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ARCHIV | Filmreihe

 
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Paweł Pawlikowski

Von den Unwägbarkeiten der Liebe


Seine Filme sind Liebesbriefe an die Liebe, an die Zeitläufe der Geschichte und das pure Menschsein – vor allem aber erfüllt von einer Leidenschaft für die grosse Leinwand. Paweł Pawlikowski, so bezeugen seine Mitarbeiter, schreibt seine Filme mit der Kamera wie ein Schriftsteller mit seinem Stift – über meisterlich komponierte Bilder erzählt er seine Geschichten, die mit leiser Wucht ins Herz treffen. Geschult am Dokumentarfilm hat der in Warschau geborene, früh nach England emigrierte und heute wieder in Polen lebende Regisseur seine cinephile Handschrift an preisgekrönten Dramen wie Ida (2013) und Cold War (2018) perfektioniert. Aber auch sein frühes Werk aus bisweilen spektakulär eigenwilligen Dokumentationen und schmerzlich berührenden Spielfilmen wie Last Resort (2000) oder My Summer of Love (2004) zeugt von einer Klugheit, einem Charme und einer narrativen wie visuellen Kraft, die einem unmittelbar unter die Haut geht.

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Das Stadtkino Basel widmet dem oscarprämierten Virtuosen eine umfassende Retrospektive, ergänzt um Meisterwerke von Seelenverwandten des poetischen Erzählens, die ihm persönlich wichtig sind. Zur grossen Freude ist Paweł Pawlikowski am 7. November persönlich zu einem Gesprächsabend im Stadtkino zu Gast.

 

Für die Briten ist er britisch, für die Polen polnisch und für alle anderen einfach einer der ganz grossen Autorenfilmer des europäischen Kinos. Ein Oscar-Gewinner, der zunächst mit einer Handvoll kluger, kühner und unkonformer dokumentarischer Arbeiten seinen Weg vom Fernsehen auf die Leinwand bahnte, um sich dort mit immer feineren, nuancierten Spielfilmen einen Namen zu machen, seinen Namen: Paweł Pawlikowski. Die gespaltene Herkunft ist für das Kino des 1957 in Warschau geborenen, in England und Deutschland aufgewachsenen, und heute erneut in seiner polnischen Heimat lebenden Regisseurs mindestens genauso wesentlich wie die privaten Einschnitte und Schicksalsschläge, die seine Persönlichkeit seit dem Kindesalter prägten. Pawlikowski, der in Oxford Literatur und Philosophie studierte, ist ein Denker, ein stiller Meister, ein künstlerischer Gelehrter mit Herz und Verstand. In seinen Filmen zeigt er die Liebe, wo sie hinfällt und wie sie ist, wenn sie aufbegehrt, kämpft, bestehen bleibt oder wieder auseinandergeht, manchmal gewaltsam getrennt wird – immer im vollen Bewusstsein ihrer Schönheit, ihrer Kraft und ihrer Vergänglichkeit.

 

Die Liebe trägt bei Pawlikowski viele Gesichter, meint nicht nur Leidenschaft und Schwärmerei, sondern ebenso gut Mitgefühl, Lust, Sex, elterliche Fürsorge und kindliche Verbundenheit. Bereits in seinem ersten, von der eigenen Biografie inspirierten Langfilm, Last Resort (2000), finden sich zwei, die eigentlich nicht zusammengehören und die es am Ende doch miteinander probieren: die naive, verletzliche Russin Tanja (Dina Korzun) und der sympathische Spielhallenbesitzer Alfie (Paddy Considine). Den weiten Weg aus Moskau ist die junge Mutter mit ihrem Sohn Artiom nach England gekommen, um im Westen ihr Glück zu finden. Doch als der Verlobte sie bei der Einreise verleugnet und Tanja kurzum politisches Asyl beantragen muss, um bleiben zu dürfen, platzt ihre Illusion von einer besseren Welt im Westen. Die Authentizität, die er seinen Schauspielern in der Einöde britischer Küstenort-Tristesse abgewinnt, ist dabei mindestens genauso beeindruckend wie sein Kameraspiel, das mit wohlüberlegten Kompositionen, ungewöhnlichen Perspektiven und in einem bedrückenden Gemisch aus Grau- und Blautönen poetische Akzente setzt.

