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ARCHIV | Filmreihe

 
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Pedro Almodóvar

Alles über Leid und Herrlichkeit


Knallbunt, wild und voller Emotionen, im Zentrum meist grossartige, starke Frauen – das ist das unverkennbare Kino Pedro Almodóvars, mit dem uns der spanische Regisseur seit den 80er Jahren bis heute beglückt. Inspiriert vom verwegenen Genrekino, allem voran den schrägen Komödien und grossen Melodramen Hollywoods, die als Verweise durch seine Filme geistern, sind Almodóvars Filme durchzogen von Themen wie Liebe, Lust und Leidenschaft, aber auch von verqueren (und queeren) Familienkonstellationen. Im Vordergrund stehen neben den prächtigen Farben die unvergesslichen Frauenfiguren, gespielt von grossen Actricen des spanischen Kinos wie Carmen Maura oder Penélope Cruz, die Almodóvar wie kaum ein anderer in Szene zu setzen weiss. Was nicht heisst, dass die Männer zu kurz kämen: Schauspieler wie Antonio Banderas oder Javier Bardem wurden nicht zuletzt durch Almódovars Filmen zu Superstars. Und dann ist da noch das innige Verhältnis zu seiner Mutter, das Almodóvar in seinen Filmen spielerisch aufflackern lässt und das ihnen eine biografische Note gibt. Grosses, farbenfrohes Emotionskino mit Humor und Tiefgang im Stadtkino Basel - und sein neuester Streich Madres paralelas als Vorpremiere!

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Müsste man die Filme von Pedro Almodóvar mit einer Farbe beschreiben, gibt es nur diese: Rot wie der Mantel, den Cecilia Roths Mutter in Todo sobre mi madre (1999) trägt, als sie vor dem Theater auf ihren Sohn wartet. Rot wie das Blut, das Penélope Cruz in Volver (2006) vom Küchenboden wischt, nachdem ihre Tochter den übergriffigen Vater erstochen hat. Und rot, wie die ellenbogenlangen Seidenhandschuhe von Marisa Paredes in Tacones lejanos (1991), die hier als berühmte Sängerin Becky del Páramo auftritt und kurze Zeit später ebenfalls unter Mordverdacht steht. Die Beispiele sind unzählig, die Rottöne stets prächtig, fast übersinnlich. Und nicht nur das. «Die Farben in meinen Filmen sind nicht wirklich realistisch», sagt Almodóvar selbst, «weil ich den Abstand mag, die Gewissheit, dass es sich um Fiktion handelt und die Realität auf der anderen Strassenseite wartet. Es geht mir um eine bestimmte Darstellung der Wirklichkeit, meine Darstellung davon. Das hat mich von Anfang an fasziniert und es ist bis heute der Grund dafür, warum ich Filme mache.»

 

Rot ist die Farbe der Gefahr, der Liebe, des Todes. Auch deshalb ist sie in den Werken des spanischen Regisseurs stets präsent, der mit seinem eigenwilligen Repertoire aus Travestie und Tragik, Melodram und Farce, Kitsch und Kunst seit Jahrzehnten zu den beliebtesten und erfolgreichsten Autorenfilmern Europas gehört. Grosse Gefühle, familiäre Spaltungen und schillernde Verrücktheiten sind sein Metier. Vor allem eine unermüdliche Leidenschaft, für das Kino wie für das Leben, beflügeln seine Geschichten, die nicht selten auch autobiografisch angelehnt sind. Wie wunderbar melancholisch, bisweilen herrlich theatralisch, es dabei zugehen kann, beschreibt kein Film so schön wie Todo sobre mi madre, für den Almodóvar 1999 seinen ersten Oscar (hier für die beste Regie) erhielt. Es ist eine Hommage an seine eigene Mutter, Francisca Caballero, die in demselben Jahr verstarb, wie auch an alle Mütter überhaupt. Der Regisseur, der seine Filme ebenfalls selbst schreibt, erzählt darin, wie die 38-jährige Krankenschwester Manuela (Roth) nach dem Unfalltod ihres 17-jährigen Sohnes von Madrid nach Barcelona reist, um dessen Vater zu finden, der sich mittlerweile in eine Transsexuelle verwandelt hat. Mit feinem Humor und viel Mitgefühl umringt er seine Hauptfigur alsbald mit einer Reihe von exotischen Frauencharakteren, die allesamt vom Leben gezeichnet und allein deshalb auf besondere Weise miteinander verbunden sind.

