2013 |
HADER UNSER
Dieser betrübte «Dackelblick aus ach so steinerner Miene» (Alexandra Seitz) – da besteht keine Verwechslungsgefahr: Alle, die Josef Hader einmal auf der Bühne oder im Kino erlebt haben, wissen sofort, von wem die Rede ist, und haben Szenen vor Augen, ein Gefühl im Leib. Der äusserst erfolgreiche Schauspieler versteht es instinktiv, die existentiellen Sehnsüchte, das Scheitern und die Selbstverlorenheit seiner Figuren mit grossem Mitgefühl zu vermitteln. «Vü zvü Gfü!» – Viel zu viel Gefühl!, wie schon Kommissar Kottan in der legendären österreichischen Krimiserie gesagt hat, kommt da zum Ausdruck. Das Stadtkino Basel widmet Josef Hader eine Hommage und zeigt eine Auswahl grausam-heiterer Kinofilme aus Österreich, die das Multitalent mit seinem unverwechselbaren Gesicht geprägt hat.
Josef Hader, 1962 im Mühlviertel geboren, einer infrastrukturell lange Zeit sehr benachteiligten ländlichen Region Österreichs, begann 1982 Kabarett zu schreiben. Nach einigen weniger beachteten Programmen wurde er mit dem gemeinsam mit Alfred Dorfer verfassten Theaterstück Indien (1991), das wenig später auch sehr erfolgreich verfilmt wurde, schlagartig berühmt. Hader und Dorfer verkörpern darin zwei Restaurantkritiker, die die ländlichen Gebiete unsicher machen. HeinzI Bösel (Hader) ist derjenige, der die Wirte terrorisiert, sich bestechen lässt und auch seinen vom Naturell her völlig verschiedenen Kollegen schlecht und ruppig behandelt. Doch wie es in einem guten Buddy-Movie sein muss, raufen sich die beiden allmählich zusammen, und als sich herausstellt, dass der Kollege an tödlichem Krebs im Endstadium leidet, wird die Sache sehr gefühlig. Es ist ein Stoff, wie man ihn «österreichischer» gar nicht schreiben könnte. Das umstandslose Kippen von Aggression in Sentimentalität und umgekehrt, das jeder im Lande nur allzu gut kennt, macht aus Indien geradezu ein Volksstück. Kein Wunder, dass allerlei Gesten und Sätze aus dem Film, unter anderem das auch ironisch einsetzbare «Danke, ganz lieb» in die Alltagssprache übergingen und bis heute zu hören sind.
Trotz seiner grandiosen Verkörperung dieser seiner eigenen Figur dauerte es bis 2000, bis zu Florian Flickers Der Überfall, ehe Hader wieder so eine grosse Schauspielrolle übernahm. Warum, ist leicht erklärt: Er tourte mit seinen Solo-Kabarettprogrammen, allen voran mit «Privat» – mit 500000 Zuschauern ein Meilenstein der österreichischen Kabarettgeschichte) – durch die (deutschsprachigen) Lande. «Privat» ist genau das: privat. Hader erzählt darin seine Lebensgeschichte mit einem gehörigen Schuss schwarzem Humor, viel Phantasie und einem abgründigen Witz, der einem das Lachen manchmal im Hals stecken lässt. Hader war, im Unterschied etwa zu Lukas Resetarits, dem anderen «Grossmeister» des österreichischen Kabaretts, nie besonders politisch, und doch erzählen seine Kabarettprogramme anhand der Schilderung seines eigenen Lebens, aber auch anhand fiktiver Figuren (der Werbeagentur-Yuppie, der im Programm «Im Keller» einem Handwerker sein Leid klagt) auch von den Veränderungen in der österreichischen Gesellschaft. 2004 entstand sein bislang letzter Kabarett-Abend, durchaus programmatisch «Hader muss weg» betitelt. Immer stärker zog es Josef Hader (beziehungsweise zog man ihn) zum Film, zum Schauspiel.
In mittlerweile drei Filmen, allesamt von Wolfgang Murnberger nach den sehr erfolgreichen Romanen von Wolf Haas gedreht, spielte Hader den abgehalfterten Ex-Polizisten und Privatdetektiv Simon Brenner. Haas, ehemaliger Werbetexter, etablierte sich ab 1996 mit seinen schriftstellerischen Werken (fast alle davon Kriminalromane, von denen drei mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurden) als Erfolgsautor. Mit einer eigenwilligen, zwischen Alltagsdeutsch und Fernseh-Kauderwelsch angesiedelten Sprache, einer souveränen Lakonie, knackigen Pointen und einem grimmigen Humor, der dem aus Josef Haders Kabarettprogrammen nicht unähnlich ist), schlugen seine Bücher auf dem Büchermarkt ein.
