2013 |
Der Trick beim Filmemachen sei, die Familie zusammenzuhalten, erklärte Francis Ford Coppola anlässlich der Premiere seines neuen Films Tetro und berichtete, wie seine Familie etwa die abenteuerlichen Dreharbeiten zu Apocalypse Now auf den Philippinen miterlebte. – Kein Wunder, haben sich viele Mitglieder des weitverzweigten Coppola-Clans gänzlich (und äusserst erfolgreich) dem Kino verschrieben: Tochter Sofia holte sich 2004 mit dem vom Vater produzierten Lost in Translation einen Oscar. Der Komponist Carmine Coppola, Francis Ford Coppolas Vater, wurde mit dem Soundtrack für die Mafia-Trilogie The Godfather berühmt. Francis Ford Coppolas Schwester Talia Shire und seinen Neffen Nicolas Cage engagierte der Patron als Schauspieler für eigene Projekte und verhalf ihnen damit zu glänzenden Karrieren. Das Stadtkino Basel begibt sich auf die Spuren dieser filmischen Familienbande und zeigt die beeindruckende Bandbreite an Werken, welche dank der Coppola-Connection in den letzten vierzig Jahren entstanden ist.
Da steht sie, die Kleine. Etwas schüchtern, aber nicht ohne Stolz hält sie ihre Zeichnung in die Kamera. Das Mädchen ist im Kindergartenalter, auf der Zeichnung herrscht Krieg. Wir sehen einen Luftangriff, das heillose Gesudel einer Explosion am Himmel. Am Boden ein bewaffneter Mann und Bäume, die aussehen wie Palmen. Nichts Ungewöhnliches, wenn Kinder den Krieg zeichnen. Das kommt in den besten Familien vor. Aber diese Zeichnung ist die kindliche Fussnote zu einem besonders turbulenten Kapitel in der Geschichte des amerikanischen Kinos. Denn das Mädchen heisst Sofia Coppola, und als es diese Kinderzeichnung vor der Kamera ausbreitet, erlebt sein Vater gerade sein persönliches Vietnam. Auf den Philippinen dreht er Apocalypse Now (1979), jenen Film, mit dem er endlich die Macht der etablierten Studios brechen und damit doch noch den grossen, immer auch grössenwahnsinnigen Traum der jungen Rebellen des New Hollywood verwirklichen will. Der Rest ist Legende. Der Traum von einem alternativen Hollywood, ganz ohne das Geld der grossen Studios, mündet in einen Alptraum. Am Ende steht Francis Ford Coppola am Rand des künstlerischen und finanziellen Bankrotts.
Später, bei der Premiere einer Arbeitskopie von Apocalypse Now in Cannes, wird er über sein Opus verkünden: «My film is not a movie. My film is not about Vietnam. It is Vietnam.» Psychotisches Denken: Der Regisseur verwechselt seinen Film über den Krieg mit der Sache selbst. Coppola, so die populäre Diagnose, ist in den Tropen selbst ein wenig zu jenem Colonel Kurtz aus dem Film geworden, der sich im tiefsten Dschungel sein Regime der Barbarei und der Masslosigkeit errichtet hat. Im Herzen der Finsternis aber lauert die Umnachtung, auch für Coppola. Peter Biskind erzählt in seinem Buch «Easy Riders, Raging Bulls» von den sonderbaren Ideen, die der Regisseur nach Apocalypse Now mit sich herumgetragen habe: Goethes «Wahlverwandtschaften» habe er damals verfilmen wollen, in einer zehnstündigen Fassung in 3-D. Jahre später wird Francis Ford Coppola, nun hauptberuflich Weinbauer und Auftragsregisseur, über sich sagen: Der Mann, der die beiden ersten «Godfather»-Filme gedreht habe, sei im philippinischen Dschungel gestorben.
Ist es das, was wir auf der Kinderzeichnung von Sofia Coppola sehen? Hat sie den symbolischen Tod ihres Vaters gezeichnet? Die Szene mit der kleinen Sofia und ihrer Zeichnung findet sich in Hearts of Darkness (1991), dem Dokumentarfilm über die katastrophalen Dreharbeiten zu Apocalypse Now. Das Archivmaterial über die Arbeit auf dem Set stammt von Eleanor Coppola, die für ihren Mann Francis die Rolle der duldsamen Ehefrau im Hintergrund auf sich nimmt. Eleanor ist damals mit den drei Kindern nachgereist, und damit sie beschäftigt ist in der Fremde, bittet Francis Ford Coppola seine Gattin, die Dreharbeiten auf den Philippinen mit der Kamera zu begleiten. Sie sieht, wie ihr Mann zwischen künstlerischer Hybris und der Angst vor dem Scheitern taumelt, wie er gegen das Chaos kämpft, in dem die Produktion versinkt, gegen den Monsun, der ihm das Geld und die Geräte wegschwemmt, und gegen die Launen eines aufgeschwemmten alten Stars namens Brando. Und seine Familie ist fast immer dabei.