 

Ihren Anfang nehmen Pawlikowskis Werke stets auf die gleiche Weise: ein Einfall, eine Figur, eine Situation, mehr braucht es nicht, um seine Inspiration zu beflügeln. Und nicht selten spielen seine Geschichten auf die eigene Vergangenheit an: sei es die Übersiedlung nach England mit der Mutter in den siebziger Jahren, die unmögliche Beziehung der Eltern («Als Paar waren sie eine unendliche Katastrophe») oder die Schwierigkeit des Lebens im Exil. Dazu kommen Bilder, Szenen, Reverenzen sowie ein paar weitere eigene Ideen, und schon ist der Autodidakt Pawlikowski ganz in seinem Element. Den Naturalismus, den er unbeirrt anstrebt, findet er dabei sozusagen am Wegesrand, irgendwo im spannenden Niemandsland zwischen dem Dokumentarischen und der Fiktion. Davon zeugen nicht zuletzt auch die von der BBC in den Neunzigerjahren produzierten Dokumentationen. Wilde Reisen hat er damals unternommen, deren filmische Resultate bis heute nichts an Faszination und Ausdruckskraft verloren haben: von einem Ausflug zur Einführung in die russische Trinkkultur (From Moscow to Pietushki, 1990) über eine Fahrt durch das wiedervereinigte Deutschland mit dem Urenkel Dostojewskis (Dostoevsky’s Travels, 1991) bis hin zu einem surrealen Bootstrip entlang der Wolga gemeinsam mit dem russischen Nationalisten Wladimir Schirinowski (Tripping with Zhirinovsky, 1995). Für die grösste Aufregung sorgte jedoch zweifelsohne Serbian Epics (1992), eine famos kompositionierte Doku, in der er den damaligen bosnischen Serbenführer Radovan Karadžić dazu brachte, eines seiner eigenen Gedichte zu rezitieren, während er auf das belagerte, brennende Sarajewo herabblickt. Nicht wenige britische MPs unterstellten ihm daraufhin Komplizenschaft, versuchten sogar, den Film zu verbieten, doch ihre Bemühungen blieben ohne Erfolg. Pawlikowski dagegen zog weiter und überraschte die BBC auch mit seinem nächsten Projekt aufs Neue. Beauftragt, einen Dokumentarfilm in Halifax im tiefsten Yorkshire in einem fiktiven Rahmen zu drehen, kehrte Pawlikowski mit einem eindringlichen TV-Film aus der Provinz zurück. Twockers (1998), in dem sich ein junger Schmalspurganove und eine schwangere Teenagerin einander annähern, schafft es, in kaum 40 Minuten eine Atmosphäre und Intensität aufzubauen, die andere Regisseure nicht in vier Stunden erreichen.

 

