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ARCHIV | Filmreihe

 
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Das explosive Kunstkino des Denis Villeneuve


Er wird mit den drei Davids, Fincher, Cronenberg und Lynch, verglichen. Sich selbst verortet er augenzwinkernd eher zwischen Bergman und Spielberg. Spätestens seit seinem fulminanten Hollywood-Debüt mit dem Entführungsthriller Prisoners (2013) ist der frankokanadische Regisseur Denis Villeneuve in aller Munde und konsolidierte seinen Ruf als Meister der audiovisuellen - und moralischen - Extremerfahrungen in kurzer Folge mit dem abgründig-faszinierenden Doppelgänger-Alptraum Enemy und dem finsteren Drogenkriegsthriller Sicario. Doch schon ehe die Traumfabrik auf ihn aufmerksam wurde, zählte er ob seines formellen Wagemuts, seines eigenwilligen visuellen Stils und seiner hypnotischen Art des Geschichtenerzählens in Cineastenkreisen zu den inspirierendsten Autorenfilmern der Gegenwart. Schon sein Debüt Un 32 août sur terre (1998) - existenzialistische Komödie und surreales Roadmovie zugleich - und sein aus der Sicht eines Fisches erzähltes skurril-verzauberndes Märchen-Drama Maelström (2000) sorgten auf unzähligen Festivals für internationales Aufsehen, ehe ihm sein berührendes Nahost-Drama Incendies (2010) eine Oskar-Nominierung bescherte. Mit einer nahezu kompletten Werkschau inklusive seiner frühen Kurzfilme lädt das Stadtkino Basel ein, das noch junge Oeuvre des Ausnahmeregisseurs kennenzulernen.

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Wer ins Kino geht, um vergnügter herauszukommen, als er hineingegangen ist, wird bei Denis Villeneuve nicht froh. Als präzise Porträts mit stilistischem und zugleich erzählerischem Anspruch fernab des archetypischen Hollywood-Heroismus unterlaufen seine Filme die Zuschauererwartungen - und beziehen gerade daraus ihren besonderen Reiz. Das Leben wird in seinen Filmen, vor allem den jüngsten, nicht selten zum Schachbrett, auf dem die Figuren sich nur bedingt bewegen können, da ihre Handlungs- und Entscheidungsfreiheit durch die rigorosen Spielregeln limitiert ist, die die Welt, in der sie feststecken, ihnen vorgibt. Immer wieder müssen sie sich selbst mit grosser Kraft gegen die verzehrende Angst und Paranoia stemmen, die sie in ihrem Dasein im Hier und Jetzt umwandert. Und trotzdem kann man sich dem Sog der Bilder nur äusserst schwer entziehen. Denis Villeneuve macht Kino, das weh tut und trotzdem glücklich macht, denn einmal gefangen in seinen Geschichten, lässt es einen nicht mehr los.

 

Man ahnt schon, dass Villeneuve kein Mann für halbe Sache ist. Stets geht es bei ihm um die grossen Themen, das grosse Ganze: Gewalt, Macht und Moral, ganz gleich, ob im politischen oder privaten Sinn, gemischt mit Fragen nach Identität, Schuld und Selbstfindung sind sein Programm. In den Filmen des Frankokanadiers kommt oftmals all dies zusammen, und trotzdem gelingt es ihm stets auf frappierende Weise, seine Geschichten, und seien sie noch so abwegig, erschütternd oder brutal, auf der Leinwand zu einer geschlossenen, fesselnden Einheit zusammenzusetzen. Dabei sind es vor allem die düsteren Stoffe, mit denen sich Villeneuve in der zweiten Schaffensphase seiner glänzenden Karriere beschäftigt, angefangen mit Polytechnique (2009), einem elegant inszenierten, eindringlichen Schwarz-Weiss-Drama, das sich am realen Horror des Lebens orientiert, bis hin zu seinem jüngsten Publikumserfolg Sicario (2015), für das es den 1967 in Québec geborenen einstigen Musikvideoregisseur zuletzt in die mexikanische Drogenhauptstadt Juarez verschlug. Und je stärker und brisanter das Material, mit dem er sich auseinandersetzt, umso deutlicher wird in der Umsetzung, wie wunderbar kompromisslos und unberechenbar Villeneuve auf seinem Weg aus der kanadischen Provinz nach Hollywood geworden ist.

 

Tatsächlich legte der heute 48-jährige Regisseur bereits mit seinem ersten Langspielfilm Un 32 août sur terre (1998) eine Stilsicherheit an den Tag, die ihn für den grossen Durchbruch hätte prädestinieren können. Die Geschichte dreht sich um eine junge Frau (Pascale Bussières), die nicht nur ihren Urlaub, sondern gleich ihre ganze Modelkarriere an den Nagel hängt, als sie nur knapp einen schweren Autounfall überlebt und daraufhin kurzerhand beschliesst, sich in der mondartig wirkenden Salzlandschaft von Utah von einem alten Freund schwängern zu lassen. Die Kamera begleitet die Figuren mit kluger Gelassenheit, prüfend, jedoch ohne zu werten, während Villeneuves Kunst vor allem darin besteht, seiner Bildsprache ein ganz eigenes geheimnisvolles Flair zu verleihen, dessen ungemeine Wandlungsfähigkeit sich in den darauffolgenden Arbeiten unter Beweis stellen sollte.

