Volker Koepp
Chronist der Menschen und Landschaften
Poetische Landschaftspanoramen, tiefe Begegnungen und ein Gefühl für das Besondere und manchmal auch Kuriose im Alltäglichen verleihen seinen Werken ihre einzigartige dokumentarische Wucht. Seit mehr als vierzig Jahren kartografiert Volker Koepp den Osten als Kultur- und Seelenlandschaft und schlägt dabei Brücken zwischen Vergessen und Erinnern, zwischen grosser Geschichte und dem Schicksal des Einzelnen. Schon zu DEFA-Zeiten hat er mit seinen Filmen über das Leben und Arbeiten in der DDR zeitgeschichtliche Meisterwerke vorgelegt, um sich nach der Wende zum freischaffenden Chronisten der menschlichen Wurzeln und Entwurzelungen im europäischen Osten zu entwickeln. Sein siebenteiliger Wittstock-Zyklus, der über zwei Jahrzehnte das Leben dreier Textilarbeiterinnen in der (Ex-)DDR begleitet, gilt als eine der spannendsten Langzeitdokumentationen der deutschen Filmgeschichte; Herr Zwilling und Frau Zuckermann, das rührende Portrait der letzten überlebenden Juden in Czernowitz, als einer seiner grössten Publikumserfolge. Mit einer umfangreichen Werkschau bietet das Stadtkino Basel Gelegenheit, in Volker Koepps beglückende Bilder- und Geschichten-Universen einzutauchen und ihre verblüffende Aktualität im Zusammenhang mit den grossen europäischen Fragen unserer Zeit zu entdecken. Am 2. Februar ist der grosse Dokumentarist persönlich im Stadtkino Basel zu Gast.
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Am 9. April jährt sich der Geburtstag des Dichters Johannes Bobrowski zum 100. Mal, und deshalb sitzt Volker Koepp gerade wieder im Schneideraum. Es geht um einen Film für das Fernsehen, für den der Dokumentarist altes und im Herbst letzten Jahres gedrehtes Material kompiliert. Bobrowski ist eine schöne Klammer für Koepps Arbeit, wenn Klammer nur das richtige Wort wäre. Denn die Beschäftigung mit dem Dichter aus dem ostpreussischen Tilsit steht zwar am Anfang des Werks von Koepp. Aber wenn der 71-jährige Filmemacher nun wieder auf Bobrowski zurückkommt, dann ist das eben nicht das Ende vom Werk, vermutlich noch lange nicht. Über 50 Einträge umfasst die Filmografie des Regisseurs, und fast hat man das Gefühl, dass sie wüchse wie ein Baum: Es kommt einfach immer ein neuer Jahresring dazu.
Johannes Bobrowski (1917-1965) ist eine Art topografischer Anker für Koepp, der Ausgangspunkt aller Erkundungen, die der Filmemacher im Osten von Deutschland immer wieder unternommen hat. Und Bobrowskis Los, nach dem Zweiten Weltkrieg in Ost-Berlin zu leben und dort auch zu sterben, ist vielleicht auch eine Folie für das Gefühl, nicht so leicht Heimat sagen zu können, weil der Ort, an dem man lebt, nicht identisch ist mit dem Ort, von dem man kommt. Auf Bobrowskis Gedichte ist Koepp schon gestossen, als er in Dresden lebte nach der Schule, arbeitete als Maschinenschlosser und studierte an der Technischen Universität. Nach dem Filmstudium in Potsdam-Babelsberg 1966 bis 1969 ist er dann für einen seiner ersten Filme aufgebrochen in Richtung Bobrowski-Land. Grüsse aus Sarmatien für den Dichter Johannes Bobrowski heisst der kurze Film von 1972 noch etwas unpoetisch-direkt (heute erkennt man Koepp-Filme zumeist an den lakonischen Ortsangaben ihrer Titel, am besten wären sie vermutlich auf einer Landkarte dargestellt), in Schwarzweiss gedreht, ohne Originalton, in dem aber schon zu finden ist, was Koepp-Filme ausmacht: die Panoramen der Landschaft, hier gedreht von Christian Lehmann; später wird Thomas Plenert der Kameramann werden, mit dem Koepp vor allem arbeitet und in dessen Bildern die Himmel tief hängen wie auf Gemälden. Ein Arbeitsverhältnis, das von intuitiver Routine geprägt ist, wie vor ein paar Jahren einmal vergnügt erzählt wurde: ein Auto mit drei Leuten, am Steuer der Produktionsleiter Fritz Hartthaler, daneben Koepp, hinten Plenert, eher ruhend. Koepp, immer wieder: Das sollten wir drehen, und das sollten wir drehen, woraufhin Plenert von hinten kurz kritisch blinzelt, ob es wirklich was taugt, und meistens die Augen wieder schliesst. Wenn es was taugt, geht es schnell, wird angehalten, aufgenommen.
Grüsse aus Sarmatien war seinerzeit nur eine Annäherung an Ostpreussen, denn das Gebiet um Kaliningrad blieb in den Jahren der Mauer gesperrt für Besuche von Filmteams auch aus den Bruderländern der Sowjetunion. Aber es gehört zu der Weise des Filmemachens von Volker Koepp, zurückzukehren zu den Orten, an denen man gewesen ist, zurückzukommen auf die Menschen, die man getroffen hat. Deshalb gibt es die Märkische Trilogie, drei Filme um die Zeitenwende von 1989, ein Vorher, Nachher, Mittendrin aus Zehdenick, einer Ziegelei, der Transformation einer Arbeitsgesellschaft. Deshalb gibt es den Wittstock-Zyklus - sieben Filme über die Arbeiterinnen eines Textilbetriebs im Bezirk Potsdam, später Land Brandenburg.