 

Überhaupt sind es immer wieder Frauen, die in Almodóvars Filmen im Vordergrund stehen: Seien es verlassene Gattinnen am Rande des Nervenzusammenbruchs (Mujeres al borde de un ataque de nervios (1988), schwesterliche Komplizinnen (Volver), Mutter-Tochter-Rivalinnen (Tacones lejanos), im Koma liegende Schönheiten (Hable con ella (2002) oder eine zwischen zwei Männern feststeckende Sekretärin (Los abrazos rotos, 2009), die dicke Tränen auf saftig rote Tomaten weint und ansonsten mal mit Marilyn-Monroe-Perücke, mal im Audrey-Hepburn-Look mit grossen Augen in die Kamera staunt. Sie alle sind alles für ihren Regisseur und er für sie. Kaum ein anderer hat so viel für seine Heldinnen übrig wie Almodóvar. Und die Schauspielerinnen, die sie verkörpern, halten ihm dafür gerne die Treue. Neben Carmen Maura, die bereits Ende der siebziger Jahre für ihn vor der Kamera stand, gehört Penélope Cruz heute zu den wichtigsten Kollaborateurinnen, die seinen wunderbar verstiegenen Ideen Gestalt verleihen. Sie hat das gewisse Etwas einer Almodóvar-Ikone, hat die Aura, den Charme und die Gravitas, sich von den farbenprächtigen Innenräumen und Dekors abzusetzen, und spielt gleichzeitig so gut wie bei sonst keinem Regisseur. Erst kürzlich wurde sie für ihre Glanzleistung als alleinerziehende Mutter in Madres paralelas (2021), dem jüngsten Werk des Regisseurs, bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Silbernen Löwen für die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet.  

 

Almodóvar, der grosse Frauenfilmer, der grosse Frauenversteher. Ja, das kann ihm so schnell keiner nehmen. Aber auch wenn es in seinen Filmen ausnahmsweise nicht, oder zumindest nicht vordergründig, um Mütter oder verquere Familienkonstellationen geht, die bei ihm immer irgendwo, irgendwie zu finden sind, erweist sich der offen homosexuelle Regisseur als ein wahrer Humanist - einer, der bei aller Liebe für das Drama, den Stil und die Ausstattung nie seine Figuren aus den Augen verliert, auch wenn ihre Geschichten noch so abgefahren sein mögen. Vor allem zu Beginn seiner Karriere drehte der 1949 in der spanischen Provinz Kastilien-La Mancha geborene Sohn einer Landarbeiterfamilie gerne Filme, die nicht nur schrill und bunt, sondern kontrovers und provokativ waren, weil sich darin die Neurosen und Emotionen, Lüste und Leidenschaften einer ganzen Menge abgefahrener Typen breitmachten. Die Beteiligten in Carne trémula (1997) etwa sind so herrlich übersteigert, dass sie kaum mehr als Sklaven ihrer inneren Triebe sind. Für seinen «Reigen von Begierden» greift der Regisseur hier erstmals auf eine bereits existierende Vorlage zurück und verwandelt Ruth Rendells Roman Live Flesh im Handumdrehen in einen clever inszenierten Almodóvar-Plot um Liebe, Lust und Leidenschaft. Denn das verwegene Genrekino in allen seinen Schattierungen hat es ihm angetan, das der am Filmeschauen geschulte Regisseur mindestens genauso beherrscht wie die schrägen Komödien oder seine unverkennbaren Melodramen, die zumeist voller Reverenzen an die grossen Hollywood-Vorbilder aus der goldenen Zeit des Kinos stecken. Und noch etwas ist anders hier: Im Mittelpunkt stehen diesmal heterosexuelle Männer, von denen insbesondere ein junger Javier Bardem ins Auge sticht.  

