2013 |
DIE URGEWALT DER VENUS
48 Jahre nach dem rätselhaft gebliebenen Tod von Marilyn Monroe ist ihr Mythos lebendiger denn je. Norma Jean Baker kam aus zerrütteten Verhältnissen und stieg als Marilyn Monroe zur Hollywood-Ikone des zwanzigsten Jahrhunderts auf – ihr Privatleben aber war geprägt von Schwermut. Das jüngst veröffentlichte und viel diskutierte Buch «Tapfer lieben» mit gesammelten persönlichen Notizen offenbart Monroes privates Drama. Neben solchen Bruchstücken sind es aber vor allem die Filme, die von Marilyn Monroe bleiben. Darunter Glanzlichter der Filmgeschichte wie der Film-noir-Klassiker The Asphalt Jungle, die Jahrhundertkomödie Some Like It Hot oder das raue Westerndrama The Misfits, die das Stadtkino Basel zusammen mit elf weiteren Marilyn-Monroe-Filmen im Januar präsentiert.
Der Begriff «Leinwandgöttin» klingt abgegriffen, wenn er im Zusammenhang mit Marilyn Monroe gebraucht wird - und doch trifft er selten derart genau mitten ins Schwarze. Immer wieder gibt es in Monroes Spiel Momente, da agiert nicht eine Schauspielerin in einer Szene in einem Film, sondern wird für Sekunden der Blick freigegeben auf reine Sinnlichkeit, pure Lust, Sex, Hingabe, Leidenschaft, Ekstase. Ein Kraftfeld wird spürbar, das alles um sich zu verschlingen droht: die Energie des Erotischen, die die Welt im Innersten zusammenhält, ebenso wie sie sie in ihren Grundfesten erschüttert. Es ist, als würde in diesen Augenblicken sich die Urgewalt der Venus zeigen.
Nicht selten findet sich die Reaktion auf diese Supernova, die die Monroe und gleichzeitig mehr als die Monroe ist, im jeweiligen Film mitgestaltet. Sie tendiert ins Fassungslose. Frauen lassen sich ihren Neid gar nicht erst anmerken, weil sie instinktiv begreifen, dass sie in dieser Liga niemals mitspielen werden, und die Männer verlieren jede Würde und verwandeln sich in Tex Averys Howlin’ Wolf: geifernd, stieläugig, triebgesteuert, unzurechnungsfähig.
Paradigmatisch gestaltet ist ein solcher Moment in Joshua Logans Bus Stop (1956). In jener Szene, in der Monroe in der Rolle der Chanteuse Chérie eher unbeholfen und etwas schräg, dafür leicht bekleidet, den Song «That Old Black Magic» zum Besten gibt - bei welcher Gelegenheit ihr Cowboy Bo mit einer seltenen Konsequenz verfällt. Der ohnehin eher grobschlächtige Bursche aus Montana mutiert binnen Sekunden zum Neandertaler und bildet sich ein, die begehrte Frau mit einem Lasso einfangen und als Beutestück zu sich nach Hause auf die Ranch verschleppen zu können. Das ist durchaus komisch gemeint, löst in heutigen Augen, zumal wenn diese in den Köpfen von Frauen sitzen, jedoch eher Unbehagen aus.
Nicht zuletzt, weil Marilyn Monroe ein moderner Mythos ist, eine jener ikonisch gewordenen Gestalten des 20. Jahrhunderts, deren Schicksal zum kulturellen Wissen gehört. Die Geschichte der Norma Jean Baker, wie Marilyn Monroe mit bürgerlichem Namen hiess, mutet an wie die Tragödie der Göttin, die unter die Menschen, vielmehr: unter die Männer fiel. Es ist die Geschichte einer Frau, der der Umstand zum Verhängnis wurde, dass sie Erotik und Sinnlichkeit mit einer Unbefangenheit und Unschuld ausdrücken konnte, die nicht nur ungewöhnlich war, sondern befreiend wirkte. Und sie tat dies zu einer Zeit, in der weder von sexueller Revolution noch von weiblicher Selbstbestimmung gross die Rede sein konnte, in einer männerdominierten Bilderindustrie, die mit Monroes freizügigem Angebot meist nur auf denkbar tiefem Niveau etwas anzufangen wusste. Das Leben und die Arbeit der Schauspielerin Marilyn Monroe ergeben ein Lehrstück in Geschlechterpolitik, Rollenzuschreibungen, Projektionen und Spiegelungen. Aufgeführt wird es inmitten einer Gemengelage aus Erwartungen und Hoffnungen, Enttäuschungen und Niederlagen, die sich unaufhaltsam zu einem Verhängnis verdichten, das der darin gefangenen Frau schliesslich die Luft zum Atmen nimmt.
