2013 |
AUGENZAUBER EINES WELTBESCHWÖRERS
Daniel Schmid war leidenschaftlicher Geschichtenerzähler und Kosmopolit. Im bündnerischen Flims geboren zog der Sohn eines Hoteliers Ende der Sechzigerjahre nach Berlin, wo er an der Deutschen Film- und Fernsehakademie studierte. In Werner Schroeter und vor allem Rainer Werner Fassbinder fand er nicht nur Freunde, sondern auch wichtige künstlerische Gegenüber. Auf seine eigene Kraft der Fantasie vertrauend schuf Schmid (un)schweizerisch universelle Kunstwerke. Seine Filme führten ihn nach Marokko, Italien, Japan – und immer wieder zurück in die Schweiz. Nun zeichnet der eindrückliche Dokumentarfilm Daniel Schmid – Le chat qui pense das ereignisreiche Leben des 2006 verstorbenen Film- und Opernregisseurs nach. Das Stadtkino Basel zeigt in einer längst fälligen integralen Retrospektive alle seine Filme wie Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz, Jenatsch, Il bacio di Tosca, der auf einem umstrittenen Theaterstück Fassbinders basierende Schatten der Engel sowie die frühen Werke des Regisseurs. Neben einer Vorpremiere des Portraits Daniel Schmid – Le chat qui pense in Anwesenheit der beiden Filmemacher findet ein Filmgespräch mit Schmids langjährigem Produzenten Marcel Hoehn und seinem Kameramann Renato Berta statt.
Plötzlichkeit war sein Charakter. Plötzlich stand Daniel Schmid da in seiner schwarzen Lederjacke, schwang sich vom Fahrrad und erzählte, heiser zischend, von Shanghai oder Kyoto, von Hafenstädten, wo jeden Augenblick ein Schiff voller Sehnsucht das feste Land verlässt – so hat er selber das feste Land des Erfolgs immer wieder verlassen.
Schwarmselig entführte er uns Zuhörer und Zuschauer aus dem grauen Alltag hinaus in Zwischenwelten voller Schein, wo alles plötzlich möglich wird, wo uns nichts mehr am Boden hält, sondern die sehnende Suche nach Schönheit beginnt. So streng geschnitten sein Gesicht war, so wild ausufernd seine Phantasie, so endlos seine Belesenheit. Und der Tanz seiner Ideen und Einfälle zeigte stets, dass in jedem Augenblick alles ganz neu beginnen kann.
Er drehte auf Deutsch, Italienisch, Französisch – in seinem letzten Film wäre es Englisch gewesen. Er war in der Schweiz zu Hause, aber auch in Paris und in Kyoto, in Berlin und in Cannes. Das machte ihn vielen verdächtig. Viele legten ihm Hindernisse in den Weg, doch gerade den «Verhinderern» dankte er, als er in Locarno den Ehrenlepoard erhielt. Und zuletzt bezauberte er sie alle, die Fans und Verhinderer, mit der Magie seiner Bilder und den Arien aus Il Bacio di Tosca, deren Melodien sich ins Himmelhohe spannten, voll Noten aus Sternenstaub.
Zwischenwelten
Ein Luftmensch aus den Bergen. Wenn es ihm in Zürich zu flachsinnig wurde, flüchtete er nach Flims ins heimische Hotel, wo er aufgewachsen war; und wenn es ihm in der mondänen Gesellschaft des Speisesaals zu eng wurde, flüchtete er hinauf unters Dach des Grand Hotels, hinauf in die Dachstube der Phantasie, wo die Spinnen der Erinnerung ihre Netze auswerfen: Zwischensaison. Hinter jeder Tür lauert eine Geschichte, die Treppen führen hinab in die Vergangenheit und hinauf in die Zukunft. Und unten sitzt Dieter Meier am Piano: Das Leben als bunter Totentanz – wir alle spielen kurz unsere Rolle, und schon ist die Hauptsaison vorbei.
Er wechselte mit seinen Filmen spielend die Etagen wie die Hotelier-Familie, die in der Zwischensaison in den noblen Zimmern der ersten Etage residierte und in der Hochsaison in die Dachkammer auswich: Radikale Avantgarde-Filme wie Heute Nacht oder nie, wo die Menschen träge wie trunkene Fliegen zwischen toten Gegenständen schwanken und verzweifelt wie der Zuschauer nach einem Handlungsfaden suchen, bis man als Zuschauer aus dem Film in sich selbst und in die eigenen Abgründe zurückfällt.
Dokumentarisches wie The Written Face über den 88-jährigen Kabuki-Darsteller Kazuo Ohno: Noch einmal möchte man mit ihm den «Schwanensee» tanzen, wenn er vor der Skyline von Osaka knöcheltief im Wasser des Vergessens watet, während seine Arme traumverloren seine eigenen Schultern liebkosen und das Gesicht wie ein weissen Leinen- und Leichentuch im Wind der Wehmut flattert – schaurig-schön.
