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ARCHIV | Filmreihe

 
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Licht und Finsternis im 18. Jahrhundert

Oder die Lust an der Intrige


Mit Licht, einer Parabel über die Macht der Musik zur Zeit Mozarts in Wien, und La mort de Louis XIV, einem fulminanten Kammerspiel über die letzten Tage des Sonnenkönigs, sorgten jüngst Barbara Albert und Albert Serra auf Festivals für Furore und bewiesen, dass der Historienfilm längst kein verstaubtes Genre ist. Insbesondere das Siècle des Lumières, noch verhaftet in starrer ständischer Gesellschaftsordnung und aufgewirbelt von aufklärerischem Gedankengut, bot und bietet wunderbare Vorlagen und eine üppige Spielwiese.

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Stanley Kubrick (Barry Lyndon), Peter Greenaway (The Draughtsman's Contract), Stephen Frears (Dangerous Liaisons), Ang Lee (Sense and Sensibility), Eric Rohmer (L'Anglaise et le duc), Sofia Coppola (Marie Antoinette) und andere namhafte Regisseure liessen sich von Jane Austen, Choderlos de Laclos und ihresgleichen verführen und verführen uns ... Zwischen Verstand und Gefühl, Korsett und Freigeist, höfischer Etikette und Sturm und Drang lädt das Stadtkino Basel auf eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert und zelebriert mit zehn cineastischen Sittengemälden die Kunst des geistreichen Dialogs wie die Lust an der Intrige.

 

Muss eine fetzige Zeit gewesen sein, damals in Versailles, während der Herrschaft von Louis XVI – jedenfalls wenn man dem Film glauben mag, der den Namen seiner Gattin trägt, Marie Antoinette. Sofia Coppola hat ihn gedreht, als weitere Variante zu ihrem grossen Thema vom kleinen einsamen Mädchen in einer absolut fremden Welt. Eine prunkvolle Version, durch die immer wieder der ganz private Hofstaat durchscheint, den Sofia in ihrer Jugend erlebte, in der Familie und Verwandtschaft ihres Vaters, des feudalen Filmemachers Francis Ford Coppola. Asia Argento, eine andere Regisseurstochter, aus Italien, spielt die Dubarry.
Feudaler Prunk hat das Kino von Anfang an fasziniert, auch als Entfaltung unerschöpflicher Reichtümer und Ressourcen. Wie prädestiniert ist da doch das 18. Jahrhundert mit seinen Schlössern, höfischen Ritualen, überschwänglichem Barock und Rokoko – eine Welt allerdings, an deren Horizont bald der Sturm der Grossen Revolution aufziehen wird! «Wer die Jahre vor der Revolution nicht erlebt hat», schrieb der französische Staatsmann Charles-Maurice Talleyrand (1754–1838), «kennt nicht die Süsse des Lebens.» Der Satz ist ein Versuch, dem Glück, der Erregung, der Exaltation einen Ort zu verschaffen. Ein absoluter Kinosatz. Wann eine gesellschaftliche Revolution beginnt, wie sie sich ausformt, ob sie jemals beendet ist, das hat das Kino immer wieder erforscht – das soll auch diese Reihe erforschen. Es ist vieles vertreten, der Kostümfilm, Mantel und Degen, Period Picture, höfische Kabale. Aber es ist kein festes Genre, das die Filmer bilden würden, eher ein Ambiente, eine Atmosphäre, eine Lebenslust, stimuliert vor allem durch die bedenkenlose Lust am Spiel.
Gern borgt der historische Film vom Melodram. Aber die grossen und wahren Gefühle haben im Kino immer einen doppelten Rand. Dem Zuschauer wird seine eigene Naivität vorgeführt. Die Filme leben von der Lust an grossen Gesten, am höfischen Zeremoniell, an Hofleuten, die extreme Bücklinge vorführen, an Damen, die einen Hofknicks perfekt hinlegen, an jungen Adligen, die ihre Leidenschaft nur mühsam verhehlen und unterdrücken können, an Kutschen, die durch Wälder gondeln, und Jagden über Wiesen und Felder.
Das problematischste Genre, sagt Siegfried Kracauer vom historischen Film, er meint die Nähe zum Theater. Die Liebe zu theatralischen Intrigen. Das Kino hat dieses Dilemma aufgelöst, indem es die Theatralität der Intrigen selbst zum Thema macht. Es zeigt, wie Menschen durch die vorgeschriebenen Formen zu einem Verhalten gezwungen werden, das ihren Intentionen entgegensteht, oder wie sie durch die Zwänge des höfischen Protokolls immer wieder ausgetrickst werden.
In den Filmen, die sich dem europäischen Siècle des Lumières widmen, wird die Darstellung zur Selbstdarstellung. Louis und Marie Antoinette sind ein junger König und eine junge Königin, beide vollauf damit beschäftigt, das höfische Leben auszufüllen und zu gestalten. Aber selbst in den grossbürgerlichen familiären Ritualen bei Jane Austen sind feudale Überreste, das Ancien Regime, zu spüren. Auch das englische Bürgertum strotzt vor Selbstdarstellung, und es tut das mit jugendlichem Elan und sichtbarem Vergnügen in Sense and Sensibility – auch dies der Film einer Frau, die Schauspielerin Emma Thompson hat ihn produziert und entscheidend geprägt. Whit Stillman hat die junge New Yorker Bohème stilisiert in seinen Filmen Metropolitan oder The Last Days of Disco, nun hat er deren Verwandtschaft mit Jane Austens Personal entdeckt, in der Verfilmung ihres frühen Romans «Lady Susan», und er hat dafür die Darstellerinnen aus seinen New-York-Filmen zurückgeholt, Kate Beckinsale und Chloë Sevigny. Im bissigen Love & Friendship geraten die beiden in einen Sturm romantischer Gefühle, Liebesprojektionen und gesellschaftlicher Standesdünkel.