Und deshalb gibt es immer neue Reisen gen Osten. Kalte Heimat von 1995 ist eines der zentralen Werke von Koepp, ein 150-Minuten-Film, weil darin all den Sehnsüchten, Interessen, Geschichten nachgegangen werden musste, die vor 1990 aus dem Bobrowski-Land Ostpreussen nicht erzählt werden konnten. Der Film hat nach seiner Premiere auf der Berlinale zu Irritationen beim Publikum geführt, weil der westdeutschen Linken der Begriff «Heimat» in Verbindung mit Ostpreussen den Schauer revanchistischer Forderungen von Vertriebenenverbänden über den Rücken laufen oder die antimoderne Hinwendung zur Scholle aus Nazi-Filmen hochkommen liess.
Aber Koepp geht es nicht ums Wiederkriegen oder Sentimentalwerden. Es geht ums Bewahren. Der Filmemacher ist, gerade in seinen Landschaftsfilmen, ein Chronist; Geschichte ist das, was man erzählen kann, weil es gewesen ist. Wenn was Neues passiert, muss man wieder hinfahren und sich neu erzählen lassen, und dann ist Holunderblüte von 2007 die Neuvermessung von Kalte Heimat, der Film über die Realität der postsowjetischen Ära, in der die Eltern trinken und die Kinder Hoffnung machen, während Kalte Heimat der Film war, in dem über die Sowjetzeit erst geredet werden konnte.
Die Filme von Volker Koepp sind Spurensuchen in von Migration und Vertreibung bewegten Gebieten. Das, was Heimat war, hat sich abgelagert in gezeigten Biografien, aufgenommenen Sprechweisen, vorgeführten Stimmen. Gustav J. zum Beispiel wohnt in Bad Doberan, als Koepp ihn 1973 für ein Portrait besucht, aber in seinem Deutsch wohnt noch die i-lastige Färbung Ostpreussens, wo man zum «Schmied» «Schmidt» sagt. Umgekehrt rutscht der alten Jüdin in Rauschen am Anfang von Kalte Heimat plötzlich ein deutscher Satz unter ihrem Russisch hervor: «Ich bin eine Lehrerin.»
Volker Koepp macht Filme, um Leute zu treffen, mit ihnen Zeit zu verbringen, zuzuhören, was dann lakonische, feuilletonistische Filme hervorbringt. Die Kunst zu fragen sei bei ihm eine Kunst des Schweigens, hiess es in einem Interview mit der Filmzeitschrift «Revolver» einmal treffend, woraufhin Koepp erklärte, dass er eigentlich nicht gern rede. «Wie geht es Ihnen heute?» oder «Erzähl doch mal» müssen folglich reichen als Stichworte, die er entweder Protagonisten hinhält oder ganzen Kollektiven. Koepp ist ein Meister des In-Gruppen-Hineinfragens: vom Kreis der Textilfacharbeiterinnen aus Wittstock über den der Ziegelei-Arbeiter aus der Märkischen Trilogie bis in die vergnügte Kaffeerunde aus Landstück, die bald zum Schnaps übergeht - lauter alte Frauen in der Uckermark, die ihr Leben lang gerackert haben, die Männer überlebt, und darüber nicht verbittert sind. «Wir suchen nach Rethra», ruft er dem Bauern am Anfang von Arkona, Rethra, Vineta von 1989 einfach so entgegen, «nach der versunkenen Stadt.» Der Bauer lacht ungläubig und wiegelt ab: «Die werden Sie hier nicht finden» - was wie ein Motto vor dem Film steht, dem bei der Suche nach der Vergangenheit die Gegenwart vor den Augen zerfällt: Arkona, Rethra, Vineta ist ein Film, in dem man mitansehen kann, wie die DDR verloren geht.
«Warum hast'n heute bessere Fragen gestellt wie sonst immer», sagt Wittstock-Renate zu Koepp, als er das Gespräch beenden will, sie aber noch weiter erzählen möchte in Berlin-Stettin. Das ist der vielleicht persönlichste, weil autobiografischste Film des Regisseurs. Was bei jemandem wie Koepp nicht heisst, dass er nur im Nabel seines Ichs puhlen würde; es bedeutet zuerst, dass die Reise mit der Kamera den Weg zwischen Geburts- und Lebensort zurückverfolgt. Renate ist eine über 60-jährige Dame mit herrlichem Berliner Dialekt, und vielleicht kann man nur wie der halb schweigende, halb Stichwort gebende Koepp das Vertrauen von Menschen wie ihr gewinnen, der Meisterin aus dem Wittstock-Zyklus, die den jungen Dokumentarfilmer früher für einen schwulen Schnösel aus der Hauptstadt hielt. Einer Frau, der das Leben einen trinkenden, gewalttätigen Mann zugemutet, deren Stimme das Rauchen geformt hat, eine Frau, die nie putzen wollte nach der Wende und es schliesslich gern gemacht hat. Eine Frau, für die es in der Wirklichkeit von heute nicht die genaue Form von Aufmerksamkeit und Wertschätzung gibt, die sie hier bekommt: vor der Kamera von Volker Koepp, wo sie ihr Leben nicht verteidigen muss, sondern erzählen kann.
Matthias Dell
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