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ARCHIV | Filmreihe

 
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Youssef Chahine

Ein Besessener des Kinos


Schon zu Lebzeiten war er ein Monument und galt als die zentrale Figur des ägyptischen Kinos. Mit seinen sozialkritischen Filmen, die sich bald am Neorealismus, bald an populären Formen wie dem Melodram und dem Musical orientierten, hielt Youssef Chahine der ägyptischen Gesellschaft den Spiegel vor – und eckte damit regelmässig bei der Zensur an. Sein politisches Gewissen war mit der Revolution 1952 früh erwacht und meldete sich mit der Niederlage gegen Israel im Sechstagekrieg 1967 verstärkt zu Wort. Davon zeugen seine zunehmend wagemutiger werdenden Projekte wie das realistische Bauernepos Die Erde (1969) oder der zeitweilig indizierte Der Spatz (1972), in dem er Ägyptens militärisches Fiasko spielerisch sezierte. Auf meisterliche Weise verband er in seinen Werken die Traditionen und das Temperament des ägyptischen Filmschaffens mit Hollywood-Glitter und europäischer Filmkunst.

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 37 Spielfilme umfasst sein genreumspannendes Œuvre, das in der Schweiz nur vereinzelt zu sehen und lange Zeit nicht greifbar war. Dank eines aufwendigen Restaurationsprojekts ist nun ein Teil davon digitalisiert wieder verfügbar. Das Stadtkino Basel freut sich über die rare Gelegenheit und widmet dem Querdenker und Enfant terrible eine kleine Hommage.

 

Mehr als zwanzig Jahre ist es her, dass ein Schweizer Publikum durch die Retrospektive in Locarno 1996 einen breiteren Zugang zum Werk des Ägypters Youssef Chahine (1926–2008) erhielt. Vereinzelt kamen danach, dank französischer Koproduktion, auch einige seiner späten Werke in die Schweizer Kinos. Spätestens seit Chahines Tod war sein Schaffen hierzulande jedoch kaum noch präsent. Höchste Zeit also, das Werk eines der grossen Klassiker des arabischen und internationalen Films erneut zu präsentieren und zu würdigen. Und zu schauen, was uns sein genauer, liebevoller Blick auf Ägypten und seine Gesellschaft heute zu sagen hat, wie viel er über die einstige Aktualität hinaus auch zum Verständnis neuerer Entwicklungen beitragen kann.

 

Anfänge im Zeichen des Genrekinos

Der junge Chahine (auch: Shahin, doch die französische Transkription hat sich weitgehend durchgesetzt) war nach seiner Schulzeit in Alexandria mit dem Berufsziel Schauspieler für zwei Jahre nach Pasadena gefahren, hatte dort aber bald zur Regieabteilung gewechselt. Nach seiner Rückkehr aus den USA konnte er 1950 als Vierundzwanzigjähriger seinen ersten Spielfilm drehen. In Papa Amin ist deutlich Chahines Orientierung am amerikanischen Kino, insbesondere am Musical, zu erkennen. Auch Chahines folgende Filme sind weitgehend den populären Genres des kommerziellen Kinos zuzurechnen – neben Musicals findet sich Melodramatisches und einiges an Action –, zugleich enthalten sie viele Ansätze, die er in seinen späteren Meisterwerken zur Vollendung führen sollte. Dazu zählt nicht zuletzt die – für das ägyptische Kino jener Jahre ungewöhnliche – respektvolle und realistische Darstellung des Lebens auf dem Lande.

 

In dieser Zeit entdeckte Chahine auch einen jungen Schauspieler, der später unter dem Namen Omar Sharif zum internationalen Star werden sollte. Er spielt einen jungen Matrosen und Docker in Dunkle Wasser (1956), einer Kriminal- und Korruptionsgeschichte, die Chahine selbst zu seinen wichtigeren Filmen zählte, weil er sich darin erstmals mit Arbeitern befasste.

 

Misserfolg seines ersten Meisterwerks

Aus der Produktion der fünfziger Jahre ragt Hauptbahnhof (1958) heraus. Dieser Film, der heute zu Chahines Meisterwerken gezählt wird, erwies sich anfänglich wohl wegen seines ungewöhnlichen Realismus als ausgesprochener Flop. Angesiedelt im lebhaft geschilderten Mikrokosmos von Kairos Hauptbahnhof, erzählt er die Geschichte eines hinkenden und gehemmten Zeitungsverkäufers (von Chahine selbst gespielt), dessen sexuelle Frustration in Raserei umschlägt – ein Tabuthema nicht nur im ägyptischen Kino jener Zeit. Im gleichen Jahr entstand Jamila, die Algerierin, in dem Chahine als Erster den algerischen Befreiungskrieg und die Folterpraktiken der französischen Kolonialherren zum Thema eines Spielfilms machte. Die beiden Pole des psychologisch-persönlichen und des politisch-engagierten Kinos, die in diesen Filmen noch weitgehend getrennt waren, finden sich in den reiferen Werken Chahines in zwingender Durchdringung wieder.

