JACQUES DEMY
«CINÉMA ENCHANTÉ»
Im Juni dieses Jahres war Agnès Varda, die Grande Dame des französischen Kinos, im Stadtkino Basel zu Gast. In ihrem eigenwilligen Filmuniversum, aber auch immer wieder in Gesprächen mit dem Publikum, spielte Jacques Demy – während 28 Jahren ihr Lebenspartner, Wegbegleiter und Seelenverwandter – eine wichtige Rolle. Zwei Filme machte sie über ihn, und in Les demoiselles ont eu 25 ans näherte sie sich derjenigen Stadt und ihren Menschen an, in der Demy 25 Jahre zuvor seinen zauberhaften Les demoiselles de Rochefort realisiert hat. Was liegt also näher, als wenige Monate nach Vardas Besuch und der umfassenden Retrospektive, die Neugierde auf Demys ebenso einzigartiges Werk zu stillen. Daher heisst es nun im November: Vorhang auf für Jacques Demys märchenhafte schwarz-rosa Singwelt – sein «cinéma enchanté».
Anlässlich Jacques Demys zwanzigstem Todestag, erscheint ein reich bebildertes Buch mit bisher unveröffentlichten Dokumenten. Verfasst wurde das Buch «Jacques Demy tout entier» von Marie Colmant und Oliver Père, dem neuen künstlerischen Leiter des Filmfestivals von Locarno. Neben einer umfangreichen DVD-Box ist «Jacques Demy tout entier» im November im Stadtkino Basel erhältlich.
Wenn man drei Wünsche frei hätte bei einer cinephilen Fee, dann müsste einer davon wohl sein, dass sie uns zurückversetzen möge an den Anfang des Jahres 1964, als erstmals zu sehen war, der dritte Langfilm von Jacques Demy, der eine der ganz grossen, elementaren Kinoerfahrungen des letzten halben Jahrhunderts war. Nach dem Vorspann geht es da gleich in den Hof einer Autowerkstatt, es ist kurz vor Feierabend und es herrscht fröhliche Hektik zwischen den Mechanikern, darunter auch Guy, unser Held, verkörpert von Nino Castelnuovo. Der Meister kommt dazu mit einem späten Kunden: Ob Guy länger bleiben könnte, um einen Wagen noch fertigzumachen, nein, heut gehe das nicht, er sei verabredet, ins Kino, er liebe das Kino … «Ich», entgegnet darauf ein Kumpel, «liebe die Oper», und schon liefert er die erste Zeile von «Die Liebe vom Zigeuner stammt» … Die belanglosesten und in ihrer Belanglosigkeit so wunderschönen Alltagsbelanglosigkeiten – und alles gesungen, und so geht es den ganzen Film weiter, in einem charmant dahinplätschernden Singsang, komponiert von Demys Hauskomponisten Michel Legrand.
Das muss eine unglaubliche Erfahrung gewesen sein, damals im Jahr 1964, ein freudiger Schock, diese Konfrontation von kleinbürgerlicher Realität und musikalischer Artifizialität, diese Verfremdung, die sekundenschnell das natürlichste von der Welt wurde. «En chanté» nannte Demy selbst seine Erzählweise, durchs Singen einen Zustand der Verzauberung schaffen – enchanté. Ein magischer Realismus, der einen direkt an die Wurzeln des Kinos führt, zu jener Magie, mit der es in der wirklichen und sichtbaren noch eine ganz andere, unsichtbare Realität findet. Wie seine Freunde von der Nouvelle Vague – auch wenn er als Filmemacher kein Mitglied der Gruppe war – geht Demy mit der Kamera auf die Strassen der Städte. Aber anders als sie gestaltet er die Stadt den Emotionen seiner Szenen entsprechend, lässt die Häuser und Dachrinnen in intensiven Pastellfarben bemalen, mit einem Blau, das sehnsüchtig sich ergänzt mit dem Weiss der Matrosen, die an allen Ecken und Enden auftauchen – Demy liebt die Küstenstädte, Cherbourg und Rochefort und Nantes, wo er seine Jugend verbrachte.
