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ARCHIV | Filmreihe

 
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Gael García Bernal

Die Poesie des Widerstands


Unberechenbar ambivalent verkörpert Gael García Bernal seine Rollen und schafft es dabei trotzdem, unwiderstehlich sympathisch zu sein. In seinen Figuren vereint der Mexikaner Gegensätze, ohne sie gegeneinander auszuspielen: Macho und Romantiker zugleich in Amores Perros, schwebend zwischen Traum und Realität in La science des rêves oder vom übermütigen Studenten zum nachdenklichen Revolutionär in Diarios de motocicleta. Mit seiner tiefen Empathie haucht García Bernal seinen Figuren Leben ein, formt sie aufsässig, frech, sensibel, liebenswert und schafft so eine bunte Vielfalt an Charakteren. Trotz – oder gerade wegen – seiner mutigen Rollenwahl in gesellschaftskritischen Filmen wie dem chilenischen Neruda oder Pedro Almodóvars schmerzhaft-schönem La mala educación ist er in Hollywood zwar angekommen, grenzt sich aber von der gefälligen Massenware der grossen Filmmaschinerie ab.

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Manchmal subtil, manchmal geradeheraus oppositionell fordert er ein breites Publikum zum Nachdenken heraus. Seit 2007 auch als Regisseur, der, ganz nach Godards Devise, keine politischen Filme, sondern Filme politisch macht. Das Stadtkino Basel feiert im April nicht nur García Bernals Schauspielkunst, sondern auch die Schweizer Premiere seiner zweiten Regiearbeit Chicuarotes, die die kraftvolle Geschichte zweier Teenager der Arbeiterklasse Mexikos erzählt.

 

Es gibt Filme, die vergisst man nicht. Mit Figuren, die unter die Haut gehen. Und mit Bildern, die sich ins Gedächtnis einbrennen, weil sie so stark, schön, berührend, brutal oder verstörend sind, dass sie auch im Tageslicht nicht verblassen. Filme, die mitunter so hartnäckig sind wie ihre ProtagonistInnen. Die einfach bleiben, manchmal für immer. Amores Perros (2000), der erste Langspielfilm des mexikanischen Regisseurs Alejandro González Iñárritu, ist so ein Ausnahmewerk, das nachhallt, und Gael García Bernal der mexikanische Ausnahmeschauspieler, der sich darin mit seiner Tour-de-Force-Darstellung des arbeitslosen Aufschneiders Octavio geradewegs auf die Leinwand katapultierte und seitdem aus dem Kino, dem lateinamerikanischen wie dem internationalen, nicht mehr wegzudenken ist. Kaum eins siebzig gross, gutaussehend und im wahren Leben die Liebenswürdigkeit in Person, zeigte sich Bernal in seinem ersten grossen Kinoauftritt von einer Seite, die dem Publikum in seiner Heimat bisher völlig fremd gewesen war und ihn über die Landesgrenzen hinaus überhaupt erst bekannt machte: Sein Octavio, das ahnt man, sobald die Kamera nach einem spektakulären Autounfall zum Stillstand kommt, ist ein unberechenbarer Hitzkopf und Angeber, Kindskopf und Kampfhundbesitzer, unverbesserlicher Macho und hoffnungsloser Romantiker zugleich. Einer, der sich für die Frau seines Bruders in immer grössere Schwierigkeiten bringt. Der liebt, lebt und über Leichen geht und stets alles auf eine Karte setzt, ohne jeglichen Respekt oder Rücksicht auf Verluste.

 

Tatsächlich könnte das unreife Grossmaul, das Bernal in Amores Perros verkörpert, nicht weiter entfernt sein von dem aufmerksamen, weltoffenen, sympathischen jungen Mann, der dahintersteckt. Und doch scheinen die Figur und ihr Darsteller auf seltsame Weise miteinander verbunden und ineinander verschmolzen – ein Talent, das den 1978 in Guadalajara geborenen Sohn aus einer SchauspielerInnenfamilie noch weit bringen sollte. Seine zweite Hauptrolle folgte kaum ein Jahr später in Alfonso Cuaróns eigenwilligem Teen-Sex-Road-Movie Y tu mamá también (2001). Auch hier zieht der damals über Nacht zum vielversprechenden Shootingstar avancierte Mexikaner sämtliche Register, sodass man gar nicht anders kann, als seinem jungen wilden Julio zu verfallen, der sich gemeinsam mit seinem besten Freund Tenoch und der um einiges älteren rassigen Spanierin Luisa auf eine spontane Autofahrt quer durchs mexikanische Hinterland begibt. Ihr Plan: im Rausch der Freiheit das Leben geniessen, zusammen Spass und vor allem jede Menge Sex haben. Mit einer beachtlichen Sensibilität für Atmosphäre und einem Gespür für das zutiefst Menschliche hinter den Fassaden versetzt Cuarón seine ProtagonistInnen in einen von Drogen, Testosteron und Zukunftsangst intensivierten Ausnahmezustand, in dem sich die beiden Freunde vor dem Objektiv der mobilen Kamera am Ende jedoch schliesslich so nahekommen, dass ihr Verhältnis danach nie mehr dasselbe sein kann.