 

Wie etwa in der verspielten schwarzen Komödie Maelström (2000), in der eine junge Frau namens Bibiane (Marie-Josée Croze) zum Schutzengel des Sohnes eines Fischers wird, den sie bei einem Unfall getötet hat. Stets und ständig von allgegenwärtigen Schuldgefühlen übermannt, wandelt diese unwillentlich aus der Bahn geworfene Lebenskünstlerin in der von Villeneuve karg und unterkühlt konstruierten, gläsern-metallenen Welt. Ähnlich unwirklich, wenn auch auf gänzlich andere Art und Weise, rekonstruiert der Regisseur in Polytechnique den Amoklauf an der Polytechnischen Hochschule Montréal im Jahr 1989, bei dem ein Mittzwanziger sich selbst und 14 junge Frauen in den Tod riss. Der Film vermag aufgrund seiner nicht chronologischen Erzählstruktur Erinnerungen an Gus Van Sants wenige Jahre zuvor entstandenes Columbine-Drama Elephant wecken, und doch gelingt es Villeneuve mittels einer weniger analytischen, explizit schwarz-weissen Bildsprache, seine eigenen moralischen Schlüsse aus dem Unglück zu ziehen, ohne dabei jemals prätentiös oder belehrend zu wirken. Der grosse internationale Durchbruch gelang Villeneuve jedoch erst mit dem kurz darauf entstandenen Incendies (2010), in dem ein Zwillingspaar in ein vom Krieg zerstörtes Gebiet im Nahen Osten reist, um den letzten Willen seiner Mutter zu erfüllen und dadurch ein familiäres Drama im besten Sinn einer klassischen griechischen Tragödie zu enthüllen. Das merkwürdig verzaubernde Drama unterscheidet sich von den frühen Arbeiten vor allem in seiner bewusst emotionalen Intensität, für die Villeneuve zu Recht mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurde.

 

Wo der Mensch bei Villeneuve ins Spiel kommt, da ist das Unheil programmiert. In einer Welt, in der die Liebe, wenn nicht gar das Leben selbst stets auf verlorenem Posten steht, sieht er vor allem und immer Gewalt am Werk. Schon in seinem ersten, damals noch dokumentarisch angelegten Kurzfilm REW-FFWD (1994), in dem ein junger Filmemacher nach Trenchtown in Jamaika reist, ist zu beobachten, wie sich jenes Thema manifestiert, dem Villeneuve sich im Zuge seiner Karriere unwiderruflich verschrieben zu haben scheint. Dass dabei trotz allem Übel auch der Humor immer wieder Ausformungen in seinen Filmen findet, beweist nicht zuletzt der sketchartige Zwölfminüter Next Floor (2008), in dem eine eklatante Essensorgie mit jedem neuen Gang hoffnungsloser aus den Fugen gerät. Doch selbst hier lässt die elegant verschrobene Inszenierung keine Zweifel an der gradlinigen Hinwendung zu einem zunehmend düsteren Ton im Werk des an Bergman und dem grossen amerikanischen Kino à la Hitchcock, Kubrick, Scorsese geschulten Auteurs.

 

Vielleicht am deutlichsten zu spüren ist diese filmische Evolution hin zum Abgründigen schliesslich in dem Doppelgänger-Thriller Enemy (2013), der sich nicht zuletzt als eine Art Gegenstück zu Maelström lesen lässt. Jake Gyllenhaal spielt darin einen Geschichtslehrer, der von seinem Leben gelangweilt ist, bis er eines Tages in einem Film einen Schauspieler entdeckt, der ihm aufs Haar gleicht. Als sich die beiden schliesslich gegenüberstehen, ist dies nur der Anfang eines atemberaubenden Verwirrspiels um Identität und Individualität im Angesicht des fremden Ich sowie jener kräftezehrenden Gratwanderung zwischen Kontrollverlust und Selbstbeherrschung, die sich ebenfalls wie ein roter Faden durch die Filmografie des Regisseurs zieht.

 

Villeneuves Charaktere sind stets von Brüchen gezeichnet, mal sind es Verlierer oder Gestrandete, mal solche, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen, auch wenn sie dafür früher oder später einen hohen Preis bezahlen. Denn immer wieder bricht die Gewalt über sie ein und, was noch auffälliger ist, sie werden dabei selbst immer häufiger zu eruptiven brutalen Ausbrüchen gezwungen, um ihrer Verzweiflung Luft zu machen: Während etwa Hugh Jackman in Prisoners (2013) als Vater eines von zwei entführten Mädchen in der amerikanischen Provinz das Gesetz selbst in die Hand nimmt, besticht Emily Blunt in Sicario als tapfere FBI-Agentin, die nicht nur mit den Gräueltaten der mexikanischen Mafia konfrontiert wird, sondern genauso wenig ihren eigenen Kollegen über den Weg trauen zu können scheint. Fragen nach konkreten Genredefinitionen wie Drama, Horror oder Thriller lassen sich bei Villeneuve hier wie dort nicht eindeutig beantworten. Vielmehr geben beide Filme Aufschluss darüber, wie Macht entsteht und wieder zerfällt, wie sie beharrlich für neue Opfer, Täter und Dulder sorgt. Das Bestürzendste daran ist, dass wir irgendwo auf der Suche des Vaters nach seiner Tochter beziehungsweise in der Rückendeckung der dubiosen FBI-Geheimdienstoperation selbst zu ihren Komplizen geworden sind. Nein, dies sind keine nervenkitzelnden Hollywood-Blockbuster im herkömmlichen Sinn, und so bleibt auch Villeneuve als Regisseur weiterhin eine angenehm schwer zu kalkulierende Grösse.

 

Ohne Risiko, sagte der umtriebige Visionär vor kurzem in einem Interview, könne er sich das Filmemachen gar nicht vorstellen. Und dazu gehöre auch die Gewissheit, dass man als Regisseur selbst immer nur so gut sei, wie sein letzter Film. Wenn dem so ist, muss sich das Kino zumindest um Denis Villeneuve so schnell keine Sorgen machen.

 

Pamela Jahn

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