In Nantes spielt auch das zweite enchanté-Meisterstück, das Demy nach jahrzehntelanger Arbeit und grossen Schwierigkeiten mit dem Szenario 1982 endlich realisieren konnte. Ein Streik der Hafenarbeiter bringt Unruhe in die Stadt, es ist das Jahr 1955. – ganz selbstverständlich bringt Demy politische Momente der französischen Geschichte und Gegenwart in seine Filme. Das Liebespaar der , Castelnuovo und Catherine Deneuve, wurde auseinandergerissen, als er zum Militärdienst musste, nach Algerien. In stehen die Streikenden anfangs der Front der Einsatzkräfte der Polizei gegenüber, die einer Horde Todesengel gleichen, am Ende des Films steht ein konsequenter Liebestod. Richard Berry und Dominique Sanda, Danielle Darrieux und Michel Piccoli begleiten zärtlich oder furios diese kleine Amour-fou-Etüde, sie werden durch die Musik gezwungen aus sich herauszutreten, sich zu entblössen, körperlich und emotional.
«Wäre Jacques Demy ein Baum», hat Demys Lebensgefährtin, die Filmemacherin Agnès Varda gesagt, «wäre er ein Zwitter, gleichzeitig Zypresse und Mimose … Er ist wie die Zypresse, standhaft und dunkel, tief verwurzelt, dicht und ernst. Er ist wie die Mimose, die der Bretagne einen Hauch von Süden verleiht, die lächelnde Mimose mit ihrem lustigen Kugelköpfchen und ihrem unschuldigen Geruch – doch sie ist auch eigensinnig.»
Zusammen mit den von 1967, erneut mit Deneuve, bilden die und das konstitutive Dreieck in Demys Werk, drei Melodramen par excellence, Dramen mit Musik, mit Melodien. In das Feld, das sie aufspannen, ist eine Vielzahl kleiner Filme aus ganz unterschiedlichen Genres gestreut. Und mit den tollsten Frauen, die das französische Kino damals aufzuweisen hatte, die für Demy das Geheimnis der Frau erforschen sollten – mit einer Mischung aus Kindlichkeit, Verletzlichkeit und Resolutheit. Anouk Aimée als Lola im gleichnamigen – Max Ophüls gewidmeten – Film, eine kleine Nachtclubtänzerin und ihr Traum von Amerika. In einem späteren Film wird man ihr dorthin folgen, Model Shop, dem einzigen, den Demy in Amerika drehte, an der Westküste. Jeanne Moreau als blonde Spielerin in , sie spielt vor allem um die Liebe. Catherine Deneuve im Märchenfilm nach Perrault, oder als Frau von Marcello Mastroianni, der plötzlich schwanger wird in Marie-France Pisier als Persephone und Keiko Itô als Eurydike in einer betörend coolen Version des Orpheus-Mythos, mit dem Titelhelden als Rocksänger. Der Film ist dem von Demy verehrten Jean Cocteau gewidmet, Jean Marais gibt den Hades.
Wie Cocteau ist Demy sein Leben lang ein Naiver geblieben, und die Vorwürfe der Intellektuellen haben ihn nie gestört. Mit dem Kino haben Naivität, Sentimentalität, Kitsch eine neue Unschuld gewonnen im kulturellen Gefüge. Das ging primär von Amerika aus, und Demy ist sich dieser Abhängigkeit – auch wenn seine Film nie amerikanisches Kino simpel kopiert haben – durchaus bewusst: «Meine Vision von Amerika ist die einer schreiend barocken Welt, wo der Begriff Geschmack, dieser französische gute Geschmack, der uns wie ein Serum eingeimpft wurde, nicht existiert. Der schlechte amerikanische Geschmack hat mich hingerissen, ich liebe ihn. Ich sage schlechter Geschmack, aber das stimmt nicht. Man darf nicht von schlechtem Geschmack reden. Es ist eher eine Abwesenheit von Geschmack, sind ‹holterdipolter› zusammenwürfelte Ideen, von denen man sich nimmt was man Lust hat.»
Es sollte keine Grenzen geben in diesem Kino und keine Tabus, was die Liebe angeht und den Tod, die Fröhlichkeit und die Traurigkeit, die Erfüllung und die Verlorenheit. Allenfalls das Budget konnte Einschränkungen bringen, wie das von den Demy nicht so realisieren konnte wie erträumt, mit wirklich märchenhaften Dekors: «Das ist ein Film, der Geld brauchte – weil es ein Film über die Magie ist. Und die Magie, das kostet viel.»
Fritz Göttler