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DAS KINO VON MARTIN SCORSESE
 

PRIESTER ODER GANGSTER

Kino war für Martin Scorsese immer mehr als nur ein Beruf – für ihn ist es Passion und Religion. Seine jähzornigen Gangster, die ihre inneren Kämpfe um Schuld und Sühne in eruptiven Gewaltausbrüche nach aussen tragen, haben nicht nur das US-amerikanische Kino geprägt. Daneben ist Scorsese aber auch ein begnadeter Regisseur von Dokumentarfilmen und kann sogar mit sensiblen Charakterstudien überraschen. Das Stadtkino Basel zeigt eine Auswahl aus dem umfangreichen Werk Scorseses, das die ganze Bandbreite dieses Filmfanatikers zeigt.

 

Dass Regisseure Filme lieben, ist nichts Aussergewöhnliches – man möchte es eigentlich voraussetzen. Doch im Falle von Martin Scorsese hat die Leidenschaft ein schon fast beängstigendes Ausmass angenommen. Wenige Regisseure leben so sehr für ihre Kunst, und schöpfen umgekehrt in ihren Filmen derart rücksichtslos aus ihrem eigenen Seelenleben.
Gemäss eigener Aussage gab es für den 1942 in New York geborenen Scorsese nur zwei mögliche Berufswege: Gangster oder Priester. Doch der kleine Marty war ein kränkliches Kind, das an Asthma litt; eine Karriere als Wise Guy kam deshalb nicht in Frage. Da er zu zerbrechlich war, um mit Gleichaltrigen auf der Strasse zu spielen, hielt sich Scorsese vor allem an zwei Orten auf: in der Kirche und im Kino. Und so war schnell klar, wohin Scorsese gehen würde, als er die Priesterschule wegen schlechter Lateinnoten nach nur einem Jahr wieder verlassen ¬musste – an die Filmschule der New York University. In Scorseses Kindheit sind die wesentlichen Themen seines Werks bereits angelegt: Neben der grenzenlosen Begeisterung für den Film ist es vor allem die Prägung durch seine katholische Erziehung, der ständige Kampf gegen die Versuchung, das fortwährende Ringen um Erlösung. Auf der anderen Seite die Welt der Gangster mit ihren Männlichkeitsritualen und ihrer sinnlosen Brutalität. Und schliesslich natürlich die Liebe zu seiner Heimatstadt New York.
Der Film, in dem Scorsese zum ersten Mal seine inneren Kämpfe auf Zelluloid bannte, sollte denn auch für den internationalen Durchbruch sorgen: Mean Streets von 1972. In der Hauptfigur, dem Kleinkriminellen Charlie, der vergeblich versucht, christliche Prinzipien mit seinem Leben als Gangster zu vereinen, sah Scorsese sich selbst wieder.
Mean Streets steht am Anfang einer ganzen Reihe von Gangsterfilmen, und es war auch Scorseses erste Zusammenarbeit mit Robert de Niro und Harvey Keitel, zwei Schauspieler, die zentral für sein Werk werden sollten. Auch stilistisch ist in Mean Streets schon vieles angelegt: Der ungestüme Rhythmus, der Einsatz von Popmusik, die eruptive Gewalt und die scheinbar eklektische Mischung aus Zitaten des klassischen Hollywoodkinos und Anleihen aus dem Kino der französischen Nouvelle Vague. Nach Alice Doesn’t Live Here Anymore, in dem ausnahmsweise eine Frau im Mittelpunkt steht, folgte Scorsese mit Taxi Driver weiter dem Pfad, den er mit Mean Streets eingeschlagen hatte. Zwar kein Gangsterfilm im engeren Sinn, sondern eher eine Art Anti-Western, aber dennoch ein reiner Scorsese. Der Film, der bei Erscheinen für Kontroversen sorgte, ist heute ein unbestrittener Klassiker; Robert de Niro als amoklaufender Taxifahrer Travis Bickle ist zur filmischen Ikone geworden.