 

Mit ihren vor Leben und Leidenschaft, Eifersucht und Verzweiflung, Gewalt und Rebellion strotzenden Filmen brachten Iñárritu und Cuarón zu Beginn der Nullerjahre frischen Wind ins mexikanische Kino. Gael García Bernal gab diesem Boom nicht nur ein Gesicht. Gemeinsam mit seinem Schauspielkollegen Diego Luna, der in Y tu mamá también an seiner Seite agiert, und dem Produzenten Pablo Cruz gründeten die zwei Jugendfreunde 2004 eine Produktionsfirma, die sich ausschliesslich dem jungen mexikanischen Kino verschrieb. Aber auch mit seinen früheren Regisseuren pflegt der mittlerweile selbst hinter die Kamera getretene Vorzeigeschauspieler bis heute ähnlich feste und immer wieder fruchtbare Arbeitsfreundschaften. In seinen Landsleuten sowie dem Chilenen Pablo Larraín hat Bernal enge Mitstreitende und seine Seelenverwandten gefunden: enthusiastische, gesellschaftlich wie politisch motivierte Filmpassionierte, die mit ihren Werken die Welt vielleicht nicht verändern können, aber sie immerhin ein Stück weit zu bewegen versuchen. Alle drei unter der Regie von Larraín entstanden Arbeiten, die er bisher gemeinsam mit Bernal verwirklichte, leben von diesem rebellischen, kämpferischen Element. Das kann sich, wenn wie im Fall von No (2012) und Neruda (2016) auf wahren Begebenheiten beruhend, ganz konkret in den jeweils auf der Leinwand dargelegten historisch-politischen Kontext übertragen oder wie in dem kraftvollen, seltsam durchdringenden Drama Ema y Gastón (2019) auch extrem ins Intime, Persönliche gehen. Ob als Werbefachmann im medialen Kampf gegen Pinochet, Polizist auf Poetenjagd oder ein mit dem eigenen Anspruch überforderter Künstler und Vater, Bernal ist Feuer und Flamme für jede einzelne seiner Figuren, und die Empathie und Wärme, mit denen er ihnen begegnet, ist stets vollkommen ehrlich, innig und absolut.

 

Von dieser Fähigkeit – ob Segen oder Fluch – des totalen Sichhineinversetzenkönnens zeugen vor allem El crimen del padre Amaro (2002) von Carlos Carrera, in dem Bernal einen gottlosen Priester auf Abwegen spielt, und La mala educación (2006), in dem er sich für Pedro Almodóvar ins Innere eines präoperativen Transsexuellen begibt, der einerseits das Objekt der Begierde ist und andererseits alles zerstört, was ihm in den Weg kommt. Aber auch der spanische Regisseur Sebastián in Icíar Bollaíns También la lluvia (2010) hat mehr als nur einen Hauch von Bernal selbst im Blut. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, den einzig wahren Film über Kolumbus zu drehen, also nicht einen, der den heroischen Entdecker zeigt, sondern die brutale Eroberung eines Kontinents offenbart. Als sein Produzent anstelle des karibischen Originalschauplatzes aus Kostengründen das bolivianische Hochland als Drehort vorschlägt, ahnen sie jedoch noch nicht, dass sie mit ihrem Filmteam bald zwischen die Fronten eines ganz aktuellen sozialpolitischen Konflikts geraten sollen.

 

Dabei ist es noch lange nicht sein starkes politisches Interesse allein, gepaart mit einem eigenwilligen darstellerischen Talent, das den zierlichen Mann mit den sinnlichen Mundwinkeln für etablierte und junge RegisseurInnen aus aller Welt interessant macht. Vielmehr ist es die ihm eigene Kombination aus Leichtigkeit und Widerstandsfähigkeit, die seinem von klein auf sowohl am Theater als auch im Fernsehen (als Kinderstar in einer mexikanischen Seifenoper) geschulten Spiel zusätzlich einen besonderen Ausdruck verleiht. Nicht nur in Krisensituationen, auch im Alltag sind seine Figuren resistent: Einmal verweigern sie sich der Realität, wie der verliebte Tagträumer Stéphane in Michel Gondrys La science des rêves (2006); ein andermal bereiten sie sich unbewusst darauf vor, die Welt zu verändern, wie der junge Ernesto «Che» Guevara auf Entdeckungsreise in Walter Salles Roadmovie Diarios de motocicleta (2004). Seinen angehenden Arzt, der sich hier gemeinsam mit dem Biochemiker Alberto Granado auf den Weg 8000 Kilometer quer durch Lateinamerika macht, umgibt noch längst nicht den Mythos des späteren Revolutionärs, sondern eher der ambitionierte Pathos eines Abenteuerlustigen, der anstatt über seinen Lehrbüchern zu versauern, lieber auf dem Motorrad mit offenen Augen und ordentlich Sand im Getriebe nach Wahrheiten sucht.

 

Das Schönste aber ist: Gael García Bernal beweist mit allem, was er tut, dass man nicht gross sein muss, um Gutes zu vollbringen. Und auch nicht todernst. Der Schauspieler, Produzent und Regisseur schafft immer beides, den Balanceakt zwischen Unterhaltung und Gesellschaftskritik, Romantik und Brutalität, Herz und Verstand. Seine jüngste Regiearbeit Chicuarotes (2019) über zwei Kleinganoven in einem heruntergewirtschafteten Viertel von Mexiko-Stadt erinnert in seiner Rohheit und inneren Kraft stellenweise sogar an die Meisterwerke eines frühen Scorsese. Und doch bleibt Bernal sich selbst treu, ohne zu kopieren, das Gezeigte nostalgisch zu verklären oder jemals die Hoffnung auf eine bessere Welt zu verlieren. Hier ist einer am Werk, der anders als die meisten seiner Leinwandpersönlichkeiten mit beiden Beinen auf dem Boden verankert steht – engagiert, konsequent und mit einem unwiderstehlichen Lächeln begnadet, das so entwaffnend wie unvergesslich ist.

Pamela Jahn

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