Mario Monicelli
Humor als Widerstand
Er war einer der Meisterregisseure des italienischen Nachkriegskinos und steht doch häufig - zu Unrecht! - im Schatten seiner Zeitgenossen wie Federico Fellini, Michelangelo Antonioni oder Vittorio de Sica. Mit seiner grandiosen Gaunerkomödie I soliti ignoti legte Mario Monicelli 1958 den Grundstein zur Dommedia all'italiana und bewies, dass man die soziale Wirklichkeit der Nachkriegszeit auch mit komödiantischen Mitteln anprangern konnte. Kühn pendelte er zwischen Tragik und Komik und trieb das Wechselspiel in La grande guerra, der Geschichte zweier Überlebenskünstler auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, oder in Un borghese piccolo piccolo bald so weit, dass er die Form fast sprengte. Mehr als 60 Arbeiten als Regisseur und etwa 90 Drehbücher hat er im Laufe seiner sieben Jahrzehnte währenden Karriere vorgelegt. Im Zentrum meist das Milieu des kleinen Mannes, dessen Widrigkeiten er voll Sprachwitz zur Groteske auszugestalten wusste - und damit der italienischen Gesellschaft immer wieder einen Spiegel vorhielt. Das Stadtkino Basel widmet dem «Meister des bitteren Lachens» eine Hommage und lädt mit ausgesuchten Werken ein, sein Oeuvre zu entdecken.
mehrDie 1960er-Jahre gelten als die vielleicht grösste Ära des italienischen Kinos. Einer der Autoren-Regisseure, die jene Jahre mit ihrem Schaffen am stärksten prägten, war Mario Monicelli. Nur: Warum sagt dieser Name im Gegensatz zu Michelangelo Antonioni oder Pier Paolo Pasolini heute ausserhalb Italiens kaum mehr jemandem etwas? Die Antwort darauf findet sich weniger in den Filmen selbst als in der heutigen Kinolandschaft, darin, wie sich die Bedeutung des Kinos und der Filmkunst gewandelt hat. Man könnte sagen: Jene Filmkultur, für die Monicelli gearbeitet hatte, gibt es nicht mehr. Das Kino ist nicht mehr der zentrale Ort von Welt- und Wirklichkeitserfahrung, und es wird entsprechend auch als Ort des politischen Streits, Kampfes längst nicht mehr so wahrgenommen. Das heisst vielleicht aber auch: Monicellis Schaffen gibt einem heutigen Publikum die Gelegenheit, Kino noch einmal als eben so einen Ort zu erfahren, zu erahnen, was es bedeuten konnte, wenn sich Menschenmassen damals gemeinsam ein politisch aufgeladenes Stück Unterhaltung anschauten und darüber ins Gespräch kamen - wenn nicht gleich während der Vorführung wilde Diskussionen ausbrachen über Fragen von Geschichtserinnerung, soziale Ungerechtigkeiten etc.
Monicelli wusste wie das ist, wenn der Saal kurz vor dem Brennen steht: Mit einem seiner ersten Hauptwerke, Totò cerca casa (1949; Co-Regie: Stefano Vanzina), erzählte er von der Nachkriegswohnungsnot mit einer beissend-anklagenden Schärfe, wie man sie aus früheren Werken um den Komiker Totò nicht kannte. Einer seiner berühmtesten Filme, La grande guerra (1959), räumte mit so ziemlich jedem damals gängigen Heldenklischee in der Darstellung des Ersten Weltkrieges auf, was ihm den Hass aller Parteien von der indifferenten Mitte bis ans äusserste Ende des rechten Spektrums eintrug. In dem teils bizarr-psychedelischen, dann wieder ultrarealistisch gestalteten Mittelalter von L'armata Brancaleone (1966) und Brancaleone alle crociate (1970) wird nebenher auch mit so manchem national(istisch)en Mythos abgerechnet - was in La grande guerra im Vordergrund abläuft, durchzieht hier listig-leise den Hintergrund. Vogliamo i colonnelli (1973), später, erwies sich nicht nur als eine Staatsstreichallegorie voller Anspielungen auf die jüngste Geschichte (1964: Piano Solo; 1970: Golpe Borghese), sondern als eine beunruhigend exakte Darstellung der damals aktuellen Verwicklungen zwischen rechtsextremistischen bis explizit neofaschistischen Gruppierungen in den Geheimdiensten und Streitkräften sowie deren Finanzierung und Steuerung durch organisiertes Verbrechen, Grossindustrie und Politik. Mit Un borghese piccolo piccolo (1977) schliesslich kam Monicelli auf ein Thema zu sprechen, mit dem wir uns bis zum heutigen Tage auf die eine oder andere Weise zu beschäftigen haben: die Radikalisierung eines enttäuschten, sich betrogen fühlenden Kleinbürgertums - noch greift es nur im Kino zur Waffe ...
