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ARCHIV | Filmreihe

 
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David Mackenzie

Der über Grenzen geht


Mit Hell or High Water gelang ihm im letzten Jahr der ganz grosse Durchbruch. Der wunderbar kratzbürstige Genrefilm - eine gelungene Mischung aus Bankraubthriller, Road-Movie, Neo-Western und Tex-Mex-Noir mit einem Hang zu Galgenhumor und morbider Situationskomik - wurde als Retter des modernen Independentkinos und brillante Rückkehr zu den ruhmvollen Glanzjahren des New Hollywood gefeiert. Doch schon zuvor galt der schottische Regisseur David Mackenzie in Cineastenkreisen als Geheimtipp. Mit dem festen Willen, sich in seinem Handwerk nie zu wiederholen, sorgte er mit so vielfältigen Arbeiten wie dem eigenwillig-düsteren Film noir Young Adam (2003), der verspielten Coming-of-Age-Story Hallam Foe (2007) oder dem verstörend zärtlichen Endzeitdrama Perfect Sense (2011) regelmässig für Aufsehen. Scheinbar mühelos wechselt er dabei zwischen den Genres und unterwandert gängige Erwartungshaltungen. Mit einer kleinen Werkschau lädt das Stadtkino ein, das Schaffen des kühnen Schotten kennenzulernen, und präsentiert neben ausgewählten Spielfilmen auch eine Reihe seiner frühen Kurzfilme.

