Rithy Panh
Das Band der Hoffnung
«Beim Völkermord durch die Roten Khmer kamen fast zwei Millionen Menschen ums Leben. Ich könnte zwei Millionen Filme drehen, zwei Millionen Geschichten von Liebe und Trennung erzählen. Es ist ein schier unendlicher Krieg.» Rithy Panh, selbst ein Überlebender der «Killing Fields», der seine Familie unter dem Pol-Pot-Regime verlor und als 15-Jähriger nach Frankreich fliehen konnte, hat seine Arbeit ganz der Tragödie seines Landes gewidmet. Unermüdlich kämpft der kambodschanische Regisseur mit seinen Werken - Spiel- wie Dokumentarfilmen - gegen das Schweigen und Vergessen an und findet auf der Suche nach Darstellungen für das Undarstellbare immer wieder aufs Neue überraschende, poetische Formen. Ob er in seinem aufwühlenden Dokumentarfilm S21, la machine de mort khmère rouge ehemalige Wächter und Überlebende eines berüchtigten Vernichtungslagers ihren damaligen Haftalltag nachspielen lässt, in L'Image manquante seine eigene Familiengeschichte mit Tonfiguren nachstellt oder mit der Verfilmung von Marguerite Duras' Un barrage contre le Pacifique die Kolonialzeit aufgreift - stets sind seine Werke Erinnerungsarbeit an der Geschichte Kambodschas. Das Stadtkino Basel widmet dem Ausnahmeregisseur eine Hommage mit einer Auswahl seiner vielfach preisgekrönten Werke.
mehrDie ersten rund zwanzig Jahre im Leben Rithy Panhs verliefen relativ durchschnittlich für einen Menschen seiner Zeit und Kultur. Geboren 1964 in Phnom Penh, wuchs er auf in einer Welt zwischen 60s-High-Life à la française und dem dräuend-dauernden Bombengrollen aus dem Nachbarland Vietnam, dessen Bürger- wie Befreiungskrieg sich bald auf zwei Anrainerstaaten: zuerst Laos, dann Kambodscha, ausdehnen sollte. Norodom Sihanouk, König Kambodschas und damals wichtigster Filmemacher des Landes, konnte durch diplomatisches Geschick sein Volk lange aus den Konflikten jenseits der Grenzen heraushalten - nach einem US-gestützten Putsch im Frühjahr 1970 aber, der den Armeegeneral Lon Nol an die Macht brachte, wurde auch Kambodscha zum Kriegsgebiet. Am 17.4.1975, dem Vorabend des elften Geburtstags von Rithy Panh, nahmen die sogenannten «Roten Khmer» die Kapitale des Landes ein. Noch jubelten Teile der Bevölkerung - man sah darin einen Schlag gegen das regierende Regime und dessen Unterstützer in Washington. Als aber die «Roten Khmer» begannen, Phnom Penh zu entvölkern, seine Bewohner en masse und mit Gewalt aufs Land umzusiedeln, wurde allen klar, dass Furchtbares bevorstand. Besonders brutal gingen die «Roten Khmer» gegen Menschen vor, die sie für bürgerlich, intellektuell hielten - was oft genug nur bedeutete, dass sie lesen oder eine Fremdsprache konnten ... Panhs Vater war Lehrer, und als solcher per se suspekt. Bis 1979, als Panh aus Kambodscha nach Thailand in das Aufnahmelager Mairut fliehen konnte, verlor er fast seine gesamte Familie - durch Mord oder nackte Entkräftung ob der tagtäglichen Zwangsarbeit in den Reisfeldern, durch die Kambodschas Bewohner «innerlich gereinigt» werden sollten.
Nach seiner Ankunft in Frankreich 1980 verdrängte Panh seine Vergangenheit wie so viele Opfer dieser Form von vermasstem Terror. Zum Filmemachen kam er eher durch Zufall: Bei einer Party, so sagt er, habe ihm jemand eine Kamera in die Hand gedrückt, um etwas zu filmen. Etwas fühlt sich hier für ihn richtig an. In der Folge wird Panh an der nationalen Filmschule aufgenommen, schon sein zweiter Dokumentarfilm, Site 2 - Aux abords des frontiers (1989) widmet sich einem thailändischen Flüchtlingslager, dem kambodschanischen Exodus und dessen Wurzeln im Terror der «Roten Khmer». Sein gesamtes Schaffen dreht sich fortan auf die eine oder andere Weise um die Tragödie seines Landes, wobei er in zwei weitestgehend übersehenen Meisterwerken, der Marguerite-Duras-Relektüre Un barrage contre le Pacifique (2008) und dem Montagefilm La France est notre patrie (2015), bis in die Kolonialgeschichte zurückschaut. Doch im Kern bleibt er bei den 1960ern und '70ern, den Jahren des Krieges und der Verheerungen - sowie deren bis in unsere Tage reichenden Folgen.