Komödien fürs breite Publikum wie Beresina. Eine Komödie, die zwischendurch Tiefe gewinnt, wenn die Hauptdarstellerin mit russischem Akzent das «Brääme-Liedli» singt. Er hatte die unbekannte Russin entdeckt, weil ihre Freundin gerade nicht zum Casting kommen konnte.
So hat er Ingrid Caven entdeckt und ihren ersten Chansonabend im Pigalle inszeniert. Danach lagen ihr Yves Saint-Laurent und ganz Paris zu Füssen. Bald auch schon ganz Frankreich ihm, Daniel Schmid: Ja, unter seinen Füssen rollten sie den roten Teppich in Cannes aus, wo er mit La Paloma mitten in der bleiernen Zeit des Terrorismus seine Gegenwelt entwarf, die kitschig wirkt wie ein Chanson, aber hinter der Oberfläche lauert stets der Abgrund, die Sehnsucht, der Rausch und der Tod.
Toscas Todeskuss
Heute Nacht oder nie. Heute Nacht muss das Leben beginnen. Heute Nacht in Paris oder in Berlin, in das er mit 19 Jahren kam, aus den Bergen flüchtend, nach einem Sprung ins mystische Grün des Cauma-Sees im Lichterglanz der Grossstadt auftauchend. Dort wohnte er in einer WG mit dem späteren RAF-Terroristen Andreas Baader, von dem er eigentlich nur erzählte, wie schön er gewesen sei.
Es war die Zeit nach 68, als alle ihr politisches Gewissen wie ein Plakat vor sich hertrugen, er aber hängte Opernbilder und «La Paloma» an die Wand. Oder verfilmte mit Schatten der Engel ein Stück von Rainer Werner Fassbinder, dem man Antisemitismus vorwarf – und Dekadenz. Doch der Skandal des Films liegt viel tiefer. Er zeigt, dass jede Rolle nur ein Klischee ist und der Täter immer auch das Opfer sein könnte.
Und noch tiefer: Schmid verstört mit seiner Ästhetik. Sein Blick wendet sich voll sehnender Zuneigung jenem unförmigen Rest zu, der bei allen Rechnungen der Vernunft übrigbleibt, jenen verfemten Teilen der Gesellschaft, die das Verdrängte verkörpern, dem Kitsch, der aus der hohen Kunst ausgeschieden wird.
In diesem Sinn, schrieb der Philosoph Gilles Deleuze, habe Schmid die Krise des «Aktion-Bildes» eingeleitet und sich ganz den Abgründen und Sprüngen des «Affekt-Bildes» zugewandt. Etwa wie in Il Bacio di Tosca den verknitterten Gesichtern im «Casa Verdi», wo die brüchigen Stimmen «O sole mio» zum klirrenden Klingen bringen und die Gesichtszüge entgleisen. Der ätherisch-ästhetische Kuss der Tosca wird vom unkontrolliert zuckenden Kiefer der alten Sängerin zu einem Todeskuss verzerrt: «Questo è il bacio di Tosca!» Die Lebensträume verstauben im Dachstock, die Figuren verwickeln sich in den Spinnweben des gelebten Lebens, bis sie zuletzt mumifiziert in ihrer Trauer erstarren. Dabei zeigt sich die höchste Freiheit des Menschen – die Freiheit zu scheitern: Bereits winkt der alte Pianist im «Casa Verdi» ab, doch dann spielt er nach einem kurzen Stocken weiter, und in der gemeinsamen Ekstase wird die Hässlichkeit des Gesangs zu einer Hymne ans Leben. Auch Schmid winkt immer ab, lässt die Handlung abbrechen, um dann doch noch die ganze pralle Pracht der Schäbigkeit des Menschen aus der Panik vor dem endgültigen Stillstand hervorbrechen zu lassen.
Erotik des
Hécate: Wie ein Cliché aus einem alten Hollywood-Streifen lehnt Clothilde am Geländer, sie ist «nur eine Frau, die die Nacht betrachtet», nichts weiter; Ihr Liebhaber findet aus dieser Nacht nicht mehr hinaus, die hinter dem Vorhang ihrer Augenwimpern herandämmert. Seine konventionelle Sicht aufs Leben ist von der strengen Geometrie der Jalousien und der Eifersucht vergittert; sie aber lässt sich vom Leben treiben, wallt wie die Gardinen im Hauch der Wüstennächte, fächelt sich selbst mit ihrem Augenaufschlag Luft zu – Augenlust.
Sein Untergang ist, dass er versucht, die Liebe zu verstehen: «Pourquoi cherchez-vous toujours à comprendre … pourquoi?» Denn es gibt nichts zu verstehen, es gibt keinen Sinn hinter der schönen Oberfläche ihres Gesichts, sondern nur die reine Schau-Lust. Ja, man kann höchstens die hohe Zeit des Augenblicks geniessen, ohne weitere Fragen zu stellen.
Genau das konnte Schmid: Er legte den Freunden immer einen roten Teppich aus wie in Cannes, wo er mich einlud, mit ihm über den Teppich zu gehen, als sein Assistent, der ich nie war. Er wollte, dass man in solche Rollen schlüpft. Das Leben – ein Spiel.
Stefan Zweifel