Salaam Cinema! Iranisches Kino vor und nach 1979
Teheran, wuchernde Metropole zwischen Arm und Reich, zwischen Tradition und Tabus, Schauplatz der Widersprüche und der Zerrissenheit einer Gesellschaft - und Schauplatz eines aufregenden Kinos ... Von hier aus diktierte der Schah dem Land die Moderne, von hier aus vollzog sich 1979 die Islamische Revolution, die die Mullahs an die Macht brachte. Vor wie nach dieser Bruchstelle hatten Filmemacher mit den Geboten und Verboten der jeweiligen Zensur zu kämpfen. Vor wie nach der Revolution liessen sich einige von ihnen nicht instrumentalisieren, sondern widersetzten sich mit poetischen wie sozialkritischen Filmen dem Diktat und sorgten mit ganz eigenen Formsprachen für neue Wellen. In Kooperation mit dem Seminar für Medienwissenschaft der Universität Basel bietet das Stadtkino Basel im November Gelegenheit, Parallelen und Zusammenhänge im iranischen Kino vor und nach 1979 zu entdecken, und freut sich, mit Filmen von Ebrahim Golestan, Sohrab Shahid Saless und Kamran Shirdel einige zentrale Werke der «Ersten Iranischen Neuen Welle» der 60er- und 70er-Jahre präsentieren zu können - Höhepunkte der internationalen Erzählkunst. Ihnen gegenüber stehen Arbeiten jüngerer Autoren des aktuellen iranischen Kinos wie Shahram Mokri oder Mehrdad Oskouei, die sich auf diese Grossmeister beziehen. Vertiefend ergründet eine internationale Tagung vom 2. bis 5. November nicht nur die Besonderheiten der symbolhaften Filmsprache im iranischen Kino, sondern auch die teils überraschend kreativen Auswirkungen der Zensur damals und heute.
mehrLange Zeit und vor allem nach dem Iran-Irak-Krieg (1980-88) war das internationale Interesse am iranischen Kino auf nur wenige Sujets beschränkt: ländliches Leben, abgeschiedene Dörfer, folkloristische Details und Kinderdarsteller, die stellvertretend das ausagierten, was die Zensur erwachsenen Figuren nicht gönnte. Geht man heute in ein Teheraner Kino, wird deutlich, dass es ganz andere Milieus und Konflikte sind, welche insbesondere die grossstädtische Mittelschicht interessieren: Klassen- und Generationengegensätze, alltägliche Unterdrückungserfahrungen, Drogensucht und die Frage nach der Sprengung des Gefüges traditioneller Geschlechterrollen.
Ein entschiedener Akzent der Retrospektive «Salaam Cinema» liegt deshalb auf Teheranfilmen und somit einem Schauplatz voller Widersprüche, sozialer Gegensätze und mit geschätzten 20 Millionen Einwohnern. Im Norden der Stadt ist nicht nur die Luft besser, sondern auch die Bevölkerung wohlhabender. Zwischen Strassen, die zehn Gehminuten voneinander entfernt sind, können Welten liegen. Hochurbanisierte, reiche Gegenden verwandeln sich plötzlich in dorfähnliche Siedlungen mit engen Gassen, entlegenen Orten und eigenen soziokulturellen Regelsystemen.