Wie Chérie in Bus Stop, die Hinterwäldlerin aus den Ozark Mountains, die sich selbst neu erfunden hat als Chanteuse-unterwegs-nach-Hollywood, hat auch Norma Jean Baker sich selbst aus elenden Verhältnissen befreit. 1926 in Los Angeles geboren als uneheliche Tochter einer psychotischen Mutter wuchs sie in Waisenhäusern und Pflegefamilien auf. Sie begann als Model, erregte mit ihrer offenherzigen Ausstrahlung rasch Aufmerksamkeit und erhielt bald kleine Rollen beim Film. Sie verdrehte älteren Männern den Kopf in John Hustons klassischem Film noir The Asphalt Jungle und Joseph L. Mankiewicz’ Gesellschaftsdrama All About Eve (beide 1950). Und weil Marilyn Monroe, wie sie seit 1946 hiess, so unwiderstehlich war, wurden die Rollen bald grösser. Blieben aber recht eintönig. Während Marilyn von sich als einer Künstlerin und ernst zu nehmenden Schauspielerin träumte, beschnitten die Träume, die andere auf sie projizierten, sie in ihren Ausdrucksmöglichkeiten, reduzierten sie auf die unmittelbare Wirkung ihres Körpers und das Image des blonden Dummchens. Und auch wenn dieses Image - wie in Howard Hawks’ Gentlemen Prefer Blondes (1953) oder Billy Wilders Some Like It Hot (1959) - mit komischem Effekt inszeniert wurde, es blieb doch ein zunehmend enger werdendes Korsett. Dabei hat Monroe, das sei ausdrücklich festgehalten, in einer ganzen Reihe bemerkenswerter, wunderbarer, unterhaltsamer und auch hervorragender Filme mitgewirkt. Sie spielte unter der Regie von Fritz Lang (Clash By Night, 1952), Henry Hathaway (Niagara, 1953), Otto Preminger (River of No Return, 1954) und George Cukor (Let’s Make Love, 1960). Man sah sie an der Seite von Jack Lemmon, Robert Mitchum, Yves Montand und Laurence Olivier. Immer wieder hat sie versucht auszubrechen aus dem Typecasting als Sexbombe, mit dem Hollywood aus ihr Kapital schlug. Selten genug ist es ihr gelungen. Und weil sie nicht oft die Gelegenheit bekam, ihr ganzes Können zu erproben, wirkt Marilyn Monroes Filmografie inzwischen wie ein nicht-eingelöstes Versprechen.
Wer heute die Szene in The Misfits (John Huston, 1961) sieht, in der sie in einer Kneipe den Pingpongball rasen lässt, wobei die Kamera sekundenlang auf ihrem wippenden Prachthintern verweilt, der erhält einen unmittelbaren Eindruck von dem Missbrauch, der mit dieser Frau Zeit ihres Lebens getrieben wurde. Zugleich ist The Misfits, Monroes letzter fertig gestellter Film, ein wunderbares Beispiel für ihren Kampfesmut und ihre Kraft. Aber auch das Vermächtnis ihrer tiefen Verzweiflung.
Huston hat gesagt, Monroe habe in der Rolle der Roslyn, die ihr damaliger Mann Arthur Miller für sie geschrieben hatte, nicht eigentlich gespielt, sondern vielmehr sich selbst preisgegeben. Es fällt in der Tat schwer, diesen Film nicht auf einer Metaebene wahrzunehmen: Wenn Guido (Eli Wallach), der neben Gay (Clark Gable) und Perce (Montgomery Clift) um Roslyn wirbt, sie als unmittelbar mit dem Kosmos im Einklang beschreibt. Oder wenn Roslyn nach einem ausser Kontrolle geratenen Besuch beim Rodeo mit den drei volltrunkenen Männer nach Hause kommt, das Gesicht zum Himmel erhebt und ganz leise «Help!» fleht. Vor allem, wenn sie am Ende nicht mehr länger zusehen kann, wie eben diese Männer wilde Mustangs fangen, um sie für wenig Geld an den Abdecker zu verkaufen. Wenn sie da durchdreht und schreit und kreischt und weint und «Murderers!» brüllt, und dass sie die Schönheit töten müssten, um glücklich zu sein. Und Huston filmt die Monroe dabei in einer Totale, aus der Distanz, in der Weite der Wüste; wie verloren wirkt die ausser sich geratene Frau; verlassen und allein in ihrem erbitterten Kampf für die Freiheit und die Schönheit und das Glück.
Als Roslyn vom Auto aus die panische Flucht der Pferde beobachtete, war in Marilyns Augen die Angst eines Wesens zu sehen, das gleichermassen gejagt wird und um sein Leben fürchtet.
Die Jagd endete bald. 1962 starb Marilyn Monroe 36-jährig an einer Überdosis Medikamente. Ob aus Versehen, mit Absicht oder durch Fremdeinwirkung, konnte nie geklärt werden und ist Bestandteil ihres Mythos’. Eines Mythos, dessen heisses Herz eine kleine, sehr lebendige Frau ist. Eine Frau, die es in sich hat. Dergestalt, dass einem nach wie vor die Luft wegbleibt, wenn man sie sieht.
Alexandra Seitz