 

Grosse Epen, durchzogen von Humor

Nach dem Misserfolg musste Chahine erst eine Reihe kommerzieller Aufträge drehen und wich für zwei Filme in den Libanon aus. Erst 1968 konnte er dann jenen Film realisieren, der ihm den Durchbruch zu internationaler Beachtung brachte: Die Erde. Es ist die Vertiefung einer bereits früher angegangenen Thematik zum schlüssigen Meisterwerk: ausgehend von einem Roman von Abderrachman asch-Scharqawi entwirft Chahine ein grandioses Fresko der ländlichen Welt und des Kampfs der Bauern gegen die Mächtigen. Der Film spielt in den dreissiger Jahren, doch ist seine über weite Strecken zeitlose Wirkung genau kalkuliert. Der grosse epische Atem des Werks schliesst komische Momente keineswegs aus; gerade auch «grosse» Stoffe und «erhabene» Begebenheiten durch feine Beobachtungen und humorvolle Szenen zu differenzieren, gehört zu den Konstanten in Chahines Werk.

 

Mit dem Schriftsteller asch-Scharqawi ebenso wie mit Nagib Machfus hat Chahine mehrfach zusammengearbeitet. Ab 1970 verabschiedet er sich allerdings mehr und mehr von der stark arbeitsteiligen industriellen Produktionsweise zugunsten stärker von seiner Autorenpersönlichkeit geprägter Werke. Er schreibt seine Drehbücher hauptsächlich selbst und ist auch gerne sein eigener Produzent.

 

Die Ereignisse des Juni 1967 mit dem verlorenen Sechstagekrieg und dem Rücktritt Gamal Abdel Nassers bilden in Der Spatz (1972 gedreht, aber erst 1974 zur Vorführung freigegeben) den Hintergrund einer journalistischen Enquête über einen Korruptionsfall. Um den Zusammenhang von innerer Verfaultheit und militärischer Niederlage zu suggerieren, bricht Chahine die geschlossene Erzählstruktur auf zugunsten einer assoziativen Montage.

 

Das Begräbnis Nassers wird zum Ausgangspunkt eines Films, mit dem Chahine auf die tiefgreifende Veränderung der ägyptischen Gesellschaft in der Ära nach Nassers Tod unter Anouar Al-Sadat reagiert: Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (1976). Eine Amnestie aus diesem Anlass erlaubt der Titelfigur die Heimkehr in den Schoss einer wohlhabenden Unternehmerfamilie. Sein Vater hatte einst die Wüste fruchtbar machen wollen (eine wiederkehrende Metapher Chahines), der nun zurückkehrende Sohn hatte beim Staudammbau am Weg in eine bessere Zukunft mitgewirkt, doch der von ihm mitzuverantwortende Einsturz eines Hochhauses hat ihn ins Gefängnis geführt, und jetzt tyrannisiert sein rücksichtsloser Bruder die Arbeiter in der Fabrik. Alle Hoffnungen richten sich auf den «verlorenen Sohn», doch dieser kehrt gebrochen zurück. Die Konflikte eskalieren in einem Gewaltausbruch, den nur die jüngste Generation überlebt … Diese im Kern düstere Geschichte hat Chahine – als Kenner des ägyptischen wie amerikanischen Musicals – unter Einsatz von Tanz- und Gesangsszenen inszeniert, denen die Funktion des antiken Chors oder der Brecht’schen Songs zukommt.

 

Die Zeit der persönlichen Bilanzen

Chahine hat auch ein für das arabische Kino neues Genre geprägt, den stark autobiografischen Film, mit Alexandria, warum? (1979), Eine kleine ägyptische Erzählung (1982) und Alexandria, noch mal und immer wieder (1990), einer Filmtrilogie, die er 2004 mit Alexandria ... New York noch zur Tetralogie erweiterte. Er verbindet darin seine Erinnerungen, die Geschichte seines Landes und seine Erfahrungen als Filmemacher zu einer mehr als nur persönlichen Bilanz. So wird die Erfahrung der eigenen Krankheit – in der Àgyptischen Erzählung erleidet der Regisseur einen Herzinfarkt – zur Darstellung der krankmachenden Widersprüche und Kompromisszwänge in der Gesellschaft.

 

Krankheit spielt bei Chahine auch eine Rolle als Parabel auf die Leiden der Gesellschaft, so die Cholera in seinem doppelbödigen Spektakel Der sechste Tag (1986). Viele seiner Filme haben so eine zweite Ebene, die im Westen oft nicht verstanden wurde. Da prallen unterschiedliche Traditionen aufeinander: unsere vom Storytelling des Kinos à la Hollywood geprägten Sehgewohnheiten und jene einer orientalischen Erzählweise, die sich in listiger Weise des Schutzmantels der Fabel bedient. Wie einen grossen Teil des arabischen Kinos prägt dieser Fabelcharakter auch Chahines Werk.

 

Martin Girod

 

Wir danken dem Filmpodium Zürich, insbesondere Corinne Siegrist-Oboussier, für Kuration und Organisation dieses Programms.

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