Klingt alles ziemlich heftig, nach schwerer Kost. Hier nun lag Monicellis Genie: Er wusste, wie man solche Themen mit angemessener Ernsthaftigkeit und Differenziertheit, aber auch mit einem gewissen journalistischen Furor in Form populärer Satiren erzählen konnte - eben auch etwas legerer, eingestreut in scheinbar kleine Divertissements, wie etwa in I soliti ignoti (1958) und Risate di gioia (1960), die beide eben nicht nur bezaubernde Lustspiele über glücklose Kleinstkriminelle sind, sondern auch süffisante Kommentare zur italienischen Wirtschaftswunder(selbst)herrlichkeit. Man hiess dieses mit I soliti ignoti offiziell beginnende Kino der leichten Hand und schweren Themen commedia all'italiana. In der Folge wurde oft so getan, als sei das etwas völlig Neues - wo es realiter allein die Zuspitzung, Verschärfung eines Satiretons ist, der sich schon im Kino der 1950er findet und auch dort von Monicelli sowohl als Drehbuchautor wie auch als Regisseur nachhaltig (mit)kultiviert wurde. Will sagen: Steckt nicht schon der ganze I soliti ignoti in seiner frühen Gaunerkomödie Guardie e ladri (1951; Co-Regie: Stefano Vanzina)? Damals war die Regierung allerdings eine derart autoritäre, dass man sich explizite kritische Töne besser verkniff. Erst als sich die Democrazia Cristiana schliesslich für die (moderate) Linke (widerwillig) öffnete, veränderte sich schlagartig viel im Land ...
Liebt man das Kino als eine Massenkunst, dann kann man sich kaum etwas Nobleres, Besseres als die commedia all'italiana vorstellen. Es sind Filme, die dem Publikum in einfach nachzuvollziehender Form oft komplexe politische Zusammenhänge vermittelten; die ein gewisses Verständnis haben für all die grauen bis schwarzen Seiten der Seele, die also wissen, warum sich Leute den Faschisten anschliessen, warum sie Schwierigkeiten haben mit der Solidarität etc. Sie sprechen aber auch davon, wie man mit solchen Fehlern umgehen kann. Und sie nehmen einem mit ihrem Humor vielleicht sogar die Angst vor der eigenen Courage. Sie machen Mut, sich gegen ein scheinbar unbezwingbares System zu erheben.
Monicelli verstand viel davon, wie sich politische Meinungen ändern und wieder ändern konnten: Sein Vater Tomaso, Journalist und Theaterkritiker, war ein Paradebeispiel für einen Intellektuellen des frühen 20. Jahrhunderts, der sich vom Syndikalismus zum Faschismus und von dort zu einer gemässigt linken, dabei dezidiert antifaschistischen Position entwickelte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wählte er schliesslich den Freitod, weil er nicht mehr wusste, wohin in dieser Seelenlandschaft nach der Schlacht; wo Kollaborateure und Profiteure des Faschismus' bald wieder die wirtschaftliche wie politische Szene stark mitdefinierten, während Leute wie er, die aus den Fehlern der jüngsten Vergangenheit gelernt hatten und nun wirklich ein anderes Land aufbauen wollten, sich bald an den Rand gedrängt fanden. Zu den weiteren Familienmitgliedern zählte mit Arnaldo Mondadori einer der wichtigsten italienischen Verleger des 20. Jahrhunderts - auch er hatte eine Monicellis Vater ähnliche ideologische Wandlung hinter sich ... So passt es im Übrigen auch, dass Monicelli seine Karriere als Drehbuchautor begann und auch weiter Bücher für andere schrieb, als er schon ein Regiestar war; in dieser Funktion findet sich auch ein Werk, das ihn als «Verwickelten» der Geschichte zeigt: Er war nämlich am Buch für Goffredo Alessandrinis L'ebreo errante (1948) beteiligt, einen der politisch etwas perfideren Selbstentschuldungsversuche des italienischen Kinos. Solchen Ausrutschern zum Trotz blieb sich Monicelli politisch sein Leben lang weitestgehend treu, auch als seine Überzeugungen «intellektuellenmodisch» nicht mehr opportun waren: Er war bis zum Aufstieg Craxis Sozialist, wandte sich dann aber ob dessen kompromisslerischer Linie zur Mitte der 1990er hin einer radikalen Neugründung zu: der Rifondazione Comunista.
Monicelli verweigerte sich diesem links-bürgerlichen Defätismus, kämpfte bis ins hohe Alter mit Filmen, aber auch öffentlichen Auftritten und Stellungnahmen weiter für jene Sache, die ihm gerecht erschien. Als er unheilbar an Prostatakrebs erkrankte, entschied sich der überzeugte Atheist dafür, seinem Leben mit 95 Jahren durch einen Fenstersprung ein Ende zu setzen. Oft hatte er davon gesprochen, wie sehr ihm der Freitod seines Vaters imponiert hatte.
Olaf Möller
weniger