 

Wenn eine Zeit auf die Formen besonders schaut, dann gibt es plötzlich einen Freiraum, für Spiel, Intrige, Manipulation. Für Subversives, Unverschämtes, Unanständiges. Rollen sind da, um lustvoll zelebriert zu werden, bis zum Exzess und zur Parodie. Aber man darf um Himmels willen nicht aus ihnen herausfallen. Die Intrigen dieser Filme haben oft Charme und Ironie, manchmal sind sie einfach absurd und zynisch. Sie vereinen Rationalität und Emotion, sind psychologisch genau abgezirkelt, eine Arithmetik der Gefühle. Immer wieder verfilmt sind die «Liaisons dangereuses» von Choderlos de Laclos, ein sehr fieses Intrigenspiel, um Liebe und Gefühle und die Macht, die sie über die Menschen ausüben können. Unschuld, kurz vor der Französischen Revolution. Zweimal wurde es in den Neunzigern verfilmt, nahezu parallel, von Stephen Frears und von Milos Forman. Ein toller Kinostoff, die Moral bleibt machtlos vor der kunstvollen Eleganz dieser Intrigen. Peter Greenaway liess sich von ihm gleichfalls begeistern für seinen ersten grossen Kinofilm The Draughtsman's Contract.

 

Die Faszination des Intrigierens, das Doppelspiel der Sätze und Dialoge haben es auch ins neueste deutsche Kino geschafft. Die geliebten Schwestern heisst ein Film von Dominik Graf, einer seiner wenigen historischen, der Dichter Friedrich Schiller zwischen zwei Frauen. «Was mich von Anfang an faszinierte – einen Film über Worte zu machen, Worte der Liebe, der Versprechen, der frohen Sehnsucht nach einem anderen bürgerlichen Leben. Über Gefühle reden, über Liebe zu dritt reden, planen, ein wenig intrigieren, um freie Bahn zu haben. ... Aber diese Geschichte zeigt uns, was wir alles an emotionalem Reichtum seit Schiller verloren haben.»
Wie Dominik Graf hat auch Eric Rohmer sich in seinen Filmen als Chronist der modernen Gesellschaft bewährt, der Pariser zumal. L'Anglaise et le duc ist einer seiner wenigen historischen Filme, er zeichnet ein ebenso genaues Bild der Revolutionsjahre in der Stadt wie seine Contes moraux oder die Comédies et proverbes vom Pariser Gefühlsleben. Eine Engländerin muss im Chaos der Revolution das Spiel mitspielen – um zu überleben. Rohmer ist wieder fasziniert von der Mechanik der Gefühle. Authentizität schafft er, wenn er kolorierte Stiche und Gemälde als Hintergründe einscannen lässt, als Spielraum für die Figuren. Der Schrecken bekommt durchs Groteske Kontur. Wenn ein Trupp Soldaten und Beamter kommt, um Lady Grace zu verhaften, durchsuchen sie sehr umständlich das Haus und mühen sich besonders mit dem Schreibkoffer der Lady ab. Sie muss ihnen zeigen, wie der aufgeht und was drin ist. Aber das gewitzte Misstrauen der Revolution findet dennoch das geheime Fach. Wenn sie dann zur Verhaftung schreiten, winden sich die Beamten Schärpen mit den neuen Nationalfarben um die Bäuche. Die Rituale sind geblieben.

 

Und werden immer aufs Neue vom Kino belebt, in farbenprächtigen und lichtstarken Spektakeln. Am weitesten ist dabei wohl Stanley Kubrick gegangen, der in Barry Lyndon die Geschichte eines jungen irischen Abenteurers durch die Wirren des Siebenjähriges Krieges verfolgt – das Ganze gedreht im Stil alter Gemälde und im Schein von Kerzenlicht.

 

Fritz Göttler

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