STUMMFILME MIT DEN MITTELN DES TONFILMS
«Ich will, dass die Leute über das Leben lachen. Sie sehen sich einen Film von mir an, und drei, vier Tage später, wenn sie auf der Strasse sind, bemerken sie plötzlich lauter lustige Kleinigkeiten, die sie aus meinen Film kennen. Ich will ja nicht prätentiös sein, aber es ist wirklich schon vorgekommen, dass Leute gesagt haben, sie seien gerade zu Besuch bei ihrem Onkel gewesen oder in einem Restaurant, und da sei es genauso wie in meinen Filmen. Das macht mich sehr glücklich.» – In den Herzen des Filmpublikums hat Jacques Tati längst einen festen Platz; auch aus der Filmgeschichte ist sein Werk nicht mehr wegzudenken. Das Stadtkino Basel ehrt den Filmemacher mit einer Retrospektive.
Diesmal knattert und kracht das museumsreife Auto von Monsieur Hulot noch lauter als sonst, und er kann gerade noch in den Eingang zu einem Friedhof einbiegen. Aha, ein platter Reifen! Doch einer wie Hulot hat natürlich einen Ersatzschlauch dabei. Wenn nur diese Blätter nicht wären, die ständig an seinen Schuhen kleben. Also legt er den aufgepumpten Schlauch ab, um die Blätter von den Schuhen zu streifen. Wie er diesen aufhebt, haften daran so viele Blätter, dass der Friedhofswärter, der sich mit einem Kranz nähert, Hulots blättriges Rund ebenfalls für einen Kranz hält und dankend entgegennimmt.
Wie der Schlauchkranz dann aufgehängt wird, entweicht ihm die Luft allerdings mit dermassen spektakulären Geräuschen, dass man meinen könnte, die gesamte Trauergemeinde habe sich zuvor an Bohnen gütlich getan.
Diese Sequenz aus Les vacances de Monsieur Hulot (1953) ist gleich in mehrerer Hinsicht typisch für das Schaffen von Jacques Tati: Zum einen finden die ganzen komischen Verwicklungen statt, ohne dass Hulot überhaupt mitbekommt, was vor sich geht. (Insofern ist Hulot das Gegenteil von Chaplins Tramp, der die Blätter absichtlich auf den Schlauch geklebt und dabei in die Kamera gegrinst hätte.) Zum anderen läuft die ganze Sequenz wortlos ab. Obschon Tati lang nach Einführung des Tonfilms (1927 mit The Jazz Singer) Filme zu machen begann, spielen Dialoge bei ihm eine untergeordnete Rolle, ja oft werden sie von Geräuschen unverständlich gemacht. Das hat mit Tatis Anfängen zu tun, weshalb hier ein paar Zeilen zu seiner Biografie angebracht sind.
Geboren wurde er am 9. Oktober 1908 als Jacques Tatischeff in Le Peq. Eigentlich hätte er wie sein Vater Restaurator und Bilderrahmer werden sollen, doch das reizte ihn wenig. Sport war sein Ding, vor allem Rugby. Anfang der Dreissigerjahre trat er in Kabaretts auf, wo er pantomimisch die Sportgrössen seiner Zeit imitierte. Er konnte auch ein paar Kurzfilme drehen, die auf seinen Nummern beruhten. Doch seine eigentliche Karriere begann erst nach dem Zweiten Weltkrieg: 1947 drehte er den Kurzfilm L’école des facteurs, der so populär war, dass Tati ihn zu seinem ersten Spielfilm Jour de fête (1949) ausbaute.
Der Film wurde ein internationaler Erfolg, und der grosse Stummfilmkomiker Buster Keaton sagte darüber: «Tati knüpft an dem Punkt an, wo wir vor rund vierzig Jahren stehengeblieben waren.» Das kommt von der Chronologie nicht so recht hin, da Keaton seine ersten Filme bei Fatty Arbuckle erst 1917 machte, aber inhaltlich hatte er recht: Tati machte Stummfilme mit den Mitteln des Tonfilms, und Keaton wie Tati waren begabte Sportler, begnadete Mechaniker und Genies der Bewegung. Wer kann sich Les Vacances de Monsieur Hulot anschauen, ohne danach Hulots Bewegungen beim Tennisspiel nachahmen zu wollen – und unweigerlich zu scheitern?
Monsieur Hulot wurde so beliebt, dass Tati ihn auch in seinem nächsten Film Mon oncle (1958) auftreten liess, der den Oscar für den besten ausländischen Film erhielt. Er ist aber schlechter gealtert als die Vacances, weil die Moderne, über die Tati sich darin lustig macht, uns heute geradezu rührend altmodisch vorkommt. Für sein nächstes Projekt, Playtime (1967), liess der Perfektionist Tati vor Paris eine ganze Stadt aufbauen. Hulot ist hier nur eine von vielen Figuren, die durch dieses Labyrinth aus Glas und glanzpolierten Metalloberflächen irren und einander immer wieder verpassen. Zu Recht vermisste das Publikum die Wärme der früheren Filme, und Playtime wurde ein kommerzieller Misserfolg. Doch von heute aus gesehen nahm Tati die Erzählstruktur eines Robert Altman und die architektonischen Albträume eines Terry Gilliam vorweg. Auch das verbindet Tati leider mit Buster Keaton, dessen The General ein kommerzieller Flop war und heute zu den Grosstaten der Filmgeschichte gezählt wird. Wegen Playtime schwerst verschuldet, hatte Tati danach grosse Mühe, Geldgeber zu finden. Dennoch konnte er 1971 Trafic fertigstellen. «In Playtime war das Dekor mein Star, hier sind es die Autos», sagte er dazu, und er liess seine mechanischen Stars regelrechte Ballette vollführen. Durch eine Koproduktion mit Schweden kam 1974 noch Parade zustande, Tatis Hommage an den Zirkus und das Varieté. Das Interessanteste daran ist, den 65-Jährigen einige jener Sportlerpantomimen vorführen zu sehen, mit denen er sich als junger Mann einen Namen gemacht hatte. Acht Jahre später jedoch starb er, ohne sein letztes Projekt Confusion realisiert zu haben.
Thomas Bodmer