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ARCHIV | Filmreihe

 
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Juliette Binoche

Die starke Zarte


Ihr Debüt gab sie mit zarten 20 unter Jean-Luc Godard, und noch im selben Jahr bescherte ihr ihre erste Hauptrolle in André Téchinés Rendez-vous den Romy-Schneider-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin. Dann traf sie auf Leos Carax, den jungen Wilden des französischen Kinos, und schrieb mit Mauvais sang und der furiosen Aussenseiter-Ballade Les Amants du Pont Neuf entfesselte Filmgeschichte. Zerbrechlich schön, melancholisch, mysteriös, aber voll leidenschaftlicher Intensität und ungehemmter Körperlichkeit in ihrem Spiel avancierte Juliette Binoche ab Mitte der 80er-Jahre zur Ikone des französischen Films - und machte sich auch bald international einen Namen. Sie war die verhängnisvolle Verführerin in Louis Malles Damage, kämpfte sich als verwitwete Komponistengattin in Krzysztof Kieslowskis Trois couleurs: Bleu zurück ins Leben, gewann als Krankenschwester des «englischen Patienten» in Anthony Minghellas Liebesepos den Oscar als beste Nebendarstellerin. Mit traumwandlerischer Sicherheit wählt sie seither ihre Rollen zwischen amerikanischen Grossproduktionen und europäischem Autorenkino. Steven Spielberg hat sie mehrfach einen Korb erteilt - sie mag sein Frauenbild nicht. Lieber lotete sie mit Seelenforschern wie Michael Haneke, Hou Hsiao-Hsien oder Abbas Kiarostami menschliche Untiefen aus. Das Stadtkino Basel widmet der starken Zarten eine Hommage und zeigt sie in ihrer wunderbaren Wandelbarkeit.

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Unterwegs in einem Örtchen, in dem gerne geheiratet wird, bearbeitet sie mit einem Mann, der wahrscheinlich ihr eigener ist, die Krise ihrer Ehe. Sie stellt sich bloss in ihrer Sehnsucht nach dem Verlorenen, versucht zu greifen, was sich ihr entzieht, bietet sich dar, wird verschmäht. (Copie conforme, Abbas Kiarostami, 2010)
Sie beginnt eine Affäre mit dem Vater ihres Verlobten; sie lässt den wehrlos wirkenden Mann in ihren sinnlich begehrenden Blick stürzen und der sagt zu ihr: «I can't see past you.» Eben das wird beiden schliesslich zum Verhängnis. Man hat es kommen sehen. (Damage, Louis Malle, 1992)
Auf einer Brücke verfällt ihr ein schlafloser Clochard, der einmal nur in ihre erblindenden Augen schaut. Fortan will er Besitz von ihr ergreifen und sie muss sich wehren; ein Kampf, letztlich auf Leben und Tod, missverstanden als grandiose Amour fou. (Les Amants du Pont-Neuf, Leos Carax, 1991)

 

Die Liebe macht es ihr nicht leicht. Auch sie macht es sich mit der Liebe nicht leicht. Auf Wolke sieben schweben? Schmetterlinge im Bauch haben? Durch die rosa Brille schauen? Eher in den Abgrund. Hinab in jene existenzvernichtende, das Selbst auslöschende Bedrohung, die die Liebe ja auch ist. Die Liebe, sie treibt ihre Figuren um, treibt sie bis an die Grenze, und mehr als einmal auch darüber hinaus.
In nicht wenigen ihrer Filme erforscht Juliette Binoche - die von den Franzosen auch, Divenstatus verleihend, «La Binoche» genannt wird - die bitteren und gefährlichen Seiten jener Anziehungskraft, die im Allgemeinen eher verklärt und romantisiert wird. Die, stilisiert zur Himmelsmacht, alle Widerstände überwindend und sämtliche Probleme pulverisierend zu zuckrigen Happy Ends und schmalzigen Streichereinsätzen führt. Und wenn sie nicht gestorben sind ...
Nicht so bei Binoche. Wenn am Ende eines ihrer Filme überhaupt Frau und Mann zusammenfinden, dann ist sich auch dieser gute Ausgang seiner Vorläufigkeit und Fragilität bewusst. Ein Waffenstillstand im immer währenden Kampf der Geschlechter. Bestenfalls.
Dabei würde ihre Schneewittchen-Schönheit die Binoche durchaus für Prinzessinnenrollen prädestinieren. Dunkle Haare, dunkle Augen, heller Teint, ein Lächeln, das die Sonne aufgehen lässt, wohlproportioniert, weich und sanft. Roger Ebert schwärmte «almost ethereal in her beauty and innocence» und liegt damit ebenso goldrichtig wie schwer daneben. Ätherisch, filigran, zart - damit mag die Aura der Binoche beschrieben sein, so mag sie wirken aus der Ferne und erscheinen auf den ersten Blick. Doch wenn man sich ihr nähert, wenn sie beginnt zu agieren, dann ist da kein Traumgespinst, sondern eine lebendige Frau. Juliette Binoche sieht aus wie die verkörperte Wunscherfüllung des romantischen Ideals. Aber sie denkt nicht daran, Klischeebildern zu entsprechen. Den Erwartungen, die sich quasi automatisch an das quasiperfekte Aussehen der Schauspielerin anlagern, setzt sie die Alltagstauglichkeit und Pragmatik ihrer Figuren entgegen. Sie spielt gegenwärtige, im Leben stehende Frauen, oft berufstätig, selbstbewusst, nachvollziehbar.
Deren vergleichsweise Normalität jedoch ist nicht das eigentlich Besondere, besonders ist vielmehr, dass Binoche dieses Normale nicht schlicht wirken lässt. Sie füllt es schier zum Bersten an mit Komplexität, mit der Tiefe des Gedankens und dem Reichtum des Gefühls. Sie vermittelt uns auf diese Weise nicht nur eine Ahnung vom komplizierten Innenleben der Frauen und von den widersprüchlichen Herausforderungen, denen sie sich gegenübersehen. Sie vermag vor allem in der vermeintlich typisch weiblichen Eigenschaft der Undurchschaubarkeit die Ordnungskraft weiblicher Logik darzustellen. Soll heissen: Wenn man Binoches Frauen zusieht, hat das, was sie tun, Sinn, auch wenn der sich (vor allem wohl den Männern) nicht immer und sofort erschliesst. Beispielhaft hierfür lässt sich Anne sehen, die Journalistin in Małgorzata Szumowskas Elles (2011), der im Zuge einer Recherche über Studentinnen, die sich prostituieren, die Zurichtungen des eigenen Daseins als Hausfrau, Mutter, Gattin und Berufstätige bewusst werden.

