Faye Dunaway
Eine Frau räumt auf
Fünfzig Jahre ist es her, dass Arthur Penn mit Bonnie and Clyde das US-Kino revolutionierte. Die fulminante Ballade über das legendäre Gangsterpärchen wurde, ob ihrer «unerhörten» Gewaltverherrlichung zunächst verschrien und bald gefeiert, zur Geburtsstunde des New Hollywood - und machte die damals blutjunge Faye Dunaway über Nacht zum Star. Zigarre im Mundwinkel, den Colt im Anschlag, schoss sie sich an der Seite von Warren Beatty durch den Mittleren Westen – und avancierte in der Folge zu einer der gefragtesten Schauspielerinnen von New Hollywood. Stets einen Tick tougher denn ihre männlichen Counterparts brachte sie als kühl-attraktive Detektivin in The Thomas Crown Affair Steve McQueen zum Schwitzen, in Chinatown als undurchsichtige Femme fatale Jack Nicholson aus der Fassung und bot in Three Days of the Condor Robert Redford Paroli, bevor sie als skrupellose Fernsehproduzentin in Sidney Lumets Mediensatire Network den langverdienten Oscar gewann.
mehrDas Stadtkino Basel widmet der jungen Faye Dunaway eine Hommage und feiert die New-Hollywood-Ikone in den schönsten Rollen ihrer ersten Leinwanddekade.
Sie ist eine für die komplizierteren Fälle. Die Frauen, die sie verkörpert, gelten schnell als schwierig, kapriziös, gar neurotisch. Sie sind nicht leicht zu durchschauen und es ist ihnen womöglich nicht zu trauen. Den Durchsetzungswillen, meinethalben auch: Sturschädel, vermeint man ihnen gleich anzusehen. Man assoziiert bei ihrem Anblick die elegante Lady, die es gewohnt ist, den Ton anzugeben, oder die im Leben stehende Frau, die für sich selbst sorgen kann. Was einem eher nicht zu ihr einfällt, ist die fürsorgliche Mutter, Ehe- und Hausfrau. So gesehen ist Faye Dunaway, Ikone des New-Hollywood-Kinos, ein Kind ihrer Zeit, einer Zeit des Aufbruchs, der Umwälzungen und der Emanzipation. In der Gestaltung ihrer Figuren lässt sie konservative Vorstellungen von Weiblichkeit links liegen und erprobt stattdessen Entwürfe, die die traditionellen Geschlechtszuschreibungen herausfordern und Rollenmuster sprengen. Nicht selten zahlen die Frauen, die sie spielt, für ihre Unangepasstheit einen hohen Preis.
Dorothy Faye Dunaway wurde am 14. Januar 1941 als Tochter eines Soldaten und einer Hausfrau in Bascom, Florida geboren. Nach ihrem Highschool-Abschluss beginnt sie 1958 zunächst eine Ausbildung zur Lehrerin, wechselt dann aber an das College of Fine Arts der Universität Boston, wo sie 1962 ein Theaterstudium abschliesst. Sie geht nach New York, nimmt Schauspielunterricht am ANTA (American National Theater and Academy) und tritt in (Off-)Broadway-Produktionen auf, darunter «A Man for All Seasons» (Robert Bolt) und «Hogan’s Goat» (William Alfred). Als Arthur Penn Faye Dunaway die Rolle der Bonnie Parker in seinem Gangsterdrama Bonnie and Clyde (1967) anvertraut, hat sie erst in einigen wenigen Fernsehserien und Kinofilmen mitgewirkt. Doch sie trifft den Nagel auf den Kopf. Es beginnt mit einer Aufnahme von Dunaways rot geschminkten Lippen, mit einem grossen Mund, der Lust aufs Küssen macht und Lust aufs Küssen hat und aus dem ein Schmollmund wird, als Bonnie sich seufzend aufs Bett wirft und sehnsüchtig durch die Gitterstäbe des Gestells schaut. Mehr braucht es nicht, um zu verstehen, dass diese Bonnie gern mit dem Feuer spielt. Und wie sie dann den ansehnlichen jungen Mann förmlich anspringt, den sie unten vor ihrem Fenster entdeckt, voll fast noch jugendlichem Überschwang und wenig später schon neugierig-fasziniert seine Pistole berührt ... Was für ein Auftritt!
Schon mit ihrer ersten grossen Filmrolle schlägt Dunaway ein wie eine Bombe – nicht als Sexbombe, sondern als erotische Eruption. Sex ist Bonnie Parker wichtig, daraus macht sie kein Hehl, doch Clyde Barrow ist, wie er sagt, «not much of a loverboy». Da läuft also nicht viel. Und als dann endlich doch noch was läuft, gerät das Gangsterpaar kurz darauf, wie zur Strafe, in einen Hinterhalt der Polizei und wird nicht nur niedergeschossen, sondern regelrecht hingemetzelt, unter heftigen konvulsivischen Zuckungen der Körper. Etwas derart Obszön-Brutales hatte man seinerzeit im Kino noch nicht gesehen, dementsprechend gross war das Entsetzen. Ihre Darstellung der gelangweilt-übermütigen Kleinstadtschönheit, die sich Hals über Kopf in eine Amour fou mit einem Räuber stürzt, sich zu einer kühlen Gangsterbraut mit melancholischen Anwandlungen entwickelt und ihren Traum von der Freiheit schliesslich mit dem Leben büsst, bringt Dunaway sogleich ihre erste Oscarnominierung ein. Zehn weitere werden im Laufe ihrer langen und beeindruckenden Karriere folgen – sie spielt in den wichtigsten Filmen der bedeutendsten Regisseure an der Seite der berühmtesten Stars -, und schliesslich erhält sie 1977 den Oscar für ihre Rolle der skrupellosen Fernsehproduzentin Diana Christensen in Sidney Lumets nach wie vor beunruhigend aktueller Mediensatire Network.