Authentizität im Sinne von Echtheit und Tatsächlichkeit, von wahren Gefühlen und gelebten Figuren, darin liegt die grosse Kunst des Regisseurs, der in seiner Art und Weise, Filme zu drehen, mindestens genauso gegen den Strom schwimmt wie die Protagonisten, die in seinen Geschichten ein Zuhause finden. Um stets ein Höchstmass an realen Emotionen zu erzeugen, verzichtet Pawlikowski auf ausgefeilte Drehbücher, gibt am Set nur spärliche Anweisungen, improvisiert und reagiert, bis sich das, was sich vor der Kamera abspielt, für den passionierten Filmemacher richtig anfühlt. Für die Schauspieler keine leichte Aufgabe. Doch wer einmal mit Pawlikowski gedreht hat, weiss, dass sich die harte Arbeit lohnt. Emily Blunt, beispielsweise, verhalf er auf diese Weise zum Auftakt ihrer internationalen Karriere, nachdem sie in seinem zweiten Spielfilm My Summer of Love (2004) in der Rolle der konfliktbehafteten Sechzehnjährigen Tamsin brillierte, die im Rausch eines flüchtigen Sommers gemeinsam mit der gleichaltrigen Mona (Nathalie Press) erst das Glück und letztlich auch den Schmerz und das Scheitern der Liebe erlebt. Pawlikowski, der sich gerade von der Verfilmung der Beziehung zwischen den Autoren Sylvia Plath und Ted Hughes verabschiedet hatte, weil ihm das Projekt angesichts der kommerziellen Ausrichtung zu sehr aus den Händen zu gleiten drohte, nutzte die Gelegenheit, um noch ein bisschen abstrakter, artifizieller und entrückter als bisher auf seine Figuren zu schauen und damit zugleich einen neuen mythischen Realismus zu begründen, den er in La femme du Vème (2011), einem seltsamen Hybrid aus Mystery, Drama und Thriller, noch vertiefen sollte. Basierend auf dem Buch «The Woman in the Fifth» von Douglas Kennedy, stellt Pawlikowski darin die gewohnten Genre-Konventionen auf den Kopf, macht den verstörten Helden (exzellent gespielt von Ethan Hawke) zum Problem und die Frauen zu Geheimnissen, die das Leben wie das Kino nicht immer zu lösen versteht. Und vielleicht sollte man wissen, dass der Regisseur darin auch selbst nach Antworten auf unlösbare Fragen sucht. Der überraschende Tod seiner Ehefrau nach kurzer schwerer Krankheit hatte Pawlikowski 2006 dazu gezwungen, sich für einige Zeit von der Kamera abzuwenden und die Fürsorge für die gemeinsamen Kinder allein in die Hand zu nehmen. Die Trauer, der Schock, die Verwirrung nach dem schweren Verlust, auch davon erzählt der Film in seiner seltsam sperrigen Art.

 

Ein Autor, ein Tüftler, ein Enthusiast und in der Kombination ein Genie seines Fachs, geschult am Leben und der Arbeit als ständiger Versuchsanordnung, hat Pawlikowski über die Jahre ein famoses Gefühl dafür entwickelt, was es braucht, um aus der Distanz ganz nah heranzurücken an die Figuren und ihre Befindlichkeiten. Perfektioniert hat er seine explizite cinephile Handschrift schliesslich an seinen beiden jüngsten Arbeiten. Und es scheint, als hätte Pawlikowski mit dem Rückzug in die Heimat schliesslich auch ganz zu sich selbst gefunden. Ida (2013), mehrfach preisgekrönt und international gefeiert, ist der erste Film, den er in Polen drehte. Erzählt wird darin die Geschichte einer jungen elternlosen Nonne, die zu Beginn der sechziger Jahre, kurz vor ihrem Gelübde, von einer entfremdeten Verwandten erfährt, dass sie Jüdin ist. Doch es ist Cold War (2018), ein atemberaubendes Melodram über die Irrwege der Liebe, das dem Regisseur ein besonderes Herzstück ist. Denn erneut greift er darin die Geschichte seiner Eltern auf, diesmal jedoch nicht abstrakt, sondern ganz bewusst, in all ihrer Schönheit, Komplexität und Traurigkeit. Wie Ida ist auch dieser Grenzen und Zeiten übergreifende Film in einem leuchtenden, messerscharfen Schwarz-Weiss gedreht. Und doch ist es nicht die Ästhetik einer fernen Vergangenheit, die hier wie dort zum Vorschein kommt. Pawlikowski schafft es, seinen Bildern jeweils ein existenzialistisches Grundgefühl einzuverleiben, das den Figuren wie dem Publikum etwas von dem Schmerz und der Last nimmt, die sie zu tragen haben.

 

Und so gelingt dem Regisseur gestern wie heute das Unmögliche: von der Liebe zu erzählen, ohne sie zu verkaufen, auszustellen oder sonstwie zu manipulieren. Pawlikowski bleibt sich treu, wie auch seine Filme einem Kino die Treue erweisen, das es heute nur noch in Ausnahmefällen gibt. So viel Konsequenz braucht jedoch seine Zeit, weshalb auch Pawlikowskis Werke nur in grossen Abständen entstehen. Doch das Warten lohnt sich immer, und das Entdecken seines gesamten Œuvres allemal.

 

Pamela Jahn

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