 

Juliette Stalens Binoche wird am 9. März 1964 in Paris geboren. Die Eltern, beide in künstlerischen Berufen tätig, lassen sich scheiden, als sie vier ist. Nun wächst sie gemeinsam mit ihrer Schwester abwechselnd bei der Grossmutter und im Internat auf und sieht Mutter und Vater selten. Theater zu spielen beginnt Juliette bereits als Teenager, später nimmt sie Schauspielunterricht. Sie will zum Film, und tatsächlich geht es schon nach ersten kleinen Nebenrollen - unter anderem in Jean-Luc Godards Je vous salue, Marie und Jacques Doillons La Vie de famille (beide 1985) - Schlag auf Schlag. Noch im selben Jahr nämlich wird sie für ihre Rolle in André Téchinés Rendez-vous das erste von bislang acht Mal für den César nominiert; erhalten hat sie den renommierten französischen Filmpreis dann 1994 für ihre Leistung in Trois couleurs: Bleu von Krzysztof Kieslowski. Die Rolle der verwitweten Komponistengattin, die sich, ihrem ganz eigenen Rhythmus folgend, zurückkämpft in ihr Leben, beschert Binoche bei der Mostra in Venedig auch den Preis als Beste Schauspielerin. Eine Auszeichnung, die sie sowohl bei den Filmfestspielen in Berlin (für The English Patient, Anthony Minghella, 1996, der ihr zudem den Oscar als Beste Nebendarstellerin einbringt) als auch beim Festival in Cannes (für Copie conforme) erhält. Bislang ist sie die einzige Schauspielerin, der dieses Triple gelungen ist.
Im Laufe ihrer langen und ungebrochen erfolgreichen Karriere bleibt Juliette Binoche dem Hollywood'schen Mainstream-Kino gegenüber meist auf Distanz und findet ihre künstlerische Heimat eher im europäisch geprägten Arthouse-Kino. Sie füllt die konzeptuellen Figuren in Michael Hanekes nüchtern analysierenden Filmen Code inconnu (2000) und Caché (2005) mit Fleisch und Blut. Für Bruno Dumonts Camille Claudel 1915 (2013) geht sie in ein Heim für mental gehandicapte Menschen und lässt dort die Bildhauerin Camille Claudel wieder lebendig werden, die von den Männern ihres Lebens - Gefährte Auguste Rodin und Bruder Paul Claudel - verraten und weggesperrt wurde. Keine Figur nimmt sie auf die leichte Schulter, nicht die Chocolatiere in Lasse Hallströms ein wenig glatter Romanze Chocolat (2000) und nicht die Sicherheitsexpertin, die zu Beginn von Gareth Edwards Superremake Godzilla (2014) den frühen Leinwandtod stirbt.
Im selben Jahr setzt sie sich mit ihrer Rolle in Olivier Assayas' Clouds of Sils Maria sozusagen selbst ein Denkmal. Sie gibt die sich ihres Alterns bewusst werdende Schauspiel-Diva Maria Enders, die sich gemeinsam mit ihrer krisenspiegelnden Assistentin und einem als Katalysator fungierenden Hollywood-Starlet in einen Triangel unterschiedlicher Interessen und Begehrlichkeiten (auch aneinander) gestellt sieht. Es entwickelt sich ein schwindelerregender Reigen von Über-Kreuz-Beziehungen, gegenseitiger Kommentierungen von Wahrheit und Fiktion und Verweisen quer durch die Zeiten. Zwischen Eitelkeit, Selbstzweifel, Melancholie, Celebrity-Kult und Unschuldsverlust suchen Assayas und Binoche nach der Wahrheit eines Künstlerlebens und nach der Gültigkeit der Kunst. Die Aufrichtigkeit des Erkenntnisinteresses macht Clouds of Sils Maria bemerkenswert, die Eindringlichkeit von Binoches Spiel macht ihn zu einem Triumph.

 

Alexandra Seitz

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