Rithy Panh wird mittlerweile primär als Dokumentarfilmemacher wahrgenommen - obwohl ihm der internationale Durchbruch 1994 mit seinem ersten abendfüllenden Spielfilm, Les Gens de la rizière, gelang, der Geschichte einer Reisbauern-Familie im Kambodscha der späten 1970er, frühen '80er, die um ihr Überleben ringt. Keinem seiner folgenden Kinospielfilme begegnete man jedoch mit ähnlichem Interesse: weder dem exzellenten Querschnittsdrama Un soir après la guerre (1998), in dem Panh versucht, der Schockstarre der ersten Nachterrortage eine Gestalt zu verleihen, noch dem oben schon erwähnten Un barrage contre le Pacifique, der sich Duras' Stoff von Seiten der Kolonialisierten nähert. Spätestens der weltweite Erfolg von S21, la machine de mort khmère rouge (2003) sorgte dafür, dass Panh sich in Zukunft auf nicht fiktionale Zugänge zur Geschichte wie Gegenwart seines Landes konzentrieren sollte. Aber was heisst das eigentlich bei einem derart singulären Formen(er)finder wie Rithy Panh, der gleich am Anfang seines Schaffens, fast wie ein Positionspapier zur politischen wie ästhetischen Basis seines Kinos, für die TV-Serie «Cinéma de notre temps» eine Dokumentation über den grössten aller Regisseure Malis, Souleymane Cissé, realisierte - ein Werk, in dem es vor allem darum geht, wie man eine vielfältig-poetische Filmsprache aus den Besonderheiten der eigenen Kultur entwickeln kann? In Meisterwerken wie dem schon erwähnten S21, la machine de mort khmère rouge und dessen Nachsatz Duch, le maître des forges de l'enfer (2011), dito Panhs autobiografischer Reise in den Terror der «Roten Khmer», L'Image manquante (2013), und wiederum deren Fortschreibung, Exile (2016), löst er die Grenze zwischen Spiel- und Dokumentarfilm auf jeweils eigenwillige Weise auf: sei es dadurch, dass er in S21, la machine de mort khmère rouge Überlebende und Wärter eines Vernichtungslagers ihr damaliges Dasein miteinander nachspielen lässt; sei es, dass er in L’Image manquante seine Erinnerungen mit Dioramen voller Lehmfigurinen nachstellt und diese Bilder mit Filmmaterialien vor allem der «Roten Khmer» konfrontiert; sei es, dass er in Exile seine Flüchtlingserfahrungen in einer Art minimalistischem Ein-Personen-Kammerspiel verdichtet.
Das sehr bewusste Inszenieren nicht fiktionaler Stoffe wird zum zentralen Stilmittel Panhs: So schützt er seine Protagonisten, angefangen bei sich selbst, vor einer eilfertigen Vereinnahmung des Zuschauers; so bleibt auch stets eine gewisse Allgemeingültigkeit bewahrt. Das Sicherheitsgefängnis 21, situiert in einem zweckentfremdeten Schulhaus (!), wird zu allen Lagern des kurzen 20. Jahrhunderts, so wie im Terror der «Roten Khmer» die vorherigen wie noch kommenden Massenmorde auch des 21. Jahrhunderts stecken; die Wanderschauspieler in Les Artistes du théâtre brûlé (2005) und die Prostituierten in Le Papier ne peut pas envelopper la braise (2007) sind Verkörperungen all jener Menschen, die sich selbst ihres Platzes am Rande der Gesellschaft nie sicher sein können. Rithy Panh, schliesslich und endlich, wird spätestens durch L'Image manquante zu etwas heute äusserst Rarem: zu einem Intellektuellen, der als öffentliches Gewissen seiner Nation spricht und dabei immer die gesamte Welt meint.
Olaf Möller
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