ONE OF GOD’S RARE PROTOTYPES
«One of god’s rare prototypes.» – Was Johnny Depp als Raoul Duke in Fear and Loathing in Las Vegas über seinen schmerbäuchigen Kompagnon Dr. Gonzo sagt, das könnte man auch über ihn selbst sagen: Schauspieler wie er sind selten. Sein Werk ist von bemerkenswerter Integrität. Bemerkenswert nicht nur, weil Integrität nicht eben ein Schlüsselwort für den Kommerzbetrieb Hollywood ist. Sondern vor allem, weil Schauspieler es sich eher selten leisten, ihre Arbeit unter einen bestimmten Aspekt zu stellen. Das Stadtkino Basel würdigt Johnny Depps unermüdliche Lust an der schauspielerischen Herausforderung und seine künstlerische Offenheit mit einer umfangreichen Retrospektive.
Depp dagegen brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass ihn eine Existenz als Produkt der Unterhaltungsindustrie langweilt. Zu Beginn war die Schauspielerei für Depp, der eigentlich Rockmusiker werden wollte, nicht mehr, als eine Möglichkeit, rasch an Geld zu kommen. So begann seine Karriere eher zufällig als medial konstruiertes Teen-Idol in der TV-Polizeiserie 21 Jump Street; ein Job, den Depp bald hasste, weil ihm der Hype um seine Person die Entscheidung über ein Leben als Musiker oder Schauspieler aus der Hand nahm. Depp beschloss, in Zukunft ausschliesslich in Produktionen mitzuspielen, die ihn entweder herausforderten oder etwas Mitteilenswertes zum Ausdruck brachten.
Tim Burtons Edward Scissorhands, mit dem er seine Klischee-Persona hinter sich liess und als erstaunlich virtuoser Charakterschauspieler die Bühne betrat, setzte den Grundton für alles, was kommen sollte. Depps grosse Themen sind die Diskrepanz von Selbstwahrnehmung und Erscheinung und das Wechselspiel von Ausgrenzung und Einverleibung. Wie ein roter Faden ziehen sich diese Motive durch Werk und Karriere, verknüpfen Figuren miteinander und Stationen seiner Laufbahn. Denn die Filmindustrie liess nicht locker. Mochte Depp auch einen radikalen Richtungswechsel vollzogen haben, was Sinn und Zweck seiner Arbeit anging, schien eine Festschreibung des Mimen um der Vermarktbarkeit willen doch unausweichlich. Er spiele nur noch versponnene Träumer hiess es nach What’s Eating Gilbert Grape. Depp konterte in der Titelrolle von Ed Wood mit einem tragikomischen Offensiv-Optimisten und unterminierte in Don Juan DeMarco, an der Seite von Freund und Vorbild Marlon Brando, die ihm scheinbar auf den Leib geschriebene Figur des grossen Liebhabers. In Dead Man liess er aus einem schüchternen Buchhalter eine mythische Rächerfigur werden, in Donnie Brasco gestaltete er den Undercover-Agenten als Macho-Mann in der Krise und in Sleepy Hollow gab er den Detektiv als hysterische junge Dame. Sein Regiedebüt, The Brave, war ein ebenso hoffnungsloser wie sensibler Film, der die Geschichte eines Menschenopfers als Parabel auf die Situation der ausgegrenzten und verelendeten amerikanischen Ureinwohner erzählt - in den USA wollte das bittere Werk niemand sehen, die Kritiken waren vernichtend.
Schließlich einigte man sich in Hollywood darauf, Depps Rollenwahl als «quirky» (eigenartig) zu bezeichnen und ihn ansonsten gewähren zu lassen. Da mag es geholfen haben, dass Depp, seit er die französische Sängerin und Schauspielerin Vanessa Paradis kennengelernt und mit ihr eine Familie gegründet hat, einen Grossteil seiner Zeit in Frankreich verbringt. Für seine Kinder übernahm er schliesslich zum ersten Mal in seiner hartnäckig abseitigen Karriere eine Rolle in einem waschechten Mainstream-Blockbuster - der allerdings, nachdem die inspirierte Darstellerriege mit ihm fertig war, gar nicht mehr so stromlinienförmig daherkam. Ein Riesenerfolg, der bislang zwei Sequels nach sich zog, war Pirates of the Caribbean wohl gerade deswegen und Depp wurde in der Folge endlich jene Anerkennung zuteil, die er schon längst verdient hatte. Für seinen aussergewöhnlich exzentrischen Piratenkapitän Jack Sparrow erhielt er seine erste Oscar-Nominierung. Die zweite folgte für sein wunderbar konzentriertes Porträt des kindlichen Dichters J.M. Barrie in Finding Neverland. Die dritte brachte ihm seine energetische Darstellung des mörderischen Barbiers Sweeney Todd in der gleichnamigen Musical-Verfilmung ein.
Das Besondere am Schauspieler Johnny Depp ist seine Fähigkeit, Charaktere komplett zu verkörpern. Kostüm, Maske und Requisit sind ihm nicht weniger wichtig als Bewegung, Mimik und Sprechweise. Dank seiner sorgfältigen Konzeption wird so noch aus der erstaunlichsten Figur ein glaubwürdiges Wesen mit komplexem Gefühlsleben. Depps Mut zum Risiko und seine Gleichgültigkeit gegenüber Erwartungen und Konventionen geben all den Marginalisierten und Randständigen, Besonderen und Ungewöhnlichen, denen er Gestalt verleiht, ihr existentielles Recht auf eben diese Andersartigkeit und damit ihre Würde zurück. Fern einer kolportagehaften Methodik, die sogenannte Aussenseiter meist zum nicht ernst zu nehmenden Pausenclown abstempelt, gehen Johnny Depps von der Gesellschaft befremdete Solitäre hartnäckig der Überlegung nach, wer hier eigentlich der Irre ist, wer das bestimmt, und warum? Bei der Gelegenheit wird einem wieder einmal klar, dass es sich bei der Grenzziehung zwischen normal und verrückt um eine der dümmsten (und eine der dünnsten) handelt.
Alexandra Seitz