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Jeder Regisseur, der etwas auf sich hält, hat ein Markenzeichen, eine Signatur, einen eigenen Stil. Im Fall von David Mackenzie zeigt sich die Handschrift des Regisseurs vor allem in seiner Unberechenbarkeit. Einen Namen machte er sich 2003 mit Young Adam, einem eigenwilligen Krimi-Drama mit starker Besetzung und eindringlicher Atmosphäre, das bei den britischen Kritikern gut ankam, sich für den internationalen Markt jedoch als zu sperrig erwies. Einem breiteren Publikum wurde der kühne Schotte erst allmählich bekannt, mit Genre-verspielten Werken wie Hallam Foe (2007) und dem nachdenklichen Sci-Fi-Drama Perfect Sense (2011), bis ihm im vergangen Jahr mit dem Western-Road-Movie Hell or High Water (2016) der ganz grosse Durchbruch gelang. Nimmt man alle neun bisherigen Spielfilme als ein in sich geschlossenes Werk in den Blick, stösst man dabei mitunter auf Reibungen und Widerstände, die sich aufgrund der grossen Bandbreite seiner Sujets sowie etwaiger qualitativen Differenzen ergeben. Was nicht heisst, dass Mackenzie jemand ist, der die Dinge dem Zufall überlässt: So wohlüberlegt wie die Schauplätze und Motive sind, die seine Filme bestimmen, so sicher ist die Gewissheit, dass sich unter der Oberfläche, hinter dem Augenscheinlichen stets Ungeahntes, manchmal Erstaunliches und mitunter Grausames offenbart.
Deutlich wird das bereits in der stimmungsvollen Titelsequenz von Young Adam, in der die Kamera nach einem kurzen Schwenk durch trübes Gewässer auf die Leiche einer jungen Frau stösst. In der ruhigen, reglosen Anziehungskraft ihres schwerelosen Körpers spiegelt sich auf nahezu prophetische Weise die Gemütslage ihres Mörders wider: Ewan McGregor spielt den jungen Flussschiffer Joe, der als Aushilfe auf einem Lastkahn anheuert, meistens stumm vor sich hin raucht und so ungeniert den Frauen nachstellt, dass sie ihm nur willenlos folgen können. Eine von ihnen ist Ella (Tilda Swinton), die mit ihrem mürrischen Ehemann (Peter Mullan) und dem gemeinsamen Sohn eingepfercht auf dem engen Kahn lebt und auch sonst nicht aus ihrer Haut kann. Joes Schuld am Tod der Ertrunkenen bleibt ein offenes Geheimnis, dass sich dem Zuschauer nach und nach in Rückblenden offenbart, während in der Gegenwart ein Unschuldiger für die Tat büssen muss. Das Drehbuch zu Young Adam basiert auf dem gleichnamigen Roman von Alexander Trocchi, einem schottischen Beat-Poeten und Wegbegleiter von William Burroughs, Allen Ginsberg und Leonard Cohen, aus dem Jahre 1954. Entsprechend schwermütig in entsättigten Tönen von Blau, Grau, Grün und Braun bringt Mackenzie das düstere Drama auf die Leinwand und beweist schon hier ein bemerkenswertes Gespür für die Lebensumstände, unter denen Menschen zu dem werden, was sie sind.
Tatsächlich sind Mackenzies Figuren stets schwer zu fassen. Das lässt sich wörtlich verstehen, wie im Fall von Hell or High Water, in dem zwei Brüder (Chris Pine und Ben Foster) zu flüchtigen Bankräubern werden, um die Hypothekenschulden ihrer kürzlich verstorbenen Mutter abzuzahlen. Mehr noch gilt dies jedoch für den ambivalenten Seelenzustand seiner Figuren, die mit den räumlichen und psychischen Barrieren ringen, denen sie mitunter auf brutale Weise ausgesetzt sind. Wie Eric (Jack O’Connell) in dem eindringlichen Gefängnisdrama Starred Up (2013), der längst festsitzt und trotzdem nicht zur Ruhe kommt. Kaum in seiner Zelle eingeschlossen, wird schnell klar, dass weder das unbarmherzige Gefängnispersonal noch sein eigener Vater Neville (Ben Mendelsohn), der schon länger wegen Mordes einsitzt, einen Zugang zu ihm finden können. So viel blinde Wut und Enttäuschung hat sich angestaut im Kopf des 19-Jährigen, dass er sich nicht anders zu helfen weiss, als jeglichen Widerständen, die sich ihm entgegenstellen, nur mit noch mehr, noch gröberer Gewalt zu antworten. Dass er sich dabei oft wie ein verunsichertes Kind verhält, das sich mit Händen und Füssen dagegen wehrt, ins Leben zurückgeholt zu werden, macht den vermeintlich Unbeugsamen merkwürdig sympathisch, auch wenn sein dürftiges Leben hinter Gittern langfristig auf eine unüberwindbare Katastrophe zuzusteuern scheint.
Es müssen gar keine Stahlgitter sein, hinter denen sich die Figuren in Mackenzies Filmen eingesperrt sehen. Gefangene sind sie alle. Hartnäckig, fast stur folgen sie ihren Sehnsüchten, Ängsten und Illusionen bis sie früher oder später an einem Punkt ankommen, an dem sie nicht nur das eigene Dasein, sondern auch andere in Gefahr bringen. Doch so düster und verfahren Mackenzies Geschichten auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, am Ende eröffnen sie nicht selten die Möglichkeit auf eine Hoffnung, für die es sich zu leben lohnt. Das gilt selbst für einen so aussichtslosen Film wie Perfect Sense, in dem die Welt von einer unerklärlichen Seuche bedroht wird, die die Menschen nach und nach ihrer Sinne beraubt. Denn anstatt sich dem zwangläufig aufkeimenden Chaos hinzugeben, bleibt Mackenzie in diesem bewegenden, fast poetischen Kammerspiel konsequent nah bei seinen Liebenden, hervorragend gespielt von Eva Green und Ewan McGregor, und lehrt uns auf diese Weise ganz nebenbei, auch unsere eigenen Sinne wieder zu schärfen. Hallam Foe dagegen überrascht sein Publikum mit einer für Mackenzie zunächst untypisch erscheinenden Leichtfüssigkeit, die im Laufe der Geschichte mitunter romantische Züge annimmt, als sein introvertierter Titelheld (Jamie Bell) sich in die lebensfreudigen Kate (Sophia Myles) verliebt, die ihn an seine verstorbene Mutter erinnert. Allerdings geht Hallams Drang nach Nähe und Geborgenheit noch einen Schritt weiter: Heimlich beobachtet er sein Objekt der Begierde, entweder von gegenüber mit dem Fernglas oder ganz nah von ihrem Dachfenster aus, bis er sich schliesslich selbst zuwinken kann, nachdem er endlich neben ihr im Bett liegt. Ob sie wollen oder nicht, Mackenzies Helden müssen sich stets mit den Eingrenzungen auseinandersetzen, die ihr Leben mit sich bringt. Und in gewisser Hinsicht trifft das auch auf den Regisseur selbst zu, der es sich zum Prinzip gemacht hat, keinen Film zweimal zu drehen, mit jedem Projekt etwas ganz Neues, Eigenes zu schaffen. Sein ausgeprägtes Fachwissen verschaffte sich der mittlerweile 50-jährige Genre-Enthusiast bereits in seiner Jugend als Angestellter in einem Repertoire-Kino, bis er Ende der Neunziger schliesslich selbst zur Kamera griff. Schon seine frühen Kurzfilme, darunter kleine, verquere Komödien wie California Sunshine (1997) und Marcie’s Dowry (2000), brachten ihm erste Preise ein. Doch auch Mackenzie selbst ist sich der unberechenbaren, wechselnden Wirkung seiner Filme auf ein breites Publikum bewusst. Vor allem allzu unbeschwerte Arbeiten wie die illustre Rom-Com You Instead (2011) über einen Rockmusiker und eine Punksängerin, die sich bei einem Festival mit Handschellen aneinandergefesselt unweigerlich näherkommen, zeigen mitunter die subtilen Grenzen seines filmischen Schaffens auf.
Entsteht jedoch im Gegenzug ein brillanter Neo-Western wie Hell or High Water, verstummt jede Kritik. Basierend auf einem exzellenten Drehbuch von Taylor Sheridan (Sicario, 2015), codiert Mackenzie darin die bekannten Bilder des amerikanischen Westerns geschickt um, ohne einen gewissen New-Hollywood-Flair und die versteckten Referenzen auf so grosse Klassiker wie Peter Bogdanovichs The Last Picture Show (1971, mit dem jungen Jeff Bridges) einzubüssen. Entscheidend ist hier wie anderswo, dass Mackenzie seine Figuren stets ernst nimmt, während seine Darsteller (darunter der heute 67-jährige Bridges) auch in den leisen Momenten des haarigen Katz-und-Maus-Spiels den richtigen Ton treffen. Und auch wenn sie am Ende alle irgendwie als Verlierer dastehen, das Kino ist mit Mackenzie um einen äusserst spannenden Regisseur reicher geworden.

 

Pamela Jahn

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