Die filmische Verhandlung dieser Teheran-spezifischen sozialen Ungleichheit und Zerrissenheit zwischen Moderne und Tradition kann bis in die Zeit vor der Islamischen Revolution 1979 zurückverfolgt werden: In Ebrahim Golestans existenzialistischem Teheran-Noir The Brick and the Mirror (1965) werden verschiedenste Milieus und Institutionen durchquert, von der Bar über einen Bazar zum Waisenhaus. Wie eine Echokammer fängt der Film das Zittern einer Gesellschaft ein, die in Angst vor der Zensur, vor dem Geheimdienst, der SAVAK, und den Gewalten einer Moderne lebte, die der Bevölkerung von der «weissen Revolution» des Schahs aufgezwungen wurde. Dank spezifischen Institutionen zwischen privater und öffentlicher Finanzierung (wie die «Progressive Filmmaler's Cooperative» und der «Golestan Film Workshop») konnte sich inmitten dieser Propagandamaschinerie, die das Aufzeigen sozialer Missstände als revolutionären Akt wertete und unter Zensur stellte, ein widerständiges, vom italienischen Neorealismus beeinflusstes Autorenkino herausbilden. Zu dieser «Neuen Welle» zählen neben Golestans kafkaesker Grossstadtvision auch Dariush Mehrjuis The Cow (1969) und die minimalistischen Filme von Shohrab Shahid Saless, dessen Still Life (1974) im Rahmen der Retrospektive zu sehen ist: ein streng rhythmisierter Film, der jenseits von Symbolismus, konsequent materialistisch, von der stillgestellten Zeit eines Bahnwärters und seiner teppichknüpfenden Frau erzählt und hierbei die drastische Stadt-Land-Disparität mitverhandelt.
Um die Namenlosen am Rande der Gesellschaft, vor allem der Stadt Teheran, geht es auch in den Avantgardedokumentarfilmen von Kamran Shirdel, vor allem über das Rotlichtviertel Shahr-e No und ein Frauengefängnis in Teheran. Mit seiner radikal dialektischen Kontrapunktik, die offizielle Erfolgsnarrative und soziale Realitäten gegeneinandersetzt, hat Shirdel einen Stil präfiguriert, der bis zu Massoud Bahkshis Tehran Has No More Pomegranates (2006) weiterverfolgt werden kann. Anders in Shirdels von Jean Rouch beeinflusstem Film The Night it Rained (1967), der einer kolportierten Heldengeschichte anhand verschiedener Interviews nachgeht, bis sich der angebliche Vorfall - ein Junge hat nächtens einen Zug aufgehalten, um ihn vor dem Entgleisen zu bewahren - in einem Kaleidoskop von Perspektiven auflöst. Was mittlerweile zu einer Art Trademark des iranischen Kinos geworden ist - das Spiel mit der Ununterscheidbarkeit von Fakt und Fiktion -, lässt sich folglich bis in die Zeit vor der Revolution zurückverfolgen.
Während die Filmemacher der «Ersten Neuen Welle» (vor 1979) Kritik am Diktat der Modernisierung und Industrialisierung übten, lagen die sozialkritischen Filmemacher nach der islamischen Kulturrevolution von 1979 im Clinch mit religiösen Autoritäten, die alles taten, um die Ideale der Revolution ungeachtet der sozialen Missstände als verwirklicht zu behaupten. Die vielleicht radikalste Vertreterin einer sozialrealistischen Welle nach 1979 ist Rakhsan Bani-Etemad, die bei der internationalen Festivalpolitik zu lange zu wenig Beachtung fand, obwohl ihr mittlerweile fünfzehn Filme umfassendes Werk eine komplexe Sozialgeschichte Teherans von den 80ern bis in die Gegenwart darstellt, eine Reise unter die Haut der Stadt, zu Tabuthemen der Gesellschaft (wie Kriminalität, Prostitution und Gewalt). Shirdels und Golestans Grossstadtsymphonien finden eine Fortsetzung in den eigensinnigen, sozial verantwortungsbewussten Filmen Bani-Etemads. «Selbstverständlich kann man das, was im täglichen Leben passiert, nicht zeigen. (...) Man zeigt nicht die Hochzeitsnacht, sondern die Schuhe vor dem Zimmer.» (Bani-Etemad)
«Realismus» ist im iranischen Kino, mit der deutschen Filmessaystin Frieda Grafe gesprochen, immer schon «Neo-, Sur-, Super- und Hyper-», eine Frage der Form, die gewählt wird, um etwas sichtbar und überdeutlich zu machen, wenn auch indirekt. Es ist faszinierend, welche filmischen Schleichwege und Schlupflöcher die widersprüchliche Grossstadtrealität Teherans gefunden hat, um sich auf der Leinwand artikulieren zu können. Gerade gegenwärtig ist im iranischen Kino eine neue sozialkritische Welle anzutreffen, die von einer jüngeren Generation von Filmemachern getragen wird und in der Retrospektive abgebildet werden soll. Reza Dormishians impulsiv montiertes, rastlos gefilmtes Sozialdrama I'm Not Angry! (2014) über die Wut einer «lost generation» war der Publikumsliebling des 32. FAJR International Film Festival in Teheran, fand aber keine Erlaubnis, regulär in den Kinos anzulaufen.
