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ARCHIV | Filmreihe

 
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Aufstrebende Balkan-Regisseurinnen

und ihr starkes Kino


Kaum ein Festival kommt aktuell ohne sie aus: Die Filme aufstrebender Regisseurinnen aus dem Balkan erobern weltweit die Kinoleinwände! Es ist ein kraftvolles, vielstimmiges Kino mit grosser Lust am Erzählen, direkt und lebensnah, voller Abenteuer, Entdeckungen und mit einem unwiderstehlichen Drang nach Freiheit. Hier suchen meist weibliche Protagonistinnen ihren ganz eigenen Weg: im Kampf mit den patriarchalen Strukturen und harten politischen wie sozioökonomischen Verhältnissen, auf der Suche nach (sexueller) Befreiung, zu der sie in die Welt aufbrechen. Aufgewachsen im Vielvölkerstaat Jugoslawien, haben sie als Kinder und Jugendliche die kriegerischen Auseinandersetzungen miterlebt. Ihr Kino ist verknüpft mit der bewegten Vergangenheit, im Vordergrund der Filme aber steht fast immer ein starker, einnehmender Blick für die Herausforderungen und Chancen der Gegenwart in Bosnien-Herzegowina, Kroatien, im Kosovo oder in Serbien– mitreissend und unmittelbar, selbstbestimmt und herausfordernd, und stets mit einer Prise schwarzen Humors!   

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ZWISCHEN GEBORGENHEIT UND ENGE

 

Sie sind da, die jungen Filmemacherinnen – alle in den 1980ern oder zu Beginn der 90er-Jahre geboren, in einem Land, das seit dreissig Jahren nicht mehr existiert. Das jugoslawische Filmschaffen, das jahrzehntelang das internationale Kino mitprägte, wies in Bezug auf Regisseurinnen über lange Zeit eine überraschende Leerstelle auf. Erst ab den Nullerjahren begannen die Vertreterinnen der heute unabhängigen Republiken auf internationalen Festivals, aber auch im postjugoslawischen Raum Erfolge zu feiern. Es war die Generation der 1970er (u.a. Jasmila Žbanić, Aida Begić, Mila Turajlić), die in ihren Filmen den Zerfall des kommunistischen Landes, die Geschehnisse der Jugoslawienkriege (1991-1999) und ihre Folgen aufzuarbeiten begann.   

 

In der letzten Zeit darf man sich vermehrt über junge und begabte Balkan-Regisseurinnen freuen, die mit ihren Kurzfilmen und insbesondere ihren Langfilmdebüts auf sich aufmerksam machen. Ihre Kindheit und Jugend ist geprägt vom einstigen Vielvölkerstaat Jugoslawien und den Auswirkungen der kriegerischen Konflikte, die sich aber nicht in den Fokus ihrer Filme drängen. Eher bilden sie den Hintergrund für zeitgenössische (Familien-) Geschichten mit meist jungen Protagonistinnen. Selbstbewusst betreten die Regisseurinnen mit spannenden Spiel- und Dokumentarfilmen die Filmbühne: Inhaltlich meist nah bei ihrer jeweiligen Lebenswelten, formal stilsicher und stets mit einer Prise schwarzen Humors.   

 

Einen Einblick in die Zeit des Aufwachsens dieser jungen Generation zeigt Celts (Kelti) (2021), der Debütlangfilm von Milica Tomović (*1986), der uns für einen Tag ins Belgrad im Jahre 1993 versetzt. Die gesamte filmische Ausstattung gibt die bedrückenden Auswirkungen der Sanktionen und der grossen Inflation wieder. Während Kinder im Wohnzimmer in selbstgebastelten Ninja-Turtles-Kostümen Minjas achten Geburtstag feiern, diskutieren in der verrauchten Küche angeheiterte Erwachsene über politische Ereignisse. Inmitten familiärer, freundschaftlicher und intimer Verstrickungen oszillieren die Figuren stets zwischen Anspannung und Momenten der Zärtlichkeit. Nur der kleine Aussenseiterjunge Fića ist sich im Familienhaus selbst überlassen. Als stiller und aufmerksamer Beobachter stellt er als Einziger die Verbindung zwischen den drei Generationen und den verschiedenen Räumlichkeiten dieses Mikrokosmos her.   

Tiefer in die Vergangenheit blickt der essayistische Dokumentarfilm Landscapes of Resistance (Pejzaži otpora) (2021) von Marta Popivoda (*1982): Ein Porträt der ersten serbischen Partisanin Sonja Vujanović. Sanftmütig ist die Erzählstimme der 97-Jährigen, wach ihre Erinnerungen an den Kampf gegen die Besatzung, sowie an die Zeit im KZ Auschwitz, die ebenfalls von starkem Widerstand geprägt war. Bilder der historischen Orte wechseln sich mit ruhigen Naturaufnahmen ab. Zur hybriden Bildwelt des Widerstands fügen sich animierte Zeichnungen und Nahaufnahmen von Sonjas greisem Körper hinzu. Parallel dazu, mittels Einblendung handgeschriebener Briefe, erzählt Popivoda von der eigenen Migration aus Belgrad nach Berlin, von ihrem eigenen «Partisanentum» in den gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Debatten.

Selbstständiges und mutiges Handeln prägt von der ersten Szene an auch Hive (2021), der Debütspielfilm der Kosovarin Blerta Basholli (*1983). Die weibliche Hauptfigur Fahrjie hört wiederholt: «Die Frau muss sich ihres Platzes in der Familie bewusst sein.» Der Weg aus der wirtschaftlich prekären und von patriarchaler Tradition geprägten Gesellschaft hin zu ein wenig Unabhängigkeit ist äusserst mühsam. Obwohl die Familie ohne Fahrijes Handeln zugrunde gehen würde, muss sie sich das kleinste bisschen Freiheit abtrotzen - ihrem im Krieg verschollenen Mann, dem Schwiegervater und der gesamten patriarchalen Dorfgemeinschaft. Trotz alldem verfolgt Fahrije ihr Ziel mit bewundernswertem Durchhaltewillen. 