Im Zentrum seiner sechs Kriminalromane steht also Simon Brenner, ein zerknautschter, vom Schicksal gebeutelter Detektiv, der in seine Fälle eher hineinstolpert, als dass er sie annimmt und der der Lösung eher entgegentaumelt, als dass sie seinen brillanten Recherchen zu verdanken wäre. Er ist – im positiven Sinne – ein Sammelsurium aus bekannten literarischen und Fernseh-Detektiven, von Columbo über Schimanski bis hin zum österreichischen Aushängeschild, dem von Helmut Zenker und Peter Patzak geschaffenen (Anti-)Polizisten Adolf Kottan. In der Wahl seiner Mittel ist Brenner nicht zimperlich, Recht und Gesetz spielen bei seinem Vorgehen eine eher untergeordnete Rolle. Bei der Polizei hatte er sich mit einem solchen Verhalten keine Freunde gemacht, und so wurde er, wenn auch keineswegs aus voller Überzeugung, Privatermittler.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser Brenner auf der Leinwand auftauchen würde, und 2000 war es soweit: Als erste der bislang drei Haas-Verfilmungen kam – achronologisch – Komm, süsser Tod in die Kinos, 2004 folgte Silentium! und 2009 Der Knochenmann. Mit dem Regisseur Wolfgang Murnberger kam ein weiterer «Spezialist» für Deftiges hinzu, und gemeinsam haben diese drei Männer, die auch annähernd gleich alt sind, aus kongenialen Vorlagen grosses Kino geschaffen, das, würde nicht die Sprachbarriere im Wege stehen, auch international durchaus Erfolg haben könnte. Natürlich beziehen sie einen nicht unwesentlichen Reiz aus dem reichlich vorhandenen Lokalkolorit, den Haas in die Bücher eingebracht hat. In Komm, süsser Tod verarbeitet der Autor seine Erfahrungen als Zivildiener bei der Wiener Rettung (dementsprechend grimmig geht es hier zur Sache), Silentium! hat (auch) mit seiner Internatszeit in Salzburg zu tun, und in Der Knochenmann muss Brenner feststellen, dass in einer Hühnerbraterei in der tiefsten Steiermark durchaus nicht nur Federvieh verarbeitet wird.
Die Darstellung Josef Haders lebt von seiner unverwechselbaren Physiognomie, seiner (gespielten) Mieselsüchtigkeit und von seiner Neigung zur Resignation, die jederzeit, wenn auch eher halbherzig, in Aggression umschlagen kann. Heinz Bösel aus Indien lässt grüssen, und so ist es kein Wunder, dass auch die Brenner-Krimis zu durchschlagenden Erfolgen wurden. Mit dieser Trilogie hat sich Josef Hader endgültig auch als Schauspieler etabliert, als einer der ausdrucksstärksten und eindringlichsten Darsteller des Landes. Aber er brilliert nicht nur in komödiennahen Filmen, sondern hat mittlerweile auch eine stattliche Anzahl ernsterer Rollen zu Buche stehen, so in Florian Flickers Der Überfall, in dem er versehentlich in eine Geiselnahme verwickelt wird, als Fremdenpolizist in Gelbe Kirschen von Leopold Lummerstorfer, oder als Geldbote, der sich in den Osten Europas absetzt, in Blue Moon von Andrea Maria Dusl. Er spielte eindringlich einen von Vorwürfen zerfressenen Vergewaltiger in Nikolaus Leytners Ein halbes Leben, eine Rolle, für die Hader zu Recht mit dem Deutschen Fernsehpreis als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde, und in Ann-Kristin Reyels’ schönem Spielfilmerstling Jagdhunde. Josef Hader ist ein so vielschichtiger, einfühlsamer und kreativer Künstler, dass ihm die Wanderungen zwischen den Genres und den Metiers mit scheinbar schwereloser Leichtigkeit gelingen. Nicht nur darin ist er dem grossen österreichischen Kabarettisten/Autoren/Menschendarsteller Helmut Qualtinger schon sehr nahe gekommen.
Andreas Ungerböck