 

Fast noch wilder treibt es Antonio Banderas in Átame!(1989) als ebenso naiver wie psychisch labiler Draufgänger Ricky, der zur Gründung einer eigenen Familie die ehemalige Pornodarstellerin Marina entführt, sie ans Bett fesselt und so ihre Liebe zu erzwingen gedenkt. Aber keiner ist letztlich so verbohrt wie der von seiner Vergangenheit geplagte Schönheitschirurg Dr. Robert Ledgard (Banderas) in dem eleganten Horrorszenario La piel que habito (2011), der darin ebenfalls eine Frau zur Geisel nimmt, die (besser gesagt: deren Haut) der Schlüssel zu seinem Glück sein soll. Ähnlich wie Cruz hat auch Banderas in den über zwanzig Jahren, die zwischen diesen beiden Auftritten liegen, nichts von seiner Ausstrahlung und darstellerischen Energie verloren. Auch er spielt jede Rolle, die ihm Almodóvar anvertraut unter vollem Einsatz seiner Kräfte, emotional und körperlich, während der Meister selbst hier wie dort bewusst an seine narrativen und filmischen Grenzen gerät, um sie im nächsten Augenblick mit wehenden Fahnen zu durchbrechen.   

 

Ihr grösster gemeinsamer Coup gelingt Schauspieler und Regisseur jedoch in Dolor y gloria (2019), in dem Banderas einen in die Jahre gekommenen Filmemacher spielt und ihn durch seine wunderbar sensible Darstellung zu Almodóvars bisher persönlichsten Werk macht. Es ist der Abschluss einer Trilogie, die 1978 mit La ley del deseo ihren Ursprung nahm und in La mala educación (2004) ihre Fortsetzung fand - Letzterer ein zwischen Film noir und Hitchcock angesiedeltes Drama über Almodóvars eigene, repressive und religiöse Erziehung im Spanien der Franco-Zeit. Was alle drei Filme verbindet, ist jeweils ein anderer Regisseur als Protagonist im Zentrum des Geschehens. Doch die Art und Weise, wie Dichtung und Wahrheit miteinander korrelieren und sich mit biografischen Hinweisen und persönlichen Details decken, ist in Dolor y gloria besonders schön zu beobachten. Almodóvar blickt darin zurück auf seine Anfänge als Regisseur, taxiert bestimmte Entscheidungen, die er getroffen hat, reflektiert über verflossene Lieben, seine Mutter, das Leben und den Tod. Er geht sogar so weit, dass er die eigene - natürlich - kirschrote Küche zum Set umfunktioniert und seine privaten Gemälde an den Wänden verteilt. Banderas' treffliche Verwandlung in das Alter Ego seines langjährigen Freundes und Regisseurs inklusive Krausbart und leicht toupiertem Haar machen die Verwirrung perfekt.   

 

So kommt bei dem spanischen Auteur immer alles zusammen: Komik und Tragödie, Stil und Kunst, das Private und das Gesellschaftliche, eine Sensibilität für das Andere, das Queere und das Skurrile sowie eine Leidenschaft für das Fiktionale im Realen und umgekehrt. Almodóvars Kino ist eines der Farben, des Lichts, aber auch eines, das den Blick in den Abgrund nicht scheut. Rot sehen bei ihm nicht nur seine Figuren. Rot sehen alle, die sich auf seine faszinierenden, bild- und emotionsgewaltigen Geschichten einlassen, ganz gleich, ob zum ersten oder zum hundertsten Mal.   

 

Pamela Jahn ist Autorin und Filmjournalistin. Sie schreibt u.a. für das «ray Filmmagazin», für «Sight & Sound», «FAQ» und das «Electric Sheep Magazine». Sie lebt in London und ist dort auch als Filmkuratorin tätig.  

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