Apropos «skrupellos» - auch dies ist eine der weniger schmeichelhaften Eigenschaften, die Dunaways Frauenfiguren des Öfteren zugeschrieben werden. Zusammen mit dem Kaltblütigen, dem Zickigen sowie der Unterstellung, sie würden ihre (beträchtlichen) Reize zum Zwecke der Manipulation einsetzen - die klassische Venusfalle eben, die in hinterhältiger Absicht nichtsahnende Männer erst aufs Glatteis und dann in den Untergang führt (als würde die Tatsache, dass Männer auf dergleichen Manöver regelmässig hereinfallen, nicht immer nur und in alle Ewigkeit deren eigene Dummheit beweisen und sonst nichts). Das Klischeebild der rücksichtslosen, berechnenden Bitch scheint der Leidenschaftlichkeit, der ursprünglichen Lebendigkeit und der selbstbewussten Erotik der Dunaway'schen Frauenfiguren die Waage zu halten. Geradezu so, als bräuchte es das Gegengewicht einer negativen Konnotation zu Dunaways positiver Setzung von Begehren und Lust, ein Regulativ, das der Bedrohung männlicher Potenz durch die freie, sexuell aktive Frau die Schärfe nimmt. Oder sie zumindest moralisch fragwürdig und charakterlich defizitär erscheinen lässt. Nicht selten wird dieses Muster zudem durch Sanktionen von aussen ergänzt. Sie wird von ihrem Filmpartner gefesselt und geschlagen (Three Days of the Condor). Sie wird beleidigt und erniedrigt (Arizona Dream). Sie sinkt von der Ehebrecherin zur Hure herab (Little Big Man). Sie wird vergewaltigt und ermordet (Chinatown). Sie hat sozusagen Glück, wenn sie lediglich verlassen wird und unglücklich und allein zurückbleibt (The Thomas Crown Affair, Network). Im historischen Kontext der Filme beweist das zunächst einmal nur, wie starr die Vorstellungen von Weiblichkeit zur jeweiligen Zeit waren und auf welche Schwierigkeiten Versuche trafen, ihnen auch nur einigermassen authentische Frauenbilder entgegenzusetzen. Wer sich im aktuellen Mainstream-Kino umsieht, muss allerdings feststellen, dass es immer noch ziemlich weit davon entfernt ist, die Lebenswirklichkeit heutiger Frauen angemessen zu repräsentieren.
Umso grösser Dunaways Verdienst, die sich in ihrer Arbeit mit unverminderter Energie Figuren widmet, die von der Diskreditierung vermittels Zuschreibungen bedroht werden, die nicht die eigenen sind und die ihnen auch nicht gerecht werden. Indem sie den von aussen herangetragenen Versuchen, Tun und Treiben der Figur zu verurteilen, deren selbstbewusste Ich-Behauptung entgegenstellt, macht Dunaway sichtbar, dass die Umstände falsch sind, nicht die Gestalt. Denn was einem in Erinnerung bleibt, ist ja nicht das böse Ende, das Dunaways Frauen mitunter erwartet, sondern das, was sie zuvor unternommen und erreicht haben. Dass sie in Network in der Affäre mit ihrem Kollegen ganz selbstverständlich die Rollen verkehrt, vor allem im Bett. Dass sie nicht genommen wird, sondern nimmt, und zwar gerne etwas mehr. Dass sie Onkel Sweetie, der ihr in Arizona Dream mit Hinweis auf ihr Alter den jugendlichen Liebhaber ausreden will, mit der Flinte vom Hof jagt. Dass sie den moralisch schwer entrüsteten Polizisten, der sie in The Thomas Crown Affair beinah eine Nutte nennt, ins Wort fällt und anherrscht: «Don't put your labels on me!», um ihm anschliessend ein Holzschild zu schenken, auf dem zu lesen steht: «Think dirty». Dass sie Thomas Crown beim Schach besiegt, weil der eben genau das tut. Dass sie in Three Days of the Condor das Hilfsgesuch des CIA-Agenten, mit dem sie die Nacht verbracht hat, mit dem selbstironischen Satz: «You can always depend on the old Spy-Fucker» beantwortet und ihn damit sprachlos macht. Sie hat die besseren Witze drauf und sie fährt im Zweifelsfall das Fluchtauto. Sie lässt sich nicht zum Opfer machen und sie geht nicht kampflos unter - und wenn sie verliert, dann hoch erhobenen Hauptes. Denn sie ist eine sexy Lady. Und sie kommt überall hin.
Alexandra Seitz
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