Vito Corleone, der alte Patriarch aus The Godfather (1972), sagt einmal zu einem seiner Söhne: «A man who doesn’t spend time with his family will never be a real man.» Francis Ford Coppola ist kein Corleone. Es klebt kein Blut an seiner Herrschaft als unbestrittener Pate seines Clans. Aber dieses Credo des alten Corleone würde er wohl bedingungslos unterschreiben. Francis Ford Coppola verbringt viel, sehr viel Zeit mit seiner Familie. Das kann er, weil er sich nicht damit aufhält, zwischen dem Geschäftlichen und dem Privaten zu trennen. Das ist ja der grosse Selbstbetrug, mit dem der jüngere Corleone im zweiten Godfather (1974) seine eigene Familie zu Grunde richtet: Wer die geschäftlichen Interessen des Clans gänzlich vom privaten Wohl der Familie ablöst, ist im äussersten Fall auch zum Brudermord bereit. Um das Imperium der Dynastie zu sichern, lässt Michael erst seinen Schwager und dann auch seinen eigenen Bruder töten. Er kann auch hier sagen: «It’s not personal. It’s only business.»
Im unblutigen Filmgeschäft machen sich die weit verzweigten Coppolas da nichts vor. Unter Don Francis geht das Private seit jeher nahtlos ins Geschäftliche über (und auch umgekehrt). Seine Schwester Talia spielt ihre erste grosse Rolle im Herzen der Familie Corleone. Gattin Eleanor bleibt hinter den Kulissen als Chronistin des Clans; sie veröffentlicht zwei Bände mit Tagebüchern, dokumentiert nach den Dreharbeiten zu Apocalypse Now auch jene zu The Rainmaker (1997) und später zu Marie Antoinette (2006) von Tochter Sofia. Der älteste Sohn Gio wird vom Vater schon früh als Produzent aufgebaut, ehe er durch einen tödlichen Bootsunfall jung aus dem Leben gerissen wird. Der mittlere Spross Roman wirkt bis heute in verschiedenen Funktionen als Edelhelfer bei den Filmen des Vaters, neuerdings auch bei jenen seiner Schwester Sofia, welche die vetternwirtschaftliche Familientradition ihrerseits fortsetzt, indem sie ihren Cousin Jason Schwartzman für Marie Antoinette auf den Thron von Louis XVI. hebt Seinem Neffen Nicolas Cage verhilft Francis zu einigen seiner ersten Rollen. In dem Brüderdrama Rumble Fish (1983) darf er unter der Regie seines Onkels die dicke Jacke des Halbstarken anprobieren; es ist die Vorstufe für jene Rolle, die Nicolas Cage später zum Star macht, als Desperado in Schlangenlederkluft in David Lynchs Wild at Heart (1987).
Francis Ford Coppola ist längst selber zu einem dieser übermächtigen Väter geworden, die in seinen Filmen immer wieder ihr Haupt recken. Marlon Brando als der Pate, der seinem Sohn das schwere Erbe der Macht hinterlässt. Marlon Brando als barbarischer Übervater Kurtz, der seinen Mörder erwartet wie einen verlorenen Sohn. Und jetzt Klaus Maria Brandauer – der österreichische Brando! – als despotischer Dirigent, der keine Liebe zeigt für den eigenen Sohn: Tetro (2009) ist Coppolas kleiner Epilog zu seinem grossen Thema und ein Vexierspiel mit der eigenen Familiengeschichte. Es ist auch ein Schlüsselfilm über seinen Vater, den Flötisten Carmine Coppola, ein früh verglühtes Wunderkind und verhinderter Maestro, der den Kindern ihren Erfolg missgönnte, weil er immer noch von der grossen Oper, der grossen Symphonie träumte. Höfliche Kritiker nennen das Coppolas persönlichsten Film seit dreissig Jahren, die anderen sehen in Tetro das schwülstige Kunstgewerbe eines Veteranen, der nochmals seinen Traum vom Autorenkino beschwört.
Die besseren Filme macht heute das Mädchen mit der Kriegszeichnung. Dabei hatte Tochter Sofia einst am eigenen Leib erlitten, was passiert, wenn der Familiensinn den Meister blind macht. Das war im dritten Godfather (1990), als Vater Francis seine Prinzessin als Tochter des Paten besetzte. Die junge Frau wirkte überfordert und ausgestellt vor der Kamera, und brutal war die Häme, die über sie hereinbrach. Hinter der Kamera feierte Sofia Coppola dann eine wundersame Auferstehung mit The Virgin Suicides (1999), diesem Requiem über fünf Engelstöchter in Suburbia, die seelisch ersticken unter dem Regime ihrer gestrengen Eltern. Später, mit Marie Antoinette (2006), tritt Sofia Coppola endgültig aus dem mächtigen Schatten ihres Vaters. Sie zelebriert hier das fatal Verschwenderische, das einst auch das Kino ihres Vaters auszeichnete, und verwandelt es in diesen zuckerkranken Mädchentraum, der nur unter der Guillotine enden kann.
Im Glamourzirkus von Cannes findet das doppelbödige höfische Glamorama keine Gnade. Als Marie Antoinette an der Croisette zerfetzt wird, sitzt der Daddy als Produzent neben Sofia auf dem Podium. Er wirkt wie ein König, der sein Prinzesschen vor der Guillotine der Presse beschützen will. Oder wie der Don, der noch nicht recht wahrhaben will, dass es Zeit ist, abzutreten.
Florian Keller