie einst in ihrem legendären Essay «ein Zimmer für sich allein» einforderte, plädierte die Schriftstellerin für Gleichstellung und ein Leben für Frauen in finanzieller Unabhängigkeit. Die «creaking door», die Quietschtür, bei der das Manuskript schnell unter der Tischdecke zu verschwinden hatte, wie Jane Austen (1775–1817) in ihrer Autobiografie schrieb, wollte sie aufreissen. Aber die Realität sah zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch anders aus.

Die Welt, die Woolf und ihre schreibenden Kolleginnen, oder besser: Komplizinnen, wie Austen oder Charlotte Brontë (1816–1855) stattdessen aus ihrem Innern heraus errichteten, ist aufregender, reichhaltiger und komplexer als so manches abenteuerliche Männerleben, damals wie heute. Davon zeugen nicht nur ihre Schriften, auch das Kino erzählt ihre Geschichten, ihre Biografien.

Manchmal kommt beides zusammen: In Stephen Daldrys Drama The Hours (2002) etwa schreibt Woolf (Nicole Kidman) 1923 in einem Londoner Vorort an ihrem nächsten Roman «Mrs. Dalloway», während die Hausfrau Laura Brown ( Julianne Moore) dreissig Jahre später jede Seite dieses Buches verschlingt; parallel dazu richtet die Lektorin Clarissa Vaughn (Meryl Streep) im New York des frühen 21. Jahrhunderts für ihren aidskranken Freund Richard (Ed Harris) eine Feier aus - er nennt sie zärtlich Mrs. Dalloway, und damit ist in dieser raffiniertkomplizierten Verschränkung dreier Frauenschicksale fast schon alles gesagt.

Aber nicht nur um Woolf soll es hier gehen, sondern auch um ihre geistigen Schwestern, ihre Seelenverwandten, wie Emily Dickinson (1830–1886). Der britische Regisseur Terence Davies, der im vergangenen Jahr überraschend verstarb, zeichnet in A Quiet Passion (2016) weit mehr als ein gelungenes Künstlerinnenporträt der grossen amerikanischen Dichterin. In kühnen, häufig frontalen, tableauartigen Kompositionen findet er eine subtile Form der Stilisierung, um Dickinsons Leben ins rechte Licht zu rücken: von ihrer relativ unbescholtenen Jugend als wortgewandte junge Frau bis in die späteren Jahre, die von Krankheit und einer mangelnden Anerkennung ihrer Dichtkunst gekennzeichnet waren. Cynthia Nixon spielt die Dichterin in ihrer wachsenden Einsamkeit und Verbitterung mit viel Würde und ihrem ganzen Stolz, bis zum Schluss. Ihre Dickinson ist keine Märtyrerin, sie lebt in ihrer Zeit, wach und bereit, über die Tatsache zu diskutieren, dass sie als Verseschreiberin sträflich übersehen wird.

Auffällig ist, wie viele männliche Regisseure sich regelmässig den endlos ergiebigen Stoffen der frühen Autorinnen annehmen. Jane Austens Werke sind ein gutes Beispiel dafür. Wie amüsant und erfrischend unschnulzig es dabei zugehen kann, beweist Whit Stillman in Love & Friendship (2016), der auf Austens Briefroman «Lady Susan» basiert. Eine phänomenale Kate Beckinsale in der Titelrolle kokettiert und schummelt sich hier zum Zweck der Wohlstandssicherung höchst elegant durch diverse Familiensalons der gehobenen Gesellschaft im England des 18. Jahrhunderts. Dagegen wirkt Keira Knightley in der Rolle der wilden, klugen, selbstbewussten Elizabeth Bennet in Joe Wrights Adaption von Pride & Prejudice (2005) fast schon wie ein Mauerblümchen – für eine Oscar-Nominierung reichte es trotzdem allemal.

In beiden Inszenierungen wird eines klar: wie unromantisch das Leben im 18. und 19. Jahrhundert für Frauen tatsächlich war. Finanzielle Sicherheit bot allein die Ehe mit einem möglichst liquiden Junggesellen – Gefühle hin oder her. Die Strenge und emotionale Unterkühltheit der viktorianischen Ära betont auch Cary Joji Fukunaga in seiner Verfilmung von Jane Eyre (2011), in dem er aus Charlotte Brontës Literaturklassiker ein gothisches Schauermärchen macht.

Denkt man sich weiter in die Gegenwart, kommt man an Patricia Highsmith (1921–1995) und Carol (2015) von Todd Haynes nicht vorbei. Der Film in seinen samtigen Tönen und einer tiefen, stets unter der Oberfläche brodelnden Leidenschaft ist ein einziger Rausch, ein grosses Kinomelodram. Wie Cate Blanchett und Rooney Maras sich als lesbisches Liebespaar gegen die repressive Moral der Fünfzigerjahre stemmen, ist phänomenal mitanzusehen. Aber auch hausgemachte literarische Persönlichkeiten, wie sie die Zürcher Regisseur:innen Werner Schweizer und Katja Früh in Verliebte Feinde (2013) ins Zentrum rücken, stehen dem amerikanischen Kino nicht nach. Mit Mona Petri und Fabian Krüger als Iris und Peter von Roten erzählen Schweizer und Früh ebenfalls von der komplexen wie explosiven Liebe zweier Aussenseiter, die ihrer Zeit voraus waren. Iris von Roten (1917–1990) – bekannt für «Frauen im Laufgitter» (1958) – stritt in der Schweiz für Gleichberechtigung und das Frauenstimmrecht. Petri verleiht ihr im Film die nötige Lebendigkeit, den Eigensinn und eine radikale Unangepasstheit.

Wenn man am Ende wieder den Bogen zu Woolf schlagen will, landet man bei Vita & Virginia (2019) der britischen Regisseurin Chanya Button. Darin nimmt Elizabeth Debicki die Herausforderung als Verkörperung der Schriftstellerin an und rückt mit viel Feingefühl deren exzentrisches, gequältes Bohème-Dasein in den Vordergrund. Gemma Arterton spielt Vita Sackville- West, die Frau, die eine leidenschaftliche Affäre mit Woolf hatte und sie 1928 zu «Orlando » inspirierte – und so schliesst sich der Kreis.

Allerdings nicht, ohne Isabelle Huppert zu erwähnen, die in Werner Schroeters «Malina»- Verfilmung von 1991 die namenlose Protagonistin, eine Schriftstellerin, spielt. Die französische Schauspielerin ist wie Swinton eine Frau von Format, die Woolf gefallen hätte. Ingeborg Bachmann (1926–1973), deren Roman Schroeter und seiner Ko-Autorin Elfriede Jelinek als Inspiration diente, sicherlich auch. Im Film fängt der Regisseur ihre überbordende, produktive Fantasie mit überraschend sparsamen Mitteln ein. Der Effekt ist umso eindringlicher: Zum Vorschein kommt auch hier das kluge, präzise Porträt einer feministischen Denkerin, die über die Auswirkungen des Schreibens und des Frauseins reflektiert.

 

Pamela Jahn ist freie Autorin und Journalistin. Sie schreibt u.a. für das ray Filmmagazin, die NZZ und Filmbulletin. Sie lebt in London und ist dort auch als Übersetzerin und Filmkuratorin tätig.

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