Anders verhält sich Veneras Mutter, welche in Looking for Venera (Në kërkim të Venerës) (2021) die Diskriminierung der Frauen duldet. Nur einmal gelingt es ihr kurz dem Alltag zu entfliehen, sich beim Tanzen mit der Tochter zu vergessen, bevor sie erneut vor dem Ehemann erstarrt. Das atmosphärisch dichte Langfilmdebüt der Jüngsten im Bunde, Norika Sefa (*1991) schildert eindrucksvoll das leise Ausbrechen einer Teenagerin. Die Titelheldin des intimen Dramas nimmt die Konsequenzen auf sich, als sie am patriarchalen Leben im kosovarischen Bergdorf zu rütteln beginnt.   

 

Die Filmemacherinnen verbindet vieles: der gemeinsame geografische Raum, die Schwierigkeiten mit dem Patriarchat oder der wirtschaftlichen Armut sowie das Thema Migration. Sie teilen auch das Problem, mit begrenzten Filmfördermitteln arbeiten zu müssen, welche für eigenständige Produktionen nicht ausreichen. Nebst einzelnen westeuropäischen Ländern (inklusive der Schweiz) sind in der Regel mehrere Balkanstaaten an den aktuellen Koproduktionen beteiligt. Gemeinsam ist den Vertreterinnen dieser neuen Generation aber auch der unbedingte Wille, sich den Herausforderungen zu stellen. Sie widersetzen sich – wie auch ihre Protagonistinnen – starren Strukturen und brechen zu Unabhängigkeit und Freiheit auf.   

 

Im Debütspielfilm Quit Staring at My Plate (Ne gledaj mi u pijat) (2016)) der Kroatin Hana Jušić (*1983) erlebt auch die Mittzwanzigerin Marijana ein verspätetes Coming of Age. Als der despotische Vater einen Hirnschlag erleidet, muss sie die Pflege übernehmen und sich um die ganze Familie kümmern. Die Klaustrophobie ihrer Wohnung überträgt sich auch auf das malerische adriatische Šibenk, das bei Jušić unattraktiv und erstickend eng wirkt. Marijana ist in der schwierigen Lage mit unterschiedlichen Gefühlen konfrontiert. Sie fragt sich: bleiben oder weggehen?    

Migration thematisiert Ena Sendijarević (*1987), die als Kind mit ihren Eltern vor dem Bosnienkrieg in die Niederlande geflüchtet ist. Take Me Somewhere Nice (Odvedi me negdje gdje je lijepo) (2019) überzeugt auch formal, im 4:3-Format, mit poppigen Farben und Neonlichtern gedreht und von Elektrosound untermalt. Der jungen Niederländerin Alma ist ihr Herkunftsland sowie ihr etwas älterer und introvertierter, in Sarajevo lebender Cousin, unbekannt. Zusammen mit einem Freund soll er sie zu ihrem ebenfalls nur flüchtig bekannten kranken Vater fahren. Der Roadtrip der jungen Erwachsenen ist auch eine Fahrt ins eigene Innere der Protagonist:innen. 

Die Konstellation in The Staffroom (Zbornica) (2021) der Kroatin Sonja Tarokić (*1988) erinnert mit ihren vielen gleichzeitig agierenden Figuren an Celts. In diesem schauspielerisch, logistisch und emotional bunten Fresko fokussiert die Kamera in fast jeder Einstellung die Heldin Anamarija. Mit viel Enthusiasmus kehrt sie nach ihrem Mutterschaftsurlaub zur Arbeit zurück. Als Pädagogin und Beraterin an einer Grundschule in Zagreb versucht sie, die starren Strukturen im eingespielten Schulkollektiv zu brechen, mit den Eltern und der machthabenden Rektorin zu verhandeln, und sich vor allem für die Kinder einzusetzen.   

 

All diesen Werken gemeinsam ist die Darstellung harter politischer und sozio-ökonomischer Verhältnisse. Handlungsträgerinnen sind vorwiegend Frauen, die für ihr Engagement keine Wertschätzung bekommen. Im Gegenteil, auch die jüngsten Figuren müssen sich unaufhörlich behaupten und sich in kleinen Schritten, mühsam aus den patriarchal-familiären Strukturen herausarbeiten. Das geht selten ohne Konflikt mit ihren (Gross-)Eltern und Geschwistern, aber auch mit sich selbst, dem eigenen Geschlecht oder dem Heimatland einher. Die Filme zeugen von einer Hassliebe auf verschiedenen Ebenen, von einer Zerrissenheit zwischen Geborgenheit und Enge. In wacher Erinnerung bleiben besonders die wenige Momente der zärtlichen Nähe zwischen den Figuren, die meist durch kleine Gesten und Blicke vermittelt werden, und die Zeit stillstehen lassen.    

 

Das Stadtkino freut sich, die eindringlichen Erstlingswerke und eine Auswahl der Kurzfilme der jungen Regisseurinnen zu zeigen. Sie überzeugen durch eigenwillige Erzählungen, starkes Schauspiel und formale Kraft. Das Filmprogramm feiert diese junge Generation talentierter und willensstarker Regisseurinnen, ihren und den Widerstand ihrer Protagonistinnen!  

 

Tatjana Simeunović ist Dozentin an der Universität Basel (Osteuropa-Studien) und im Filmbereich unter anderem als Moderatorin und Kuratorin tätig. Sie ist Vorstandsmitglied des Osteuropa-Forums Basel.  

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