De Niro sollte auch in den nächsten drei Spielfilmen Scorseses die Hauptrolle spielen, in New York, New York (1977), Raging Bull (1980) und The King of Comedy (1982). Auch wenn er in dieser Phase mit Raging Bull, dem Portrait des Mittelgewichtweltmeisters Jake LaMotta, einen seiner besten Filme gedreht hat, war dies eine schwierige Zeit in Scorseses Leben. Privat hatte er mit Eheproblemen, einer Depression und Kokainabhängigkeit zu kämpfen, und auch beruflich lief es nicht rund. Zwar galt er mittlerweile als einer der herausragenden Vertreter des US-amerikanischen Kinos, finanziell waren seine Filme aber nie wirklich erfolgreich.
Man tut Scorsese nicht unrecht, wenn man seine Spielfilme grob in zwei Gruppen einteilt: In jene Filme, in denen er seine ganz persönlichen Obsessionen und Komplexe aufbereitet, und in weniger persönliche Projekte, die er nicht zuletzt aus kommerziellen Überlegungen übernommen hat. Aber selbst bei einem scheinbar simplen Film wie dem Remake des Robert-Mitchum-Klassikers Cape Fear bleibt sich Scorsese treu und macht aus einem gradlinigen Thriller ein Drama um Schuld und Sühne mit einem geradezu apokalyptischen Ende.
Zwei dieser weniger intimen Filme – der ungewöhnlich witzige After Hours und das Paul-New¬man-Tom-Cruise-Vehikel The Color of Money – waren nötig, bis Scorsese endlich sein Herzensprojekt The Last Temptation of Christ (1988) nach dem Roman von Nikos Kazantzakis realisieren konnte. In dem Film behandelt Scorsese anhand der Jesus-Figur eines seiner Kernanliegen so direkt wie noch nie: Wie kann man Christ und Mensch sein? Christen auf der ganzen Welt protestierten gegen den Film. Sie nahmen Anstoss daran, dass Scorseses Jesus mit urmenschlichen Schwächen zu kämpfen hat, und dass der von Harvey Keitel verkörperte Judas hier als positive Figur erscheint.
Auf Jesus folgte zwei Jahre später mit Goodfellas wieder die Mafia. Auch wenn Scorsese danach mit Casino, Gangs of New York und The Departed noch drei weitere Mafia¬filme gedreht hat, ist Goodfellas nach wie vor unerreicht – so energiegeladen und so unerwartet in seiner Mischung aus realistischer Milieustudio, stilisierter Gewalt und Humor. Mehr als in jedem anderen von Scorseses Filmen ergänzen sich hier all die typischen Elemente, die sein Werk ausmachen, verschmelzen Geschichte, Schauspiel, Kamera, Schnitt und Musik zu einer überwältigenden Einheit.
Scorsese lebt, atmet und denkt Filme. Neben Spielfilmen hat er auch Musik- und Doku¬mentarfilme gedreht – etwa The Last Waltz über das Abschiedskonzert von The Band oder den persönlichen Rundgang durch die italienische Filmgeschichte Il mio viaggio in Italia –, und auch beim Videoclip zu Michael Jacksons Hit «Bad» hat er Regie geführt. Aus diesem umfangreichen Werk zeigt das Stadtkino Basel nun eine Auswahl, bei der die neuesten Spielfilme aussen vor bleiben. Dies geschieht nicht zuletzt deshalb, weil Scorseses jüngste Filme nicht ganz an seine Meisterwerke heranreichen. Es gehört zu den Ungerechtigkeiten der Filmindustrie, dass der Regisseur seinen ersten Oscar erst 2007 für The Departed entgegennehmen durfte. Zweifellos ein sehenswerter Mafiafilm, allerdings hat Scorsese anderthalb Jahrzehnte zuvor mit Goodfellas einen noch besseren gedreht, bei dem aber lediglich Joe Pesci mit einem Oscar für die beste Nebenrolle bedacht wurde.

 

Simon Spiegel

 
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