Ein weiterer herausragender Vertreter einer neuen Generation ist Mehrdad Oskouei, der 2006 mit einer Dokumentation über die in Iran grassierende Epidemie der gesichtsverschönernden «nose jobs» Furore machte und dessen aktueller Film Starless Dreams im Rahmen der Retrospektive als Schweizer Kinopremiere zu sehen ist. Auch Oskouei versucht denen eine Stimme zu geben, die keine Stimme haben, in diesem Fall straffällig gewordenen Mädchen in einem Teheraner Korrekturzentrum. Einem ganz anderen Filmstil und Genre zuzurechnen ist Shahram Mokris 130 Minuten langer Digitalkamera-Plansequenz-Zeitschleifen-Horrortrip Fish & Cat (2013), der vom Teheraner Publikum mittlerweile kultisch verehrt wird, für viel Gesprächsstoff auf Partys und Social-Media-Plattformen sorgt und wie kaum ein anderer Film in Hinblick auf sozialpolitische Implikationen entziffert wird. Was Mokri, Oskouei und Dormishian vereint und an Bani-Etemad anschliessbar macht, ist ihr Interesse daran, trotz internationalem Erfolg in innigem Kontakt mit gegenwärtigen sozialen Realitäten in Teheran zu bleiben.
«Kunst ist immer eine Lüge, mit der der Künstler in Komplizenschaft mit dem Rezipienten versucht, der Wahrheit näher zu kommen», hat Abbas Kiarostami einmal gesagt, der dieses Jahr verstorben ist und dem die Retrospektive mit zwei Filmen aus der Zeit vor und nach 1979 Tribut zollt. Filmen, die jeweils auf unterschiedliche Art «Fortbewegung» zum Thema haben, vielleicht das Grundmotiv des iranischen Kinos schlechthin: The Traveler (1974) verhandelt eine Art Annäherung an Teheran, wenn ein Junge, der sich in den Kopf gesetzt hat, in die Grossstadt zu einem Fussballmatch aufzubrechen, alles unternimmt, um an genügend Geld zu kommen und die soziale Segregation zu überwinden. Ten (2002) wiederum ist aussschliesslich in Teheran angesiedelt und erinnert daran, dass Jafar Panahis Taxi Teheran (2015) einen hochimprovisierten Vorläufer hat, der eine Autofahrerin mit wechselnden Passagieren in Austausch treten lässt. Das Auto ist nicht zuletzt deshalb ein derart beliebter Aufenthaltsort im iranischen Kino, da sich dort private und öffentliche Sphäre komplex verschränken (dürfen).
Das Kino im Iran ist eine obsessive Liebesgeschichte zwischen einer Kunstform und einer Bevölkerung, die ihr Leben auf der Leinwand sehen will. Davon erzählt auch Mohsen Makhmalbafs Meisterwerk Salaam Cinema (1995), in dem Makhmalbaf selbst einen drakonischen Regisseur/Diktator mimt und im Zuge eines agitatorischen Casting testet, inwiefern die BewerberInnen bereit sind, den Diktaten des Regisseurs zu widerstehen und sich die Filmapparatur anzueignen. Das Leben wird zum Gefängnis, das Kino zur Chance des Ausbruchs daraus und das Filmbild zu einer sozialen Realität, die ständig neu verhandelt werden muss: «(...) in welchen Formen wollt ihr die wunderbaren Bilder zeigen?» (Dschalal ad Din ar-Rumi, Gelehrter und persischsprachiger Dichter, 1207-1273).
Matthias Wittmann
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